Ein Weihnachtsabend 1916 in Riga

Faltblatt zum Weihnachtsgottesdienst 1916 in der Petrikirche Riga, Vorderseite
Faltblatt zum Weihnachtsgottesdienst 1916 in der Petrikirche Riga, Seite 2
Faltblatt zum Weihnachtsgottesdienst 1916 in der Petrikirche Riga, Seite 3
Faltblatt zum Weihnachtsgottesdienst 1916 in der Petrikirche Riga, Seite 4

Das Faltblatt für den Weihnachtsgottesdienst in der Petrikirche zu Riga ist kein Einzelstück, doch heute selten, und es soll hier als unser Archivstück für den Dezember 2009 auf Weihnachten einstimmen.
Das Faltblatt ist im Archiv des Herder-Instituts, der Dokumentesammlung, in einem kleinen persönlichen Nachlass überliefert und wurde Weihnachten 1916 tatsächlich genutzt, das belegen eindeutige "Gebrauchsspuren".
Immer wieder wird die Petrikirche, die Stadtpfarrkirche Rigas, deren erste Erwähnung aus dem 13. Jahrhundert stammt, für Riga als Wahrzeichen der Stadt bezeichnet. Besonders ihr Turm, der seit seinem ersten Bau im 15. Jahrhundert einige Male zerstört und wiederaufgebaut werden musste, ist charakteristisch für das Bild der Rigaer Altstadt.
Im Faltblatt sind die Texte der folgenden bekannten Weihnachtslieder abgedruckt:
"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit"
"Gott sei Dank durch alle Welt"
"Es ist ein Ros‘ entsprungen"
"Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her"
"O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit"
"Stille Nacht, heilige Nacht"
Und es wurden heute etwas weniger bekannte Lieder wie:
"Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget" (Melodie: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren) von Michael Tersteegen
"Dies ist die rechte Freudenzeit; Weg, Trauern, weg! weg alles Leid!" (Melodie: Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her“) von Richard Jordan
Die Predigt hielt Oberpastor Karl Keller, dessen kleiner Nachlass mit persönlichen Papieren, Predigten und einigen Arbeitsmaterialien in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts ebenfalls überliefert ist.
Der Bitte um Kollekte steht folgender Satz voran:
"Der Weihnachtsfeier auch in diesem Jahre ihren altgewohnten und liebgewordenen Charakter zu lassen, schien dem Bedürfnis der Gemeinde zu entsprechen."
Dieser Satz lässt uns auf die historischen Umstände von Weihnachten 1916 kommen. Dieses Weihnachtsfest war in Riga das letzte unter russischer Herrschaft (vgl. den Zensurvermerk in russischer Sprache). Da Riga im Oktober 1917 von reichsdeutschen Truppen erobert wurde, fand das Weihnachtsfest 1917 bereits unter deutscher Herrschaft statt.  Die weiteren Ereignisse (Frieden von Brest-Litowsk, Ende der reichsdeutschen Vorherrschaft, Besetzung durch die Rote Armee, Freiheitskrieg u.a.) lagen noch vor den Menschen, die in der hier angezeigten Weise das Weihnachtsfest 1916 feierten

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster