Wahre Freundschaft erlaubt große Offenheit – Georg Julius von Schultz-Bertram 1849 an Karl Eduard von Liphart

Ausschnitt aus einem Brief Schultz-Bertrams an Liphart vom 9. Januar 1849 (DSHI 110 Liphart 4)
Ausschnitt aus einem Brief Schultz-Bertrams an Liphart vom 9. Januar 1849 (DSHI 110 Liphart 4)

Georg Julius von Schultz (auch Dr. Bertram oder Schultz-Bertram) wurde, wie sein Korrespondenzpartner, Karl Eduard von Liphart vor zweihundert Jahren geboren. Beide haben auf ihre Weise das politische, wissenschaftliche und kulturelle Leben in Estland im 19. Jahrhundert geprägt. Der eine, Schultz-Bertram (1808 - 1875), als Arzt und Staatsbeamter, vor allem aber als humoristischer Dichter ("Baltische Skizzen" 1852 und 1872; "Briefe eines baltischen Idealisten an seine Mutter 1833-1875") und als Mitarbeiter und Beförderer des estnischen Nationalepos "Kalevipoeg". Der andere, Karl Eduard von Liphart (1808 - 1891), als 'Vater' der Kunstsammlung in Ratshof bei Dorpat, als Kunstsachverständiger, großer Mäzen und Förderer der Kunst und Kultur in Estland, aber auch in den anderen Ostseeprovinzen.
Die in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts überlieferten Briefe Schultz-Bertrams an Liphart zeigen einen von großer Offenheit geprägten Stil, der auf eine tiefe Freundschaft zwischen beiden Korrespondenzpartnern schließen läßt. Es folgt ein längeres Zitat aus einem Brief Schultz-Bertrams an Liphart von 1849 (Unterstreichungen wie im Original), im Bild oben ist ein kleiner Ausschnitt gezeigt:

Die kurzen Augenblicke, die ich im vergangenen Sommer mit dir zubrachte, haben mich sehr erfreut und klingen wie eine Lieblingsmelodie in meinem Inneren nach. Sei zufrieden mit dem Lose, das dir der Himmel beschert hat, obwohl du es lange nicht so gut hast wie unsereiner. Sieh, du kommst mir vor wie ein Passagier eines Dampfbootes – der hat keinen klaren Begriff von dem Räderwerk, das ihn so still und geräuschlos über die Fluten und die dräuenden Untiefen des unwirtbaren Lebens hinführt, – er hat seinen Einsatz bezahlt und amüsiert sich, mit den Händen in den Hosentaschen, auf dem Verdeck auf und abzugehen, gewöhnlich aber ennuyiert er sich. – Sieh aber dagegen unsereiner: Auf einem schwankenden Kahn treibt er mit eigener Hand die Wellen auseinander – sein geübtes Auge erkennt die kommende Gefahr und jeder Ruderschlag geschieht mit Bewußtsein und jeder Augenblick ist seine Tat – sein Leben ein fortgesetzter Kampf und ein unaufhörliches Siegen.
Du kennst nicht das wonnige Gefühl des Selbsterwerbs! – du kaufst dir einen Regenschirm – Robinson erfand ihn aus Palmenblättern! Ich beneidete dich zwar um deine Umgebung, wo jeder Blick auf etwas Köstliches fällt – hier die neuesten Journale des Wissens in bequemster Form, dort die vorzüglichsten Kupferstiche – da eine köstliche Blume – hier die Meisterstücke der Malerei, aber, hast du auch Appetit??? Bist du nicht der reiche Gourmand, der vor einer vollen Tafel in Verzweiflung saß und dem elenden Bettler zurief – was, verfluchter Kerl, er jammert noch und ist so glücklich hungrig zu sein!!! Ja, so glücklich bin ich – ich bin nicht blasé – ich bin hungrig nach Kunstgenuß – ich schaue das Schöne so an, daß ich es erwerbe und in meinem Innern forttrage.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster