Vor 90 Jahren - Universität Dorpat – das "deutsche Semester" 1918

Programm der Eröffnungsfeier der Universität 15. Sept. 1918, „Für Dorpat. Glückwünsche zur Eröffnung der Universität Dorpat. Dargebracht von den deutschen Universitäten und ehemaligen Dorpater Dozenten und Studenten“; Vorlesungsverzeichnis für das Herbstsemester 1918 (DSHI 100 Claussen)

Dorpat hat eine lange Tradition als Hochschulstadt. Nur kurz sei hier an die Gründung des Jesuitenkollegs in Dorpat 1579 im Zeichen gegenreformatorischer Bemühungen erinnert. 1632 gründete König Gustav Adolph von Schweden im Feldlager vor Nürnberg die erste Universität in Dorpat, die in den Stürmen des Nordischen Krieges 1710 unterging. Erst 1802 wurde in Dorpat unter Kaiser Alexander I. die Kaiserlich-russische Universität mit deutscher Unterrichtssprache neu gründet. 1889 wurde sie russifiziert, d.h. alle Veranstaltungen mit Ausnahme der Theologie mußten in russischer Sprache stattfinden, 1893 wurde Dorpat in Jurjew umbenannt. Dies blieb alles so bis 1917, als die russische Universität infolge der Auswirkungen des Ersten Weltkriegs ihre Tore schließen mußte. Die mobilen Einrichtungen und große Teile der Universitätsbibliothek waren nach Woronesch verlegt worden.

Im Februar 1918 erreichten reichsdeutsche Truppen Dorpat und befreiten die Stadt von den Bolschewiki. In einem zeitnahen Rückblick auf das „deutsche Semester“ Dorpats hieß es in der „Unterhaltungsbeilage der Täglichen Rundschau“ (Dorpat) vom 4. Januar 1919: „Einstweilen wurde dem Stadthauptmann die Fürsorge für die Universität übertragen und ein Ausschuß der verbliebenen deutschen Professoren, an ihrer Spitze Professor [Karl] Dehio, leistete die Arbeit. [...] Die studierende Jugend sehnte sich den Wiederbeginn der Arbeit herbei. Die Kräfte der Dozenten lagen unnütz brach. [...] Der russische Staat regierte nicht mehr in den baltischen Landen. Ein neues Staatswesen gab es noch nicht, und so lag die gesamte Regierungsgewalt, mithin auch das Geschick der Universität, in der Hand der deutschen Militärmacht.“ So kam es unter Federführung des Oberkommandos der 8. Armee zur Neugründung der Universität Dorpat, wobei die Berufungen und alle anderen rechtlichen Festlegungen erklärtermaßen provisorischen Charakter hatten. Künftigen staatlichen Entscheidungen sollte nicht vorgegriffen werden. So wurde die Besetzung von Lehrstühlen nicht durch ordentliche Berufungen, sondern durch zeitlich begrenzte Lehraufträge vorgenommen. Da nicht mehr genug Hochschullehrer im Lande zur Verfügung standen, wandte sich das Armeeoberkommando an das Preußische Kultusministerium und bat um Vermittlung von Gelehrten nach Dorpat. Über 30 kamen aus vielen reichsdeutschen Universitäten, allein drei aus Marburg. So konnten alle Fakultäten besetzt werden.

Das Armeeoberkommando erließ eine „Vorläufige Satzung der Universität Dorpat“. In §2 hieß es: „Als Landesuniversität der drei baltischen Provinzen hat die Universität die rechtliche Stellung einer juristischen Person des öffentlichen Rechts.“ In §3 wurde festgelegt: „Die Sprache des Unterrichts und des amtlichen Verkehrs ist deutsch.“ Da sich die Gremien der Universität noch nicht konstituiert hatten, da andererseits alle Stellen zu Beginn des Semesters besetzt sein sollten, ernannte das Oberkommando den Rektor und die Dekane. Rektor wurde der deutschbaltische Pathologe Karl Dehio (geb. 1851 in Reval, gest 1927 in Dorpat), der schon in der russischen Universität Jurjew gewirkt hatte.

Am 15. Sept. 1918 fand die „Feier der Wiedereröffnung der Universität Dorpat“ (so daß Programm) statt. Es gab in der Universitätskirche einen Festgottesdienst mit der Predigt des Dorpater Theologen Traugott Hahn (1919 ermordet) und danach einen Festakt in der Aula der Universität, bei dem der Oberbefehlshaber General v. Kathen und der preußische Kultusminister Schmidt-Ott sprachen. Die Festrede hielt der bekannte in Berlin lebende deutschbaltische Historiker Theodor Schiemann (geb. 1847 in Grobin, gest. 1921 in Berlin), der auf Wunsch Kaiser Wilhelms II. das Amt des Kurators der Universität Dorpat übernahm. Zum Schluß folgte die Ansprache des Rektors Karl Dehio, der auch die anderen Nationalitäten des Baltikums einlud, die Universität zu besuchen. Die Immatrikulationen verteilten sich wie folgt: 42,8 % Deutsche, 16,5 % Esten, 13,6 % Letten, 1,2 % Russen, 1,2 Polen, 24,1 % Juden. Unter den insgesamt 1009 Immatrikulierten waren 203 Frauen (Angaben nach der „Täglichen Rundschau“ vom 14. Jan. 1919). Die militärische Niederlage des Deutschen Reiches im Herbst 1918 führte zum Rückzug der reichsdeutschen Truppen. Es kam deutscherseits zur Anerkennung der schon im Februar 1918 von Konstantin Päts proklamierten Eigenstaatlichkeit Estlands, die Deutschland bis dahin ignoriert hatte (vgl. „Archivale des Monats“ Februar 2008). Infolge dessen endete die deutsche Landesuniversität Dorpat noch vor Vollendung ihres ersten Semesters: Die Universität wurde am 1. Dezember 1918 der Regierung der estnischen Republik übergeben.

In der Dokumentesammlung befinden sich in Nachlässen verschiedener Persönlichkeiten vereinzelt Unterlagen zu diesem „deutschen Semester“, besonders sei auf den Teilnachlaß des Botanikers Peter Claussen (1877-1959) hingewiesen, der aus Holstein stammte und im September 1918 von Berlin nach Dorpat gegangen war und zuletzt in Marburg wirkte. Zur Frage des „deutschen Semesters“ vgl. jüngst Erich Donnert: Die Universität Dorpat-Jur’ev 1802-1918. Ein Beitrag zur Geschichte des Hochschulwesens in den Ostseeprovinzen des Russischen Reiches. Frankfurt am Main u.a. 2007, S. 199-208.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster