Ein Abiturszeugnis von 1790 - Das kaiserliche Lyzeum Riga und die Familie Poelchau

Abschlusszeugnis des Kaiserlichen Lyzeums für Gustav Jakob Poelchau, dat. Riga, den 14. Aug. 1790, unterzeichnet u.a. von dem Konrektor Johann Christoph Brotze.

Kürzlich übernahm die DSHI (Dokumentesammlung Herder-Institut) das in Privatbesitz befindliche Archiv der bekannten deutschbaltischen Familie Poelchau als Depositum. Darin befindet sich das Abiturszeugnis für Gustav Jakob Poelchau, das dieser im Lyzeum in Riga erworben hatte. Das Lyzeum (später Gouvernementsgymnasium) war im 18. und 19. Jh. die vornehmste Schule in Riga und ganz Livland, die auf die Universität vorbereitete.

Gustav Jakob Poelchau, 1771 als Sohn des Gotthard Poelchau, des späteren Pastors zu Nitau/Livld., geboren, besuchte seit 1784 das Lyzeum in Riga. Er studierte seit 1790 in Jena. 1796 kehrte er nach Livland zurück, war erst im Kirchspiel des Vaters in Nitau Adjunkt und bekam 1799 eine eigene Pfarrstelle in Sunzel. Dort starb er 1807. 1817-1820 besuchte auch Peter August Poelchau (1803-1874), Sohn Gustav Jakobs, das Lyzeum, das dann schon Gouvernementsgymnasium war (Angaben nach der in der DSHI vorhandenen Kopie der Matrikel des Lyzeums, Sign. DSHI 560 GGA 809).

Das Lyzeum war 1675 von Karl XI. von Schweden auf Betreiben baltischer Kreise in Riga gegründet worden. Zu den Persönlichkeiten auf baltischer Seite gehörten der livländische Generalsuperintendent Johann(es) Fischer (1633-1705), um das Schulwesen Livlands sehr verdient, und der schwedische Oberst Johann Hermann v. Campenhausen (1641-1705). Untergebracht wurde die Schule in einem Gebäude neben der Jakobi-Kirche (bis heute erhalten). Der Hauptpastor bei St. Jakobi war meist auch Rektor des Lyzeums. 1710/11 ging das Lyzeum im Nordischen Krieg unter.

Peter d. Gr. sicherte im Frieden von Nystadt 1721 zu, alle Bildungseinrichtungen weiterzuführen, die vorher der König von Schweden unterhalten hatte. Er starb bereits 1725, bevor er diese Verpflichtung im Hinblick auf das Lyzeum einlösen konnte. Unter seinen Nachfolgern (Katharina I., Peter II.) begannen die Vorbereitungen zur Neugründung, unter Kaiserin Anna (1730-1740) wurden sie 1733 abgeschlossen. Wieder stand eine bedeutende Persönlichkeit aus der Familie v. Campenhausen am Anfang der Bemühungen: der Generalleutnant und Livländische Landrat Balthasar, Sohn Johann Hermanns, der 1675 an der Erstgründung beteiligt war. Der russische Generalgouverneur in Riga hatte die Ausgaben für den Unterhalt der Schule und das Gehalt der Lehrer zu tragen. Der Generalsuperintendent war für die Auswahl und Bestallung der Lehrer zuständig.
Zwei Persönlichkeiten, die für die allgemeine baltische Kulturgeschichte wichtig wurden, standen jeweils mehr als 40 Jahre an der Spitze des Lyzeums: Johann Loder (1687-1775), Diakon und später Pastor bei St. Jakobi, war „Gründungsrektor“ und blieb bis 1771 in seinem Amt (85. Lebensjahr). Johann Christoph Brotze (1742-1823) wirkte als Lehrer und dann als stellvertretender oder auch amtierender Rektor. Neben seiner Lehrtätigkeit beschäftigte sich Brotze vor allem mit der Erforschung der Geschichte Livlands, sammelte und zeichnete Altertümer jeder Art: Urkunden, Münzen, Baudenkmäler, Trachten.

1787 konnte das neue Schulgebäude am Schlossplatz bezogen werden, das bis heute erhalten ist. Gustav Jakob Poelchau, dessen Abiturszeugnis von 1790 hier gezeigt wird, hat von seinen sechs Schuljahren etwa die Hälfte im Neubau des Lyzeums verbracht.

1804 wurde das Lyzeum in ein Gouvernementsgymnasium umgewandelt, das 1890 auf dem Höhepunkt der Russifizierungspolitik in „Nikolaj-Gymnasium“ umbenannt wurde.

(Vgl. Peter Wörster: Die Matrikel des Lyzeums in Riga als Quelle zur Personen- und Familienforschung. In: Baltische Ahnen- und Stammtafeln, 48. Jg. (2006), 29-32).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster