Estland-Deutschland-Sondernummer 1938

Titelblatt der Sondernummer der "Revalschen Zeitung"

Das vorliegende "Archivale" der Dokumentesammlung des Herder-Instituts in Marburg (DSHI) zeichnet sich in diesem Monat nicht durch seine Einmaligkeit aus: Allein im Herder-Institut gibt es in Bibliothek und DSHI drei Original-Exemplare dieser Ausgabe. Das hier vorgestellte "Archivstück" gehört zu einem persönlichen Nachlaß.
70 Jahre nach Erscheinen der Estland-Deutschland-Sondernummer lohnt sich ein näherer Blick auf diese Ausgabe, auf deren Artikel und ihre Autoren, die für diese Sondernummer gewonnen werden konnten. Chefredakteur der "Revalschen Zeitung" (mit wechselnden Namen) war seit 1921 der Politiker und Journalist Axel de Vries (1892-1963). Das Ziel der 50-seitigen Sondernummer vom 18. Juni 1938, wie es auf der Titelseite geschrieben wird, "in begrenztem Rahmen zur Förderung des gegenseitigen Kennenlernens einen Beitrag geleistet zu haben", wird in einer Art Leitartikel von de Vries noch ergänzend erläutert. Wie in anderen Grußworten wird auf die außenpolitische Haltung Estlands hingewiesen, die von einer "neutralen Linie" nach dem "Siege der nationalsozialistischen Idee" auf ein "Lockererwerden [hier vielleicht in einem zweideutigen Sinne?] der Deutschland und Estland verbindenden kulturellen Fäden" zugeht.
Die Artikel dieser Ausgabe sind stets mit Blick auf Berlin geschrieben. Die beiden Außenminister Ribbentrop und Selter, die jeweiligen Gesandten und estnische und deutsche Spezialisten kommen zu Wort und betonen die enge Verbindung zwischen Estland und Deutschland.
Auch wenn an einigen Stellen eine sicher bewußte Ausgewogenheit der Beiträge festzustellen ist (wird über "Das estnische dichterische Schaffen" (Kurt Moritz) geschrieben, gibt es auch einen Artikel zum Thema: "Der Standort der jungen deutschen Dichtung" (Kurt Eggers)), steht im Grunde jedoch die zu vermehrende Kenntnis über Estland im Vordergrund. So kann der in Estland allgemein geschätzte Grafiker Kristjan [hier: Christian!] Raud in "Mein Weg zur Kunst" über seinen Werdegang als Künstler berichten, oder wir finden einen Artikel über "Estlands Sport weltbekannt" (E. von Krusenstjern). Kurt Burmeister schreibt über die "estnischen Sängerfeste als nationales Erlebnis". Artikel wie z.B. eine Abhandlung über die 1937 verabschiedete neue Verfassung Estlands von Eugen Maddisoo oder "Das deutsche kirchliche Leben in Estland" von Propst Konrad von zur Mühlen oder aber ein kleiner Beitrag von Wilhelm von Wrangell über die Kulturselbstverwaltung sind neben vielen Beiträgen zu Wirtschaftsgeschichte und Politik wissenschaftsgeschichtlich gerade für den Zeitpunkt gut ein Jahr vor der Umsiedlung der Deutschbalten aus dem Baltikum und der damit verbundenen Umwälzungen für sie und für die baltischen Staaten eine beachtenswerte Momentaufnahme.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster