Friedrich Konrad Gadebusch (1719-1788), der Vater der modernen Geschichtsschreibung Livlands im Spiegel seiner Korrespondenzen

Brief von Johann Georg Eisen an Friedrich Konrad Gadebusch, Torma (Livland), 15. Juli 1772 in Kopie (DSHI 570 GGA 1171, II, 143; Original im Historischen Staatsarchiv Lettlands, Riga)

Vor 220 Jahren starb in Dorpat/Tartu der Jurist, Bürgermeister und Historiker Friedrich Konrad Gadebusch. Der von der Insel Rügen stammende Gadebusch studierte in Greifswald und Königsberg Jura, Geschichte, Philosophie. 1748 gelangte er als Hauslehrer nach Livland. Seit 1750 bekleidete er verschiedene Gerichtsämter der Stadt Dorpat, u.a. war er seit 1767 Deputierter der Stadt in der Gesetzeskommission in Moskau, von 1771 bis 1783 war er Justizbürgermeister. Gadebusch gilt als „außerordentlich fleißiger und sorgfältiger Sammler von Archivmaterial zur livländischen Geschichte, vor allem zur Rechtsgeschichte, Genealogie, Personenkunde, Bibliographie und Geschichte Dorpats.“ (DBBL, S. 233). Wie in anderen Regionen Deutschlands und Europas gab es auch in Alt-Livland seit dem Mittelalter eine nicht unbedeutende Chronistik. Die im 18. Jh. sichtbaren Bemühungen um eine zunehmend kritischer werdende Geschichtsschreibung fanden in der baltischen Region in den Tätigkeiten Friedrich Konrad Gadebuschs eine bemerkenswerte Parallele. Neben gedruckten und handschriftlich überlieferten Werken zeugen vor allem die an ihn gerichteten Briefe noch heute von den umfassenden Bestrebungen, sich im Lande selbst, vor allem aber auch in den für die baltische Region bestimmend gewesenen Nachbarländern (Deutschland, Schweden, Dänemark, Polen-Litauen, Rußland) der historischen Quellen zu vergewissern und sie in die gründliche Erforschung der Geschichte des Landes einzuführen. Dabei traten in bemerkenswerter Weise historische und ethnisch-sprachliche Besonderheiten der baltischen Region ins Bewußtsein Gadebuschs und seiner Umgebung, wie die an ihn gerichteten Briefe zeigen. Diese Briefe sind im Hinblick auf die Geschichte der Historiographie noch weitgehend unausgewertet. Das „Archivale“ vom Juli 2008 soll auf diese Quelle aufmerksam machen:

Die knapp 1500 Schriftstücke stammen aus den Jahren 1749 bis 1783. Die Korrespondenzpartner Gadebuschs kamen überwiegend aus den drei baltischen Regionen, aber auch aus Deutschland, Schweden, Polen, Rußland und Schottland. Nach Gadebuschs Tod gelangten die von ihm noch geordneten Briefe in den Besitz seines Schwiegersohns Johann Martin Hehn (1743-1793), 1834 in den Besitz der neugegründeten Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde in Riga, bis sie 1935 zwangsweise in das Lettische Historische Staatsarchiv überführt wurden. Hier wurden sie 1940 im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten von der Deutschen Archivkommission verfilmt. Diese Filme gelangten 1952 zusammen mit anderen verfilmten oder originalen baltischen Archivalien in die Dokumentesammlung. Die 1998 von Christina Kupffer und Peter Wörster herausgegebene Regestenedition, hatte nach dem Ersten Weltkrieg Friedrich von Keußler vorbereitet, sie stellt einen „Schlüssel“ zur Briefsammlung dar und erschließt einen Großteil ihres Inhalts der Forschung.

Die Themen der Briefe variieren von rein persönlichen Neuigkeiten über Besprechungen zeitgenössischer Literatur bis zu klaren gesellschaftspolitischen Äußerungen. Die Briefsammlung bietet nicht nur ein breit gefächertes Bild aufgeklärten Geisteslebens, sondern stellt auch eine bislang zu Unrecht vernachlässigte Fundgrube für biographische und bibliographische Daten dar.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster