Ein Reisepass aus dem Baltikum von 1776

Reisepass für den Kaufburschen Heinrich Stierm (Riga) aus dem Jahre 1776
Reisepass für den Kaufburschen Heinrich Stierm (Riga) aus dem Jahre 1776

Für uns ist der Begriff Reisepass vielleicht in erster Linie mit Urlaubsreisen ins Ausland verbunden. Innerhalb Europas können wir dank der Ereignisse der letzten Jahre und Jahrzehnte fast frei hin und her fahren. Für das weitere Ausland ist aber immer noch ein Reisepass erforderlich, manchmal auch noch ein Visum. Im vorliegenden Falle haben wir es mit einem Pass zu tun, der für eine eigentlich recht kleine Wegstrecke ausgestellt wurde, wenn wir die geographischen Verhältnisse der Region betrachten. Nicht nur der Ausstellungsort ist angegeben, sondern auch das Ziel einer Reise des Kaufburschen Heinrich Stierm, über den uns leider keine weiteren Angaben vorliegen. Stierm hatte offensichtlich von Riga aus einen geschäftlichen Auftrag in Mitau zu erledigen: Wahrscheinlich war er für in Riga und Mitau ansässige Kauflaute mit Waren unterwegs. Aber nicht nur in seiner Funktion als Kaufbursche und aufgrund der Unsicherheit der Wege hatte Stierm im Jahr 1776 einen gesonderten Reisepass mitzuführen. Wichtig war dieses Dokument natürlich vor allem auch deshalb, weil Kurland erst 1795 an Rußland angeschlossen wurde. Somit war für diese „Auslandsreise“ von Riga (russisches Livland) nach Mitau (polnisches Lehnsherzogtum Kurland und Semgallen) und damit zur Bestätigung der Rechmäßigkeit der Reise „auf Befehl“ der Kaiserin Katharina d. Großen ein Pass vonnöten. So werden „hiemittelst alle und jede unter diesem Kayserl[ichen] General-Gouvernemente sortirende Militair- und Civil-Beambte befehliget“, die auswärtigen Beamten aber „nach Standes Erfordern, respective dienst- und freundlich ersuchet, Pass-Habern auf dieser seiner rechtmäßigen Reise, aller Orten, frey, sicher und ungehindert pass[iren] & repassiren zu lassen.“ Die eigenen Beamten werden befehliget, die fremden ersuchet.

Ausgestellt ist dieser Reisepass „aufm Schlosse zu Riga, den 8. Octb. 1776“ durch den Regierungsrat Johann Christoph von Campenhausen (1716-1782), den Sohn des Generalleutnants Balthasar von Campenhausen (1698-1758). Der Pass gehört in der Dokumentesammlung (DSHI) zur Bestandsgruppe der „Kleinen Erwerbungen“ (Baltikum) und hat die Signatur: DSHI 140 Balt. 187. Für den durch die Person des Regierungsrats v. Campenhausen gegebenen Zusammenhang ist es nicht unwichtig, daß in der DSHI auch das Archiv der Familie von Campenhausen (DSHI 110 Campenhausen) als ein Depositum verfügbar ist, in dem Materialien zum Regierungsrat und zu seinem Vater, dem Generalleutnant, enthalten sind.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster