Das Jahr 1941 im Spiegel von Plakaten

Deutsches antisowjetisches Plakat "Weg mit dem Kolchos" in russischer Sprache (DSHI 170 Plak. Balt. 017)
Bekanntmachung des deutschen Oberbefehlshabers an die litauische Bevölkerung vom Juli 1941, entsprechende Aufrufe liegen auch für Estland und Lettland vor

In der Dokumentesammlung des Herder-Instituts Marburg gibt es eine Sammlung von Plakaten mit etwa 1800 Exemplaren aus und zu den Ländern Ostmitteleuropas, von denen ca. 1500 von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart, 130 Stück aus der Zeit von 1945 bis 1960 und jeweils ca. 100 aus der Zeit des Ersten und des Zweiten Weltkriegs stammen. Die Plakate aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden vor kurzem von der DSHI erworben. Es handelt sich dabei um Plakate, die im Baltikum, in Ingermanland und der Ukraine in den Jahren 1941 und 1942 ausgehangen haben.
Es sind ganz überwiegend Plakate und Bekanntmachungen aus sowjetischer und deutscher Propaganda.
70 Prozent des Gesamtbestandes dieser Plakatsammlung wenden sich an eine russischsprachige Bevölkerung. Das trifft für Plakate aus sowjetischer Produktion genauso zu wie für die aus deutscher Produktion (vgl. die Abb. "Weg mit dem Kolchos" oben). Von besonderer Bedeutung sind Plakate aus den Jahren 1940 und 1941 gerade für die baltischen Länder, die vom Juni 1940 an gewaltsam in das Sowjetsystem integriert wurden, was gerade in der ersten Jahreshälfte 1941 besonders rigoros umgesetzt wurde; hiervon zeugen Plakate in den Sprachen der baltischen Länder. Plakate der deutschen Besatzungsmacht ab Juni/Juli 1941 sind im Baltikum und in den angrenzenden russischen und ukrainischen Regionen von besonderem dokumentarischen Wert: Mit ihnen versuchte man das Vordringen der Deutschen positiv und als eine Befreiung vom Sowjetsystem darzustellen, gleichzeitig das Leben in Deutschland im Sinne des NS-Systems zu verherrlichen und nicht zuletzt auch, um Ostarbeiter zum Einsatz in Deutschland zu gewinnen.
Neben Russisch sind die Sprachen Estnisch, Lettisch, Litauisch und Deutsch vertreten. Knapp 20 Plakate, besonders Aufrufe und Warnungen, sind zweisprachig gestaltet: so z.B. politisch wichtige Bekanntmachungen des deutschen Oberbefehlshabers an die Bevölkerung jeweils von Estland, Lettland und Litauen vom Sommer 1941 (vgl. die Abb. unten) Die Plakate und Bekanntmachungen (in der Größe von DIN A 4 bis zu Großformaten DIN B 1) zeigen Gebrauchsspuren: auffallend ist bei vielen Plakaten, dass sie tatsächlich ausgehängt waren und offensichtlich mit Bedacht vorsichtig abgenommen, also nicht einfach abgerissen wurden. Auf ein bewußtes Einsammeln weisen einige mit Bleistift angebrachte Hinweise auf Zeit und Ort des Aushangs hin.
Die Überlieferungsgeschichte dieser Plakatsammlung ist nicht ganz geklärt. Die Plakate waren Teil eines größeren Bestandes, der von einem Stadtarchiv erworben wurde. Der das Sammlungsprofil der DSHI betreffende Teil wurde nach Marburg übergeben. Nicht unerwähnt sollen zwei "Irrläufer" in dieser Sammlung bleiben: ein Plakat aus Bromberg (Bydgoszcz), am Tag vor Beginn des Polenfeldzugs mit Anweisungen für das Verhalten bei deutschen Luftangriffen, gedruckt in Warschau und versehen mit einem Stempel vom 31.8.1939; sowie ein handschriftliches französischsprachiges Blatt vom westlichen Kriegsschauplatz 1940: Eine "Bekanntmachung an die Bevölkerung" des Bürgermeisters der Stadt Mézières (ca. 200 km nordöstlich von Paris an der frz.-belg. Grenze gelegen) mit Verhaltensregeln im Zusammenhang mit voraussehbaren Kriegshandlungen. Datiert ist das Blatt auf den 3. Juni 1940.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster