"Vergiß Deinen Freund und Bruder nicht!" - Stammbücher als Quellen zur baltischen Kulturgeschichte

Schattenriss und Eintrag von Johann Gotth. Wolff aus Livland im Stammbuch von Carl Petersen 1796 (DSHI 140 Balt. 589)

Aus einem zusammenhängenden Schriftstück mit Notizen über Familienmitglieder wurde die Gattung Stammbuch, wie sie uns heute bekannt ist: eine Sammlung von Eintragungen von Freunden und Verwandten, die mit einer bestimmten Person verbunden ist. Stammbücher wurden von der Reformationszeit bis weit ins 19. Jahrhundert geführt und sind vielgenutzte historische Quellen (vgl. u.a. die Datenbank "Repertorium Alborum Amicorum" von W. W. Schnabel von der Universität Erlangen-Nürnberg). Stammbücher zu führen war besonders unter Studenten beliebt. Die Eintragungen geben Aufschluß über Studienorte und Zeiträume, in denen der Stammbuchhalter, aber auch die Eintragenden studiert haben. Zeitgeist und Mentalitätsgeschichte spiegeln sich in den Textarten oder Zitaten wieder. Nicht selten wurden Stammbücher auch vom Besitzer selbst "bearbeitet", da der Wert einer solchen kompakten Sammlung originaler, wenn auch kleiner Texte deutlich gesehen wurde: Ergänzungen auf den Blättern selbst oder Inhaltsverzeichnisse zeigen den Stolz des Besitzers auf die Autographensammlung.

Die letzte größere Erwerbung der Dokumentesammlung des Herder-Instituts ist ein Stammbuch aus der Zeit um die Wende vom 18. auf das 19. Jh.:

Carl Friedrich Ludwig Petersen (1775-1822) aus Dorpat in Livland studierte nach seiner Dorpater Schulzeit in Halle und Jena - wohl Theologie. Nach dem Studium wurde er als erster Lektor der deutschen Sprache an die Universität Dorpat berufen und war auch als Universitätsbibliothekar tätig. Petersen hatte zu Lebzeiten einen sehr populären Ruf als humoristisch-satirischer Gelegenheitsdichter. "Heitern sich nicht alle Stirnen auf, wenn ein Vers von ihm rezitiert wird?", so Viktor Hehn (1860 bzw. 1907 in der Balt. Monatsschrift) über Petersen, der sein Talent jedoch eher im privaten Umfeld zeigte. So gibt es kaum veröffentlichte Werke, das bedeutendste ist sein posthum herausgegebener "Poetischer Nachlaß. Manuscript für seine Freunde" von 1846 mit teils sarkastischen Bemerkungen über seine Freunde. Die fast vergessene 'frisch-fröhliche' Art der Dichtung wird heute wieder in ihrer Bedeutung für die deutschbaltische Dichtung erkannt (so Gero v. Wilpert in seiner Deutschbaltischen Literaturgeschichte).
Die Eintragungen in das Stammbuch beginnen 1793, haben in den 90er Jahren ihren Höhepunkt und enden 1815; sie sind in nicht-chronologischer Reihenfolge in ein Buch gebunden und in vielerlei Sprachen verfasst. Die Besonderheit dieses Stammbuches besteht einmal darin, dass zahlreiche Schattenrisse die Inskriptionen schmücken, bzw. z.T. als "Eintrag" gelten; zum anderen in der Bearbeitung durch Petersen selbst: wohl schon zur Zeit des Eintrages hat er Bemerkungen hinzugefügt, wie z.B. Nachnamen oder, bei Abschieden, den Zielort des Kommilitonen bzw. dessen neuen Studien- oder Wirkungsort. Viele zusätzliche Kenntnisse über die Karrieren von Mitstudenten erhalten wir aber aus einer späteren Zeit, nämlich der des Zeitpunkts des letzten Eintrags, mit der Bemerkung: "Jetzt (1815):" eingeleitet. Diese Informationen über die jeweiligen Freunde und Bekannten sind für die Personenforschung von unschätzbarem Wert. Das Stammbuch hat einen persönlichen Charakter und läßt das Milieu des ausgelassenen Studentenlebens spüren.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster