Das „Privilegium Sigismundi Augusti“ und die „Pacta Subiectionis“ oder: der November 1561 in der baltischen Geschichte

Pacta Subiectionis: Unterschrift König Sigismund Augusts, Wilna 1561
(DSHI 190 Kurland V,4,1)

Am 28. November 1561 stellte Sigismund II. August, König von Polen und Großfürst von Litauen, in Wilna zwei Urkunden aus, mit denen das Schicksal der altlivländischen Konföderation, die seit dem frühen 13. Jahrhundert weitgehend unter der Führung des Livländischen Zweiges des Deutschen Ordens stand, buchstäblich „besiegelt“ wurde. Diese beiden Urkunden markieren eine Zeitenwende livländischer Geschichte.

1558 hatte das Großfürstentum Moskau unter Iwan dem Schrecklichen (Ivan Groznyi) den Livländischen Krieg begonnen, um Alt-Livland zu erobern. Unter dem machtvollen Ansturm der Russen brach die Konföderation auseinander. Ihre Teile suchten bei verschiedenen großen Mächten Schutz vor der russischen Bedrohung: Dänemark, Schweden und Polen-Litauen hatten sich schon Jahre zuvor an der Peripherie der baltischen Region positioniert, um das Erbe der ordensgeführten Konföderation anzutreten und damit einen wesentlichen Schritt auf dem Wege zur Beherrschung der Ostsee („dominium maris baltici“) zu machen; für Polen-Litauen galt zudem, daß die Herrschaft über Livland seine strategische Situation in der großen Auseinandersetzung mit Moskau wesentlich verbesserte, ganz abgesehen davon, daß der Besitz Livlands auch die materiellen Ressourcen Polen-Litauens beträchtlich erweiterte.

So entscheidend der russische Angriff für den Zusammenbruch der altlivländischen Konföderation auch war, so gering war der Gewinn für das Großfürstentum Moskau, der sich auf rund zwei Jahrzehnte unterschiedlich intensiver Präsenz russischer Truppen in Teilen Livlands beschränkte. Territoriale Gewinne trugen dagegen Dänemark und Schweden davon; den größten Anteil am Erbe der Konföderation hatte aber vor allem Polen-Litauen – und das für mehr als ein halbes Jahrhundert. Dänemark setzte sich im Stift Pilten in Kurland und im Bistum Ösel-Wiek fest; Schweden übernahm Estland mit Reval; Polen-Litauen konnte Livland im engeren Sinne erwerben und die früheren Ordensgebiete westlich und südlich der Düna als Lehnsherzogtum Kurland und Semgallen der Krone Polen-Litauen anschließen (ähnlich den Vorgängen in Preußen 1525).

Gotthard Kettler war der letzte livländische Ordensmeister. Er unterstellte sich, die Reste des Ordens sowie dessen Vasallen Polen-Litauen. Nach Verhandlungen mit König Sigismund August sicherte dieser dem livländischen Adel und den Kurländern besondere Rechte zu:
1. Garantie des evangelisch-lutherischen Glaubens
2. Garantie der deutschen Amtssprache
3. Garantie der Selbstverwaltung („deutsche Obrigkeit“, „deutsches Recht“)
4. Kodifizierung des (livländischen) Landrechts
5. Zusicherung des Indigenats (Ämter in Livland u. Kurland nur an Einheimische).
In diesen Zusicherungen der Krone Polen-Litauen, später kurz „die Privilegien“ genannt, sah der Adel in Livland und Kurland fortan seine „Magna Charta“, um deren Bestätigung es bei nachfolgenden Herrscherwechseln stets ging.

Kodifiziert wurden diese Privilegien in zwei Urkunden des Königs vom 28. November 1561: Das „Privilegium Sigismundi Augusti“ bezog sich auf die Stände, vor allem den Adel, in Livland. Für Kurland gab es die „Pacta Subiectionis“, die diese Privilegien garantierten und die zudem das Verhältnis des Adels zum Herzog und beider Verhältnis zum König von Polen und zum Reichstag regelten.

Während die den Livländern übergebene Ausfertigung des „Privilegiums“ seit langem als verschollen gilt, hat sich im Kurländischen Ritterschaftsarchiv (Dokumentesammlung Herder-Institut, Bestandssignatur: DSHI 190 Kurland) die Ausfertigung der „Pacta“ erhalten.

Wir danken dem Vorsitzenden der Kurländischen Ritterschaft, Herrn Otto Baron v. Grotthuss, für die Abbildungserlaubnis.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster