Kopien im Archiv? - Ja, vor allem, wenn die Originale verloren sind!

Archivmikrofilme von 1940, von ihnen hergestellte moderne Duplikatfilme und Rückvergrößerungen auf Papier.
"Plan der Stadt Hasenpoth" (in Kurland, lett. Aizpute) von Heinrich Johann Cramer (ca. 1757-1832), "Piltenscher Creisrevisor"; aus dem Kurländischen Provinzialmuseum in Mitau/Jelgava (vgl. den Besitzstempel); (Sign.: DSHI 570 KPM Pläne II 22). Original seit 1945 verschollen.

Kopien in Archiven gelten bei Archivaren meist als "kritische Größe". Welcher Archivar hätte nicht schon einmal unter der Last von Kopien in Nachlässen und Familienarchiven gestöhnt, die meist zu den beliebten "Stoffsammlungen" gehören.

Von solchen Kopien ist hier nicht die Rede. Vielmehr geht es um Kopien, die unikalen Charakter haben, deren Originale verloren gegangen sind und die die einzige uns heute noch verfügbare Überlieferung darstellen. Diese Kopien sind wegen ihrer Wichtigkeit für die Forschung und in den Archiven wie Originale zu behandeln.

In der Dokumentesammlung in Marburg gibt es einen umfangreichen Bestand "Kopien" von Archivgut aus baltischen Archiven. Im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten wurden 1940 etwa 800.000 Aufnahmen in Riga, Dorpat/Tartu und Reval/Tallinn angefertigt. In den sechs, sieben Monaten, die für diese Verfilmungsaktion zur Verfügung standen, wurden zentrale Quellengruppen zur Geschichte der Deutschen in Est-, Liv- und Kurland ausgewählt, die einen repräsentativen Querschnitt darstellten und die Einblick in die wichtigsten Ereignisse der Landesgeschichte über längere Zeiträume ermöglichten.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurden originale Archivbestände ausgelagert (vor allem aus Riga), um sie vor Zerstörung insbesondere bei Bombenangriffen zu bewahren. Nicht selten kam es aber gerade an den Auslagerungsorten zu beträchtlichen Verlusten an Archivgut. Auch wurde nach dem Ende der Kampfhandlungen nicht alles in die Archive zurückgeführt. Unter sowjetischer Besetzung kam es dann gerade im Baltikum seit 1945 zu weiteren Verlusten.

Seit der politischen Wende und der damit verbundenen Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands und Lettlands kommt in ungehindertem Austausch mit estnischen und lettischen Institutionen und Kollegen zunehmend mehr zu Tage, daß nicht wenige Bestände, die 1940 verfilmt wurden, seit 1945 verschwunden, überwiegend wohl vernichtet sind. Dadurch erhalten die in Marburg vorhandenen Kopienbestände eine zusätzliche Bedeutung: Sie sind teilweise die einzige der Forschung zur Verfügung stehende Überlieferung. Dazu gehören etwa die "Livländischen Landtagsrezesse", die in der DSHI von 1645 bis 1920 mit nur wenigen Lücken vorhanden sind, und die Bestandskataloge des Kurländischen Provinzialmuseums in Mitau/Jelgava, das eines der bedeutendsten Landesmuseen der baltischen Region war.

In Marburg sind die alten Archivmikrofilme, aus konservatorischen Gründen hergestellte moderne Duplikatfilme sowie Rückvergrößerungen auf Papier vorhanden (vgl. Abb. oben).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster