Versicherheitlichung und Diskurse über Rechte von Minderheiten und Mehrheiten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert

Teilprojekt A06 im Sonderforschungsbereich/Transregio 138 "Dynamiken der Sicherheit"

Projektleitung: Prof. Dr. Peter Haslinger, PD Dr. Heidi Hein-Kircher

Projektförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Projekt-Webseite: Sonderforschungsbereich/Transregio 138 "Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive"

Laufzeit: 2014-2017 (erste Förderphase), seit 2018 (zweite Förderphase)

Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden multinationale Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung und Imagination solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet und durch Irredentismus gefährdet. Im Umfeld der Weltkriege und in deren Nachwirkungen wurden sie letztlich als Sicherheitsrisiko in den Neukonzipierungen (zwischen-)staatlicher Konstruktionsprinzipien wahrgenommen. Diese staatlichen Peripherien Ostmitteleuropas waren zudem insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt Objekt von Grenzverschiebungen, wonach unter veränderten Rahmenbedingungen staatliche Strukturen aufgebaut, diese Territorien in den jeweiligen Gesamtstaat integriert und die wahrgenommenen Loyalitäten der lokalen Bevölkerung in den Sicherheitskonzeptionen staatlicher Akteure mitberücksichtigt werden mussten.

Aufbauend auf den Ergebnissen der ersten Förderphase widmet sich das Teilprojekt Konzeptionen staatlicher und gesellschaftlicher Sicherheit und den daraus abgeleiteten Dramatisierungen der Nationalitäten- und Sprachenfrage in Rechtsprechung und Regionalverwaltung. Dabei soll das Theorieangebot der critical security studies durch den Faktor konkurrierender Deutungen und gruppenspezifischen Hermeneutiken erweitert werden. Im Zentrum der Analysen soll Ungarn in der Zeit des Neoabsolutismus (1849-1859), der so genannten Verfassungsexperimente (1860-1867) und des österreichisch-ungarischen Dualismus (1867-1918) stehen.

Ein Arbeitsvorhaben widmet sich dem Thema „Regionale Selbstverwaltung und Dynamiken der Politisierung von Rechtsvorstellungen in Westungarn (1867-1918)“.

Regionale Selbstverwaltung und Dynamiken der Politisierung von Rechtsvorstellungen in Westungarn (1867-1918)

Ethnographische Karte von Österreich-Ungarn, [ca. 1910]
Ethnographische Karte von Österreich-Ungarn, [ca. 1910], Kartensammlung Herder-Institut, Signatur: K 20 III B 1

CONTESTED SELF-GOVERNANCE: DILEMMAS OF SECURITY IN WESTERN HUNGARY (1867-1918)

Bearbeiter: Tamás Székely M.A.

In Ungarn dienten die regionalen Gebietskörperschaften traditionell als Refugium ungarisch-ständischer Positionen gegenüber den Königen und stellten daher eine wichtige Arena politischer Meinungsbildung dar. Mit dem Neoabsolutismus und der Modernisierung des Staatsaufbaus gerieten die Komitate gegenüber der habsburgischen Verwaltung (1849-1859) und nach 1867 gegenüber der Zentralisierungs- und Unifizierungspolitik der ungarischen Regierungen in die Defensive. Nach 1870 verloren sie immer mehr rechtliche und administrative Kompetenzen an die Zentralstellen in Budapest, die Komitatsbehörden und Komitatsversammlungen behielten jedoch ihre Funktion als Artikulations- und Verständigungsforum des politisch dominierenden Hoch- und Mitteladels bei.

Untersucht werden sollen in diesem Arbeitsvorhaben die Einstellung und das Verhalten von Sicherheitseliten (lokale Verwaltung, Vertreter der staatlichen Exekutive, der lokale Adel, Vertreter von Minderheiten) in der Sprachen- und Nationalitätenfrage und die Ambivalenzen von Sicherheit vor dem Hintergrund des erst habsburgischen, dann ungarisch-nationalen state-building. Das Arbeitsvorhaben verbindet Methoden der historischen Diskursanalyse mit Ansätzen der Mikro- und Regionalgeschichte. Es wird insbesondere danach gefragt, welche imperialen Sicherheitskonzeptionen im Neoabsolutismus in Hinblick auf die westungarische Region als Teil des Militär- bzw. Verwaltungsdistrikts Sopron vorherrschten und welche Sicherheitsheuristiken die konkurrierenden Eliten jeweils entwickelten.

Auch für die dualistische Zeit (1867-1918) sollen zudem anlassbezogen Debatten in Stadträten über Sprachenverwendung, Patriotismus und die politische Repräsentation von sozialen Gruppen untersucht werden (gedacht ist hier an Sopron, Szombathely, Kőszeg, Güssing, Rust und Eisenstadt). Gerade für die regionale Ebene ist außerdem noch wenig untersucht, ob und wie die dortigen Medien die Nationalitätenfrage thematisierten und ob eine eigenständige Dramatisierung von Sicherheitsthemen erfolgte.

SECURING THE NATION – NATIONALITY QUESTION AND LANGUAGE POLICY IN SOUTHERN HUNGARY (1861-1890)

Bearbeiter: Szilveszter Csernus-Lukács M.A.

After entering the era of nationalism, the Kingdom of Hungary was home to multiple nations, on different levels of their nation-building. The core policy of the Hungarian politics and public life was facing the dilemma of the development of a nation-state and the management of the growing nationalist movements of the region. The nationality question – in practice the the recognition of nations and the heterogenity of language usage – played the most important role after the relation with Austria in both mainstream and everyday policy throughout the period of the Austria-Hungarian Empire (1867-1918). The moral of the civil war of 1848-1849 showed the significance of the nationality question, which the Hungarian policy tried to regulate after regaining its independence in internal affairs, after the Neo-absolutist era.

The struggle for finding a solution to the question formulated in two main fields. After several drafts, the parliament concluded the 1868: XLIV. Act on the Equality of Nationalities, which set the conditions of the state policy towards the national minorities for fifty years, the whole dualistic era. The most plausible region to examine this national policy is Southern Hungary, which was the most heterogenous area of the XIX. century Hungary, as it is nowadays. The changes aimed to be made by the seemed-to-be epoch-making Law on the Equality of Nationalities are still undiscovered areas of the historiography, beause no empirical researches have been made regarding to the issue.
This research focuses on the level of the municipalities, where the security issues took place on a local level. The main question is whether practical changes were made in the administrational system, its policy’s according to the 1868: XLIV. Act on the levels of the municipalities. The examination of the local authorities’ language usages and policies towards the nationalities/national minorities could give us an overview on the attitude of the security elite and provide a sight of an interval of the Hungarian (nation) state-building which could have been one of the reasons leading to the loss of the areas inhabited by the national minorities (1918-1920).

The project combines methods of theoretical and empirical historical analysis. The securitization policies could be coped through the parliemental drafts leading to the 1868: XLIV. Act, where the different groups of the society and the securitizing elite, namely the conservatives, the liberals and the national minorities showed their attitute owards the envisaged national policy. The other focus of the study, the local levels of the politics in the outlined region is where the politicial elite implemented the technique of the policies towards the different national groups of the society. Until now research has been done with reference to the Bács-Bodrog county municipality, the free cities of Zombor (Sombor) and Újvidék (Novi Sad) and the non-municipal borough of Apatin. I will broaden my examination on the administrations of the free city of Szabadka (Subotica) and the boroughs of Óbecse (Becej), and Zenta (Senta).

Erste Förderphase

Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden multinationale Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet, durch Irredentismus gefährdet, und schließlich als Sicherheitsrisiko in der Frontstellung des Ersten Weltkriegs sowie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Lösungsversuche dieser Problemlagen in potenziellen Konflikträumen traten neben die auf Kontrolle und Sicherung ausgerichteten polizeilich-militärischen Ansätze seit der Jahrhundertwende zunehmend auch Versuche einer Verrechtlichung von Konflikten und einer Aushandlung von Ausgleichen. Das Teilprojekt will offenlegen, wie solche Verrechtlichungsdiskurse mit bereits etablierten oder gewohnheitsrechtlich tradierte Verfahrensweisen und Praktiken des Interessenausgleichs auf lokaler Ebene zusammenwirkten, die auf Rechtsvorstellungen und Rechtswirklichkeit gleichermaßen bezogen waren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird dabei als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf unterschiedlichen Ebenen abläuft (national, regional, lokal) und spezifische Akteursgruppen umfasst. Es stehen somit Perspektivverschränkungen zwischen Sicherheitsvorstellungen von Staat, Mehrheiten- und Minderheitenvertretern, Parteien und Medien im Fokus. Untersucht wird außerdem, unter welchen Bedingungen und in welcher Weise externe Rechtskonzepte (d.h. von gesamtstaatlichen Administrationen und Parteien, politischen und gesellschaftlichen Kräften in Nachbarstaaten oder auch durch internationale Gremien formulierte Lösungsansätze) rezipiert wurden.

Das in der ersten Förderphase bearbeitete Teilprojekt besteht aus zwei Teilvorhaben, die einen Teil der Ostgebiete der Zweiten Republik Polen sowie die tschechoslowakische Karpatoukraine während der Zwischenkriegszeit in den Blick nehmen.

In der ersten Studie wird die Verschränkung der Versicherheitlichungsdiskurse zwischen Regierungs- und Regionalpolitik, Fachwissenschaft und medialen Diskursen analysiert. Das zweite Vorhaben untersucht deren praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort, an Fallstudien aus den Regionen Pińsk (heute Weißrussland), Stanisławów (heute Westukraine, Ivano-Frankivs’k), Užhorod (heute Westukraine, Transkarpatien).