Herausforderungen der Geodaten-basierten Erforschung von Ortsnamensverzeichnissen (Gazetteers)

Projektleitung: PD Dr. Christian Lotz, Barbara Fichtl M.A.

Projektteam: Prof. Dr. Francis Harvey, Dipl.-Geogr. Eric Losang (Leibniz-Institut für Länderkunde), Prof. Dr. Vadim Oswalt (Justus-Liebig-Universität Gießen), Dipl.-Ing. Marc Friede (Herder-Institut)

Projektbearbeitung: N.N.

Projektförderung: Senatsausschuss Wettbewerb (SAW) der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation

Laufzeit: 05/2019 – 04/2022

In den vergangenen Jahren haben verschiedene Fachdisziplinen Ortsnamensverzeichnisse (Gazetteers) erstellt und in diesem Zusammenhang eine wachsende Menge an Daten zusammengetragen. Die zunehmende Anzahl an Gazetteers spiegelt den hohen Bedarf wieder, den viele Fächer an strukturierten Daten haben, wie etwa Geschichte, Geografie, Archäologie, Klimawandel-Forschung usw. Die Verschiedenartigkeit dieser Datenquellen und Metadatenstrukturen jedoch stellen eine ernste Herausforderung für deren wissenschaftlichen Gebrauch dar.

Das Herder-Institut (HI), das Institut für Länderkunde (IfL) und die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) nehmen diese Herausforderung an. Es geht nicht darum, einen neuen Gazetteer aufzubauen. Vielmehr strebt das Projektteam danach, eine Web-Anwendung zu entwickeln, die es erlaubt, verschiedene Online-Gazetteers, deren Inhalt und Metadaten zu vergleichen. Unter Verwendung von bekannten Metadaten und Datenintegrations-Architekturen entwickelt das Projektteam Methoden und ein Netzwerk, um Forschungen zu unterstützen, die Daten zu geografischen Namen verwenden.

Gazetteers und geografische Namen repräsentieren Macht-Wissen-Konstellationen, also geografische Diskurse. Indem wissenschaftliche und staatliche Autoritäten Ortsnamen definieren und Gazetteers zusammenstellen, definieren sie Sichtweisen auf die Welt, auf einen Kontinent oder eine Region. Die Untersuchung von Gazetteers und ihrer wechselnden Inhalte stellt ein hervorragendes Beispiel dar, um zu erforschen, wie sich Macht-Wissen-Konstellationen verändert haben und wie sie sich gegenwärtig mit dem Eintritt ins digitale Zeitalter weiter ändern. Wie in einem Vergrößerungsglas zeigt die Untersuchung von Gazetteers Mechanismen und Konsequenzen von Digitalisierungsprozessen, die sich auf viele andere Felder übertragen lassen, wie etwa: die Transformation von analogen zu digitalen Enzyklopädien und wie diese den „aktuellen“ Stand von Spezialwissen definieren; der Wandel von Wirtschaftsstatistiken und wie sie internationalen Handel und Abhängigkeiten strukturieren; die Entwicklung von Umweltbeobachtung und wie dies die Grenzen von „Re-Naturierung“ definiert.

Die Bedeutung von Gazetteer-Forschungen für die Wissenschaft und für die interessierte Öffentlichkeit ist offenkundig: In der Öffentlichkeit insbesondere in ostmitteleuropäischen Ländern sind geografische Namen in jüngster Zeit ein Gegenstand heftiger Diskussionen um lokale, regionale und nationale Identitäten geworden. Es ist ganz aktuell, dass zum Beispiel polnische Regierungsstellen danach streben, Namen von Straßen und Gedenkorten zu ändern, die auf die Zeit der Volksrepublik Polen oder auf Sowjetische Soldaten verweisen, die während des Zweiten Weltkriegs gefallen waren. Viele weitere Fälle in Ost und West ließen sich finden, die es erfordern, mit Sachkenntnissen emotionale Diskussionen abzukühlen.

Für viele Wissenschaftszweige sind Ortsnamensänderungen eine ernste Herausforderung. Dies betrifft nicht nur Geschichtswissenschaften und Erinnerungskultur-Forschungen. Die Humangeografie muss sich mit Migrationsstatistiken befassen, die verschiedene geografische Namen für Herkunftsorte oder Zielorte angibt. Für die Klimawandel-Forschung sind Temperaturdaten teilweise seit dem 17. Jahrhundert verfügbar, jedoch mit einer irritierenden Vielfalt von Ortsnamen. Ähnliches gilt für Untersuchungen zur Biodiversität: Ein Konsortium wie die Biodiversity Heritage Library umfasst online inzwischen etwa 200.000 Bände vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, aber es bleibt eine Herausforderung, all die verschiedenen geografischen Namen zu handhaben, um klare Aussagen zur Lokalität einer Spezies zu treffen.

Vor diesem Hintergrund stellen sich HI, IfL und JLU konzeptionellen und praktischen Herausforderungen.

In konzeptioneller Hinsicht zielt das Projekt darauf:

  • zu erkunden wie staatliche und wissenschaftliche Akteure in Ostmitteleuropa geografische Diskurse formen;
  • Akteure in den Blick zu nehmen, die sowohl in nationalen als auch internationalen Zusammenhängen aktiv waren;
  • die Auswirkungen technischer Innovationen auf Gazetteers zu analysieren, wie etwa standardisierte Kartenproduktion seit dem 18. Jahrhundert oder Computer-Technologie seit den 1970er Jahren;
  • zu erkunden in welchem Ausmaß geografische Diskurse von technischen, politischen und ökonomischen Faktoren geformt wurden;
  • die Analyse von Gazetteers als Beispiel zu nutzen, um Einsichten zu gewinnen, wie sich Macht-Wissen-Konstellationen in verschiedenen Wissenschaftsfeldern von der Frühen Neuzeit bis in das digitale Zeitalter hinein verändern.

In praktischer Hinsicht erkundet das Projekt vorhandene digitale Ortsnamensverzeichnisse mit Blick auf deren Metadatenstrukturen, Umfang, Inhalt und Anwendung in Forschungsprojekten. Eine davon abgeleitete Web-Anwendung soll vergleichende Auswertungen verschiedener Gazetteers ermöglichen. Indem diese Anwendung der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird, befördert das Projekt eine breite Auseinandersetzung mit Fragen geografischer Wissensordnung in Datenbanken.