„Familienplanung“ in Ostmitteleuropa vom 19. Jahrhundert bis zur Zulassung der „Pille“ (FamPla)

Gefördert durch das BMBF (Förderkennzeichen: 01UC1902)

Förderzeitraum 03.2019-02.2022

Projektleitung: PD Dr. Heidi Hein-Kircher

Praktiken der Familienplanung, d.h. Abtreibung und der (freie) Zugang zu Verhütungsmitteln stellen bis in die Gegenwart in allen Gesellschaften ein hochpolitisiertes und -kontroverses Thema dar. Dieses zeigen etwa die erhebliche Einschränkung von Abtreibungsmöglichkeiten unter der gegenwärtigen polnischen Regierung oder auch die gegenwärtigen Debatten in der Bundesrepublik um eine Aufhebung des Werbeverbotes von Abtreibungsärzten. "Familienplanung" resp. "Geburtenkontrolle" entwickelte sich unter verschiedenen gesellschaftspolitischen, sozialen und kulturellen Einflüssen auf der einen und einer zunehmenden Verhütungs- und Abtreibungspraxis auf der anderen Seite zu einer freiheitlichen Wertvorstellung der Moderne im euro-atlantischen Raum. 

Jedoch beeinflussten nicht nur anglo-amerikanische und deutsche Praktiken und (Frauen-) emanzipatorische, sexualreformerische, bevölkerungspolitische, eugenische und "rassehygienische" Diskurse diese Entwicklung, sondern, so eine Grundprämisse des Projektes, ebenfalls die ideologisierte Familienpolitik der Sowjetunion.  "Familienplanung" ist daher nicht allein als individuelle freiheitliche Rechtsvorstellung, sondern zugleich auch Objekt gesellschaftspolitischer staatlicher Interventionen zu sehen.   "Familienplanung“  ist daher hochpolitisierte und zugleich zutiefst säkulare Wertvorstellung. Grundannahme ist, dass sich diese Wert-vorstellung von "unten" durch individuelle, teils auf neuestem medizinisch-technischem Wissen basierende Praktiken entwickelte, dass die sie legitimierenden bzw. auch ablehnenden Diskurse auf diese Praktiken reagierten. "Familienplanung" wird daher als gesellschaftliche Wertvorstellung gesehen, die einerseits eine transnationale Wirkung entfaltete, andererseits aber auch die jeweiligen gesellschaftspolitischen, ideologischen und letztlich auch staatlichen Bedürfnisse widerspiegelte. Zugleich sollen die transnationalen Vernetzungen durch Rückbezüge in den Diskursen, aber auch etwa durch den Besuch von internationalen Fachkongressen und den Austausch einschlägiger Wissenschaftler/innen, Aktivist/innen und Politiker/innen analysiert werden. Durch diesen Ansatz können transnationale Vernetzungen und damit der Ideen- und Wertetransfer sowie die spezifischen Grundlagen und besonderen Ausprägungen für das jeweilige gesellschaftliche Verständnis von „Familienplanung“ und damit von „Familie“ herausgearbeitet werden. Das Projekt untersucht in vergleichender Perspektive die Entwicklung von „Familienplanung“ in der longue durée von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Einführung der „Pille“ in den 1960er Jahren.

 

Teilvorhaben 1 „Impulse durch Vernetzung: Entwicklung von Diskursen und Praktiken von „Familienplanung“ in Polen“ (Arbeitstitel)

Dr. Elisa-Maria Hiemer

Die um die Wende zum 20. Jahrhundert entstehenden Diskurse und Praktiken der  „Geburtenkontrolle“  spiegeln zunächst die Politiken der imperialen Mächte Deutsches Reich, Russland und Habsburgermonarchie wider. Sie wurden aber insbesondere nach der Staatsgründung von eigenen bevölkerungs- und nationalitätenpolitischen Zielsetzungen überlagert, zumal Polen zwar als Nationalstaat gegründet wurde, de facto aber multiethnischen Charakter hatte. Von Bedeutung ist, dass in der longue durée die Gesellschaft in besonderer Weise von der katholischen Kirche und den Folgen des Ersten und Zweiten Weltkriegs beeinflusst wurde.  Ziel des Teilvorhabens ist es, entsprechende Netzwerke und Akteure zu identifizieren, die Haltungen aus dem „Zentrum“ der Diskurse und Debatten an die „Peripherie“ brachten, um herauszuarbeiten, wie rezipierte die Gesellschaft diese rezipierte und weiterentwickelte.

Teilvorhaben 2 „Familienplanung als Motor für Bevölkerungs- und Familienpolitik in der Tschechoslowakei“ (Arbeitstitel)

N.N.

Teilvorhaben 2 untersucht die Zusammenhänge von Nationalisierung und bevölkerungspolitisch inspirierter Familienpolitik und sich durchsetzender familienplanerischer Diskurse und Praktiken, sodass die Entwicklungen der Zwischenkriegszeit (auch hinsichtlich der nationalen Minderheiten wie Deutsche, Roma und Juden), des Protektorats und der Periode von 1945 bis 1960 in besonderer Weise kontrastiert werden. Durch diesen Ansatz können zudem einerseits Einflüsse von Krieg und andererseits eines social engineering durch Vertreibung und Deportationen auf die familienbezogenen Wertvorstellungen herausgearbeitet werden. Zugleich werden die Einbindung in die internationalen Organisationen und das diesbezügliche Engagement der Tschechoslowakei verfolgt.