Das piastische Polen in seinen internationalen Beziehungen

Hermann und Reglindis, Naumburger Dom

Dr. Norbert Kersken

Das piastische Polen zeichnet sich aufgrund seiner geographischen Lage und des Fehlens „natürlicher“ Grenzen durch eine besondere Intensität seiner internationalen Beziehungen und eine ausgesprochene Determiniertheit seiner staatlichen Existenz durch die Art dieser Außenbeziehungen aus. In der Untersuchung geht es darum, das piastische Polen systematisch in seinen internationalen Beziehungen und Bindungen zu konturieren, diese in seiner zeitlichen Dynamik und Veränderung zu beschreiben, die Medien, Konstellationen und Foren zu erfassen, in denen sich internationale Politik konkretisierte und schließlich zu versuchen, die Bedeutung dieser internationalen Kontakte für Entwicklung und Konturen des piastischen Polen zu ermessen.

Die Anwendung neuer, kulturwissenschaftlicher Forschungsansätze auf die internationalen Beziehungen hat die Diplomatiegeschichte und die Geschichte der internationalen Beziehungen im Mittelalter einerseits aus den Bindungen an die traditionelle Staatengeschichte gelöst, andererseits aber erkennen lassen, daß Diplomatiegeschichte zu Recht auf mittelalterliche Strukturen und Erscheinungen anwendbar ist. Hierbei ist sie nicht nur als Teil der Rechts- und Verfassungsgeschichte zu verstehen, sondern kann neue Aufschlüsse im Bereich der Herrschafts- und Kommunikationsgeschichte, in der Symbolgeschichte und in der Geschichte des kulturellen Austauschs, liefern.

Die Darstellung fragt in systematischer Form nach den Zeitstrukturen, nach den Kontakträumen – in erster Linie sind es die Beziehungen zu den direkten Nachbarn, zum Reich sowie zu bestimmten Territorien des Reichs (Brandenburg, Pommern) sowie zu den ostslavischen Nachbarn (Kiever Rus’ sowie Nachfolgestaaten), zu Böhmen und Ungarn, zu Dänemark und zu den baltischen Nachbarn (Pommerellen, Deutschordensstaat, Litauen) – und nach den Trägern und Kontaktformen der internationalen Beziehungen, den Akteuren, den Bestimmungsfaktoren, den Realisierungsmedien (schriftliche Kontakte, Gesandte, Herrschertreffen, dynastische Heiratspolitik, territoriale Konflikte) und den Beziehungsintensitäten, in denen Außenbeziehungen realisiert wurden.

Für die Außenbeziehungen dynastisch geprägter mittelalterlicher Herrschaftsverbände waren Eheverbindungen ein wichtiges Medium. Auch die Piasten hatten zu allen Nachbarn ein Netz von Ehekontakten aufgebaut. Ausdruck fand eine derartige Heiratsbeziehung in einem vieldiskutierten Werk der hochmittelalterlichen Plastik, der Gruppe von zwölf lebensgroßen Stifterstandbildern aus Sandstein im Westchor des Naumburger Doms aus der Mitte des 13. Jahrhunderts: Bolesław Chrobry verabredete mit Gunzelin, dem Bruder des im April 1002 ermordeten Markgrafen Ekkehard, die Verheiratung von Ekkehards Sohn Hermann – der 1009 selbst Markgraf wurde – mit seiner Tochter Reglindis, die hier mit ihrem Mann dargestellt ist. Die Eheverbindung ist Ausdruck für die stabilen Beziehungen zwischen Ekkehardinern und Piasten trotz der jahrelangen kriegerischen Beziehungen zwischen Heinrich II. und Bolesław.