Atomgrad. Kerntechnische Moderne im östlichen Europa, 1966-2017

Baustelle des KKW Rivne, ca. 1985
Baustelle des KKW Rivne, ca. 1985. Im Hintergrund neben dem Schornstein die 440-MW-Blöcke 1 und 2, die nach älterer sowjetischer Bauweise in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht wurden. Vorne der im Bau befindliche 1000-MW-Block 3, der bereits so wie die westlichen Anlagen ausgelegt war. RAES/O. Kyslyj

Dr. Anna Veronika Wendland

Das Projekt ist an einer Schnittstelle von Stadt-, Technik- und Umweltgeschichte angesiedelt. Atomogrady, russisch für: „Atomstädte“, heißen die Werksstädte der großen Kernkraftwerkskomplexe, die seit Mitte der 1960er Jahre in der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten entstanden. Im Zentrum der Untersuchung stehen zwei Fallstudien - Prypjat’, die 1986 evakuierte und heute langsam verfallende Kerntechnikerstadt des KKWs Tschernobyl, und Kuznecovs‘k, das 300 km westlich von Prypjat‘ liegt und für den „Erfolgspfad“ des im Titel angedeuteten Spannungsfeldes steht. Flankierend werden Materialien aus weiteren Atomstädten mit zwischen 40.000 und 80.000 Einwohnern in der Ukraine, Russland und Litauen bearbeitet. Neben klassischen Archivquellen, zeitgenössischer Fachliteratur und schwer zugänglicher „grauer“ Literatur (Werkspublikationen, Broschüren etc.) werden auch visuelle Quellen aus Privatarchiven oder musealen Sammlungen ausgewertet. Daneben wurden Interviews mit Zeitzeugen geführt. Eine wichtige Rolle spielt im Projekt neben dem methodischen Zugang der Geschichtswissenschaften und der Visuellen Geschichte auch ein ethnologischer Ansatz. Um Erkenntnisse über die Arbeitswelt der Kerntechnik zu sammeln und die Selbstkonzepte der in der Atomindustrie arbeitenden Menschen zu untersuchen, führe ich eine Langzeit-Teilnehmende Beobachtung im Kernkraftwerk Rivne (Kuznecovsk) durch (Juli-September 2013, August/September 2014, Mai/Juni 2015).

Die Geschichte der Atomstädte ist auch eine Geschichte bedeutender Transformationsprozesse in größtenteils agrarischen Landschaften der westlichen Sowjetunion, die in den 1970er Jahren zur Basis des sowjetischen zivilen Nuklearparks wurden. Durch die Ankunft tausender Bauarbeiter und Kerntechniker in schwachbesiedelten Gebieten, durch die soziale Mobilisierung der örtlichen Bevölkerungen wurden die lokalen Verhältnisse stark transformiert. Daneben steht der massive Eingriff der nuklearen Großprojekte in Natur- und Kulturlandschaften, und der politisch-ästhetische Anspruch der Stadtprojekte. Sie wurden als Musterstädte des Sozialismus geplant und gebaut und galten als Inseln der Urbanität inmitten der tiefen Provinz. Außerdem ist die Atomstadtgeschichte, sofern sie sich in den nichtrussischen Republiken der Sowjetunion entfaltete, immer auch als eine Imperialgeschichte zu interpretieren und zu untersuchen. In den ukrainischen Atomstädten kamen nämlich auch Prozesse zum Tragen, die typisch sind für imperiale Zentrum-Peripherie-Beziehungen: Migrationsprozesse, multiple Sprachregimes, das Spannungsverhältnis von hegemonialer und subalterner Kultur, die Wahrnehmung der Kerntechnik als imperiale Leit-Technologie der Sowjetunion, schließlich Formen des Widerstandes gegen die Implementierung von Leitkulturen und –technologien mit quasi-anti-kolonialer Stoßrichtung in den 1990er Jahren.

Die Geschichte der Atomstädte entfaltet sich im ausgehenden 20. Jahrhundert zwischen urbaner Utopie und nuklearer Katastrophe und vor dem Hintergrund ökonomischer und politischer Transformationsgeschichten in der späten Sowjetunion und nach dem Systemwechsel. Zum utopischen Gehalt der Atomstadt gehörten die imperiale Integration durch Hochtechnologie, der Traum von Energie im Überfluss, die Vorstellung von Zähmung der Natur bei gleichzeitiger Schonung der Natur, der Mythos des „friedlichen Atoms“. Diese Konzepte bestimmten die kulturellen Repräsentationen, Visualisierungen und gesellschaftlichen Visionen, die sich an diese Städte anlagerten. Die Atomstadt war auch ein soziales Versprechen für all jene, die aus den Dörfern kamen und in den Atomstädten berufliche Perspektiven suchten.

Auf der anderen Seite stehen die Umbruchserfahrungen, welche die Menschen in und um die Atomstädte machten. Das Arbeiten mit dem Atom und seinen Risiken prägte Biografien und soziale Identitäten. Der Umgang mit der nuklearen Technologie und die Mensch-Maschine-Beziehungen im Kernkraftwerk stellen daher ein wichtiges Untersuchungsfeld des Vorhabens dar. Die  große Zäsur für alle Akteure – oft ganze Familien, die in den Kraftwerken arbeiteten – war der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986, aber auch der damit in einem Sinnzusammenhang gesehene Zerfall der Sowjetunion, die folgende Wirtschaftskrise und die Desintegration der staatlichen Kernenergiewirtschaft. Das beginnende 21. Jahrhundert schließlich steht im Zeichen scheinbar widersprüchlicher Prozesse: Nationalisierung der Energieversorgungssysteme vs. Globalisierung der Energiefrage und der Energiemärkte; „Renaissance“ der osteuropäischen Kernenergie vs. Gegenbewegungen und Unwägbarkeiten nach Fukushima, Beharren auf dem aus sowjetischen Zeiten überkommenen Verflechtungsmodell zwischen Werk und Werksstadt vs. Entflechtung, Rationalisierung und Kommerzialisierung. In fast allen der untersuchten Städte gilt aber das urban-energetische Projekt Atomograd weiterhin als Zukunftsprojekt.