Versicherheitlichung und Diskurse über Rechte von Minderheiten und Mehrheiten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert

Teilprojekt A06 im Sonderforschungsbereich/Transregio 138 "Dynamiken der Sicherheit"

Projektleitung: Prof. Dr. Peter Haslinger, PD Dr. Heidi Hein-Kircher
Projektförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Projekt-Webseite: Sonderforschungsbereich/Transregio 138 „Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive“
Laufzeit: 2014 – 2017 (erste Förderphase), 2018 – 2021 (zweite Förderphase), 2022 – 2025 (dritte Förderphase)

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Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden multinationale Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung und Imagination solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet und durch Irredentismus gefährdet. Im Umfeld der Weltkriege und in deren Nachwirkungen wurden sie letztlich als Sicherheitsrisiko in den Neukonzipierungen (zwischen-)staatlicher Konstruktionsprinzipien wahrgenommen. Diese staatlichen Peripherien Ostmitteleuropas waren zudem insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt Objekt von Grenzverschiebungen, wonach unter veränderten Rahmenbedingungen staatliche Strukturen aufgebaut, diese Territorien in den jeweiligen Gesamtstaat integriert und die wahrgenommenen Loyalitäten der lokalen Bevölkerung in den Sicherheitskonzeptionen staatlicher Akteure mitberücksichtigt werden mussten.

Aufbauend auf den Ergebnissen der ersten Förderphase widmet sich das Teilprojekt Konzeptionen staatlicher und gesellschaftlicher Sicherheit und den daraus abgeleiteten Dramatisierungen der Nationalitäten- und Sprachenfrage in Rechtsprechung und Regionalverwaltung. Dabei soll das Theorieangebot der critical security studies durch den Faktor konkurrierender Deutungen und gruppenspezifischen Hermeneutiken erweitert werden. Im Zentrum der Analysen soll Ungarn in der Zeit des Neoabsolutismus (1849-1859), der so genannten Verfassungsexperimente (1860-1867) und des österreichisch-ungarischen Dualismus (1867-1918) stehen.

Ein Arbeitsvorhaben widmet sich dem Thema „Regionale Selbstverwaltung und Dynamiken der Politisierung von Rechtsvorstellungen in Westungarn (1867-1918)“.

Regionale Selbstverwaltung und Dynamiken der Politisierung von Rechtsvorstellungen in Westungarn (1867-1918)

Contested Self-governance: Dilemmas of Security in Western Hungary (1867-1918)

Bearbeiter: Tamás Székely M.A.

In Ungarn dienten die regionalen Gebietskörperschaften (die Komitate) traditionell als Refugium ungarisch-ständischer Positionen gegenüber den Habsburger Königen und stellten daher eine wichtige Arena politischer Meinungsbildung dar. Mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich (1867) und der Modernisierung des Staatsaufbaus gerieten die Komitate gegenüber der Zentralisierungs- und Unifizierungspolitik der eigenen ungarischen Regierungen in die Defensive. Nach 1870 verloren sie immer mehr rechtliche und administrative Kompetenzen an die Zentralstellen in Budapest, die Komitatsversammlungen behielten jedoch ihre Funktion als Artikulations- und Verständigungsforum des politisch dominierenden Hoch- und Mitteladels bei.

Untersucht werden sollen in diesem Arbeitsvorhaben die Einstellung und das Verhalten von Sicherheitseliten (lokale Verwaltung, Vertreter der staatlichen Exekutive, der lokale Adel, Vertreter der Minderheiten) in der Sprachen- und Nationalitätenfrage und die Ambivalenzen von Sicherheit vor dem Hintergrund des ungarisch-nationalen State-building. Das Arbeitsvorhaben verbindet Methoden der historischen Diskursanalyse mit Ansätzen der Nationalismus-, Mikro- und Regionalgeschichte. Es wird insbesondere danach gefragt, welche Sicherheitskonzeptionen in der dualistischen Zeit (1867-1918) in Hinblick auf die multiethnischen westungarischen Komitate (Vas, Sopron und Moson) vorherrschten und welche Sicherheitsheuristiken die konkurrierenden Eliten jeweils entwickelten.

Auch sollen die anlassbezogen Debatten in Stadträten über Sprachverwendung, Patriotismus und die politische Repräsentation der sozialen Gruppen untersucht werden. Gedacht ist hier an die sogennanten königlichen Freistädte Westungarns: Sopron (Ödenburg), Kőszeg (Güns), Kismarton (Eisenstadt) und Ruszt (Rust). Außerdem ist gerade für die regionale Ebene noch wenig untersucht, ob und wie die dortigen Medien die Nationalitätenfrage thematisierten und ob eine eigenständige Dramatisierung von Sicherheitsthemen erfolgte.

Securing a nation - Nationality Question and Language Policy in Southern Hungary 1860-1890

Bearbeiter: Szilveszter Csernus-Lukács M.A.

After entering the era of nationalism, the Kingdom of Hungary was home to multiple communities, building their nations in different places. The main security conflicts of the nationality question could both be coped on a national (state) and a regional level. The most plausible target to examine this national policy of the latter is the municipalities and communes of Southern Hungary, as this was the most diversified area of the Kingdom of Hungary (and of Europe) and this heterogeneity premised security-related political conflicts closing to the age of nationalism. The examination of the former required research on what spheres did the non-Hungarian elite want to secure in matters of language usage, recognition as a nation, national assemblies and symbols etc. and which of these were perceived as a threat to the Hungarian elite’s conception of the integrity of the state. The 1865-1868 legislatures regulated these matters, which provide an assessment on why the compromise attempt failed. On the local level the language usage of the administration and the individuals was the theme where security the security interests collided.

At the end of the 1860s decade, after several attempts, the state level happened to provide some assurances for the Orthodox (Romanian and Serb) cultural identity’s survival, although still not as much as the respective ethnic groups/nationalities deemed necessary for a long-term security. Therefore, the Hungarian state policy was constantly viewed as a threat with fluctuant intensity by the non-Hungarian elites.  We find an overlapping of a vast majority of the interests. Which could be simplified as: one party’s security was seen as a threat to the another party. This stalemate was kept through the era of the Austria-Hungarian Monarchy, however with some differences in the execution of the Nationality Act and different policies on the local (municipal and communal) levels. On the level of the municipalities, the main question is if practical changes were made in the local authorities’ language usages and policies towards the Serb, Bunjevci, German and other nationalities/national minorities.

Erste Förderphase

Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden multinationale Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet, durch Irredentismus gefährdet, und schließlich als Sicherheitsrisiko in der Frontstellung des Ersten Weltkriegs sowie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Lösungsversuche dieser Problemlagen in potenziellen Konflikträumen traten neben die auf Kontrolle und Sicherung ausgerichteten polizeilich-militärischen Ansätze seit der Jahrhundertwende zunehmend auch Versuche einer Verrechtlichung von Konflikten und einer Aushandlung von Ausgleichen. Das Teilprojekt will offenlegen, wie solche Verrechtlichungsdiskurse mit bereits etablierten oder gewohnheitsrechtlich tradierte Verfahrensweisen und Praktiken des Interessenausgleichs auf lokaler Ebene zusammenwirkten, die auf Rechtsvorstellungen und Rechtswirklichkeit gleichermaßen bezogen waren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird dabei als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf unterschiedlichen Ebenen abläuft (national, regional, lokal) und spezifische Akteursgruppen umfasst. Es stehen somit Perspektivverschränkungen zwischen Sicherheitsvorstellungen von Staat, Mehrheiten- und Minderheitenvertretern, Parteien und Medien im Fokus. Untersucht wird außerdem, unter welchen Bedingungen und in welcher Weise externe Rechtskonzepte (d.h. von gesamtstaatlichen Administrationen und Parteien, politischen und gesellschaftlichen Kräften in Nachbarstaaten oder auch durch internationale Gremien formulierte Lösungsansätze) rezipiert wurden.

Das in der ersten Förderphase bearbeitete Teilprojekt besteht aus zwei Teilvorhaben, die einen Teil der Ostgebiete der Zweiten Republik Polen sowie die tschechoslowakische Karpatoukraine während der Zwischenkriegszeit in den Blick nehmen.

In der ersten Studie wird die Verschränkung der Versicherheitlichungsdiskurse zwischen Regierungs- und Regionalpolitik, Fachwissenschaft und medialen Diskursen analysiert. Das zweite Vorhaben untersucht deren praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort, an Fallstudien aus den Regionen Pińsk (heute Weißrussland), Stanisławów (heute Westukraine, Ivano-Frankivs’k), Užhorod (heute Westukraine, Transkarpatien).

Projekte der ersten Förderphase

Fremde Peripherie – Unsicherheitsperipherie? Die Podkarpatská Rus aus der Perspektive zentralstaatlicher Akteure (1918-38/39)

Bearbeiter: Sebastian Paul M.A.

Im ersten Teilvorhaben soll untersucht werden, inwiefern staatliche sowie nicht-staatliche Akteure und Akteursgruppen in der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit sich auf zentralstaatlicher Ebene diskursiv mit der Podkarpatská Rus als östlichste Peripherie des Staates unter dem Aspekt von Sicherheitskonzepten auseinandersetzten und wie diese Diskurse miteinander verschränkt wurden. Bei dem ausgewählten Gebiet handelt es sich um ein Territorium, das sich der  tschechoslowakische Staat nach dem Ersten Weltkrieg im Zuge militärischer Auseinandersetzungen angeeignet hatte und dessen innen- wie außenpolitische Situation als prekär eingeschätzt wurde. Dieses aus dem Zentrum heraus als rückständig beschriebene Grenzgebiet, in dem mit einer in bedeutenden Teilen illoyalen Bevölkerung gerechnet wurde, wurde als potenziell konfliktreich wahrgenommen. Auch war dieser Landesteil Gegenstand irredentistischer und revisionistischer Strömungen, die sich für den Gesamtstaat ein existenzielles Sicherheitsproblem darstellten, dem von zentralstaatlicher Ebene aus mit unterschiedlichen Handlungskonzepten begegnet wurde. Ziel dieses Teilvorhabens ist es, anhand des im SFB „Dynamiken der Sicherheit“ verwendeten methodischen Zugangs der Versicherheitlichung (securitization) zu untersuchen, wie aus zentralstaatlicher Perspektive diese Sicherheitsproblematiken wahrgenommen, diskutiert und ihnen durch politisches Handeln begegnet wurde. Dabei wurde auf das Wissen von Sicherheitseliten zurückgegriffen (Historiker, Juristen, Ethnologen etc.), deren Rückwirkungen auf die Regierungspolitik in Prag ebenso berücksichtigt werden sollen wie der Einfluss medialer Diskurse, wobei hier von einer Verschränkung von medialen und fachwissenschaftlichen Debatten und einer Überschneidung von Akteuren und Akteursgruppen ausgegangen wird.

Cover Studien 53_Ramisch-Paul
Sebastian Ramisch-Paul: Fremde Peripherie - Peripherie der Unsicherheit? Sicherheitsdiskurse über die tschechoslowakische Provinz Podkarpatská Rus (1918-1938), Studien zur Ostmitteleuropaforschung 53, Marburg 2021.

Versicherheitlichung vor Ort zwischen Diskurs und Praxis. Rechte von Minderheiten und Mehrheiten: Stanisławów, Pińsk und Užhorod, 1919-1938

Bearbeiter: Felix Heinert M.A.

Das Teilvorhaben untersucht Versicherheitlichungsdiskurse im Hinblick auf ihre praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort. Grundlage dieser Regionalstudie sind Mittelstädte in östlichen Grenzgebieten der Zweiten Polnischen Republik und der Karpatoukraine, die über ihre administrative Rolle (unterschiedliche) zentralörtliche Funktionen übernahmen und daher auch Orte von (sub)regionaler Rechtsprechung, Politikgestaltung bzw. Verwaltung waren. Diese Städte bildeten im Untersuchungszeitraum Teile der östlichen Peripherien Polens und der Tschechoslowakei.
Generell hat das Teilprojekt zum Ziel, die Verschränkung zwischen Diskursen über den Rechtsstatus von „Minderheiten“ sowie Praktiken der Versicherheitlichung und Entsicherheitlichung zu analysieren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird im Teilprojekt als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf den unterschiedlichen Ebenen (national, regional, lokal) auch spezifische Akteursgruppen umfasst. Vor diesem Hintergrund untersucht das Teilprojekt die mit lokalen Gruppenkonstellationen verbundenen Sicherheits- und Bedrohungsvorstellungen und die damit korrespondierenden Verrechtlichungsdiskurse und -praktiken. Analysiert wird außerdem, in welchen Konstellationen im lokalen Kontext tradierte Praktiken des Interessenausgleichs beibehalten wurden und unter welchen Bedingungen externe Rechtskonzepte in welcher Weise rezipiert wurden. Insofern interessiert sich das Projekt insbesondere für lokale Akteure sowie lokale RepräsentantInnen des Staates. Hier und nicht auf der „abstrakten“ zentralstaatlichen Ebene, so lautet die Arbeitshypothese, wurde über Erfolg und Misserfolg staatlicher Versicherheitlichungspraktiken und Zivilisierungsmissionen entschieden.

Speziell in Polen – und hier wiederum in Ostgalizien bzw. gegenüber Juden in den 1930er Jahren – trat der gesetzgebende Staat Minderheiten gegenüber mitunter auch repressiv auf, teils auch unter dem Einsatz von erheblicher Gewalt. Dieses Szenario, das man aus der bisherigen Forschungs- sowie Erinnerungsliteratur kennt, soll an Hand von bottom-up Prozessen überprüft und ggf. neu bewertet werden. Auf der lokalen Ebene jenseits der großen Konflikt- und Diskursarenen sind hier, so eine Arbeitshypothese, differenziertere Befunde sowie Aushandlungsgrammatiken zu erwarten.

Anhand der Fallstudien soll neben anderen Beispielen insbesondere der Lebensmittelmarkt als einen (physischen und diskursiven) Ort intensiver Interaktion und Kommunikation in den Blick genommen werden, um entsprechende Aushandlungen, Konflikte, Verrechtlichungs- und Versicherheitlichungsdiskurse und -praktiken zu fokussieren, wobei etwa Fragen von Steuereintreibung, Hygiene, konfessioneller und sonstiger Differenz (Sonntagsruhe, Regelungen für Juden, Schächten/Schlachten etc.) und Gewalt mitverhandelt werden sollen.