Hitler entscheidet, die Tschechen durch Assimilation zu germanisieren

Aufzeichnung von Kurt Ziemke, dem Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Reichsprotektor, über die Entscheidung Hitlers bezüglich des Protektorats und des Schicksals der Tschechen

РА/AA, Inland II (Geheim), R 101108
NA, AMV 102-3/1

Bericht des Vertreters des Auswärtigen Amtes beim Reichsprotektor Ziemke an das
Auswärtige Amt

Nr. 12.065/D.Pol.2.g                                                                                 Prag, den 5. Oktober 1940

       D II 72 g Rs


Inhalt: Die Entscheidung des Führers.
Im Anschluß an den Bericht v. 27. September 1940 –  Nr. 11.663/D.Pol.2.g –490

Über den Empfang des Reichsprotektors und des Staatssekretärs Frank durch den Führer erfahre ich von authentischer Seite folgendes:

Reichsjustizminister Gürtner hielt einleitend einen Vortrag über die tsche­chische Widerstandsbewegung, wobei er ausführte, daß in der nächsten Zeit der erste Prozeß gegen die vier Haupträdelsführer vor dem Volksgerichtshof stattfinden werde.

Der Führer wandte sich gegen diese Ausführungen und erldärte, daß für tschechische Aufrührer und Rebellen Exekutionskommandos genügten. Es sei falsch, durch Gerichtsurteile Märtyrer zu schaffen, was Beispiele von Andreas Hofer und Schlageter bewiesen.491 Die Tschechen würden jedes Urteil als Un­recht empfinden. Da die Sache nun einmal auf das gerichtliche Geleise ge­bracht sei, solle es damit sein Bewenden haben. Die Prozesse seien bis zum Friedensschluß zu vertagen, und später, im Lärm der Siegesfeiern, würden die Gerichtsverhandlungen ungehört verhallen. Die Urteile könnten nur auf Tod lauten, doch würde dann eine Begnadigung zu lebenslanger Festungshaft oder Deportation erfolgen.

Zur Frage der Zukunft des Protektorats streifte der Führer folgende drei Möglichkeiten:

1) Belassung einer tschechischen Autonomie, wobei die Deutschen im Pro­tektorat als gleichberechtigte Mitbürger lebten. Diese Möglichkeit scheidet aber aus, da immer mit tschechischen Umtrieben gerechnet werden müsse.

2) Die Aussiedlung der Tschechen und die Verdeutschung des böhmisch­-mährischen Raumes durch deutsche Siedler. Auch diese Möglichkeit käme nicht in Frage, da ihre Durchführung 100 Jahre beanspruche.

3) Die Verdeutschung des böhmisch-mährischen Raumes durch Germani­sierung der Tschechen, d.h. durch ihre Assimilierung. Letztere wäre für den größeren Teil des tschechischen Volkes möglich. Von der Assimilierung seien auszunehmen diejenigen Tschechen, gegen welche rassische Bedenken be­ständen oder welche reichsfeindlich eingestellt seien. Diese Kategorie sei aus­zumerzen.

Der Führer entschied sich für die dritte Möglichkeit; er ordnete über Reichsminister Lammers an, daß der Vielheit der Pläne über die Aufteilung des Protektorats Einhalt geboten werde. Der Führer entschied ferner, daß im Interesse einer einheitlichen Tschechen-Politik eine zentrale Reichsgewalt in Prag für den gesamten böhmisch-mährischen Raum verbleibt. Es verbleibt somit bei dem bisherigen Status des Protektorats. Die Entscheidung des Führers erfolgte im Sinne der vom Reichsprotektor und von Staatssekretär Frank vorgelegten Denkschriften.492

DR. ZIEMKE

 

490) Siehe Dokument Nr. 304.

491) Andreas Hofer, 1809 Führer der Tiroler Aufstandsbewegung, agierte mit habsburg-treuen Insurgenten zeitweise siegreich gegen französische und bayerische Truppen, wurde dann aber durch Verrat gefangen genommen und von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Der von den Nationalsozialisten zum nationalen Märtyrer stilisierte Al­bert Schlageter hatte illegal gegen die Ruhrbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg ge­kämpft und war nach seiner Verhaftung von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden.

492) Zu Neuraths Aufzeichnung vom 31.8.1940 und Franks Aufzeichnung vom 28.8.1940 siehe Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärge­richtshof. Nürnberg, 14.11.1945-1.10.1946. Band 33, Dokument 3859-PS. Hg. v. Inter­nationalen Militärgerichtshof. Nürnberg 1948, 252-271.

Source
Deutschland und das Protektorat Böhmen und Mähren. Aus den deutschen diplomatischen Akten von 1939 bis 1945. Hg. von Gerald Mund. Göttingen 2014, Dok. 306, S.453-454. 
Copyright
Distribution and reproduction only for scientific purposes. 
Created
31.08.2015 
Changed
31.08.2015 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Hitler entscheidet, die Tschechen durch Assimilation zu germanisieren in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Protektorat Böhmen und Mähren", bearb. von Stefan Lehr (Münster). URL: https://www.herder-institut.de/en/resolve/qid/2931.html (Zugriff am 26.05.2017)