Vorschläge Neuraths und Franks über die Frage des Schicksals des tschechischen Volkes

K. von Neurath und K. H. Frank unterbreiten Hitler ihre Vorschläge zur Liquidierung der Tschechen. Ihre Schlußfolgerung: Einen Teil der tschechischen Nation wird man germanisieren können, den anderen aussiedeln und austilgen. Die böhmischen Länder werden mit deutscher Bevölkerung besiedelt

Nr. 6

K. von Neurath und K. H. Frank unterbreiten Hitler ihre Vorschläge zur Liquidierung der Tschechen. Ihre Schlußfolgerung: Einen Teil der tschechischen Nation wird man germanisieren können, den anderen aussiedeln und austilgen. Die böhmischen Länder werden mit deutscher Bevölkerung besiedelt.

Nr. Rpr. 1391/40.                                                                                    Prag, den 31. August 1940.

Lieber Herr Lammers!

Anlage 1: In der Anlage übersende ich Ihnen in meinem Schreiben vom 13. Juli d. J. — Nr. Rpr. 1197/40 — in Aussicht gestellte Auf­zeichnung über die Frage der zukünftigen Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes. Anlage 2: Ich füge eine zweite Aufzeich­nung über dieselbe Frage bei, die mein Staatssekretär K. H. Frank unabhängig von mir verfaßt hat, die in ihren Gedanken­gängen zu demselben Ergebnis gelangt und der ich mich voll an­schließe.13 Ich bitte Sie, beide Aufzeichnungen dem Führer vor­zulegen und einen Termin zum persönlichen Vortrag für mich und Staatssekretär Frank anzuberaumen. Da, wie ich unter der Hand erfahren habe, von Seiten einzelner Partei-und anderer Stellen beabsichtigt ist, dem Führer Vorschläge hinsichtlich der Lostrennung verschiedener Teile des mir unterstellen Protekto­rates zu unterbreiten, ohne daß ich diese Projekte im einzelnen kenne, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie den Termin für meinen Vortrag so rechtzeitig ansetzen wollen, daß ich als zuständiger Reichsprotektor und Kenner des tschechischen Problems mit meinem Staatssekretär Gelegenheit habe, unsere Ansicht dem Führer gegenüber zu vertreten, bevor von anderer Seite alle mög­lichen Pläne an ihn herangebracht werden.

Mit Heil Hitler!

Ihr
gez. Frhr. von Neurath.

 

An den
Chef der Reichskanzlei
Herrn Reichsminister Dr. Lammers
Berlin W 8, Vosstr. 6.

Anlage 1
GEHEIM!

Aufzeichnung über die Frage der zukünftigen Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes.

I. Jede Betrachtung über die künftige Gestaltung von Böhmen und Mähren muß von dem Ziel ausgehen, das staatspolitisch und volkspoli­tisch für diesen Raum aufzustellen ist.

Staatspolitisch kann das Ziel nur sein: Die restlose Eingliederung in das Großdeutsche Reich; volkspolitisch: Die Füllung dieses Raumes mit deut­schen Menschen.

II. Eine kurze Betrachtung der jetzigen Lage in staats- und volks­politischer Hinsicht, wie sie sich aus der Beobachtung und Erfahrung seit der Eingliederung in das Reich ergibt, zeigt den Weg, der zur Erreichung des klaren und eindeutigen Zieles beschritten werden muß. [...]

Es wäre aber ein verhängnisvoller Irrtum, hieraus zu schließen, daß die Regierung und die Bevölkerung dieses Wohlverhalten zeigten, weil sie sich innerlich mit dem Wegfall ihres selbständigen Staates und der Eingliederung in den großdeutschen Raum abgefunden hätten. Der Deutsche wird nach wie vor ais lästiger Eindringling angesehen und die Sehnsucht nach Wieder­kehr der alten Zustände ist weitgehend vorhanden, auch wenn sie nicht ausgesprochen wird.

Die Bevölkerung fügt sich in die neuen Verhältnisse im großen und gan­zen, aber sie tut es nur, weil sie entweder die erforderliche verstandesmäßige Einsicht besitzt oder weil sie die Folgen des Ungehorsams fürchtet. Sie tut es sicher nicht aus ihrem Herzen heraus. Diese Einstellung wird noch län­gere Zeit so bleiben.

III. Wenn aber nun die Verhältnisse so liegen, so wird entschieden werden müssen, was mit dem tschechischen Volk zu geschehen hat, damit das Ziel der Eingliederung des Landes und der Füllung des Raumes mit deutschen Menschen so rasch als möglich und so gründlich als möglich er­reicht wird.

1. Die radikalste und theoretisch vollkommenste Lösung des Pro­blems wäre die totale Aussiedlung aller Tschechen aus diesem Lande und seine Besiedlung mit Deutschen. Diese Lösung ist aber nicht möglich, weil es nicht genug deutsche Menschen gibt, um sofort alle Räume zu füllen, die in absehbarer Zeit zum großdeutschen Raum gehören werden. Auch wenn die Vordringlichkeit der Eindeutschung gerade des böhmisch-mährischen Raumes anerkannt wird, und auch wenn zugegeben wird, daß in diesem Raum — wenigstens aus dem Altreich und der Ostmark — leichter Deut­sche hereingebracht werden können als nach Polen, dürfte die baldige Durch­führung der radikalen Lösung unmöglich sein, will man nicht in Kauf neh­men, daß Äcker unbestellt bleiben und Städte veröden. Dies ist aber nach der Gesamtlage des Reiches unmöglich. Auch die Durchführung der radi­kalsten Lösung würde Jahrzehnte erfordern.

2. Um das Ziel der Füllung dieses Raumes mit deutschen Menschen zu erreichen, ist aber die totale Aussiedlung der Tschechen auch nicht not­wendig.

Bei genauer Betrachtung der Bevölkerung des jetzigen Protektoratsge­bietes ist man erstaunt über die große Zahl von blondhaarigen Menschen mit intelligenten Gesichtern und guter Körperbildung, Menschen, die auch im mitteldeutschen und süddeutschen Raum kaum ungünstig auffallen würden, vom ostelbischen Räume ganz zu schweigen. Bei der starken Blut­mischung mit Germanen im vergangenen Jahrtausend halte ich es für durchaus möglich, daß schon aus diesem Grunde ein großer Teil der Bevöl­kerung im Lande Böhmen und Mähren belassen werden kann. [...] Es wird vielmehr bei den Tschechen darauf ankommen, einerseits durch individuelle Zuchtwahl die rassenmäßig für die Germanisierung geeigneten Tschechen zu erhalten, andererseits die rassisch unbrauchbaren oder reichsfeindlichen Elemente (die in den letzten 20 Jahren entwickelte Intelligenzschicht) ab­zustoßen. Durch einen solchen Prozeß wird die Germanisierung erfolgreich durchgeführt werden können.

IV. Nach meiner Ansicht wird demnach das tschechische Volk weder in Bälde aus diesem Räume eliminiert werden können, noch steht fest, ob eine solche Eliminierung im Interesse des Großdeutschen Reiches wäre. Die Entscheidung der Frage, was mit jedem einzelnen Angehörigen des tschechischen Volkstums zu geschehen hat, ob er mit dem Ziele der Assimi­lierung in die deutsche Volksgemeinschaft aufgenommen oder ferngehalten werden muß, wird viele Jahre beanspruchen.

V. Es erhebt sich nun die Frage, in welcher staatsrechtlichen Form soll dieses Land während der Übergangszeit, die ich auf mindestens zwei Ge­nerationen schätze, erhalten und wie soll es verwaltet werden.

Nach dem oben Aufgeführten muß davon ausgegangen werden, daß wir mit dem Vorhandensein von rund 7 Millionen beinahe geschlossen siedeln­den Tschechen zu rechnen haben. Für die staatsrechtliche Form des Pro­tektorates für den tschechischen Reststaat waren seiner Zeit in erster Li­nie außenpolitische Gesichtspunkte maßgebend. Diese Form hat sich aber nach den in nahezu 1J/2 Jahren gesammelten Erfahrungen auch innerpoli­tisch und verwaltungsmäßig bewährt. Es liegt deshalb an sich kein Grund vor, davon abzugehen.

Für die Verwaltung des böhmisch-mährischen Raumes nur mit deutschen Beamten fehlen uns die Menschen. Für jeden staatsmännisch und praktisch zugleich denkenden Menschen liegt daher der Gedanke nahe, daß es am ein­fachsten ist, diese Tschechen sich im Rahmen des Großdeutschen Reiches und in Übereinstimmung mit seinen Zielen selbst verwalten zu lassen, ihnen also eine eigene Verwaltungsorganisation zu lassen und ihnen auch in den eben erwähnten Grenzen die Verwaltungsautonomie zu geben. Schließlich wird es dieser auf die Mehrheit der Bevölkerung abgestellten Verwaltung am besten gelingen, für Ruhe und Ordnung und damit für den reibungslosen Ablauf des täglichen Lebens in diesem Räume zu sorgen. Eine nach Art der Reichsgaue konstruierte deutsche Verwaltung könnte nur störend wirken, weil sie allzu leicht in Versuchung gerät, hier nicht passende Verwaltungs­methoden des Altreiches anzuwenden und weil sie — ihrer ganzen Art nach — viel zu intensiv ist, um nicht unnötig Widerstände hervorzurufen.

Die deutsche Verwaltung muß sich vielmehr auch in Zukunft während der Übergangszeit darauf beschränken, die Aufsicht über die eigentliche Verwaltung dieses Landes zu führen, Richtlinien zu geben, nach denen zu verwalten ist und Anordnungen zu treffen, damit die Interessen des Groß­deutschen Reiches allezeit gewahrt und gefördert werden. Die Tätigkeit der deutschen Verwaltung hier ist also eine Regierungstätigkeit. Sie ist in dem Erlaß vom 16. März 1939 klar umrissen. Ich muß eindringlich davor warnen, diese Art deutscher Verwaltung zu verlassen, ehe nicht dieser Raum ein­gedeutscht ist. Sie ist einfach und klar und führt nur dann zu Eingriffen, wenn die Durchführung der politischen Richtlinien des Führers gefährdet ist.

Daraus ergibt sich dann aber auch, daß das Tschechenproblem nur ein­heitlich und von einer zentralen Reichsstelle aus behandelt werden kann. Jede Teilung des Raumes Böhmen und Mähren gefährdet naturnotwendig die klare einheitliche Lenkung der tschechischen Verwaltung und der tschechi­schen Menschen. Ziel und Weg mögen noch so klar sein, sie werden doch durch verschiedene Verwaltungen verschieden aufgefaßt werden und dar­nach werden die Methoden ungleichartig sein. Bei der Mentalität der Tsche­chen und ihrem großen taktischen Geschick werden sie bald Mittel und Wege finden, die verschiedenen Verwaltungen gegeneinander auszuspielen. Ihre taktisch politische Geschicklichkeit ist in Jahrhunderten geschult worden. Gewaltsame Teilung des Raumes würde den politischen Nationalismus neu entfachen und die Opposition nur stärken. Daher muß die Leitung durch eine zentrale Regierungsbehörde, die in einer Hand liegt, erfolgen. Das Tschechenproblem kann nicht mit einem Schlage gelöst werden. Es handelt sich bei der Eindeutschung dieses Raumes um viele einzelne Mittel auf den verschiedensten Gebieten und weil diese Mittel viele Jahre zu ihrer Wirksam­keit erfordert, ist eine konstante einheitliche Führung des Raumes Böhmen und Mähren erforderlich. Im Volkstumskampf ist nichts abträglicher als eine schwankende Haltung und eine uneinheitliche Linie. Nur durch die zentrale Führung kann im Protektorat Reichspolitik getrieben werden; wür­den wir aber z. B. Mähren an den Gau Niederdonau abtreten, so würde nicht nur eine Differenzierung zwischen Böhmen und Mähren eintreten, son­dern der Zuwachs dieses Gebietes könnte die Ostmark selbst in ihrem Ver­hältnis zum Reich vor neue schwere Probleme stellen, die hauptsächlich auch für das Großdeutsche Reich nicht zu unterschätzende Gefahren mit sich bringen würden.

Die Notwendigkeit der einheitlichen Führung der Politik gegenüber den Tschechen wird nicht davon berührt, daß nicht alle Tschechen im Protekto­rat wohnen. Die außerhalb des Protektorates in den angrenzenden Gauen wohnenden Tschechen sind gegenüber der Masse im Protektorat bedeutungs­lose Splitter. Bei ihrer Eindeutschung oder Ausscheidung kann deshalb ein ganz anderes Tempo eingehalten werden, auch können die Methoden solchen Minderheiten gegenüber andere sein. Diese Verschiedenheiten stören nicht. Das wirkliche Tschechenproblem gibt es nur im Protektorat. Es wird des­halb auch nur hier endgültig gelöst werden können.

VI. Eine Einbeziehung des Sudetengaues in den böhmisch-mährischen Raum etwa aus historischen Gründen erscheint, selbst wenn man be­rücksichtigt, daß dadurch das Deutschtum zahlenmäßig verstärkt würde, nicht zweckmäßig.

VII. Wenn man die gigantischen Aufgaben betrachtet, die dem deut­schen Volk nach einem siegreichen Krieg bevorstehen, so wird jedem die Notwendigkeit eines sparsamen und rationellen Einsatzes der deutschen Menschen klar werden. Es sind so viele Aufgaben sofort und gleichzeitig anzupacken, daß eine vorsichtige wohlerwogene Disposition über die für die Lösung dieser Aufgaben geeigneten deutschen Menschen unbedingt not­wendig ist. Das Großdeutsche Reich wird sich in weitem Umfange auf allen Gebieten der Hilfsarbeit volksfremder Menschen bedienen und sich darauf beschränken müssen, Schlüsselstellungen mit deutschen Menschen zu be­setzen und die Sparten der öffentlichen Verwaltung zu übernehmen, bei denen es das Reichsinteresse unbedingt erfordert (z. B. Militär und Teile der Polizei. [...]

VIII. Die Vergangenheit des Landes Böhmen und Mähren, die für das deutsche Volk besonders bedeutsame Geschichte des Landes, die sich in der Geschichte der Hauptstadt Prag spiegelt und die nach menschlichem Ermessen besonders großen Aufgaben, die dieser Stadt im volksfremden Räume zukommen, läßt es als ein unbedingtes Erfordernis erscheinen, Prag in seiner Stellung als Mittelpunkt des Raumes Böhmen und Mähren nicht irgendwie durch Absplitterung von Gebietsstellen zu schwächen. Jede Stadt, die Mittelpunkt sein soll, bedarf eines genügend großen Raumes, um diese Stellung zu behalten. Eine solche Stadt muß der Anziehungspunkt eines großen Raumes mit zahlreicher Bevölkerung sein, um gleichzeitig ausstrah­len und Raum und Bevölkerung mit den Ergebnissen seiner geistigen kultu­rellen und wirtschaftlichen Arbeit befruchten zu können. Hinzu kommt bei Prag, daß es von seiner historischen Aufgabe, auch auf den weiteren Süd­osten Einfluß zu gewinnen, abgedrängt würde, wenn ihm das alte Hinter­land Böhmen und Mähren beschnitten würde, und zwar in einem Zeitpunkt, in dem dieses uralte deutsche Prag endlich wieder in die Lage versetzt ist, diesen Einfluß im Sinne und zum Nutzen des Großdeutschen Reiches aus­zuüben. Mag immer die große Politik, auch für den Südostraum, in Berlin gemacht werden, die Fäden im einzelnen, mindestens in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung, werden nach der Lage Prags und seiner Vergangen­heit doch weitgehend von hier ausgehen.

Deshalb verdient dieser Raum im großdeutschen Interesse besondere Beachtung und besondere Förderung. Man hüte sich vor Experimenten, auch rein verwaltungsmäßiger Art, die allzuleicht erschweren, daß das klare und eindeutige Ziel der allmählichen Verschmelzung von Land und Leuten mit Großdeutschland erreicht und die Aufgabe, die diesem Lande nach geo­graphischer Lage und Geschichte bestimmt ist, gelöst wird.

 

Anlage 2

1. Denkschrift iiber die Behandlung des Tschechen-Problems und die zu­künftige Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes.

Zweck der Denkschrift.

Das Protektorat Böhmen und Mähren wurde in einer bestimmten politi­schen Situation errichtet und hat seine derzeitige rechtliche und politische Ordnung aus dieser Situation (14. 3. 1939) erhalten. Die Frage, ob das Pro­tektorat mit einem Reichsprotektor an der Spitze zur Regelung des tsche­chischen Problems angemessen ist, daher aufrechterhalten werden oder einer anderen Konstruktion Platz machen soll, wird von verschiedenen Seiten aufgeworfen und ist Anlaß dieser Denkschrift. Sie will in knappen Zügen

a)      die Natur des tschechischen Problems aufzeigen,

b)      die gegenwärtige Form seiner Regelung analysieren,

c)       die vorgeschlagenen Abänderungen auf die Zweckmäßigkeit prüfen und schließlich

d)      zur Gesamtfrage selbständige Stellung nehmen.

Von der richtigen Entscheidung hängt die Lösung des tschechischen Pro­blems ab. Wir tragen damit die Verantwortung" für kommende Jahrhunderte.

A.

Die Natur des tschechischen Problems.

Die Natur des tschechischen Problems ergibt sich

— aus einem Blick auf die Land- und Völkerkarte,

— aus der Kenntnis der rassischen Verhältnisse und

— aus dem geschichtlichen Schicksal des tschechischen Volkes.

Das zu den Westslawen gehörige tschechische Volk liegt nicht nur im deut­schen politischen, sondern auch im deutschen völkischen Lebensraum. Seine Raumlage Verbietet eine politische Selbständigkeit. Die Unfähigkeit der Tschechen, sich dauernd staatlich zu organisieren, ist Raumschicksal. Das Großdeutsche Reich muß über diesen Raum und seine Bewohner politisch verfügen können. Daraus ergibt sich die Frage nach dem Schicksal des tsche­chischen Volkes und nach der staatsrechtlichen Form seiner Einverleibung in das Reich. […]

Wenn die Raumlage zur Einbeziehung Böhmens und Mährens in das Reich zwingt, so gestattet das rassische Bild der Tschechen für einen größe­ren Teil des tschechischen Volkes eine Assimilations- bzw. Umvolkungspolitik; die Vergangenheit endlich zeigt die protektoratsartige Form der Ein­gliederung Böhmens ins alte Reich in jahrhundertelanger Bewährung. [...]

B.

Analyse der gegenwärtigen staatsrechtlichen und politischen Form Böhmens und Mährens.

Mit der Protektorats-Errichtung hat der staatsrechtliche Zustand der Reichsländer Böhmen und Mähren nicht seine endgültige Form gefunden und das tschechische Problem ist damit noch nicht als gelöst zu betrachten. Vielmehr ist damit erst der Beginn eines Prozesses eingeleitet worden. Der Krieg hat auf diesen Prozeß stärkstens eingewirkt. Einerseits beschleuni­gend, insofern das Reich in kurzer Zeit eine dominierende europäische und Weltposition errungen hat und damit ein gewisser Teil außenpolitischer Rücksichten vom März 1939 weggefallen ist; anderseits hemmend, weil die Notwendigkeit des Protektoratsbeitrages zu kriegswichtigen Leistungen (Erzeugungsschlacht, Waffen- und Munitionsfabrikationen, Funktionieren von Handel und Verkehr) den Angriff gegen tschechisches Volkstum wegen eventuell auftretender Störungen des Werkfriedens auf Kriegsdauer ver­bietet.

Als absolut richtig hat sich die Einsetzung einer nur dem Führer unter­stellten zentralen Reichsgewalt erwiesen. [...]

Dennoch ist der Reichsprotektor heute zu einer sich auf dem Status quo bewegenden Verwaltungstätigkeit gezwungen. Mit dieser Art Stillhalte­politik können wir uns auf die Dauer nicht begnügen, sondern müssen eines Tages aus der passiven Haltung heraustreten und gegen diesen Raum und das tschechische Volk im Zuge einer Gesamtreichsplanung zum Angriff übergehen. Dies bedingt dann eine Änderung der staatsrechtlichen Kon­struktion des Protektorats, da das ungestörte Weiterfunktionieren des ge­genwärtigen Verwaltungsapparates des Reichsprotektors allein noch nicht die Assimilierung oder. Germanisierung der Tschechen bewirkt.

C.

Stellungnahme zu verschiedenen Partei- und sonstigen Projekten.

Verschiedene Partei- und Reichsstellen befassen sich derzeit intensiv mit der künftigen Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes und der Lösung des tschechischen Problems. Die Ursachen für solche Projekte sind:

1. Die Pläne einzelner Gauleiter betr. die Reform und Neugestaltung ihrer Gebiete. (Sudetengau, Niederdonau, Oberdonau, Schlesien usw.).

2. Staatsrechtliche Erwägungen einiger Reichsstellen über die Reichsreform und die Neuordnung des kommenden Reiches (Innenministerium, Stab Heß).

3. Gewisse wirtschaftliche und finanzielle Interessen Berliner Reichsressorts (Wirtschafts-, Finanz-, Ernährungs-, Post- und Verkehrsministerium). Fast alle diese Projekte sehen eine möglichst rasche Aufhebung des Protektorates und damit des Amtes des Reichsprotektors vor, verlangen eine Auf­teilung des heute geschlossenen. Territoriums auf drei oder vier Reichsgaue und. damit die eheste totale Eingliederung in die Reichsverwaltung. Man verspricht sich von einer solchen Aufteilung der Tschechen auf mehrere Reichsgaue — außer einer Vereinfachung der Verwaltung — eine rasche Lösung des tschechischen Volkstumsproblems, d. h. die Germanisierung in kurzer Frist durch die den Gauen innewohnende Angriff skr alt. Die Be­strebungen der Gauleitung Niederdonau laufen auf eine Abtrennung Mäh­rens und die Zusammenlegung mit dem heutigen Gau Niederdonau mit Brünn als Gauhauptstadt hinaus und sehen in Böhmen eine Art tschechi­schen „Reservates" vor. Von Niederdonau nach Schlesien soll ein deutscher Korridor geschaffen werden. Es wird dabei auch besonders auf die stamm­liche Verschiedenheit der „mährischen Slawen" spekuliert. Hierzu ist fest­zustellen:

1. Die Entscheidung über die Lösung der tschechischen Frage darf nicht abhängig gemacht werden von den Sonderinteressen einzelner Gauleiter, auch wenn solche Interessen gegenwärtig noch so berechtigt erscheinen. Es geht um die Neuordnung des Reiches und im Zuge derselben um die endgültige Lösung der Tschechenfrage, also um Reichs-, nicht um Gauinte­ressen. Diese sind jenen unterzuordnen. Die Betonung des Primates des Reichsinteresses schließt weder die Einschaltung der in den anstoßenden Grenzgebieten bodenständigen und im Volkstumskampf bewährten Kräf­te, noch die Rücksichtnahme auf die Belange der in diesen Gebieten heimischen Wirtschaft aus, einer Wirtschaft, die seit jeher in Böhmen und Mähren ihr natürliches Hauptabsatzgebiet hatte.

2. Die Meinung, durch Aufteilung des geschlossen siedelnden Volkskörpers auf mehrere Reichsgaue die Tschechen rascher germanisieren zu können — die totale Aussiedlung halten auch diese Projekte für undurchführ­bar — ist deshalb irrig:

a) weil die erste Reaktion auf die Teilung eine Verstärkung der politi­schen Spannung im Tschechentum, ein Aufflammen des Widerstandes und eine neue Politisierung der Tschechen wäre, während ihre Entpolitisierung und Amorphisierung erwünscht ist;

b) weil Verwaltungsgrenzen ein einheitliches Volkstum nie zerstören kön­nen und mit einer verwaltungsmäßigen Aufteilung leider das einheits­bewußte Tschechentum nicht zu existieren aufhört. Die Geschichte beweist dies in Polen, das dreimal durch Teilungen drei verschiedenen Staaten eingegliedert wurde. Die politische Regeneration des Polentums hat dann erst recht begonnen;

c) weil einem in Wirklichkeit einheitlich bleibenden tschechischen Volks­tum keine einheitliche Reichsgewalt, sondern eine Mehrzahl erfahrungs­gemäß verschieden prozedierender und experimentierender Gauämter oder Reichstatthaltereien gegenüberstünde. Die deutsche Kraft würde zersplittert, das vitale tschechische Volkstum mit diesen deutschen Teilkräften leichter fertig;

d) weil eine so offizielle „tschechische Teilung" eine scharfe außenpoliti­sche Gegenwirkung bringt und die Großraumpolitik des Reiches im Südosten stört. Dazu kommt, daß die Tschechen nicht durch Krieg ein­verleibt wurden, sondern um Schutz baten, was zu tun andere Süd­ostvölker vielleicht abschrecken könnte. Es sei noch bemerkt, daß die Schaffung eines „tschechischen Reservates" in Böhmen keine konstruktive Lösung bedeutet, weil dadurch neue Ver­waltungsprobleme auftreten, diese tschechische Reservation nicht germani­siert und dadurch das Problem konserviert wird. Außerdem läßt sich die Vermehrung dieser Tschechen in der Reservation kaum unterbinden und sie beginnen die benachbarten Grenzgebiete in Kürze neu zu unterwandern.

D.

Eigene Stellungnahme.

Das Ziel der Reichspolitik in Böhmen und Mähren muß die restlose Germa­nisierung von Raum und Menschen sein. Um sie zu erreichen, gibt es zwei Möglichkeiten:

I. Die totale Aussiedlung der Tschechen aus Böhmen und Mähren in ein Ge­biet außerhalb des Reiches und Besiedlung des freigewordenen Raumes mit Deutschen.

Oder

II. bei Verbleiben des Großteils der Tschechen in Böhmen und Mähren die gleichzeitige Anwendung vielfältiger, der Germanisierung dienender Me­thoden nach einem X-Jahresplan.

Eine solche Germanisierung sieht vor:

1. Die Umvolkung der rassisch geeigneten Tschechen;

2. die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und der reichs­feindlichen Intelligenzschicht, bezw. Sonderbehandlung dieser und aller destruktiven Elemente;14

3. die Neubesiedlung dadurch freigewordenen Raumes mit frischem deut­schen Blut.

ad I.

Die totale Aussiedlung von 7,2 Millionen Tschechen halte ich für undurch­führbar,

a)      weil kein Raum vorhanden, wo sie neu angesiedelt werden können;

b)      weil keine deutschen Menschen vorhanden sind, die den leergeworde­nen Raum sofort füllen können;

a)      weil das hochzivilisierte, wirtschaftlich und verkehrstechnisch hoch­empfindliche Herzland Europas keine Störung seiner Funktion und kein Vakuum verträgt;

b)      weil Menschen Reichskapital sind und wir im neuen Reich die Arbeits­kraft von 7 Millionen Tschechen nicht entbehren können;

c)       weil wahrscheinlich die Schockwirkung auf andere Südostvölker un­erwünscht ist.

ad II.

Die Germanisierung kann jedoch nach meiner Meinung erreicht werden durch die hier angeführten drei Möglichkeiten. Die erfolgreichen Assimilierungsversuche früherer Jahrhunderte, die dadurch entstandene und oben beschriebene rassische Niveaugleichheit von Millionen Tschechen mit den Deutschen und die Anziehungskraft des neuen Reiches ermöglichen und lassen es wahrscheinlich erscheinen, daß mehrere Millionen Tschechen einer echten Umvolkung zugeführt werden können.

Diesen umvolkbaren Teil des tschechischen Volkes von dem rassisch minderwertigen zu trennen, ist Aufgabe von eigenen hierzu bestellten Un­tersuchungskommissionen. (Evtl. im Rahmen des öffentlichen Gesundheits­dienstes.)

Über eine systematisch durchgefühlte politische Neutralisierung und Entpolitisierung muß man zunächst zu einer politischen (geistigen) und dann zu einer völkischen Assimilierung des tschechischen Volkes kommen, um schließ­lich die echte Umvolkung zu erreichen.

Dieser Prozeß wird sowohl im Protektoratsgebiete selbst als auch weit­gehend im binnendeutschen Räume vor sich gehen müssen. Planvolle und zielsichere Methoden sind in allen Bereichen des Volkslebens elastisch und in größter Vielfalt und Mannigfaltigkeit anzuwenden. Es können hier nur in großen Umrissen einige dieser Methoden angedeutet werden:

Arbeiterschaft:

Hebung des Lebensstandards — Teilnahme an sozialen Errungenschaften des Nationalsozialismus (DAF, KdF — Gewährung von offensichtlichen Vorteilen bei Bekenntnis zum Deutschtum, Ausschaltung jeder Diffamie­rung) — Großzügiger Arbeitsplatztausch mit dem Altreich einschließlich Familienübersiedlung — Als Anreiz gewisse Lohngefälle — Altreich — Pro­tektorat beibehalten — Dienstmädchenschub ins Altreichdetto Kellner, Diener, Musikanten usw.

Bauernschaft:

Teilhaftwerden tschechischer Bauern an Vorteilen der bauernfreundlichen deutschen Agrarpolitik — Gute Markt-und Preispolitik — Erbhoffähigkeit nur für deutsche Bauern — (Deutsche Wehrbauernsiedlung entlang der Ostgrenze).

Bürgertum:

Handel- und Gewerbestand materiell fördern — Beamtenschaft gesellschaft­liche Vorteile bieten — Eröffnung persönlicher Chancen — Avancements — Verleihung von Auszeichnungen.

Jugend:

Grundlegende Änderung der Schulbildung — Ausrottung des tschechischen Geschichtsmythos — Erziehung zum Reichsgedanken —- Ohne perfekte Kenntnis der deutschen Sprache kein Vorwärtskommen — Erst Abschaf­fung der Mittelschulen, dann auch der Volksschulen — Nie mehr tschechische Hochschulen, nur für Übergang „Collegium bohemicum" bei der deutschen Universität in Prag — Erst zweijährige Arbeitsdienstpflicht, dann Militär­dienstpflicht — Zuerkennung der Ehre, deutscher Offizier werden zu kön­nen.

Großzügige Bodenpolitik, Schaffung deutscher Stützpunkte und deutscher Landbrücken, vor allem Vortreiben des deutschen Volksbodens vom Norden her bis in die Vororte Prags.

Kampf gegen die tschechische Sprache, die wie im 17. und 18. Jahrhundert nur Umgangssprache (Mundart) werden, als Amtssprache vollständig ver­schwinden soll.

Ehepolitik nach vorhergegangener rassischer Untersuchung. Bei Assimilie- rungsversuchen im Altreich müssen die Grenzgaue ausgeschaltet bleiben. Neben ständiger Werbung für das Deutschtum und Gewährung von Vor­teilen als Anreiz schärfste Polizeimethoden mit Landesverweisung und Sonderbehandlung gegen alle Saboteure; Grundsatz „Zuckerbrot und Peitsche"!

Die Anwendung aller dieser Methoden hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn eine einzige zentrale Reichsgewalt mit einem Mann an der Spitze ihre Planung, Lenkung und Durchführung bestimmt. Die direkte Unterstellung des „Herrn in Böhmen" unter den Führer stellt den politischen Charakter des Amtes und der Aufgabe klar und verhindert das Absinken des politi­schen Problems zu einem Verwaltungsproblem. Nur dadurch wird die Auf­gabe dem Ressortehrgeiz und dem Pluralismus der Ministerien und anderer Reichs-wie Parteidienststellen entzogen. Dem Tschechen imponiert immer nur der unmittelbare Einsatz der Reichsgewalt. Mit drei oder vier verschie­denen Provinzialismen wird er bei seinem politischen Geschick und seiner in Jahrhunderten geschulten Taktik leicht fertig, zumal zunächst „Mütter­chen Prag" auf alle Fälle das politische Gehirn der tschechischen Nation bleiben wird. Gegen dieses Grundgesetz verstößt darum auch jede Teilung des Protektoratsgebietes.

Bis im geplanten Umvolkungsprozeß entsprechende Erfolge erreicht worden sind, spreche ich mich daher aus:

1. Für die Aufrechterhaltung der territorialen Einheit des heutigen Pro­tektoratsgebietes. Grenzberichtigungen kleineren Umfanges zu Gunsten der angrenzenden Gaue oder aus technischen Gründen sind jederzeit möglich. (Pilsen, Mährisch-Ostrau, Neuhaus usw.)

2. Für die Aufrechterhaltung einer zentralen Reichsgewalt in Prag mit einem Mann an der Spitze, der dem Führer unmittelbar unterstellt und mit allen notwendigen Vollmachten für die Germanisierung aus­gestattet ist.

3. Für stufenweisen Abbau der Autonomie der Tschechen und vorsichtigen, allmählichen Abbau des hiermit in Verbindung stehenden tschechischen Staatsapparates, beginnend bei den obersten Behörden, aber Beibehal­tung eines tschechischen Beamten- und Angestelltenkörpers.

Beibehaltung dieses Körpers deshalb,

a)      weil wir aus Beamtenmangel nicht in der Lage sind, die 7.950 Gemeinde­verwaltungen, 92 Bezirkshauptmannschaften und 2 Landesbehörden mit deutschen Organen zu besetzen, und wir im kommenden Reich bei den uns erwachsenden Riesenaufgaben genötigt sind, uns weitgehend der Tschechen zu bedienen;

b)      weil der tschechische Verwaltungsapparat — auch während des Krieges — dank der deutschen Faust, die ihn lenkte, im großen und ganzen funktionierte, auch künftighin funktionieren und bei eigener tschechi­scher Verantwortung Ruhe und Ordnung im eigenen Interesse halten wird;

c)       weil es genügt, wenn wir mit einem verhältnismäßig kleinen, aber gut geschulten deutschen Beamtenkörper alle wichtigen Schlüsselstellungen in den oberen Verwaltungsbehörden besetzen und statt selbst Kleinkram zu verwalten, Weisungen erteilen und führen, d. h. regieren.

Meine Stellungnahme setzt die Absicht voraus, Raum und Menschen im Protektorat germanisieren zu wollen. Sie behandelt daher nicht die Frage einer absoluten „Deklassierung" des tschechischen Volkes zu einem reinen Hilfsvolk aus rassischen Gründen (Askaristandpunkt!), das gesellschaftlich verfemt und mit dem eine Ehe einzugehen verboten werden müßte. Die praktische Durchführbarkeit einer totalen Deklassierung wird vielmehr für undurchführbar gehalten und nur eine individuelle Deklassierung als beson­dere Methode einer „Sonderbehandlung" nach D II/2 in Rechnung gestellt. Sie erscheint nach den Ausführungen dieser Denkschrift auch nicht notwendig noch wünschenswert, weil eine Lösung der Tschechenfrage und die damit verbundene endgültige Befriedung des jahrhundertealten böhmisch- mährischen Brandherdes in Europa auf dem vorgeschlagenen Wege erreicht werden kann.

Nach Ablauf einer gewissen Übergangszeit, innerhalb welcher der Umvolkungsprozeß einheitlich in vollen Gang gebracht sein muß, steht einer Aufteilung des heutigen Protektoratsgebietes auf das Reich oder der Schaffung neuer Reichsgaue nichts mehr im Wege.

Prag, den 28. August 1940.

gez. Frank.

 

13) K. H. Frank sandte bereits am 26. Juni 1940 an Himmler einen vorläufigen Bericht über die "Vorbereitungen einer in den böhmischen Ländern durchzuführen­den Germanisierung. In dem Bericht heißt es unter anderem:

„Durch den Krieg bedingt, kann im Protektorat zunächst nur eine oberflächliche äußere Eindeutschung stattfinden . . . Entscheidend für den Eindeutschungs­prozeß sind die sich auf die Durchführung der Bodenreform und die Einflußnahme auf die Wirtschaft beziehenden Pläne. Auf dem Gebiet der Bodenreform liegen brauchbare, vom Bodenamt ausgearbeitete Pläne zu der Frage vor, wie die Auf­teilung von Grund und Boden (Groß-, Mittel- und Kleinbesitz) gedacht ist. Offen­geblieben ist die Frage, wer der Träger der Siedlung werden soll. Ungünstig sehen die Dinge in der Wirtschaft aus. Es ist zwar eine merkliche Einflußnahme ver­schiedener deutscher Großkonzerne im Protektorat spürbar. Das kommt aber einer Auswechslung der leitenden Personen gleich — ohne nennenswerte Rück­wirkungen auf die Stärkung der Zahl der deutschen Angestellten und Arbeiter und deren soziale und wirtschaftliche Betreuung…

Wenn sich auf Grund der vorstehenden Ausführungen die Durchführung der Generalplanung realisieren läßt, so hätte das den Vorteil, dem Führer eine aus den Erfahrungen des Volkstumskampfes im Protektorat gewonnene und den Notwen­digkeiten der völkischen Zukunft gerecht werdende Lösung für das Schicksal der im Protektorat zusammengeschlossenen Länder Böhmen und Mähren zu gegebe­ner Zeit vortragen zu können."

14) Auf die Frage, was der Begriff „Sonderbehandlung" bedeute, antwortete K. H. Frank bei seiner Einvernahme vor dem Volksgericht: „Sonderbehandlung bedeu­tet, diese Menschen ohne richterliches Urteil auf Grund staatspolizeilicher Fest­stellungen des Tatbestandes exequieren zu lassen."

Eine ganze Reihe von Dokumenten über die Tätigkeit der Okkupationsmacht in der Tschechoslowakei erbringt den Nachweis, daß Tausende von tschechischen Patrioten von der Praxis „Sonderbehandlung" betroffen wurden. Diese Praxis wurde besonders seit 1942 in starkem Ausmaß angewendet, wie es z. B. nach­stehende Dokumente beweisen. Aktenvermerk K. H. Franks über seinen Besuch bei Hitler am 27. 5. 1942: Hitler; „Als Sühnemaßnahme sind 10 000 verdächtige Tschechen oder solche, die politisch etwas auf dem Kerbholz haben, zu ergreifen bezw. soweit sie bereits in Haft sind, in den Konzentrationslagern zu erschießen."

Aus Himmlers Telegramm an Frank vom 27. 5. 1942:

„Unter den befohlenen 10 000 Geiseln ist in erster Linie die gesamte oppositionelle tschechische Intelligenz zu verhaften. Von den Hauptgegnern aus dieser tschechi­schen Intelligenz sind heute Nacht bereits die hundert wichtigsten zu erschießen."

Bericht an den Befehlshaber des SD und der SP Böhme vom 30. 6. 1942: „Der Obergruppenführer hat befohlen, daß Personen, die sich im Zusammenhang mit dem Attentat reichsfeindlich äußern oder das Attentat billigen oder irgendwie zum Attentat positiv Stellung nehmen, standgerichtlich abgeurteilt und erschossen werden. Die Erschießung ist jeweils innerhalb eines Bezirkes durch Plakatanschlag mit Begründung der Bevölkerung bekanntzugeben."

Aussage K. H. Franks am 18. 1. 1946:

Zwischen dem 12. und 18. Juni 1942 wurde mir von Himmler ein Befehl Hitlers von ungefähr folgendem Inhalt übermittelt: „Da die Täter des Attentats und ihre Helfershelfer nicht gefunden wurden, weil sie die tschechische Bevölkerung trotz täglicher Warnung durch Rundfunk und Presse verbirgt und unterstützt, sind 30 000 politisch unzuverlässige und verdächtige Tschechen standrechtlich zu er­schießen."

Kriegstagebuch des Befehlshabers der Ordnungspolizei 20. 6. 1942:

„Gründlich durchsucht wurden im Zuge der Großfahndung bis heute etwa 15 000 qkm mit fast 5000 Ortschaften. Ergebnisse: Festnahmen: 1148 Personen. Beschlagnahme: 313 Waffen versch. Art. Zahl der Erschossenen: 657 Personen. Eingesetzte Kräfte: etwa 1500 Offz. u. Wachtmeister."

Befehl K. H. Franks vom 19. November 1942:

„Mit dem heutigen Tage befehle ich, daß im Dienst und außer Dienst bei dem geringsten Verdacht eines Angriffes von Seiten eines Tschechen oder beim gering­sten Widerstand anläßlich einer Verhaftung sofort von der Schußwaffe Gebrauch zu machen ist. Besser 10 Tschechen tot als ein Deutscher beleidigt oder verwundet !" „Alle Angehörigen der SS, sowie d. Ordn.- und Sicherheitspolizei sind diesem Befehl entsprechend zu unterweisen und ständig auf die sie umgebenden Gefahren aufmerksam zu machen."

Source
Die Vergangenheit warnt. Dokumente über die Germanisierungs- und Austilgungspolitik der Naziokkupanten in der Tschechoslowakei. Hg. von Václav Král. Prag 1960, Dok. 6, S. 59-73. 
Copyright
Distribution and reproduction only for scientific purposes. 
Created
31.08.2015 
Changed
31.08.2015 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Vorschläge Neuraths und Franks über die Frage des Schicksals des tschechischen Volkes in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Protektorat Böhmen und Mähren", bearb. von Stefan Lehr (Münster). URL: https://www.herder-institut.de/en/resolve/qid/2930.html (Zugriff am 25.02.2017)