Anweisung zur Gründung bewaffneter Untergrundkräfte und zu deren interner Organisation

Instruktion von General Sosnkowski an General Rowecki über die Bildung des Związek Walki Zbrojnej, d.h. detallierte Anweisung zur Gründung bewaffneter Untergrundkräfte und zu deren interner Organisation, Aufgaben sowie Kontakt zur polnischen Exilregierung, 4.12.1939

LB. 45/40/geh.

4 Dezember 1939

Kuriersendung

ANWEISUNG für den

Bürger Rakoń

                                                                       I.

Aufgrund einer Regierungsentscheidung wird eine geheime militärische Organisation in den besetzten Gebieten unter dem Namen „Verband für den Bewaffneten Kampf“ (pl. Związek Walki Zbrojnej) ins Leben gerufen.

Der Regierungschef und der Oberbefehlshaber haben mich am 13. November zum Oberkommandanten dieser Organisation ernannt. Ich werde auf diesem Posten dem Oberbefehlshaber direkt unterstellt sein und als sein Vertreter tätig sein.

                                               II. ZIEL DER ORGANISATION

a) Durch den Zusammenschluss ausgewählter Einzelpersonen in Geheimverbänden werden Zentren des aktiven nationalen Widerstands geschaffen, die dem Zusammenbruch moralischer Kräfte innerhalb der polnischen Gesellschaft entgegenwirken.

b) Die Organisation wird beim Wiederaufbau des Staates durch den bewaffneten Kampf mitwirken. Sobald die polnische Armee ins Land einmarschiert, wird die Organisation aufgelöst und in die Reihen der regulären Armee eingegliedert.

                                   III. OPERATIONSBEREICHE UND FORMEN

a)      Mitwirken bei der Aufklärung der Gesellschaft über die wichtige aktuelle politische und militärische Lage sowie beim Kampf gegen deutsche und bolschewistische Propaganda.

b)      Pflege der feindlichen Einstellung gegenüber dem Besatzer und der Rachsucht.

c)     Im Rahmen der von der polnischen Regierung definierten Richtlinien werden Repressionen gegenüber Personen ausgeübt, die private, organisatorische und politische Kontakte mit den Besatzern pflegen, ...v... [sic!] einschließlich der Bestrafung im Falle eines offensichtlichen Verrates.

d)      Während der Besatzung wird eine Sabotage- und Kampfaktion auf dem gesamten polnischen Gebiet durchgeführt. Über den Zeitpunkt, Charakter und Umfang der Aktion entscheiden – auf Antrag des Oberkommandanten des Verbandes für den Bewaffneten Kampf – Ministerpräsident und Oberbefehlshaber.

e)      Personalschulung der Militärabteilung; Zusammentragen der Mittel für den bewaffneten Kampf; Vorbereitung des Aufstandes, hinter dem Rücken der Besatzungsarmee, der mit dem Einmarsch der regulären polnischen Armee ins Land erfolgen wird.

            IV. POLITISCHE CHARAKTERISTIKA DER ORGANISATION

a) Der Verband für den Bewaffneten Kampf ist eine einheitliche Organisation, die als  einzige auf dem Staatsgebiet tätig ist. Sie darf auf keinen Fall ein Verband von mehreren verwandten Organisationen werden.

b) Der Verband für den Bewaffneten Kampf ist eine polenweite, überparteiliche, standesunabhängige Organisation. In ihren Reihen versammelt sie alle aufrechten Polen unabhängig ihrer politischen und sozialen Ansichten, die bereit sind, im Rahmen einer konspirativen Arbeit gegen die Besatzer bewaffnet zu kämpfen und die die hohen moralischen Anforderungen, die für solch eine Arbeit vorausgesetzt werden, erfüllen.

c)  Die Rekrutierung von Mitgliedern für den Verband für den Bewaffneten Kampf erfolgt individuell, jedoch über aktive organisierte, soziale, gesellschaftliche, politisch-ideologische und politische Kreise aus dem gesamten Staatsgebiet. Im Anhang befindet sich das Verzeichnis aller dieser Organisationen. Der Oberkommandant des Verbandes für den Bewaffneten Kampf wird Wünsche, Hinweise und Weisungen der betreffenden politischen Minister bezüglich der Rekrutierungsmethoden auf dem Tätigkeitsgebiet der jeweiligen Organisationen berücksichtigen, jedoch dürfen diese Hinweise nicht im Widerspruch zu den Zielen und der Ordnung des Verbandes für den Bewaffneten Kampf stehen.

d)  Bei der Mitgliederrekrutierung und im Laufe der organisatorischen Arbeit gibt es keine privilegierten Kreise. Auf dem gesamten Staatsgebiet gilt in dieser Hinsicht die Startgleichheit und die gleichen Rechte für alle Parteien sowie für alle sozialen und ideologischen Gruppierungen, die unter einer bestimmten politischen Leitung aktiv sind. Innerhalb des Verbandes für den Bewaffneten Kampf dürfen keine Kämpfe um den politischen Einfluss im Staat ausgefochten werden.

V. PRINZIPIEN DER ORGANISATIONSSTRUKTUR

a) Jeder Pole (jede Polin) mit makellosem Ruf darf Mitglied des Verbandes für den Bewaffneten Kampf werden. Aufgenommen werden Personen, die das 17. Lebensjahr erreicht haben und die bereit sind, die Ziele der Organisation als ihre eigenen anzunehmen, sich bedingungslos in ihre Ordnung einzufügen und die einen schriftlichen Eid leisten.

b) Die kleinste Einheit bildet eine Sektion, die aus fünf Mitgliedern besteht; an ihrer Spitze steht die Sektionsleitung.

c) Es werden männliche und weibliche Abteilungen geschaffen. Weibliche Abteilungen werden vor allem im Bereich Propaganda, Pressevertrieb, Nachrichtenübermittlung, Transport und Sanitätsdienst eingesetzt.

d) Mehrere Sektionen (jedoch nicht weniger als zwei und nicht mehr als fünf), die in dem gleichen Ort tätig sind – bilden einen Zug. An der Spitze jedes Zuges steht der Zugführer.

e) Es werden keine höheren organisatorischen Einheiten gebildet; für größere Kampfaktionen und Übungen können jedoch mehrere Züge zusammengeschlossen werden.

f) Die Befehlsgewalt einer Organisation umfasst größere Städte (über 10.000 Einwohner) oder ein Kreisgebiet (nach der alten polnischen Verwaltungsstruktur), beziehungsweise einen Teil, falls der Kreis von den beiden Besatzern durch eine Demarkationslinie halbiert wurde.

g) Die Befehlsgewalt einer Organisation umfasst größere Städte (über 10.000 Einwohnern) oder ein Kreisgebiet (nach der alten polnischen Verwaltungsstruktur), beziehungsweise einen Teil, falls der Kreis von den beiden Besatzern durch Demarkationslinie halbiert wurde. (so im Scann. Anmerkung der Übersetzerin)

h) An der Spitze jedes Kreises und Bezirkes steht ein Kreis- und Bezirkskommandant.

i) Die deutsche Besatzung wurde in vier Hauptquartiere geteilt: Hauptquartier Nr. 6 in Thorn (Toruń), Hauptquartier Nr. 5 in Posen (Poznań), Hauptquartier Nr. 4 in Krakaus (Kraków) und Hauptquartier Nr. 1 mit Sitz in Warschau (Warszawa).

Die sowjetische Besatzung wurde in zwei Hauptquartiere: Hauptquartier Nr. 2 mit Sitz in Białystok und Hauptquartier Nr. 3 mit Sitz in Lemberg (Lwów).

Die Trennungslinien zwischen den jeweiligen Hauptquartieren werden in Sonderanweisungen festgelegt.

j) Im Ausland werden zurzeit territoriale Stützpunkte gegründet, die ein Netzwerk der Grenzübergänge sowie Lager von illegaler Presse, Gewehre und technische Mittel beherbergen. An der Spitze jedes Stützpunktes steht ein Kommandant. Zurzeit werden drei Stützpunkte errichtet: ein ungarischer (Nr. 1), ein rumänischer (Nr. 2) und ein litauischer (Nr. 3). Die Zahl der Stützpunkte wird nach Möglichkeit und Bedarf vergrößert.

VI. ORGANISATIONSORDNUNG

a)     Der Verband für den Bewaffneten Kampf ist eine strickte, geheime, militärische Organisation, die sich bedingungslos auf die Prinzipien der Rangordnung, des Gehorsams und der Disziplin stützt. Jeder Kandidat, der dem Verband beitritt, legt den folgenden Eid ab:

„Vor Gott dem Allmächtigen — und der heiligen Maria, Königin der polnischen Krone, lege ich meine Hände auf das heilige Kreuz, das Symbol des Leidens und der Erlösung — und schwöre, dass ich treu und fest über die Ehre Polens Wache halten werde und dass ich mit all meinen Kräften für seine Befreiung kämpfen werde, auch wenn es mein Leben koste. Ich werde allen Befehlen der Verbandsbehörde gehorsam folgen und ich werde jedes Geheimnis vorbehaltlos wahren, was immer mir begegnen sollte.“

Nachdem der Kandidat den folgenden Eid geschworen hat, wird von dem Abnehmer folgende Formel ausgesprochen:

„Ich nehme dich in die Reihen der Freiheitssoldaten auf. Deine Pflicht ist es, für die Wiedergeburt der Heimat mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Dein Preis wird der Sieg sein. Verrat wird mit dem Tod bestraft“. 

Bemerkung: Im Eidestext für Andersgläubige werden die Worte zwischen Gedankenstrichen weggelassen.

b) Ausscheiden aus den Reihen des Verbandes für den Bewaffneten Kampf darf man nur nach der Bewilligung der oberen Befehlshaber, zum Beispiel des Bezirksbefehlshabers oder anderer höherer Befehlshaber, wobei die Sanktionen für den Verrat eines Geheimnisses weiterhin bindend bleiben.

c) Disziplinarstrafen für unsorgfältige Pflichtausübung werden im Sonderkodex bestimmt, dem die Militärnormen zugrunde liegen und der zusätzlich den Bedingungen der Geheimarbeit angepasst wird.

d) Das Geheimsystem stützt sich auf folgende Prinzipien:

—  Pseudonyme der Mitglieder,

—  die Erteilung der Befehle erfolgt mündlich und beruht auf dem Gedächtnissystem bei Beschränkung der schriftlichen Form auf das unentbehrliche Minimum,

—  das System des Nachrichtenverkehrs stützt sich auf das Losungsprinzip und mündliche und materielle Aufrufe,

—  organisatorische Kontaktaufnahmen finden in geheimen Quartieren statt, die ständig gewechselt werden, dabei dürfen die jeweiligen Adressen über entsprechende Funkstationen ausschließlich nach der Angabe der Losung erfahren werden,

—  jeder Soldat des Verbandes für den Bewaffneten Kampf kennt im Prinzip nur seine Kameraden aus der Sektion; Kontakte zwischen den jeweiligen Quartieren verlaufen nach der Rangordnung und folgen dem Prinzip: immer nur eine Ebene höher,

—  ein zusätzliches Bestrafungssystem für Schwatzhaftigkeit und Nichtbefolgung von Geheimprinzipien wird im Disziplinarkodex vorgesehen,

—  das wichtigste Prinzip: Bei der Wahl der Mitglieder soll besonderen Wert auf die Qualität der Mitglieder gelegt werden, auf ihren unzweifelhaften moralischen Wert. Hierbei soll betont werden, dass der größte Fehler in der Bestrebung liegen würde, den quantitativen Erfolg zu erzielen. In diesem Sinn wird die Rekrutierung nicht mehr als 500 Mitglieder innerhalb der einzelnen Gebiete das erste Ziel der Organisation; in der Regel werden die Rekrutierungspläne hinsichtlich der Anzahl durch Befehle des Oberkommandanten festgelegt.

[...]

                                   VIII. MILITÄRISCHE UND SABOTAGEAKTIONEN

             Zurzeit lässt die Polnische Regierung keine bewaffnete Aktion auf dem Staatsgebiet zu, denn zum einen bleibt im Moment das politische Ziel solch einer Aktion unklar, zum anderen würde in diesem Moment, zu Beginn der Organisation, eine bewaffnete Aktion aller Wahrscheinlichkeit nach eher schwach ausfallen; ihr Umfang wäre winzig, könnte höchstens nur ein paar Orte im Land erreichen. Dabei hätte eine solche Aktion Repressionen im Land zur Folge, die höchstwahrscheinlich nicht verhältnismäßig zu dem Ergebnis einer solchen Aktion gewesen wären, die jedoch den Besatzern einen Grund für eine rücksichtslose Ausrottung von Polen gegeben hätte.

Haltet euch auch von Sabotageaktionen zurück und wartet auf Weisungen des Oberbefehlshabers hinsichtlich des weiteren Vorgehens. Eurerseits schickt mir eure Vorschläge, in denen ihr Möglichkeit und Zweckmäßigkeit eines ähnlichen bewaffnen Aufstandes auf euren Gebieten schildert.   

Im Moment soll sich die gesamte Kraft auf den Aufbau der Organisation und die Knüpfung von Verbindungen konzentrieren.

Source
Instrukcja dla Obywatela Rakonia, in: Armia Krajowa w dokumentach 1939-1945 [Die Heimatarmee in Dokumenten]. 6 Bde. Wrocław u.a. 1990-1991. Bd. 1. S. 10-15. 
Translation
Anna Helena Religa 
Copyright
Distribution and reproduction only for scientific purposes. 
Created
19.06.2012 
Changed
18.04.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Instrukcja dla Obywatela Rakonia in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/en/resolve/qid/1122.html (Zugriff am 18.02.2020)