Einführung von Zwangsmassnahmen

Information über die Durchführung der Landarbeiteraktion, insbesondere die Einführung von Zwangsmassnahmen, 26. April 1940

Krakau, den 26. April 1940

Amt des Generalgouvemeurs

für die besetzten polnischen Gebiete

Abteilung Arbeit

G.Z.: II 5770 23/40

Runderlass Nr. 57/1940

An

die Herren Leiter der Abt. Arbeit bei den Chefs der Distrikte und

die Herren Leiter der Arbeitsämter im Bereich des Generalgouvernements.

Betrifft: Weitere Durchführung der Landarbeiteraktion, insbesondere Einführung von Zwangsmassnahmen.

Unter Bezugnahme auf die Besprechungen, die am 22. und 23. ds. Ms. in Anwesenheit des Herrn Staatssekretärs Dr. Syrup mit den Leitern der Abteilungen Arbeit bei den Chefs der Distrikte hier geführt worden sind, wird nach Benehmen mit dem Höheren SS- und Polizeiführer sowie der Abteilung Innere Verwaltung im Amt des Generalgouverneurs folgendes mitgeteilt bzw. angeordnet:

  1. Die bislang der deutschen Landwirtschaft zur Verfügung gestellten Arbeitskräfte reichen bei weitem nicht aus, um den dringenden Bedarf zu decken. Die auch dort bekannte Lage der Landwirtschaft im Reich erfordert unter allen Umständen die Bereitstellung einer weit grösseren Zahl von Arbeitskräften in kurzer Zeit. Mit Rücksicht auf diese Situation hat sich der Herr Generalgouverneur entschlossen, die Aktion in den nächsten Wochen in verstärktem Umfange durchzuführen und notfalls Zwangsmassnahmen zur Anwendung zu bringen.
  2. Eine Überprüfung des Bedarfs der Aufnahmebezirke durch den Herrn Reichsarbeitsminister hat zu einer Neufestsetzung der Kon­tingente der einzelnen Landesarbeitsamtsbezirke geführt. Bei dieser Neufestsetzung ist insbesondere der aus verschiedenen Gründen notwendig gewordene bezirkliche Austausch von polnischen Kriegsgefangenen berücksichtigt worden. Aus der beiliegenden Übersicht ist die Verteilung der neuen Kontingente auf die einzelnen Landesarbeitsamtsbezirke ersichtlich; gleichzeitig ergeben sich daraus die Zahl der bislang gestellten Kräfte, sowie der Umfang des noch zu deckenden Bedarfs. Infolge der verschiedenen Abgabekapazität der Arbeitsämter im Generalgouvernement ist eine unterschiedliche Belieferung der Aufnahmebezirke erfolgt. Diese Unterschiede sind im Benehmen mit dem Herrn Reichsarbeitsminister durch Zugverlegungen bereits teilweise ausgeglichen worden. Weitere Ausgleichsmassnahmen werden von hier aus von Fall zu Fall angeordnet. Grundsätzlich gilt für die Abfertigung der Transporte im Monat Mai der auf der Fahrplankonferenz in Leipzig festgelegte und Ihnen bereits ausgehändigte Mai-Fahrplan.

Die auf die einzelnen Distrikte entfallenden Kontingente ergeben sich aus den auf der Amtsleitertagung am 29. März ds. Jhs. ausgehändigten Übersichten. Danach wären zu stellen:

 

vom Distrikt Krakau

128 800 Kräfte,

vom Distrikt Warschau

133 500 Kräfte,

vom Distrikt Radom

157 300 Kräfte,

vom Distrikt Lublin

85 700 Kräfte,

insgesamt also

505 300 Kräfte.

 

Nach dem vom Herrn Reichsarbeitsminister auferlegten neuen Kontingent sind insgesamt

529 600 Kräfte

zu stellen. Von einer Verteilung der

24 300 Kräfte,

die danach gegenüber dem früheren Kontingent mehr zu stellen sind, auf die einzelnen Distrikte sehe ich jedoch zunächst ab, verweise vielmehr 'auf die von den Leitern der Abteilungen Arbeit bei den Chefs der Distrikte in den mündlichen Verhandlungen vorgebrachten Ziffern.               

Die Verteilung der auf die einzelnen Distrikte entfallenen Kontingente auf die Arbeitsamtsbezirke ist Aufgabe der Abteilungen Arbeit bei den Chefs der Distrikte, die Verteilung der auf die einzelnen Arbeitsamtsbezirke entfallenen Kontingente auf die zugehörigen Kreishauptmannschaften und Wojtsschaften ist Aufgabe der Arbeitsämter im Benehmen mit den Kreishauptleuten. Die Kontin­gentsverteilung hat, soweit dies nicht schon geschehen ist, nunmehr unverzüglich zu erfolgen.

3. )       Wie bisher soll auch in Zukunft grundsätzlich am Prinzip der Freiwilligkeit festgehalten werden; insoweit läuft die Aktion der freiwilligen Anwerbung von Arbeitskräften weiter. Da, wie bereits ausgeführt, der Herr Generalgouverneur sich jedoch entschlossen hat, notfalls Zwangsmassnahmen zur Anwendung zu bringen, hat der Herr Generalgouverneur sich erneut in einem Aufruf an die polnische Bevölkerung gewandt, auf die Notwendigkeit sofortiger Arbeitsaufnahme im Reich hingewiesen und es der polnischen Bevölkerung zur Pflicht gemacht, sich für die Arbeitsaufnahme im Reich sofort zur Verfügung zu stellen. Ein Abdruck dieses Aufrufs vom 24. April 1940 ist beigefügt. Der Aufruf wird in 60 000 Exemplaren gedruckt und geht den Leitern der Abteilungen Arbeit bei den Chefs der Distrikte in den nächsten Tagen durch besonderen Kurier von hier aus zu. Die Verteilung erfolgt durch sie über die Arbeitsämter bzw. Kreishauptleute. Die Leiter der Abteilungen Arbeit sind mir dafür verantwortlich, dass die Verteilung ohne jede Verzögerung und im ganzen Bezirk erfolgt. Ich erwarte, dass der Aufruf auch in der kleinsten Ortschaft zum Aushang gelangt. Besondere Hinweise in der Presse werden von hier aus veranlasst.

4. )       Die weitere Durchführung der Aktion macht eine sofortige Besprechung der Herren Gouverneure der einzelnen Distrikte mit den beteiligten Dienststellen ihres Bezirks erforderlich. Zu diesem Zweck veranlassen die Leiter der Abteilungen Arbeit bei den Herren Gouverneuren eine Dienstbesprechung, an der die beteiligten Dienststellen des Amtes des Distriktchefs, insbesondere der Höhere SS- und Polizeiführer, die Kreishauptleute und Landkommissare, sowie die Leiter der Arbeitsämter teilnehmen. In dieser Dienstbesprechung sind alle beteiligten Stellen über die Situation genauestens zu unterrichten; den einzelnen Bezirken wird das auf sie entfallene Kontingent mitgeteilt. Besonderer Wert ist auf die aktive Mitarbeit der Kreishauptleute und Landkommissare zu legen.

5. )       Die Kreishauptleute berufen ihrerseits im Benehmen mit dem Leiter des zuständigen Arbeitsamts unverzüglich Wojt-Versammlungen ein, in denen die Wojts von dem Aufruf des Herrn Generalgouverneurs in Kenntnis gesetzt werden. Es ist notwendig, dass an dieser Versammlung die Polizei in wirkungsvoller Weise teilnimmt. Bei dieser Gelegenheit ist den Wojts das auf ihren Amtsbezirk entfallende Kontingent bekannt zu geben; bei der Berechnung dieser Kontingente ist die Zahl der bereits gestellten Arbeitskräfte in angemessener Weise zu berücksichtigen. Gleichzeitig ist den Wojts zu eröffnen, dass die Gemeinden, die ihre Kontingente ohne hinreichende Entschuldigungsgründe nicht erfüllen, mit Zwangsmassnahmen zu rechnen haben. Auf Grund des Aufrufs des Herrn Generalgouvemeurs. haben die Wojts die Möglichkeit, in einem solchen Falle von sich aus zunächst die unter die Arbeitspflicht fallenden Einwohner der Ge­burtsjahrgänge 1915 - 1924 zu stellen. Der Leiter des Arbeitsamts hat den Wojts in dieser Versammlung im einzelnen genauestens mit­zuteilen, bis zu welchem Zeitpunkt er eine bestimmte Zahl von Kräften an einem bestimmten Ort zu stellen hat. Diese Einzelheiten können nicht zentral, sondern müssen von dort aus durchgeführt werden. Ich bitte jedoch, die Termine möglichst kurzfristig zu setzen, denn, es kommt darauf an, gerade in den nächsten entscheidenden Wochen eine grossere Zahl von Kräften zu stellen.

  1. )     Offenbare Härten bei der Gestellung von Arbeitskräften, wie sie in den vergangenen Wochen vereinzelt vorgekommen sein sollen sind tunlichst zu vermeiden. Einwendungen von zur Arbeitspflicht herangezogenen Arbeitskräften müssen auf ihre Berechtigung geprüft und gegebenenfalls berücksichtigt werden. Es ist zwecklos, solche Kräfte, die z.B. nachgewiesenermassen in der eigenen Landwirtschaft unent­behrlich sind, zur Arbeitspflicht heranzuziehen und nach Deutschland zu schicken, da möglicherweise bereits nach einiger Zeit aus zwingenden Gründen eine Rückführung in die Heimat erfolgen müsste. Andererseits kann selbstverständlich nicht allen Einwen­dungen stattgegeben werden, auch dann nicht, wenn der Arbeitspflichtige behauptet, in Arbeit zu stehen. Er muss trotzdem dann zur Arbeitspflicht herangezogen werden, wenn seine Tätigkeit für das. Reich unwichtig ist oder wenn er an seinem Arbeitsplatz durch eine andere Kraft, die nicht zur Arbeitspflicht herangezogen werden kann, ersetzt werden kann. Die Nachprüfung dieser Fälle ist verantwortliche Aufgabe der Arbeitsämter, die hierzu alle organisatorischen Vorbereitungen unverzüglich zu treffen haben.
    1. )           Die Bekanntmachung des Aufrufs des Herrn Generalgouverneurs in der Bevölkerung und die Verbreitung in allen Kreisen der Einwohnerschaft ihres Bezirks ist Aufgabe der Wojts und Soltys, Im unmittelbaren Anschluss an die Wojts-Versammlungen haben die Wojts die Soltys zusammenzuberufen und auch ihnen Kenntnis von. der Situation sowie der Höhe des auf die einzelnen. Ortschaften entfallenden Kontingents zu geben. Es erscheint zweckmässig, dass sich an dieser Besprechung ein Beauftragter des Arbeitsamtes sowie der Polizei beteiligen. Jedenfalls ist auch den Soltys kein Zweifel darüber zu lassen, dass die Kontingente unter allen Umständen erfüllt werden müssen und dass im anderen Falle nicht nur sie, sondern die ganze Ortschaft zur Rechenschaft gezogen werden.
    2. )     Sollte in einzelnen Fällen das den einzelnen Gemeinden und Ortschaften auferlegte Kontingent von Arbeitskräften nicht vollzählig und terminmässig gestellt werden, so haben die Leiter der Arbeitsämter sofort unverzüglich dem zuständigen Polizeiführer und Kreishauptmann Mitteilung zu machen. Alsdann werden unverzüglich die vom Höheren SS- und Polizeiführer beim Herrn Generalgouverneur in Aussicht genommenen Zwangsmassnahmen einsetzen. Für die Durchführung dieser Massnahmen sind ausschliesslich die Dienststellen der Polizei verantwortlich; die Arbeitsämter sind an ihnen nicht beteiligt.
    3. )     Wie bisher werden auch in Zukunft Fälle von Sabotage, Arbeitsscheu, allgemeiner Arbeitsunwilligkeit und Arbeitsverweigerung in Erscheinung treten. In allen solchen Fällen Ist nunmehr gleichfalls unverzüglich den zuständigen Polizeidienststellen Mitteilung zu machen, damit die Beschuldigten sofort in Haft genommen und entsprechend bestraft werden können.
    4. )   Ob über diese Massnahmen hinaus bei der Einberufung bestimmter Jahrgänge zur Arbeitspflicht im einzelnen Falle Beorderungen ähnlich wie im Reich auf Grund der Dienstpflichtverordnung vom 13. Februar 1939 erfolgen sollen, ist örtlich zu entscheiden. Bei solchen Beorderungen kann ein Vordruck nach beiliegendem Muster zu Grunde gelegt werden. Bei der Ausstellung und Zustellung von Beorderungen ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Arbeitspflichtige sich unter Umständen der Arbeitspflicht durch die Flucht entzieht und Fahndungen der Polizei häufig erfolglos sind. Verstösse gegen Beorderungen im einzelnen Falle ohne sofortige Strafvollstreckung werden erfahrungsgemäss in der Bevölkerung schnell bekannt, machen Schule und gefährden die Staatsautorität. Aus diesem Grunde ist dies Mittel daher vornehmlich in städtischen Bezirken und auch dort nur mit der gebotenen Vorsicht anzuwenden.
    5. )   Bei seinem Besuch in Krakau hat Herr Staatssekretär Dr. Syrup nachdrücklich auf die grosse Bedeutung der Landarbeiteraktion hingewiesen und betont, dass jede Störung dieser Aktion durch Vermittlung von Arbeitskräften für die deutsche gewerbliche Wirtschaft zu vermeiden sei. Insbesondere darf die Landarbeiteraktion nicht gestört werden durch Vermittlung von Bauarbeitern. Ob und in welchem Umfange in den nächsten 3-4 Wochen unter diesen Umständen von den einzelnen Bezirken überhaupt noch Bauarbeiter gestellt und die übertragenen Aufträge ausgeführt werden können, überlasse ich der örtlichen Entscheidung. Ich stelle anheim, im Interesse der Landarbeiteraktion diese Aufträge zurückzustellen bzw. mir zu berichten, wenn ein bestimmter Auftrag nicht ausgeführt werden kann. Dies gilt insbesondere für das flache Land, da die Stadtbezirke wie bisher in der Lage sein dürften, auch weiterhin gewerbliche Kräfte, notfalls unter Anwendung von Zwangsmassnahmen, bereitzustellen.

12.) Der Umfang der Landarbeitertransporte in den kommenden Wochen ergibt sich aus dem Mai-Fahrplan. Die durchschnittliche Belegungsziffer für jeden Zug ist auf 600 bis 700 Kräfte festgesetzt. Sie kann jedoch auf 1000 Kräfte erhöht werden. Ich gehe daher davon aus, dass die zur Verfügung stehenden Transportmittel ausreichen, um die in den nächsten Wochen angeworbenen Kräfte Zug um Zug abzutransportieren. Sollte dies jedoch wider Erwarten nicht der Fall sein, so muss der zuständige Leiter der Abteilung Arbeit beim Chef des Distrikts rechtzeitig wegen der Zuteilung weiterer Züge mit der Generaldirektion der Ostbahn in Verbindung treten; gleichzeitig ist mir hiervon Kenntnis zu geben.

Um mir die unmittelbare Verbindung mit der Praxis der Werbetätigkeit und dem weiteren Verlauf der Landarbeiteraktion zu erhalten, beabsichtige ich, in nächster Zeit die einzelnen Distrikte zu besuchen.

Ich darf die Erwartung aussprechen, dass die angeordneten Massnahmen genauestens beachtet werden und dazu führen, der deutschen Landwirtschaft die unerlässlich notwendige Zahl von Arbeitskräften für die Feldbestellungs- und Erntearbeiten beschleunigt zur Verfügung zu stellen.

 

Im Entwurf gez. Dr. Frauendorfer

Hauptamtsleiter

Source
Einführung von Zwangsmassnahmen, in: Konieczny, Alfred/Szczugacz, Herbert (Hrsg.): Praca przymusowa Polaków pod panowaniem hitlerowskim 1939-1945 [Zwangsarbeit von Polen unter der NS-Herrschaft], Poznań 1976 (= Documenta occupationis 10), S. 342-348. 
Copyright
Distribution and reproduction only for scientific purposes. 
Created
04.06.2012 
Changed
08.02.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Einführung von Zwangsmassnahmen in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/en/resolve/qid/1054.html (Zugriff am 26.05.2020)