Wilm Hosenfeld, Aufzeichnung, 15.12.1939

Wilm Hosenfeld beschreibt seine Eindrücke vom Bahnhof Sokolow, er verteilte Lebensmittel an Kinder

Aufzeichnung                                                                          Węgrów, 15. Dezember 1939

Bahnhof Sokolow. Der alte Mann, der mich so an meinen Vater erinnerte, sitzt im Bahnhof in einer Ecke. Sein Gesicht ist seit gestern ganz verfallen und bleich. Er hält eine Schnupftabaksdose in den zitternden Händen. Seine Frau öffnet den Deckel der Dose und nimmt eine Prise aus der Dose und streut sie ihrem guten alten Mann auf die Hand. Er dankt ihr mit einer rührenden Gebärde. So haben sie sich ihre letzten Tage auch nicht gedacht, aber sie haben sich noch, und das wird ihnen ein lieber, letzter Trost sein. Sie machen keine Anstalten, von hier wegzukommen, ihnen ist alles gleich. Wo sie sterben. Ein riesiger Bauer in schwarzem Pelz und Pelzmütze überragt alle, er hat ein gutmütiges Gesicht. Sechs Jahre hat er im preußischen Militär gedient, 4 Jahre [Ersten] Welt­krieg mitgemacht. Er kann es nicht begreifen, daß man ihn hierher bringt. Er will wieder zu Fuß zurück nach Posen. Eine alte Mutter sitzt auf einem Bündel, sie hat drei Söhne an der Westfront stehen. Sie lebten vor dem Krieg in Deutsch­land und kämpfen für das Land, das ihre Mutter von Haus und Hof jagt. Im Zuge sind 3 Frauen entbunden worden. Eine Frau hat sich die Halsader durchschnitten und ist ins Lazarett eingeliefert worden. In einem Wagen liegt ein Toter. Ein uralter Mann, er soll 103 Jahre alt sein, befindet sich unter den Vertriebenen. Ich habe ein Brot mitgebracht und Käse und Wurst und verteile das unter die Kinder. In der Stations­kasse liefert ein polnischer Eisenbahner die Einnahmen der Fahrkartenausgabe ab. Es fehlen ihm 3,20 Mark. Bereitwillig legt er es aus seiner Tasche drauf, mehr als ein ganzer Tages­verdienst. Ein junger Pole, der fließend deutsch spricht, bittet um die Fahrterlaubnis von hier zu seiner Mutter nach Kielce. Sein Geld ist ihm abgenommen worden. Vom Landratsamt ist er weggejagt worden. Der Bahnbeamte darf ohne die Be­scheinigung des Landrats keine Karte ausgeben. Aber er hat ein gutes Herz, er wird es doch tun, wenn er wiederkommt. Ich frage ihn, »was sind Sie im Zivilberuf?« »Lehrer«, sagt der Pole. »Mein Bruder hatte eine große Eisengießerei in Polen. Von dem Vermögen von 1 ¼ Millionen durfte er 50 Zloty behalten. Er sitzt mit Frau und Kindern drüben in der Zuckerfabrik und weiß nicht wohin.« Auf dem Bahnsteig läuft schon wieder ein Zug mit polnischen Ausgewiesenen ein. Wie viele Schicksale, wie viel Unglück bringt jeder Zug die­ser Ausgestoßenen? Ich treffe viele Soldaten, Eisenbahner, Offiziere, sie sind voller Mitgefühl und Empörung, einer sagt, »man schämt sich, ein Deutscher zu sein.«

Source
Wilm Hosenfeld, Aufzeichnung, 15.12.1939, in: Vogel, Thomas (Hrsg.): Hosenfeld, Wilm: „Ich versuche jeden zu retten“. Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern, München 2003, S. 303-304. 
Copyright
Distribution and reproduction only for scientific purposes. 
Created
31.05.2012 
Changed
08.02.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Wilm Hosenfeld, Aufzeichnung, 15.12.1939 in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/en/resolve/qid/1049.html (Zugriff am 10.08.2020)