Oppositionsfeindliche Witze

Schreiben der Leiterin des Kreisamts für Information und Propaganda in Krakau, Wanda Jeżowska, vom 7. Januar 1947 an das Ministerium für Information und Propaganda betr. Witze zur Diskreditierung der Opposition

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Volksrepublik Polen
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Tags
Propaganda | Gesellschaft | Satire
Language
Deutsch

Vertraulich

Tagebuchnummer: 5/pf/47.                                                               Krakau, den 7. Januar 1947

 

An das

Ministerium für Information und Propaganda

Abteilung Information

z. Hd. Herrn Drukier

Warschau

Im Anhang übersende ich eine von uns ausgearbeitete Witzsammlung, die zur Verbreitung in der Gesellschaft vorgesehen ist.

Kommissarische Leiterin des Amtes

/Jeżowska Wanda/

 

1 Anlage

Welche polnische Partei ist die größte?

Die PSL

Warum?

Sie hat den Kopf in London und wird in Polen in den Arsch getreten.

 

Im Stadttheater von Krakau spielen sie ein Stück zur Ehre von Mikołajczyk[1].

Wie heißt es?

„Kleiner Mann für große Geschäfte“

 

Mikołajczyk hat die Wahlen verloren. Er weiß nicht, was er machen soll.

Er geht auf den Wawel, um sich bei Piłsudski Rat zu holen.

"Marschall" – sagt er – "Ich habe die Wahlen verloren. Wo ist jetzt mein Platz?"

Piłsudski dreht sich um und sagt:

"Kriech mir in den Hintern! Ich hab’ dort die ganze Sanacja-Regierung untergebracht, da ist für dich auch noch Platz."

"Aber Marschall! Was wird England dazu sagen?"

"Mach dir keine Sorgen! Sie werden sagen: Der richtige Mann am richtigen Ort."

 […]

Mitglieder von NSZ, PSL und WIN gehen untergehakt und singen: Allons alfons de la patrie. (Auf, Zuhälter des Vaterlandes.[2])

„Nicht alle Wege führen nach London“ – sprach das NSZ-Mitglied, als er ins Gefängnis geführt wurde.

„Seltsam sind die Wege der Vorsehung“ – sprach Mikołajczyk, als er nach verlorener Wahl nach London zurückkehrte.

 

Im Parteibüro der PSL ertönt ein Aufschrei:

„Es zieht! Es zieht!“

„Es zieht nicht.“ – sagt jemand ruhig – „Das sind nur die davon ziehenden PSL-Mitglieder....“

[…]

Zum Feiertag der Heiligen drei Könige schreibt ein bekannter Plünderer auf eine Tür K. M. B[3].

„Was soll das heißen? Warum achten Sie so auf die Tradition?“ – fragt ein Nachbar. – „Schauen Sie: Die Buchstaben K. M. B. bedeuten: Kiernik[4], Mikołajczyk, Bańczyk[5]. Die ersten beiden sind weiße Könige, der dritte ein Neger.“

„Wenn die PSL gewinnt, werden die Buchstaben in einem Jahr etwas ganz Anderes bedeuten.“

„Nämlich was?“

„Kapitalisten, Millionäre, Banker.“

„Und wenn die PSL verliert, dann werden die Buchstaben bedeuten: Kunden des Sicherheitsministeriums (poln. Klienci Ministerstwa Bezpieczeństwa).“

 

Nach den Wahlen geht Mikołajczyk mit einer Lupe in der Hand durch eine Warschauer Straße. Er trifft Kiernik.

„Was machen Sie hier, Herr Kollege. Suchen Sie das Volk? Die Wahlen sind doch schon vorbei.“

„Genau deshalb suche ich meine Unterstützer mit der Lupe.“

[…]

Nach den Wahlen wurde Anders[6] krank vor Gram und starb. Er kommt in den Himmel und will durch die Himmelspforte eintreten. Der Hl. Petrus hält ihn auf und spricht: „Du bist Offizier der Kavallerie. Da muss man auf einem Pferd in den Himmel reiten.“

Anders geht wieder zur Pforte hinaus und sucht ein Pferd, kann aber nirgends eins finden. Da erblickt er Mikołajczyk, der vor der Pforte steht und sagt zu ihm: „Ich wollte auf Dir in Polen einreiten, aber es hat nicht geklappt. Dann will ich jetzt wenigstens so in den Himmel einreiten.“

Als Petrus das sieht, ruft er: „Was soll das bedeuten?! Ich habe Dir befohlen, auf einem Pferd einzureiten, und jetzt kommst Du auf einem Esel?!“

 

Anders: „Du hast die Wahlen verloren. Hattest Du viele Anhänger?“

Mikołajczyk: „So viele wie Haare auf dem Kopf.“

Anders: „Aber Du bist doch völlig kahl.“

Mikołajczyk: „Na ich sag’ ja auch, dass ich um ein Haar die Wahlen gewonnen hätte.“

[…]

„Mister Churchill, ich bin ein Staatsmann wie Sie. Ich bin glatzköpfig wie Sie. Ich wurde aus der Regierung verdrängt wie Sie. Ich bin also Ihr Duplikat. Welcher Unterschied besteht also zwischen uns?“

„Kein großer – Mister Mikołajczyk – Gleich zeig’ ich’s Ihnen. Mister Anders, please come here!“ Anders kommt im Galopp angerannt.

„Mister Anders,“ sagt Churchill, „leck mich am Arsch!“

„Mit Vergnügen, Sir. Ich mache das schließlich ständig, seit vielen Jahren.“

Anders beugt sich vor und leckt Churchill mit großer Andacht den Arsch.

„Und jetzt,“ sagt Churchill, „leck Herrn Mikołajczyk den Arsch!“

Anders richtet sich in ganzer Größe auf und leckt Mikołajczyk... den Kopf.

[…]

Churchill erwacht zitternd und schweißgebadet. Der Kammerdiener fragt beängstigt: „Sir, geht es Ihnen gut?“

„Verdammt, Dick, ich habe geträumt, dass unsere Forderungen an Polen nach vorbildlichen demokratischen Wahlen in unseren Kolonien angewandt wurden.“

 

[1] Stanisław Mikołajczyk (1901-1966), Vorsitzender der Bauernpartei PSL und zeitweise Chef der Exilregierung in London, die er Ende 1944 verließ, um nach Polen zurück zu kehren. Dort belebte er als stellvertretender Premierminister der Übergangsregierung die PSL neu, die schnell zur stärksten Kraft im Lande wurde. Nach der von den Kommunisten gefälschten Wahl vom Januar 1947 trat er zurück und emigrierte in die USA.

[2] Verballhornung der Anfangsworte der Marseillaise.

[3] in Deutschland C+M+B = christus mansionem benedicat (dt. Christus segne dieses Haus), auch als Caspar, Melchior und Balthasar gedeutet.

[4] Władysław Kiernik (1879-1971), in Zwischenkriegszeit u.a. Innenminister, nach dem 2. Weltkrieg Politiker der PSL, blieb in Polen.

[5] Stanisław Bańczyk (1903-1988), Politiker der PSL, ab 1946 deren Vizevorsitzender, ab 1948 in der Emigration.

[6] Władysław Anders (1892-1970), General und Oberbefehlshaber der polnischen Truppen bei den West-Alliierten. Blieb nach 1945 in England, übernahm politische Funktionen in der Exilregierung und wurde in Polen zur persona non grata erklärt.

Source
Archiwum Akt Nowych [Archiv für neue Akten], zesp. Ministerstwa Informacji i Propagandy [Best. Ministerium für Information und Propaganda], Nr. 820, Bl. 34–39. 
Translation
Matthias Barelkowski 
Copyright
Distribution and reproduction only for scientific purposes. 
Created
30.11.2011 
Changed
30.04.2014 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Oppositionsfeindliche Witze in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Volksrepublik Polen", bearb. von Ingo Eser. URL: https://www.herder-institut.de/en/resolve/qid/492.html (Zugriff am 25.02.2020)