Aufruf an die Polen: „Polacy”, August 1940

Die Vertretung der Polnischen Regierung im Ausland ruft die Polen zu einem bestimmten Verhalten am 1. September 1940 auf

Die Vertretung der Polnischen Regierung im Ausland

Warschau im August 1940.

POLEN!

Vor einem Jahr, am 1. September bei Morgengrauen, überfiel auf Befehl Adolf Hitlers die Armee des Deutschen Reiches die Grenzen der Polnischen Republik.  Sie fiel hinterhältig und heimtückisch, da ohne Kriegserklärung, ein.

In diesem Krieg, der durch die Deutschen begonnen und darauf heimtückisch durch das bolschewistische Russland unterstützt wurde, wurde unser Land – nach heldenhafter Verteidigung mit Warschau, Lemberg und Gdingen an der Spitze – in einem ungleichen Krieg besiegt und vom Kordon des Besatzers zerrissen.

Ein Jahr ertragen wir schon die Gefangenschaft und dauert die schreckliche Qual des polnischen Volkes. Es fielen zehntausende ermordete Opfer und niemand zählt die Gefangenen und die in die Lager verschleppten. Der Feind, der sich bis jetzt seiner Straffreiheit sicher ist, missachtet bewusst alle Kriegsrechte, da er diese Gesetzlosigkeit nicht kennt, vor welcher er sich sonst abwenden würde. Der erste Jahrestag dieses Krieges fällt auf den 1. September. Feiern wir ihn würdevoll. Verneigen wir uns von den Taten der Soldaten – vor der Aufopferung einer Legion unschuldiger Opfer – vor der Pein der Hungrigen und der Obdachlosen.

Blicken wir an diesem Tag nüchtern und männlich in die Zukunft. Der Krieg ist nicht beendet und die Waagschale des Sieges wird sich nach langem Zögern zu unseren Gunsten neigen. Keiner soll auch nur einen Moment an unserer heiligen Angelegenheit zweifeln und jeder soll die Schwachwerdenden stärken – den Zweifelnden zur Besinnung bringen – gegen den Abtrünnigen standhaft kämpfen.

Die Stunde der Rache und des weiteren selbstlosen Kampes sind nicht mehr fern.

Die polnische Gesamtbevölkerung wird aufgerufen,

dass am 1. September

- sich jeder von jeglichen Zeitvertreiben und Veranstaltungen fernhält;
- man sich nicht in Kinos, Theater oder Unterhaltungslokale zu begeben;
- und man sowohl am 31. August, als auch am 1. September kein einziges Exemplar der Stundenzeitungen kauft. 

Am 1. September sollten alle in der Zeit von 14 bis 16 Uhr am Nachmittag davon absehen, auf die Straße zu gehen und zuhause diese Zeit des Ernstes und der Konzentration dem Gedenken an unseren Kampf, an unsere heldenhaften Krieger und an unsere Märtyreropfer widmen, sowie die Gedanken wieder auf unsere Pflichten gegenüber der Nation und dem Vaterland zu richten.

Quelle
Aufruf an die Polen: „Polacy”, August 1940, in: Kunert, Andrzej Krzysztof: Rzeczpospolita walcząca. Styczeń-grudzień 1940. Kalendarium. Warszawa 1997 [Die kämpfende Republik. Januar-Dezember 1940. Ein Kalender]. Ohne Seitenangabe. Abb. 119 
Übers.
Elisa-Maria Hiemer 
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Erstellt
04.07.2012 
Zuletzt geändert
15.01.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Aufruf an die Polen: „Polacy”, August 1940, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1178.html (Zugriff am 06.06.2020)