Tagebuchaufzeichnungen über die Entdeckung der Gräber von Katyń

Auszüge aus dem Tagebuch von Edward Kubalski über die Entdeckung der Gräber von Katyń bei Smoleńsk, 15. bis 29. April 1943

15.04.1943. Die gestrige Ausgabe des „Goniec“[1] und die heutige der „Krakauer“[2] berichteten auf der Titelseite von einer sensationellen und für uns schrecklichen Entdeckung bei Smoleńsk in der Gemeinde Gniazdów. Entdeckt wurden Gräber von durch Bolschewiken bestialisch ermordeten polnischen Offizieren. Die deutsche Behörde rief eine polnische Delegation ins Leben (sie bestand aus Ferdynand Goetel, Journalist Skiwski, Dr. Orzechowski, den Direktor [Seyfried] der R.G.O. (Rada Główna Opiekuńcza, dt. Hauptfürsorgerat), Prochownik, Arbeiter von Zieleniewski, und Berichterstatter Kawecki) und schickte sie mit dem Flugzeug an den Ort, um die Angelegenheit vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Mehrere Leichname wurden bereits identifiziert, wie zum Beispiel der des Generals [Mieczysław Makary] Smorawiński und [Bronisław] Bohatyrowicz. Laut Aussagen von Bauern wurden die Offiziere aus dem Lager in Kozielsk hierher gebracht und erschossen. Es ist noch unklar, ob dahinter eventuell ein trick (selbstverständlich der deutschen Propaganda) steckt. Auf jeden Fall hinterließ diese Tatsache einen bedrückenden Eindruck. Vielleicht deckt die Zukunft Einzelheiten auf, denn General Sikorski und die englisch-amerikanischen Behörden werden von Stalin zweifellos eine Erklärung dieser schrecklichen Grausamkeit fordern.

16.04.1943. Der Mord an unseren Offizieren in Katyń bei Smoleńsk bewegt die Gemüter, obwohl die Mehrheit behauptet, dass viel Unwahrheit oder eine propagandistische Inszenierung dabei ist. Warum sonst wurden die Gefangenen zur Hinrichtung so weit weg gebracht, warum kommt man erst jetzt mit diesem antibolschewistischen Trumpf heraus. Bei den Deutschen wurde das Thema zur Losung des Tages. Zu den Lebensmittelkarten wurden uns zwei Flugblätter auf Polnisch verteilt, das eine mit einem Portrait eines Juden und mit Zitaten aus dem Talmud gegen „Gojim“, das andere mit dem Abbild vom Papst und seiner Aussage über den Bolschewismus. Im Eingangsbereich des Magistrats hängt ein neues Plakat in deutscher Sprache: Sieg oder Bolschewismus, das die Bevölkerung anstacheln soll. Auf der einen Seite steht eine Mutter mit Kind, auf der anderen steht ein Jude über ermordeten Opfern.

19.04.1943. Da die Bolschewiken die Tat ihrerseits abstritten, wendete sich die polnische Regierung an das Internationale Rote Kreuz, den Gegenstand des Mordes in Katyń bei Smoleńsk vor Ort zu untersuchen. Dieser Gegenstand war Auslöser für einen köstlichen Streich, der gestern den Deutschen gespielt wurde. Bedauerlicherweise konnte ich es nicht mit eigenen Augen sehen. Von unbekannter Hand wurden Flugblätter in Form einer offiziellen Bekanntmachung, sprich auf Polnisch und Deutsch, an Kiosken aufgehängt. Von Augenzeugen weiß ich, dass der Inhalt den bolschewistischen Mord betraf. Das Flugblatt weist darauf hin, dass die Bolschewiken veraltete Hinrichtungsmethoden verwenden. In den deutschen Lagern in Auschwitz, Dachau, Mauthausen verwendet man hingegen schon fortschrittliche Einrichtungen, Gaskammern, Verbrennung etc. Und nach dem Krieg können Sonderzüge in Betrieb genommen werden, um diese modernen vornehmen Einrichtungen und Systeme zu besichtigen. Große Menschenmengen versammelten sich vor den Plakaten. Anfangs hatten die Deutschen keine Ahnung, was los ist. Aber schon gegen 10 Uhr morgens hat man damit begonnen, diese mutig aufgehängten Plakate, die die Deutschen lächerlich machten und die eine hervorragende Antwort auf die Krokodilstränen sind, die die deutsche perfide Presse an unsere Adresse vergießt, abzureißen und zu beseitigen.

21.04.1943. Die deutsche Presse rast gerade wegen des Mordes in Katyń. Im „Goniec“ wurde eine ganze Reihe von Namen der ermordeten Offiziere abgedruckt. In London reichte General Kukiel als Minister für Militärangelegenheiten eine umfassende Erklärung ein, aus der hervorgeht, dass es keine Informationen über 8.000 polnische Offiziere gibt, die 1940 in die bolschewistische Gefangenschaft kamen. Kommissionen und Delegationen polnischer Offiziere aus Offizierslagern reisen zum Tatort. Irgendwann wird das alles aufgeklärt.

Der Geburtstag von Hitler, der auf den gestrigen Tag fiel, verlief ohne eine besondere „Stimmung“ seitens der Deutschen. An den besetzen Gebäuden wurden nur rote Flaggen gehisst und in der ehemaligen Barockschule an der Wygoda-Straße gab es eine Explosion. Man sagt, dass am Morgen in dem dort untergebrachten Lager von Militärdecken, Pelzen etc. eine schwere Zeitbombe explodierte. Vielleicht deswegen oder wahrscheinlich eher als Strafe für das verspottende Plakat wurde uns wieder die Polizeistunde von 8 Uhr auf 7 Uhr abends vorgezogen. Laut einer anderen Version hängt dies mit dem misslungenen Anschlag auf Krüger, den Chef der deutschen Polizei, in der Nähe des genannten Gebäudes zusammen. In der Stadt kreist eine frappierende Nachricht über einen Raub in einer Filiale der Emissionsbank in Częstochowa, wo Soldaten einer Landungstruppe sich als deutsche Soldaten verkleideten und wohl 3.000.000 Złoty erbeuteten.

23.04.1943. Mit Genehmigung des Generalgouverneurs begab sich eine Kommission des Polnischen Roten Kreuzes nach Smoleńsk. Sie bestand aus dem Vorsitzenden Wacław Lacher und dem Sekretär Graf Starzyński aus Warschau, aus Krakau Dr. Szebest und vom R.G.O. (Rada Główna Opiekuńcza, dt. Hauptfürsorgerat) Graf Roniker und Direktor Seyfried. Danach legte die Kommission dem Internationalen Roten Kreuz einen objektiven Bericht vor, in dem die Existenz eines Massengrabes von polnischen Offizieren, die durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet wurden, leider bestätigt wurde. Von den 300 bisher ausgegrabenen Leichnamen wurden bis jetzt 150 Namen identifiziert. Die örtliche polnische Technische Kommission wird die Arbeiten fortsetzen. In den deutschen Büros und Ämtern wird heute der Karfreitag begangen.

27.04.1943. Heute erreichte uns eine sensationelle, aber ziemlich unangenehme Nachricht. Molotow brach die diplomatischen Beziehungen mit Polen ab. Der Grund dafür war erstens die Kontaktaufnahme unserer Exilregierung mit dem Internationalen Roten Kreuz bezüglich des Mordes an Offizieren (die, wie er behauptet, von Deutschen ermordet wurden), zweitens der polnische Anspruch auf die litauischen, weißrussischen und ukrainischen Gebiete. Es scheint, dass der Abgeordnete Romer Moskau bereits verlassen hat und nach Kuibyschew reiste.

Die Feiertage verliefen nicht anders als Werktage. Angesichts der aktuellen Überteuerung (1 Kilo Schinken 200 Złoty, Wurst – 140-160 Złoty, Butter 200 Złoty, Fleisch 60-70 Złoty, sogar Wodka erreichte 240 Złoty für einen Liter) konnten wohl nur wenige Familien der Intelligenz es sich leisten, wirklich „gesegnet“ zu feiern. Das Haus von Felizianerinnen an der Kopernikus-Straße, wo eine Pension für Alte untergebracht war, wurde besetzt. Der Künstler Kalvas starb dort. Die Polizeistunde wurde per Rundfunk wieder auf 8 Uhr (Dämmerung um circa 9 Uhr) verschoben.

29.04.1943. Momentan dominiert der polnisch-russische Vorfall alles in der deutschen ausländischen als auch in der neutralen Presse. Aufgrund ihrer Emotionen (die Hitler richtig eingeschätzt hat) ließen sich die Polen als Spaltkeil der alliierten Einheit instrumentalisieren. Die polnische Regierung (Präsident Raczkiewicz und General Sikorski) veröffentlichte eine bedeutsame Erklärung, in der sie feststellt, dass sie auf die ihre Stellungnahme bezüglich des Vorfalls bei Smoleńsk bis jetzt keine Antwort aus Moskau bekommen hat. Des Weiteren wird festgestellt, dass die polnische Regierung nicht im Einvernehmen mit den Deutschen gehandelt hat und dass sie keine territoriale Expansion betreibt, sondern frühere Grenzabkommen sichern will. Weiter bittet sie Russland, den polnischen Familien (angeblich circa 700.000) Hilfe zu leisten und die Männer, die zum Kampf gegen die Deutschen fähig sind, freizulassen.

Angeblich soll eine Sitzung mit Churchill stattfinden. Heute berichtet „Krakauer“, dass Eden von General Sikorski ultimativ verlangte, die Demarche an das Internationale Rote Kreuz zurückzuziehen und davon abzusehen, die Angelegenheit der östlichen Grenzen Polens zu lancieren.


[1] voller Name „Goniec Krakowski“ (dt. Krakauer Bote). (Alle Fußnoten von der Übersetzerin)
[2] voller Name „Krakauer Zeitung“. Beide Zeitschriften gehörten der nationalsozialistischen Propaganda.

Quelle
Tagebuchaufzeichnungen über die Entdeckung der Gräber von Katyń, in: Edward Kubalski, Auszüge aus dem Tagebuch, 31.12.1939, in: Kubalski, Edward: Niemcy w Krakowie. Dziennik 1 IX 1939 – 18 I 1945 [Die Deutschen in Krakau. Tagebuch von 1.09.1939-18.01.1945]. (Bearb. von Jana Grabowskiego und Zbigniewa R. Grabowskiego), Kraków/Budapest 2010, S. 270, 271, 272, 273. 
Übers.
Anna Helena Religa 
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Erstellt
06.06.2012 
Zuletzt geändert
08.02.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Tagebuchaufzeichnungen über die Entdeckung der Gräber von Katyń, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1077.html (Zugriff am 20.02.2020)