Aufruf an die polnische Bevölkerung zum Boykott

Aufruf an die polnische Bevölkerung zum Boykott mit detaillierten Verhaltensregeln, 1940

Modul
Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945
Kategorien
Alltag
Schlagwörter
Aufruf | Boykott | Polen
Sprache
Deutsch

BOYKOTTIEREN WIR DEN FEIND!

In Zeiten, in denen die gesamte Nation unter dem Joch des Aggressors blutet, gibt es noch manche, die versuchen, sich die Gunst des Feindes zu erwerben. Die einen - einfache Schurken - sollten besser nicht aufs Vergessen hoffen, die anderen - schwache und desorientierte - küssen gedankenlos dem Aggressor die Füße. All die erbärmlichen Loyalisten sollen jedoch wissen, sie werden die germanische Bestie mit keinerlei Unterwerfung besänftigen; je ängstlicher und untertäniger sie werden, desto grauenvoller wütet der Terror. Der kreuzritterliche Schurke hat Respekt ausschließlich vor organisierten Kräften und dem heftigem Schlag, der dem Befehl folgt.

Heute ist unsere Verteidigungskraft der Boykott des Aggressors und die Verachtung für seine barbarischen Methoden.

Polen!

Merkt Euch Namen aller Verräter und Schurken; warnt Wankelmütige, klärt Unbewusste auf, stärkt Verzweifelte, seid überall wachsam, so dass wir alle mit vereinten Kräften den rücksichtslosen Boykott des Aggressors organisieren und durchführen können.

Denk daran!

1. Deine und des ganzen Landes Muttersprache - ist die polnische Sprache. Unter keinem Zwang sollst du die Sprache des Aggressors lernen. Auch, falls du seiner Sprache mächtig bist, benutze sie nicht, erleichtere dem Feind seinen ungebetenen Aufenthalt in unserer Heimat nicht!

2. Jede Frage in deutscher Sprache sollst du auf Polnisch mit „nie rozumiem“[1] beantworten. Du darfst dem Feind weder ein Haus, noch eine Wohnung, noch eine Straße, noch die Richtung weisen. Zügele deine Höflichkeit des Gastgebers: Der da ist kein Tourist, sondern Todfeind.

3. Die Eifrigen haben von selbst Schilder und Werbeplakate in zwei Sprachen aufgehängt. Kein Pole wird einen solchen Laden betreten. Glaubst du für einen einzigen Moment - wenn du ein echter Pole bist - an die Beständigkeit der vom Aggressor gezogenen Grenzen? Wozu dann diese unsinnigen Karten erstellen, diese Bücher, die die Polen und ihr Land entehren?

4. Man darf sich weder versammeln, noch die feindlichen Durchmärsche und Feierlichkeiten betrachten. Sie sind bereit damit die Begeisterung der Bevölkerung zu wecken und so könntest du auf ihre perfiden propagandistischen Bilder gelangen.

5. Alle Kinos unterliegen dem Boykott. Jegliche Tanzveranstaltungen, vor allem in öffentlichen Lokalen, bedeuten in heutigen Zeiten eine Provokation der Nationalgefühle. In jedem öffentlichen Lokal sollst du daran denken, dass du die Würde der Nation gegenüber dem Aggressor vertrittst. Polinnen, die versuchen, sich bei Deutschen einzuschmeicheln, Männer, die sich mit den Feinden vertraut machen, Kellner, die uniformierte Gäste zuvorkommend bedienen, all diese sollen als Verräter gebrandmarkt werden.

6. Es gibt keine Rechtfertigung für Polen, die Feinde als Gäste in ihren Häusern aufnehmen, auch wenn es Bekannte aus der Vorkriegszeit sind. Ein polnisches Haus bleibt für den Aggressor verschlossen. Alle Polen, die Kontakte zu Deutschen pflegen, stehen unter Boykott. Eine Polin in Begleitung eines Deutschen unterschreibt ein Urteil doppelter Verurteilung. Nichts lässt so ein Verhalten rechtfertigen. Seitens anderer Polen soll sie eine unverzügliche Reaktion treffen.

7. Von Dir werden weder öffentliche Anfeindungen noch Provokationen gegenüber dem Aggressor erwartet. Du sollst beherrscht und zurückhaltend auftreten; keinerlei Schmeicheleien, übertriebene Zuvorkommenheit, kein Lächeln gegenüber dem Aggressor. Du hast doch nicht vergessen, wer dein Land und die Hauptstadt zerstört hat.

8. Im Falle eines Streites unter Polen sollen nie Deutsche gerufen werden. Derjenige, der Hilfe bei Deutschen sucht, entwürdigt sich selbst und die Nation. Sollst du einen Polen vom Amts wegen vor Deutschen verteidigen, tue es mit voller Hingebung. Wer nicht so handelt, der versteckt seine Feigheit und seinen Opportunismus hinter dem Trugbild des passiven Widerstandes gegenüber dem Feind.

9. Die Zusammenarbeit und Verständigung unter Polen sind heutzutage besonders wichtig. Wer menschliches Leid ausnutzt, Betrüger und Egoisten sollen streng von uns selbst bekämpft werden. Zumal sie, indem sie die Einheit der Polen zerschlagen, dem Feind Dienste leisten.

10. In deinem Gewissen als Pole entscheide selbst; wenn du durch deine Arbeit die Position des Feindes stärken sollst, verzichte auf die Arbeit. Denk daran und lass zu Deinem Vorbild des Patriotismus werden: Polnische Arbeiter lehnten die Arbeit in den vom Aggressor übernommenen Munitionsfabriken ab. Derjenige, der zur Stärkung der feindlichen militärischen oder politischen Kraft beiträgt, der schließt sich selbst aus dem Kreis der Polen aus, unabhängig davon, ob er einst als Verräter vor einem Gericht der Polnischen Republik stehen wird.

11. Es ist deine Pflicht, dir Namen, Adresse und konkrete Angaben zu den Schurken zu merken, die, als Volksdeutsche angemalt, die Konjunktur ausnutzen; die mit dem Hakenkreuz auf der Kleidung die politische Eintracht mit dem Aggressor bekunden; die bei deutschen Agenturen (Verlage, Agitation, antijüdische Aufrührereien) in den Dienst treten. Du sollst keine Mutmaßungen sammeln, sondern konkrete Fakten und Zeugen, um zu gegebener Zeit mit diesen Belegen dem polnischen Kriegs- und Zivilgericht zu dienen.

Polen - denkt alle daran!

An jedem Ort, in jeder Ecke, zu jeder Zeit muss der Feind in unserem Land mit dem erbitterten Widerstand unseres allgemeinen Boykotts konfrontiert werden.

Organisiert den Boykott, verbreitet seine Losungen, schließt alle Landleute in die Aktion mit ein. Seid Vorbild, haltet in Euren Taten nicht inne.

Denkt daran, unser unbeugsamer Wille und unsere unaufhörliche Anstrengung sind die Gewährleistung des vollen Erfolgs unseres Boykotts.

Von Mund zu Mund soll die Losung des Kampfes und Widerstande[2]s alle Polen erreichen: Boykott dem Aggressor.[3]

 

Um Abdruck der Untergrundschriften wird gebeten.

Organisationen werden um Zusammenarbeit gebeten.


[1] Dt.: „Ich verstehe nicht.“
[2] Hervorhebung im Original.
[3] Hervorhebung im Original.

Quelle
„Bojkotujemy wroga!“, in: Biuletyn Informacyjny. Część I: Przedruk roczników 1940-1941 [Informationsbulletin. Teil I: Nachdruck der Jahrgänge 1940-1941]. Przegląd Historyczny Wojskowy. Rok II (LIII), nr. specjalny 1 (190), Warszawa 2001, S. 145 f. 
Übers.
Anna Helena Religa 
Copyright
Verbreitung und Vervielfältigung nur zu wissenschaftlichen Zwecken. Voraussetzung für die Nutzung in wissenschaftlichen, nichtkommerziellen Publikationen und Abschlussarbeiten ist neben der korrekten Zitation – unter Berücksichtigung der empfohlenen Zitierweise – eine entsprechende Meldung an die Projektkoordination über das Meldeformular
Erstellt
06.06.2012 
Zuletzt geändert
18.04.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

„Bojkotujemy wroga!“, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1072.html (Zugriff am 23.02.2020)