„Fern der Heimat – aber zufrieden“

Fern der Heimat – aber zufrieden

Besuch bei polnischen und ukrainischen Arbeitseinsatzkräften im Reich
Geweckte Arbeitsfreude und gerechte Behandlung schaffen günstige Atmosphäre

 

Krakau, 26. Oktober

Es ist ein glückliches Zusammentreffen, wenn zum Vierjahrestag des Generalgouvernements einer Kommission Gelegenheit zur Besichtigung deutscher Betriebe im Reich, die polnische und ukrainische Arbeitskräfte aus diesem Raum beschäftigen, gegeben wurde. Auch ist es nur natürlich, wenn sich Vertreter des Generalgouvernements ab und an persönlich um Leben und Treiben der von ihnen zur Arbeit ins Reich vermittelten Arbeitskräfte bekümmern.

Die Oktobersonne gab einen freundlichen Auftakt zu dieser Fahrt, als sich am Anfang dieses Monats die Kommission, in der sich auch polnische und ukrainische Vertreter befanden, auf dem Krakauer Bahnhof zum Reiseantritt zusammenfand. Die Reise führte zunächst in die Ostmark, später nach Mitteldeutschland. Zahlreiche Betriebe wurden besichtigt, landwirtschaftliche und industrielle, Gruben und Fabriken, Bauernhöfe und Gutsbetriebe. Vielfach war die Zahl der Gesichter, der Sprachen, der Wünsche, Erzählungen und Schilderungen. Durch alle diese Eindrücke aber zog sich wie ein roter Faden, gleichgültig ob es sich um Arbeiter aus dem Generalgouvernement im Süden oder Westen, Osten oder Norden des Reiches handelte, die Freude an der Arbeit, die Zufriedenheit mit der Behandlung und — nur allzu verständlich — die Sehnsucht nach der fernen Heimat. Es lohnt sich, einige Betriebe und Gemeinschaftslager aus der Vielzahl der Besichtigungen herauszugreifen und auf die hier gewonnenen Eindrücke näher einzugehen. Ist es doch von allgemeinem Interesse, zu wissen, wie die Arbeitskräfte aus dem Generalgouvernement, die sich freiwillig zur Arbeit ins Reich gemeldet haben, nun dort schaffen, um auf diese Weise ihren Beitrag am Aufbauwerk Europas zu liefern.

Die Reise führte zunächst nach Wien, von dort ging es mitten hinein nach Deutschland, 18 Stunden Bahnfahrt ist ein zweifelhaftes Vergnügen, aber schließlich hat auch die längste Reise ein Ende. Am Reiseziel — einem kleinen mitteldeutschen Städtchen — spürt man den Rhytnmus [sic!] der Arbeit, überall Fabrikanlagen, rauchende Schornsteine, Gruben und Hütten. Dazwischen Felder, Äcker, Wiesen, Obstkulturen, Die Luft ist erfüllt vom Kohlendunst und Rauch und Arbeit. Da liegen auch schon einige Lager vor uns. Erwartungsvoll steigen wir von unserem Gefährt und begeben uns zum Lagerleiter, der die Führung übernimmt.

Wenn in der Wiener Umgebung in den besichtigten Lagerdörfern das südliche Temperament der Griechen und Südfranzosen, gemischt mit der bedächtigen Art der Holländer vorherrschte, so fühlen wir uns hier „gg-heimatlich“ angesprochen. Wohin man hört, alles ostische, slawische Laute.

Denn neben Polen und Ukrainern aus dem Generalgouvernement sind hier auch andere Volks- Stämme des Ostens vertreten, und wir müssen erst einige Zeit durch Baracken und Lager gehen, ehe wir die Polen und Ukrainer aus dem Generalgouvernement finden. Zu unserer Freude stellen wir fest, daß sie sich durch Sauberkeit der Kleidung und ihr Auftreten überhaupt günstig von den zuweilen ein wenig düsteren Gestalten der Ostarbeiter aus den besetzten Gebieten der Sowjet-Union abheben.

Wir treten in eine Schlafbaracke. Ein bescheidener, aber sauber eingerichteter Raum, an Bettstellen und Schranken ein Zettel mit Namen und Nummer des Inhabers. In der Mitte ein Tisch mit einem Blumenstrauß, der dem ganzen eine freundliche und persönliche Note verleiht. Die hier angetroffenen Arbeiter ruhen sich gerade von der Nachtschicht aus. Aber trotz dieser Ruhestörung, die unser Kommen verursacht, herrscht eitel Freude über diesen unerwarteten Besuch. Viele der Männer arbeiten bereits zwei und mehr Jahre, nicht alle haben in dieser langen Zeit Urlaub erhalten. So betrachten sie uns als Gruß der Heimat, und des Fragens und Erzählens ist kein Ende. Zwar korrespondieren sie eifrig mit ihren im Generalgouvernement verbliebenen Angehörigen, ein Wort von Mensch zu Mensch aber bringt ihnen die Heimat doch näher. Zu unserer Genugtuung merken wir bald, daß auch hier Zufriedenheit herrscht über die Behandlung, daß die Arbeiter nicht nur untereinander kameradschaftlich verkehren, sondern sich auch mit ihren Vorgesetzten gut verstehen. Sprachliche Schwierigkeiten gibt es kaum noch, die meisten von ihnen haben sich bald an das Deutsche gewöhnt, beherrschen es sogar schon recht gut, und wenn einer wirklich nicht mit seinen deutschen Sprachkenntnissen durchkommt, so springt ein Kamerad helfend ein Außerdem ist in jedem Lager ein Vertrauensmann als Verbindungsmann zwischen Lagerleitung und Arbeitern eingesetzt, der dafür sorgt, daß Wünsche und Belange seiner Lagerbelegschaft im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten erfüllt und berücksichtigt werden. Zur Vervollständigung des Bildes besichtigen wir Sanitätsräume, die uns mit ihren, allen Anforderungen der modernen Hygiene gerecht werdenden Einrichtungen überraschen, ebenso wie die Dusch- und Waschräume. Und dann die Küche: Ein großer Raum mit mächtigen Kesseln, Hier schaltet und waltet eine Köchin, auf deren Schultern keine geringe Verantwortung lastet. Heißt es doch, mit den zugeteilten Lebensmitteln sparsam umzugehen und dennoch ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Daß auch die Köchin diesen Anforderungen gerecht wird, davon überzeugen wir uns persönlich, als uns aus den Riesentöpfen kleine Kostproben gereicht werden. Doch die Zeit drängt, unser Programm sieht weitere Besichtigungen vor, und wir müssen uns verabschieden, obgleich die uns begleitenden Arbeiter darauf drängen, sich noch länger mit uns unterhalten zu dürfen. Rasch werden einige Wunsche und Anschriften notiert, die hier von ins erledigt werden sollen, ein paar Abschiedszigaretten reichen wir den Arbeitern, drücken die schwieligen Hände, und weiter geht‘s zur nächsten Besichtigung.

Diesmal halten wir auf einem Gut. Der Gutsbesitzer führt uns durch die Anlagen, zeigt mit berechtigtem Stolz die eigens für die nichtdeutschen Arbeiter erbauten Duschräume und überläßt uns hernach den Arbeitern, die uns mit strahlenden Augen begrüßen. Wie es ihnen gehe, fragen wir, und wie sie sich fühlen. Oh, ganz fabelhaft, antworten die Melker; ihr Vorgesetzter, der Oberschweizer, sei wie ein Vater zu ihnen, die Arbeit bereite ihnen viel Freude. Die jungen Burschen lassen nicht eher locker, bis sie uns in ihre Behausung gezogen haben, ein sauberes Stübchen unterm Dach, in dem sie zu dritt gemütlich hausen. Hier merkte man besonders deutlich, wie sehr sich diese Menschen an ihre neue Umgebung gewöhnt, ja, in diese geradezu hineingewachsen sind.

Quelle
Krakauer Zeitung, 26.10.1943. 
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Erstellt
05.06.2012 
Zuletzt geändert
16.01.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

„Fern der Heimat – aber zufrieden“, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1061.html (Zugriff am 12.12.2019)