Adam Kamiński: Tagebuchauszug

Adam Kamiński schreibt in seinem Tagebuch zur Arbeitsdienst und Zwangsarbeit, 1.11.1942

1.11.1942. Sonntag (Allerheiligen)

[…] Am Morgen kam Frau Brandys wieder vorbei. Sie bat mich, ihre Tochter bei Antosiewiczs in der Jakub-Straße 3/IIp (Parterre) zu besuchen. Sie hat nämlich Ausgang vom Lager an der Wąska-Straße und verbringt den ganzen Tag bei den Verwandten Antosiewicz. Ich versprach ihr, dort vorbeizuschauen. […]

Am Nachmittag war ich bei den Antosiewiczs. Ich unterhielt mich mit Frau Brandys. Sie erzählte mir, der Stadthauptmann von Rzeszów, Dr. Ehaus [1], rief Mitte September dieses Jahres die Lehrerschaft samt Pfarrern aus dem gesamten Landkreis zusammen und spornte sie zur Agitation für sorgfältige Kontingentlieferung des Getreides und Lieferung der notwendigen Zahl an Arbeitern für die Ausreise nach Deutschland an. Dabei drohte er den Versammelten, dass sie sich im Fall des Misserfolges der Rekrutierungsaktion persönlich dafür würden verantworten müssen. Da es dem lokalem „Arbeitsamt“ tatsächlich nicht gelungen ist, die festgelegte Zahl an Menschen zum Arbeitsdienst in Deutschland zu rekrutieren, rief der Stadthauptmann Echaus noch mal die Lehrerschaft und die Priester für den 23. Oktober (Freitag) zur Versammlung im Kino „Apollo“ zusammen. Dort verkündete er den Versammelten, dass auf Grund des Misserfolges der Rekrutierungsaktion die Lehrerschaft und die Priester bis zum 35. Lebensjahr zum Arbeitsdienst nach Deutschland fahren müssen. Er forderte all diejenigen, die das 35. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, auf aufzustehen. In der Hand hatte er bereits ein fertiges Verzeichnis, und er forderte diese Menschen auf, in den Hof hinauszugehen, der bereits von der Polizei umstellt war. Zu den restlichen, die im Saal gebliebenen sind, sprach er nochmals anspornend über weitere Rekrutierung. Danach forderte er sie auf hinauszugehen und diejenigen, die sich auf dem Hof aufhielten, wurden hereingeführt. Es wurde ihnen verkündet, dass sie entweder die Erklärung der freiwilligen Ausreise unterschreiben oder dass sie nach Auschwitz geschickt werden. Im Falle von Flucht würden die Eltern des Delinquenten ins Lager gehen und der Besitz, falls vorhanden, würde konfisziert.  Angesichts dieser Ansage unterschrieben alle die Erklärung einer freiwilligen Ausreise. Danach wurden sie nach Hause gelassen und angewiesen, sich für den darauf folgenden Freitag, sprich den 30. Oktober, im Bernhardinerkloster in Rzeszów zur Abreise zu melden. An dem besagten Freitag meldete sich nur ein Teil „der Freiwilligen“, denn den Priestern wurde der Ausreisetermin nach einer Intervention des Bischofs von Przemyśl auf den 10. November verschoben. Ein Teil der Lehrerschaft floh aus dem Landkreis. Ein Teil von denen, die am Freitag, den 30. Oktober, zu den Bernhardinern kamen, fiel bei der ärztlichen Untersuchung durch. Der Rest, an der Zahl vier Lehrer, 13 Lehrerinnen und einige Jungen aus der Handelsschule, die der Stadthauptmann selbst ausgewählt hatte, wurde in den Zug gesteckt und am 31. Oktober, in der Nacht von Freitag auf Sonnabend, nach Krakau, in das Schulgebäude an der Wąska-Straße, gebracht. Am Sonnabend wurden sie gewaschen und untersucht. Dabei sind wieder zwei Lehrer durchgefallen. Der dritte Lehrer und die 13 Lehrerinnen und die Jungen aus der Handelsschule sollen am Montag weiteren Untersuchungen im Krankenhaus Św. Łazarza [dt. zum Heiligen Lazarus] unterzogen werden.

Laut dem heutigen Stand der Dinge wurde nur ein Lehrer zum Arbeitsdienst ausgewählt. Es handelt sich um einen ehemaligen Lehrer der Oberschule, der in der Armee gewesen war und aus dem deutschen Kriegsgefangenenlager geflohen ist. Er war bereits einmal zum Arbeitsdienst in Deutschland und floh auch von dort. Jetzt erklärte er dem Lagerleiter in der Wąska-Straße, natürlich einem Deutschen, dass er gesund sei und bereit, nach Deutschland zu gehen. Seinen Arbeitskolleginnen und -kollegen sagte er, dass er auf keinen Fall vorhabe, länger als eine Woche im Arbeitsdienst zu bleiben, aber wenn sie wollten, dass er hinausfahre, dann von ihm aus sehr gerne. Mit einem Wort – ein alter Hase. Alle Kolleginnen sind hingegen in tiefer Verzweiflung. Eine braunhaarige ist im Laufe der letzten Woche völlig ergraut. Ich beruhigte Frau Brandys, indem ich ihr sagte, dass in dem Krankenhaus polnische Ärzte Untersuchungen durchführen und mit Sicherheit diese Frau und ihre Arbeitskolleginnen entlassen werden.

Frau Brandys erzählte mir auch von dem „Parteigenossen“[2] Kurreck, Kommandant der Militärpolizei in Rzeszów, der vorgestern „bei Banditenbekämpfung“ [3] ums Leben gekommen ist. Er wurde während einer Autofahrt durch den Wald bei dem Dorf Przewrotne erschossen. Es passierte in der Nacht. Kurreck hörte einen Schuss. Er ließ dem Fahrer das Automobil anhalten und gerade war er dabei, aus dem Auto auszusteigen, als weitere Schüsse, einer nach dem anderen, fielen. Fünf Schüsse trafen ihn. Der Fahrer brachte ihn nach Rzeszów zurück, aber am Morgen starb er. Danach wurde eine riesige Razzia durchgeführt, 100 polnische und 50 deutsche Polizisten waren im Einsatz. Die Razzia bestand darin, dass sie mit den Automobilen um die Wälder herumfuhren, aber sie fuhren nicht hinein. Daraufhin kehrten sie nach Rzeszów zurück.


[1]    Heinz Ehaus, Kreishauptmann in Rzeszów (12.1939-10.1944).

[2]    Im Original Deutsch. (Anmerkung der Übersetzerin)
[3]    Im Original Deutsch. (Anmerkung der Übersetzerin)

Quelle
Adam Kamiński: Tagebuchauszug, in: Kamiński, Adam: Diariusz Podręczny 1939-1945 [Handtagebuch 1939-1945], Warsawa 2001, S. 192-193. 
Übers.
Anna Helena Religa 
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Erstellt
05.06.2012 
Zuletzt geändert
18.04.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Adam Kamiński: Tagebuchauszug, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1057.html (Zugriff am 26.05.2020)