Der Gouverneur des Distrikts Warschau berichtet über die schlechte Sicherheitslage und den Stand der Zwangsarbeiterrekrutierung

Bericht des Gouverneurs des Distrikts Warschau über die schlechte Sicherheitslage und den Stand der Zwangsarbeiterrekrutierung, Februar und März 1943

Der Gouverneur des Distrikts Warschau                              Warschau, den 12. April 1943

im Generalgouvernement

 

An die

Regierung des Generalgouvernements

- Der Staatssekretär -

Krakau.

 

Bericht des Gouverneurs des Distrikts Warschau

Vom 12. April 1943

an die Regierung des Generalgouvernements

für die Monate Februar und März 1943.

 

A. Allgemeines.

I. Die politische Lage im Distrikt Warschau.

Die politische Lage im Distrikt Warschau wird am besten durch die Tatsache gekennzeichnet, daß in den Monaten Februar und März 1943 29 Deutsche ermordet und 40 Deutsche mehr oder weniger schwer verletzt worden sind. In den 60 Tagen der Berichtszeit sind also 69 Deutsche Opfer feindlicher Elemente geworden. Die Hauptzahl der Attentate erfolgte in der Stadt Warschau, in der während der Berichtszeit 25 Deutsche ermordet und 33 Deutsche verwundet worden sind.

Es wäre eine durch nichts gerechtfertigte Schönfärberei, wenn angesichts dieser Tatsache die Sicherheitslage nach wie vor als ungefährdet bezeichnet würde.

Zu diesen Angriffen auf Deutsche kommen laufend Attentate auf solche Polen, die in deutschen Diensten stehen. Die polnische Widerstandsbewegung und die kommunistische Organisation wollen durch diese am laufenden Band erfolgenden Attentate erreichen, daß die deutsche Bevölkerung beunruhigt wird und daß die loyal eingestellte polnische Bevölkerung davon abgehalten wird, weiter im deutschen Interesse zu arbeiten.

[...]

 

IV. Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Die Arbeit der Arbeitsämter ist in der Berichtszeit ausserordentlich erschwert gewesen, weil alle feindlichen Elemente sich in besonderer Weise gegen den Arbeitseinsatz wenden. Was zurzeit von den Angehörigen der Abteilung Arbeit und den Arbeitsämtern in der Stadt Warschau und im Distrikt Warschau geleistet wird, verdient die höchste Anerkennung, da alle im Einsatz stehenden Deutschen täglich aufs schwerste gefährdet sind. Auf den Leiter der Abteilung Arbeit, Regierungsdirektor Hoffmann, wurde in der Berichtszeit durch das Verschicken einer Höllenmaschine ein Attentat verübt, das glücklicherweise sein Ziel verfehlte. Leider ist Regierungsdirektor Hoffmann einem kurze Zeit nach Ablauf der Berichtszeit folgenden weiteren Attentat zum Opfer gefallen.

In mehreren Aussenstellen sind sämtliche Akten, Karteien usw. vernichtet worden. Das polnische Personal in der deutschen Arbeitseinsatzverwaltung wird systematisch eingeschüchtert und strebt deshalb aus begreiflichen Gründen aus den Ämtern fort.

Diese Verhältnisse müssen berücksichtigt werden, um festzustellen, welche große Leistung es ist, daß trotz dieser Schwierigkeiten in den Monaten Februar und März etwa 14.800 Arbeitskräfte in das Reich vermittelt worden sind.

Die nachfolgende Zusammenstellung zeigt im einzelnen die Abgabe der einzelnen Kreise des Distrikts:

 

Kreis                                       Februar u. März          I. Quartal 1943           seit 1939 insgesamt

Garwolin                                334                             1.464                          6.718

Minsk                                   2.566                          2.572                          8.192

Lowitsch                                847                             1.238                          8.688

Sochaczew                             1.926                          2-832                          13.757

Grojec                                   664                             923                             6.242

Siedlce                                  1.898                          2.139                          7.502

Sokolow                                1.140                          1.391                          4.444

Ostrow                                  1.181                           1.328                          4.762

Warschau-Stadt                     1.550                          1.944                          76.218

Warschau-Land                      2.692                          2.870                          19.981

            Sa.                           14.798                        18.001                        156.504

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wenn die in der letzten Spalte aufgeführten Zahlen der ins Reich verschickten Arbeiter mit der Gesamtbevölkerungszahl der einzelnen Kreise verglichen werden, so ergibt sich prozentual nachstehende Reihenfolge:

                        Minsk . . . . . . . . . . . . . . . . . .           7,6 %

                        Warschau-Stadt . . . . . . . . . .             7,5 %

                        Sochaczew . . . . . . . . . . . . . .             7,0 %

                        Garwolin . . . . . . . . . . . . . . .              5,0 %

                        Grojec . . . . . . . . . . . . . . . . . .           4,8 %

                        Siedlce . . . . . . . . . . . . . . . . .            4,8 %

                        Ostrow . . . . . . . . . . . . . . . . .            4,3 %

                        Warschau-Land . . . . . . . . . .              4,2 %

                        Lowitsch . . . . . . . . . . . . . . . .            3,9 %

                        Sokolow-Wegrow . . . . . . . .                2,5 %

Die Zahl der offenen Stellen betrug Ende März 10.925. 19.254 Zugängen im März standen 19.771 Abgänge gegenüber.

Für ausgesiedelte Juden, die bei vordringlichen Fertigungen angesetzt waren, müssen ferner noch 7.800 Kräfte gestellt werden. Weiter haben die Firmen Junkers, der Heereskraftfahrpark und die Ostbahn 3.600 Leute angefordert. Für die Torfgewinnung und für die Gartenbaubetriebe, die für die Ernährung Warschaus besonders wichtig sind, liegen Einzelaufträge noch nicht vor. Ein Gesamtbedarf von 25.000 Mann für den Distrikt Warschau ist in keiner Weise zu hoch gegriffen.

Quelle
Bericht des Gouverneurs des Distrikts Warschau vom 12. April 1943 an die Regierung des Generalgouvernements für die Monate Februar und März 1943, in: Archiwum Państwowe m. st. Warszawy, Amt des Distrikts Warschau 1538, Bl. 108 u. 108v 
Copyright
Verbreitung und Vervielfältigung nur zu wissenschaftlichen Zwecken. Voraussetzung für die Nutzung in wissenschaftlichen, nichtkommerziellen Publikationen und Abschlussarbeiten ist neben der korrekten Zitation – unter Berücksichtigung der empfohlenen Zitierweise – eine entsprechende Meldung an die Projektkoordination über das Meldeformular
Erstellt
04.06.2012 
Zuletzt geändert
20.05.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Bericht des Gouverneurs des Distrikts Warschau vom 12. April 1943 an die Regierung des Generalgouvernements für die Monate Februar und März 1943, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1056.html (Zugriff am 21.09.2020)