Besprechung über die Verschickung von Landarbeitern ins Reich

Bilanz der Arbeiterwerbung und Gespräch über weitere Strategie, u.a. Diskussion über Anwendung von Gewalt

[In einer Besprechung über die Verschickung von Landarbeitern in das Reich betont Stabsleiter Reichert (Reichsernährungsministerium), es müßte unbedingt eine Million Landarbeiter in das Reich verbracht werden.]

Auf eine Frage des Herrn Generalgouverneurs erwidert Reichshauptamtsleiter Dr. Frauendorfer, daß bis jetzt aus dem Gebiet des Generalgouvernements 81477 polnische Landarbeiter ins Reich geschickt worden seien, davon 56721 Männer und 24756 Frauen. Es seien seit 12. Februar 154 Sonderzüge abgefertigt worden. Das sei das äußerste gewesen, was man in dieser Zeit habe schaffen können. Zu den eben genannten Zahlen kämen noch 42000 Arbeiter, die schon im Reich gewesen seien, so daß sich damit die Zahl auf etwa 130000 erhöhe.

Der Herr Generalgouverneur ist der Ansicht, daß die 480000 Kriegsgefangenen in die Zahl von 1 Million ebenfalls hineingerechnet werden müßten. Mit Zwang vorzugehen, sei angesichts der Eisenbahn- und Wegeverhältnisse im Generalgouvernement vorläufig noch unmöglich; auch ständen für die Durchführung einer solchen Aufgabe keine genügenden Polizeikräfte zur Verfügung. Wenn Zwang ausgeübt werde, dann werde sich das auch auf die Arbeiter auswirken, die als Facharbeiter für die Betriebe in Betracht kämen. [. . .]

Reichshauptamtsleiter Dr. Frauendorfer bestätigt auf Grund seiner Erfahrungen, daß vielfach überhaupt keine Möglichkeit bestanden habe, aus dem Reich entsandte Werber anzusetzen. Die Benutzung von Personenwagen sei angesichts der Schneeverhältnisse unmöglich gewesen, und mit den Feldschlitten hätten die Werber am Tage vielleicht höchstens 60 km zurücklegen können. Auch der Distrikt Warschau sei eigentlich niemals Emigrationsgebiet polnischer Landarbeiter gewesen. Leider müsse man jetzt auch die Beobachtung machen, daß sich Landarbeiter ärztliche Zeugnisse oder Bescheinigungen von den Woids ausstellen lassen, die besagen sollen, daß sie für den Dienst nicht tauglich seien. Andere Arbeiter flüchteten sich in die Wälder. Vielfach werde auch darüber geklagt, daß die Woids die Aktion nicht genügend unterstützten, und man habe Fälle festgestellt, in denen arbeitsamtlichen Maßnahmen bewußt entgegengetreten worden sei. Die Tätigkeit des Werbers sei zudem nicht gefahrlos; vor einiger Zeit sei einer der deutschen Werber beschossen worden. Zu denken gebe auch der Fall, daß von 800 Arbeitern, die bereits eingeteilt worden seien, sich nur 69 auf der Station eingestellt hätten. Alles das sei darauf zurückzuführen, daß die Landbevölkerung von einer Angstpsychose befallen sei, abgesehen davon, daß sich die Polen inzwischen gut organisiert hätten. Der Herr Generalgouverneur ist durchaus nicht abgeneigt, die äußersten Mittel zu ergreifen. Dann müsse aber die Autorität des Reiches voll eingesetzt werden. Solange der Schnee noch liege, sei an eine Änderung dieser Verhältnisse nicht zu denken.

Quelle
Besprechung über die Verschickung von Landarbeitern ins Reich, in: Präg, Werner/Jacobmeyer, Wolfgang (Hrsg.): Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen 1939-1945, Stuttgart 1975, S. 148f. 
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Erstellt
24.05.2012 
Zuletzt geändert
20.05.2020 

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Besprechung über die Verschickung von Landarbeitern ins Reich, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1045.html (Zugriff am 21.09.2020)