Edward Kubalski: Tagebuchauszüge 1939-1040

Tagebuchauszüge von Edward Kubalski über die Verhaftung der Krakauer Professoren im November 1939 und deren Schicksal im KZ, 6.11.1939, 7.11.1939, 31.12.1939, 2.1.1940, 9.1.1940, 11.1.1940, 9.2.1940

6.11.1939 Heute am Mittag – eine seltsame Tatsache – wurden alle Universitätsprofessoren verhaftet, die um 12 Uhr zum Vortrag eines deutschen Professors eingeladen waren. Sie wurden mit Bussen abtransportiert. Man weiß nicht, ob sie in die Mazowiecka-Straße [1] oder in die Montelupi-Straße [2] gebracht wurden. Der Grund dafür soll eine für den 11. November organisierte oder geplante Manifestation oder Demonstration gewesen sein. Es scheint jedoch, dass das Hauptziel die Schließung der Universität ist. Man weiß nicht, warum der ganze Wawel mit Scheinwerfern illuminiert wurde. Anscheinend wird eine Parade vorbereitet. Das Priesterseminar an der Podzamcze Straße wurde evakuiert.

7.11.1939 Es stellte sich heraus, dass all diese Paraden und Säulen mit roten Hakenkreuzfahnen für den heutigen Amtsantritt von G.G [3]. Frank [sind].

Ex re [4] wurden anscheinend deutsche Straßennamen an den Straßenecken aufgehängt, manche wurden ins Deutsche übertragen, andere weichen ab. So heißt Duży i Mały Rynek jetzt großer und kleiner Markt, Hauptstrasse statt Sławkowska-Straße und Kasino-Gasse anstatt Bracka-Straße, denn sie führt zum deutschen städtischen Kasino im Larisch Palais, das sich in der ehemaligen Wohnung des Präsidenten und in den Räumen im Erdgeschoss befindet. Die Verhaftung der Universitätsprofessoren als ein Akt der Gewalt und des Terrors hinterließen in der Stadt einen bedrückenden Eindruck. Das hinterhältige Anlocken, angeblich anlässlich eines Vortrages vom Professor Müller [5], (er erklärte, man habe beabsichtigt, das Studienjahr gesetzwidrig zu eröffnen, ohne Genehmigung der Behörden, und dass die Universität im Übrigen gegenüber dem Deutschtum immer feindlich gesinnt [6] sei) und dann weiter noch das Hinausführen sogar der älteren emeritierten Professoren wie Kostanecki, Zoll, auch des Rektors Lehr-Spławiński, Kutrzeba etc. unter Waffen in die Autos sah schrecklich aus. Die Verhafteten wurden im bekannten Lager an der Mazowiecka-Straße untergebracht. Der Universitätsbeirat will wenigstens in Angelegenheit zwei seiner Mitglieder, das heißt der Rektoren Kutrzeba [7] und Lehr-Spławiński, bei H.[errn] Zörner [8] intervenieren. Aus dem Gebiet Poznań wird berichtet, dass die sechs wichtigsten Landwirte dort erschossen wurden, P. Żółtowski und andere.

1940

JANUAR

2.01. Oranienburg forderte schon ein zweites Opfer. Professor Stanisław Estreicher [9] starb an Herzproblemen und allgemeiner Erschöpfung. Der Familie wurde nicht erlaubt, zur Beerdigung (sie solle erst mal einen regulären Pass beantragen) zu fahren. Auch wurde es nicht erlaubt, die Leichen abzuholen, denn dort solle es vielleicht ein Krematorium geben. Schmerzliche Nachrichten über den Tod des Richters Frąckiewicz im Gefängnis Montelupich verbreiten sich, wohin er zuvor (nach einer privaten Denunziation von einem Menschen, über den er mal wegen Verbrechen gegen den polnischen Staat Gericht gehalten hatte) verschleppt und dort zum Tode gefoltert wurde. Die deutsche Leitung des Monopols hat die Preise für Tabak erhöht und, wie es scheint, auch für Salz. Die Überteuerung nimmt andauernd zu. Aus Lemberg erreichen uns auch Nachrichten über wahnsinnige Überteuerung, so dass sogar die dortigen Juden fliehen. Eine Tonne Kohle kostet eine astronomische Summe. Es fehlt an Brot. Tag für Tag wird berichtet, dass der Kurs des Złoty sinkt. Derzeit soll der Termin des Ablaufs [10] noch um einige Tage verlängert werden. Eine Razzia zwecks Zwangseinberufung von Männern zur Armee findet statt. Die Offiziere werden nach Russland abtransportiert. Finnland kämpft tapfer, angeblich besetzte es bereits die Murmanbahn. Eine Offensive soll auch im Süden von Syrien und vom Kaukasus aus in Vorbereitung sein.

9.01. Eine neue Anordnung sagt, alle Rundfunkgeräte, Detektoren, Radioanlagen nach der Entfernung von Antennen (es scheint, als gäbe es Befürchtungen wegen Kurzwellenfunkgeräte) sollen bis zum 20. dieses Monats abgegeben werden. In Oranienburg starb der Geograph Professor Smoleński [11]. Kein Wunder – bei solcher Kälte und in ungeheizten Schlafräumen. An der finnischen Front kämpfen angeblich polnische Flugzeuge gegen Russland.

11.01. Ein weiteres Opfer in Oranienburg. Man sagt, Professor Prawocheński von der Landwirtschaftlichen Hochschule sei dort gestorben. Es herrscht strenger Frost. Die Überteuerung nimmt zu. Es beginnt an Fleisch und Fett zu mangeln. Traurige Perspektiven für die kommenden Monate – umso spürbarer, weil es nach einem riesigen Kriegssturm aussieht, falls der Norden sich bewegt und auch die Front von Kleinasien her. Nur noch Jungen aus den Vorstädten, die tagsüber die Zeitung „Goniec Krakowski“ verkaufen sowie Sacharin, Dragees namens kamczyki, Arzneimittel gegen Kopfschmerzen namens Kogutek – sie laufen abends hier und da mit der traditionellen Figur eines Toruń [12], eines Juden oder Góral (denn heute sind die Goralen, Mazuren etc. eigene Nationalitäten) herum. In der neusten Anordnung wurde die Einberufung ins Arbeitslager für Juden zwischen 12-60 samt ganzem Werkzeug angekündigt. Die Einberufenen sollen eine Decke und Essen für zwei Tage mitnehmen.

9.02. 102 Professoren kamen heute endlich aus Oranienburg zurück. 60 jüngere Professoren sind noch zurückgeblieben. Was für eine Freude für die Befreiten und ihre Familien. Die Armen, die die Rückkehr nicht mehr miterleben konnten.


[1] An der Mazowiecka-Straße befanden sich Kasernen.

[2] Dort befand sich ein Gefängnis.

[3] Generalgouverneur

[4] Aus diesem Grund (lat.).

[5] Dr. Bruno Müller, SS-Obersturmbannführer, ehemaliger SS Chef in Krakau. (Fußnote aus dem Originaltext)

[6] Im Original Deutsch.

[7]  Professor Stanisław Marian Kutrzeba, 1932-1933 Rektor der Jagiellonen-Universität.

[8] Ernst Emil Zörner, vom 27.09.1939 bis Ende Januar 1940 Stadthauptmann von Krakau.

[9] Professor Stanisław Estreicher, Rechtshistorikier, ehemaliger Rektor der Jagiellonen Universität, Verleger der Polnischen Bibliographie. (Fußnote aus dem Originaltext)

[10] Im Original hier Fußnote.

[11] Im Original hier Fußnote.

[12] Eine volkstümliche gespenstige Gestalt, die besonders in Volksbräuchen zu Weihnachten und Ostern und slawischen Bräuchen zur Geltung kommt. Die Figur symbolisiert Tod und Auferstehung, Wiedergeburt der Erde und Reichtum.

Quelle
Edward Kubalski: Tagebuchauszüge 1939-1040, in: Kubalski, Edward: Niemcy w Krakowie. Dziennik 1 IX 1939 – 18 I 1945, Pod redakcją Jana Grabowskiego u. Zbigniewa R. Grabowskiego, Kraków/Budapest 2010, S. 40, 41, 45, 46 u. 51. 
Übers.
Anna Helena Religa 
Copyright
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Erstellt
24.05.2012 
Zuletzt geändert
18.04.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Edward Kubalski: Tagebuchauszüge 1939-1040, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1035.html (Zugriff am 10.04.2020)