Polnische Exilregierung erhält einen Bericht über die Zustände im Generalgouvernement 1943

Bericht des Vertreters der Exilregierung im Generalgouvernement über Stimmung der Deutschen und ihre Reaktionen auf den zunehmenden Widerstand, über gewaltsame Rekrutierung von Zwangsarbeitern, Umsiedlungen, Verhaftungen, Terror der Besatzer sowie über die Aktionen des polnischen Untergrunds

Stimmungen und deutsche Befürchtungen. Übrigens parallel zu diesen Ankündigungen und blutigen Anzeichen ihrer Verwirklichung treten zahlreiche Fakten auf, die belegen, dass innerhalb weiter deutscher Kreise in Polen eine gedrückte Stimmung herrscht und die deutsche Obrigkeit große Angst gegenüber den Polen empfindet. - Aus Krakau wird angedeutet, dass die Stimmung der dortigen Deutschen kontinuierlich schlechter wird. In diesem Zusammenhang wurden dort in der letzten Zeit mehrere Versammlungen und Beratungen abgehalten, die zum Ziel hatten, die Stimmung zu verbessern. Charakteristisch dabei ist die Tatsache, dass während dieser Versammlungen und Beratungen immer seltener von der Gewissheit des Sieges die Rede ist; vielmehr rückt das Motiv der Bedrohung durch die Konsequenzen einer eventuellen Niederlage in den Vordergrund, unter anderem die Rache der Polen; betont wird die unwiderrufliche Notwendigkeit des Kampfes in Anbetracht der Tatsache, dass es kein Zurück mehr gibt. In den privaten Gesprächen der Deutschen zu diesem Thema wird der brutale antipolnische Kurs, der die Deutschen auf  polnischem Gebiet in eine Sackgasse geführt hat, kritisiert. - In allen deutschen Kreisen des Generalgouvernements wird eine immer größere Niedergeschlagenheit und Resignation wahrgenommen; verursacht wird sie durch die Nachrichten über die militärischen Niederlagen der Achsenmächte, durch die Folgen der Luftangriffe der Alliierten und durch immer zahlreichere Beweise der zunehmenden Aktivität der Polen. Weiter macht sich auch eine gravierende Änderung im Verhältnis durchschnittlicher Deutscher gegenüber Polen bemerkbar, besonders gegenüber dem den Deutschen unterstellten polnischen Arbeitspersonal. Gestapobeamte, Militärpolizisten und SS-Männer zeigen häufig klare Anzeichen von Aufregung und Angst, sowohl im Straßendienst als auch bei Personenkontrollen, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Die letzteren werden meistens mithilfe von großen Gruppen (8-10 Menschen) unter enormen Sicherheitsvorkehrungen und Schutzvorrichtungen durchgeführt. Die Gestapo greift immer häufiger zu unerwarteten, hinterhältigen Aktionen verschiedenster Art, um Menschen aus ihren Wohnungen herauszulocken, bevor sie dann auf der Straße verhaftet werden. Bei polnischen Aktionen verhalten sich durchschnittliche Deutsche, sowohl zivile als auch uniformierte, in der Regel ängstlich. Entweder retten sie sich sofort durch Flucht oder beobachten passiv den Ablauf polnischer Einsätze. Da solches Verhalten dermaßen alltäglich wurde, sah sich Gouverneur Fischer [1] gezwungen ein vertrauliches Rundschreiben erstellen zu lassen, in dem angekündigt wurde, dass sich in solch einer Situation jeder bewaffnete Deutsche strafbar macht, der keinen Gebrauch von seiner Waffe macht. - In der Provinz reagieren sogar größere bewaffneten Gruppen von Deutschen, unter anderem auch deutsche Militärpolizei, bei Aktionen polnischer bewaffneter Gruppen feige und meiden Auseinandersetzungen mit polnischen Kampfgruppen. - Besonders große Angst haben Deutsche vor Warschau. Anzeichen dessen ist die Verstärkung der Polizeikräfte und SS-Einheiten in den letzten Wochen in Warschau. Die Gestapo wurde verstärkt und neue starke Einheiten von Militärpolizei und SS wurden aus Tschechien, einigen Gebieten Jugoslawiens und aus dem Reich geholt.

Der Warschauer Militärpolizei, der mehrere Monate lang auf Grund von Sparmaßnahmen bei Benzin und Transportmitteln sämtliche Wagen entzogen worden waren, und die auf Straßenbahnen ausweichen musste - wurden wieder große Mengen an Fahrzeugen und Krafträdern zur Verfügung gestellt. - An allen deutschen Gebäuden, sogar bei Krankenhäusern, wurde die Zahl der Wächter verdoppelt. Die dichten Patrouillen der deutschen Militärpolizei auf den Warschauer Straßen wurden letztens jeweils auf vier Mann verstärkt, zudem wurden sie dabei von polnischen Polizisten und zivil gekleideten Gestapobeamten und Zivilbeamten der polnischen Polizei begleitet.

Als Frank [2] für die Tage vom 18. bis 20. Juni nach Warschau kam, wurden geradezu fantastische Sicherheitsvorkehrungen getroffen. In den Tagen des Aufenthaltes von Frank wurden auf beiden Seiten der gesamten Gleisstrecke, auf den der Zug mit Frank durch die Stadt fahren sollte, die Straßen mit starken Absperrungen von Militärpolizei und Polizei mit  einer Tiefe von 300-400 Metern auf beiden Seiten der Gleise besetzt. Für die große Kolonne von Panzerwagen, die Frank während seiner Fahrten durch die Stadt ständig begleitet hat, wurden große Umwege, oft Seitenstraßen, gewählt, damit es nie vorhersehbar war, wo Frank lang fahren wird; diese Straßen wurden erst kurz vor der Durchfahrt des Konvois mit dichten Wachposten der Militärpolizei besetzt. Einen Teil dieser Fahrten hat Frank sogar in einer Tankette gemacht. Warschau kann sich an verschiedene merkwürdige Vorkommnisse aus der Zeit der Unfreiheit und des Ersten Weltkrieges erinnern, aber nie hat ein Eroberer und Tyrann mehr Angst vor ihm gezeigt als Frank.

Aussiedlungs- und Wohnungsräumungsaktionen. Aus verschiedenen Provinzgebieten erreichen uns ständig neue Informationen über Aktionen von Aussiedlung der polnischen Bevölkerung aus ihren bisherigen Siedlungen. Solche Ereignisse haben letztens in den Gebieten rund um Sandomierz (Dörfer: Chwałki, Maszyń, Gerlachów, Reczyca, Żabie u.a.), in der Umgebung von Rawa Ruska und in der Umgebung von Kamionka Strumiłowa stattgefunden. - In Lublin wurden im Mai erneut circa 1000 Personen ausgesiedelt, unter anderem mehrere Kaufleute, deren Geschäfte zuvor beschlagnahmt wurden; darüber hinaus wurden viele Einwohner der Vorstädte von Czechy Dolne und Czechy Górne ausgesiedelt. - Umfangreiche Aussiedlungsaktionen polnischer Bauern und Weißrussen im Białystoker Gebiet dauern immer noch an. In Landkreis Grajewo wurden die Einwohner des Dorfes Nieckowo (circa 70 Familien) ausgesiedelt; das Land der Ausgesiedelten wurde dem Landgut angeschlossen, das vom örtlichen Landrat eingenommen worden ist. 40 Familien wurden aus dem Dorf Budy Grodzkie (Gebiet bei Zambrów) nach Grodno ausgesiedelt. Im Wilna-Gebiet wurden mehrere Tausend Polen aus den Gemeinden Rzeszańska, Pobrzeska, Mejszagolska ausgesiedelt. Die Aussiedlungsaktion wurde dort von der litauischen Polizei durchgeführt. Die Polen wurden auf eine sehr brutale Weise von ihren Bauernhöfen vertrieben, ihr Eigentum, das lebende Inventar und persönliche Gegenstände wurden geraubt; anstelle der Polen wurden litauische Bauern geholt, denen polnische Bauernhöfe kostenfrei übergegeben wurden; an der Aussiedlungsaktion der Polen war ein litauischer Priester aus dem Pfarrbezirk Jęczmieniszki (Gemeinde Pobrzenie) eifrig beteiligt. Der ausgesiedelten polnischen Bevölkerung wurde kein neuer Wohnort zugewiesen. Manche Polen ließen sich in den von Juden verlassenen Hütten in benachbarten Städtchen nieder, ein Teil blieb im Dienst auf den benachbarten Bauernhöfen. - In Warschau beträgt die Zahl der Personen, die aus ihren früheren Wohnungen vertrieben wurden und sich auf der Suche nach einer neuen Bleibe befinden, laut dem Miejskie Biuro Kwaterunkowe (dt. Städtisches Wohnungsamt) im Moment circa 13.000 Personen. 

Arbeitslager. In Dutzenden von im ganzen Generalgouvernement und in den Ostgebieten verstreuten Straf- und Zwangsarbeitslagern sind unter schwersten Bedingungen Tausende von Polen inhaftiert, die in diese Lager von deutschen Verwaltungs- und Polizeibehörden eingewiesen wurden. Die Mindestzeit der Inhaftierung in solch einem Lager beträgt vier Wochen, aber meistens zieht sie sich über mehrere Monate. In solche Lager werden Polen eingewiesen, denen die deutschen Behörden Verstoß gegen die Kontingentlieferungen, Arbeitsverweigerung oder illegalen Handel vorwarfen. Die Befehlsgewalt in den Lagern bleibt in den Händen von der Gestapo. In Warschau wurde letztens ein neues Strafarbeitslager eingerichtet. Es befindet sich in dem ehemaligen Militärgefängnis in der Gęsia-Straße. In diesem Lager befinden sich im Moment mehrere Hundert Personen. Sie sind für Arbeiten zugunsten verschiedener deutscher Unternehmen abgestellt. Die Häftlinge dürfen weder Kleidungspakete noch Nahrungsmittel von außen bekommen. Für jedes kleinste Vergehen werden sie geschlagen.

IV. Rekrutierung zur Zwangsarbeit und zur Organisation Todt. 

Allgemeine Lage. Die Rekrutierungsaktionen unter der polnischen Bevölkerung zur Zwangsarbeit im Reich haben in der letzten Zeit sehr nachgelassen. Der Bericht des Warschauer Arbeitsamtes für den Monat Mai stellt fest, dass im Laufe des gesamten Monats aus dem Gebiet, das dem Arbeitsamt untersteht, 752 Personen (571 aus der Stadt Warschau, 181 aus dem Kreis verschickt wurden); im Bericht wird festgestellt, dass von all diesen Personen 410 freiwillig rekrutiert wurden und 342 auf Zwangsanweisung deportiert wurden. Der Bericht sagt weiter, dass es den privaten Firmen, die bessere Arbeitsbedingungen schaffen und Nahrungshilfe für die im Lande verbleibenden Familienmitglieder leisten, gelungen sei, im Laufe des Monats Mai 805 Personen zur Arbeit im Osten freiwillig anzuwerben. Das Warschauer Arbeitsamt wies im Mai 122 Personen in Schulungswerkstätten ein. In den letzten zehn Maitagen war nur sehr wenig Betrieb in dem Lager an der Skaryszewska-Straße in Warschau. Täglich kamen rund 80 Personen, samt allen Freiwilligen; mehrere Transporte mit je circa 50 Personen wurden unter starker Bewachung aus der Umgebung von Łowicz gebracht. In dieser Zeit wurden circa 200 Personen aus dem Lager weggebracht. Im Zeitraum vom 1. bis 10. Juni wurden aus der Skaryszewska-Straße 246 Personen zur Zwangsarbeit eingewiesen; gleichzeitig wurden aus dem Lager in der Długa-Straße 107 freiwillige Kräfte ins Reich gebracht. Die öffentlichen Straßenrazzien zwecks Rekrutierung neuer Arbeitskräfte haben fast vollkommen aufgehört.

Rekrutierung von Jugendlichen. Im Sinne der neuen Anordnung des Warschauer Arbeitsamtes wurde die Pflicht der Zwangsarbeit auf die Jugendliche einiger  weiterführender Schulen und Berufsschulen erweitert, wobei gemäß dieser Anordnung circa 300 Personen im Generalgouvernement abgestellt und 500 ins Reich verbracht werden sollen. Derzeit wird die namentliche Einberufung an Jugendliche verschickt. Die Jugend ist jedoch entschlossen, massenhaft die Ausreise zu weigern.

Terror rund um die Rekrutierungen. In der letzten Zeit kamen Informationen über Terror nach Warschau, der mit der Rekrutierung zur Zwangsarbeit zusammenhängt. Die folgenden Vorkommnisse haben sich im letzten Berichtszeitraum ereignet. In der Gemeinde Sterdyń (Landkreis Sokołów) wurde auf Befehl des Landrats Grams das Dorf Radość in Brand gesetzt, weil diejenigen, die zur Dienstarbeit im Reich einberufen worden waren, sich der Vorladung verweigerten. Verbrannt wurden 22 Bauernhöfe samt totem und lebendem Inventar; circa 200 Personen wurden obdachlos, ohne Inventar, Werkzeuge und jegliche Lebensgrundlagen. In diesem Landkreis haben die Deutschen auch 3 Häuser im Dorf Geranowo im Zuge der Rekrutierung zerstört, im Dorf Lebieda wurden vielen Bauern das lebende Inventar, Hausgeräte und Bettwäsche weggenommen, anschließend wurde alles auf einem leeren Platz verbrannt. Als eines Tages im Mai ein Transport mit Jugendlichen zur Arbeit aus Nowy Sącz, Limanowa und Mszana Dolna weggebracht wurde, stellte man in Krakau fest, dass alle Jungen in Ketten gelegt worden waren. Im April und Anfang Mai setzen die Deutschen in 7 Landkreisen des Warschauer Distrikts wegen des Widerstands gegen die Rekrutierungen mehr als 100 Bauernhöfe in Brand.

Durchsuchung – Festnahmen – groß angelegte Razzien. Mitte Mai, und vor allem zum Ende der zweiten Dekade, begannen die deutschen Behörden, groß angelegte Repressionen durchzuführen, die in erster Linie gegen Warschau gerichtet waren. Zu diesem Zweck wurden neue Einheiten von Militärpolizei und SS im Umfang von 3000 Mann nach Warschau geschickt. Die Repressionen begannen mit verstärkten Straßenaktionen der Polizei. Durch Warschau patrouillierten tagsüber Einheiten der stark bewaffneten deutschen Militärpolizei, häufig in Begleitung von polnischer Polizei und zivil gekleideten Gestapobeamten. Als nächstes begannen die Einheiten regelmäßig gezielt Passanten, besonders männliche Jugendliche, anzuhalten und Dokumentenkontrollen und Durchsuchungen durchzuführen. Der Personenkontrolle und Durchsuchungen unterliegen oft auch Straßenbahnpassagiere. Weiteres Anzeichen verstärkter Polizeiaktionen sind kleinere und größere Razzien auf den Straßen und in den Häusern. Im Folgenden mehrere Bespiele solcher Razzien. Eines Tages umzingelten Gestapo und Militärpolizei plötzlich das Haus Nummer 6 an der Lwowska-Straße. Alle Bewohner wurden aufgefordert, in den Hof hinauszugehen, wobei die Wohnungen offen gelassen werden sollten; als nächstes wurden unter Anwesenheit von Hausverwalter und Hausmeister, die Dokumente aller Hausbewohner überprüft; daneben fanden auch flüchtige Wohnungsdurchsuchungen statt. Eine ähnliche Razzia wurde zur gleichen Zeit in der Nacht in einem der Häuser in der Wilcza-Straße durchgeführt. Am 26. Mai umzingelte die Militärpolizei den Paderewski-Park  und überprüfte Papiere aller Passanten, ein Teil von ihnen wurde festgenommen. Die gleiche Art von Razzia fand im selben Park auch am nächsten Tag statt. In den letzten Tagen führten die Deutschen auch politische Razzien in Saska Kępa[3] und in Mokotów[4] durch, am 9. Juni in der Nähe vom Ostbahnhof, auf dem Plac-Kazimierza (dt. Kazimierz-Platz), hinter Żelazowa Brama und auf dem Powązki-Friedhof, schließlich am 14. Juni auf dem zentralen Platz des Stadtteiles Żelazowa Brama.

In diesem Zeitraum fanden viele spontane Dokumentenkontrollen von Personen in einzelnen Warschauer Cafés statt. Im Laufe dieser Aktionen und Razzien kam es häufig zu Scheißereien, infolge derer es auf beiden Seiten Tote und Verletzte gab. Während einer dieser deutsch-polnischen Schusswechsel fiel der junge polnische Offizier Andrzej Bandrowski nach tapferer Verteidigung an der Świętokrzyska-Straße durch deutsche Kugeln. - Parallel zu den verstärkten Straßenaktionen wurden zahlreiche Verhaftungen durchgeführt. Sie hatten zwei Stoßrichtungen: individuelle Verhaftungen, deren Ziel es ist, eine Reihe von offensichtlich seit längerer Zeit beobachteten Einrichtungen der Untergrundbewegung zu liquidieren; und Massenverhaftungen, deren Ziel es ist, Elemente aufzuspüren, die von der Gestapo als politisch aktiver Posten verdächtigt werden. - Es folgen zahlreiche Beispiele von Festnahmen der ersten Art. Am 13. Mai umzingelte die Gestapo bei einer vorgetäuschten Razzia gegen Juden das Haus Nummer 52 an der Wspólna-Straße und drang in eine der Wohnungen ein, in der angeblich ein Munitionslager gefunden wurde; während der Verhaftung mehrerer Personen, die sich zu jener Zeit in der Wohnung aufhielten, kam es zu einem Schusswechsel, in Folge dessen vier Personen fielen. Am 14. Mai wurden im Café Fuchss an der Filtrowa-Straße einige Dutzend Personen verhaftet, die sich gerade im Café aufhielten oder es gerade betraten; die Mehrzahl wurde kurz danach freigelassen; acht Männer wurden jedoch festgehalten. Am gleichen Tag unternahm die Gestapo einen ähnlichen Angriff auf die Kantine der PKO [5] an der Marszałkowska-Straße, und am darauf folgenden Tag auf das Café [6] des Künstlers und Musikers Professor Woytowicz in der Nowy Świat-Straße sowie auf das Café „Satyr“ an der Marszałkowska-Straße; in allen Fällen wurden mehrere Personen verhaftet. Am 18. Mai umzingelte die Gestapo die Niederlassung des Rettungsdienstes an der Szeroka-Straße in Praga [7] und nahm vier Männer fest. Am 5. Juni umzingelte eine starke Einheit von Gestapo und Militärpolizei die St. Alexander-Kirche und nahm mehrere Duzend Personen fest, wobei man es besonders auf Personen abgesehen hatte, die zur gerade stattfindenden Trauung gekommen waren. Auch in den ersten Junitagen fand am Mittag eine Razzia auf die Erlöser-Kirche [8] statt, bei der mehrere Personen, die sich gerade in der Kirche aufhielten, festgenommen wurden.

Mehrere politisch motivierte, individuelle Festnahmen führte die Gestapo in den letzten Wochen auch in mehreren Privatwohnungen, Läden, Büros mehrerer öffentlicher Institutionen und privaten Unternehmen durch. - Am Ende der zweiten Dekade wurde eine überraschende und strenge Durchsuchung des polnischen Personals im Pawiak [9] durchgeführt. Am besagten Tag wurde nachts einer der polnischen Ärzte des Gefängnisses zusammen mit seiner Frau und mehreren höheren und niederen Aufsehern des Gefängnisses verhaftet. - Die Massenverhaftungen der zweiten Art begannen Mitte Mai, anfangs mit größerer, später mit geringerer Intensität, und dauerten beinahe bis Ende des Monats an. Die meisten Verhaftungen wurden nachts am 18., 19., und 20. Mai durchgeführt. Alleine in der Nacht vom 18. zum 19. Mai wurden 330 Männer und 140 Frauen in den Pawiak gebracht. Die Festnahmen wurden eilig durchgeführt, wobei die Durchsuchungen der Personen entweder sehr oberflächlich waren oder überhaupt nicht durchgeführt wurden. Insgesamt wurden bis Ende Mai circa 1800 Personen in Warschau festgenommen; unter anderem wurden circa 50 Personen aus den Büros des Magistrates und der Stadtwerke verhaftet. Die Verhaftungen betrafen Menschen aller sozialen Schichten und verschiedener Berufe; im Besonderen aber umfassten sie Intelligenz, Beamtenkreise sowie Arbeiter. Gewisse Umstände dieser Aktion weisen darauf hin, dass die Gestapo mit den Verhaftungen alle Teile der polnischen Gesellschaft treffen wollte. In vielen Fällen wurden ganze Familien verhaftet. - Zu gleicher Zeit oder beinahe gleichzeitig zu den Verhaftungen in Warschau führten die Deutschen massenhafte Verhaftungen in der Provinz durch. In Lemberg wurden 400 Personen verhaftet, in Lublin und in der Umgebung von Lublin (hauptsächlich in den Landkreisen Janów Lubelski und Puławy) wurden mehrere Tausend Personen verhaftet, in Radom und seiner Umgebung einige Hundert Personen, in Kielce – ein paar Hunderte Personen; große Verhaftungsaktionen fanden zu jener Zeit auch in Krakau und im Distrikt Krakau statt. In all diesen Gebieten verliefen die Verhaftungen mit den gleichen zwei Stoßrichtungen, die die Verhaftungsaktionen in Warschau kennzeichneten.

Rückkehr des blutigen Massenterrors. Im Berichtszeitraum kam es zu einer vollen Rückkehr der Deutschen zum – beinahe eingestellten oder mindestens eingeschränkten –  Prinzip der kollektiven Verantwortlichkeit und des blutigen Terrors. Die Umgebung der Dörfer Dąbrowa und Żuchwice bei Bodzentyn im Kreis Kielce ist bekannt für ein blutiges Massaker, das dort vor einiger Zeit von den Deutschen angerichtet wurde. In Folge dessen kamen 57 Personen ums Leben. Am 22. Mai begingen die Deutschen in der Nähe dieses Gebiets erneut ein neues grauenvolles Massaker. Sie holten 25 Bauern ins Dorf Gębice, die zuvor in Żuchwice festgenommen worden waren, zusätzlich eine Reihe von lokalen Bauern, die dann alle erschossen wurden; danach sperrten sie Frauen und Kinder in die Bauernhäuser, verriegelten diese und setzten sie in Brand, indem sie Handgranaten hineinwarfen; Frauen und Kinder, die versuchten zu entfliehen, wurden wieder gefangen und in die brennenden Häuser geworfen. Auf diese Art und Weise wurden 73 Männer und 87 Frauen und Kinder ermordet und verbrannt. Der Grund für dieses neue grauenvolle deutsche Verbrechen - eine angebliche Unterstützung der Partisanen durch die lokale Bevölkerung. - Im Zusammenhang mit den massenhaften Zerstörungen von genossenschaftlichen Molkereien in der Provinz, die für die Deutschen arbeiteten – erschossen deutsche Beamte in der letzten Zeit 10 politische Häftlinge, die seit längerer Zeit im Gefängnis in Łowicz inhaftiert waren, 20 weitere Häftlinge in Sochaczew und etwa ein Dutzend in Radom. Am 25. Mai wurde in der Gegend von Ostrów Mazowiecka von unbekannten Tätern der von der Bevölkerung verhasste lokale Kreishauptmann umgebracht; zur jener Zeit kam es in diesem Gebiet zu Gefechten zwischen Partisanen und der deutschen Militärpolizei. Da die Deutschen es nicht schafften, mit den bewaffneten Partisanengruppen fertig zu werden, ließen sie ihre Wut an den erstbesten Polen aus. Am 28. und 29. Mai wurden zighundert Männer aus vorbeifahrenden Zügen geholt; ihr einziges Vergehen war es, dass sie sich nicht mit Dokumenten ausweisen konnten, aus denen hervorging, dass sie für die Deutschen arbeiteten; die Festgenommen wurden mit Lastwagen in den Wald bei der Ortschaft Tumanek gefahren; anschießend wurden sie in Gruppen von 15 Personen tief in den Wald geführt und dort aufgefordert, ihre eigenen Gräber zu graben - tiefe Gräben, alle wurden erschossen. Insgesamt wurden auf diese Art und Weise 145 Polen ermordet. Die lokale Bevölkerung bedeckte die Massengräber der ermordeten Landsleute mit Blumen. Jemand stellte daneben ein schlichtes Holzkreuz, ein anderer eine Tafel mit der Inschrift: Katyń. Am 1. Juni trieben SS-Einheiten in Bodzentyn die ganze Bevölkerung, einschließlich Frauen, Kinder und Kranke, auf den Markplatz. Die restlichen, die in den Wohnungen zurückgeblieben waren, wurden an Ort und Stelle ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter ermordet. Die auf dem Marktplatz Versammelten wurden von 6 Uhr morgens bis in die Abendstunden festgehalten. In dieser Zeit wurden 34 Männer und 5 Frauen ausgewählt, „verurteilt“ und vor aller Augen wegen „Unterstützung von Banditen und Saboteuren“ erschossen. Sie wurden langsam, einer nach dem anderen ermordet. Zum Schluss wurde die Bevölkerung angewiesen, sich dafür zu bedanken, dass die Stadt nicht in Brand gesetzt wurde. Im Falle weiteren Banditentums wurde mit der bedingungslosen Verbrennung der Stadt gedroht. Die Atmosphäre der blutigen Szene: Ruhe, hasserfülltes Schweigen, keine Anzeichen von Angst und Panik. Die Hinrichtung wurde von Einheiten der motorisierten Militärpolizei durchgeführt, die seit längerer Zeit in Słupia und im Kloster Heiligkreuz [10] stationiert sind, von wo aus sie regelmäßig Übergriffe, hauptsächlich in die Gegend von Bodzentyn und Samsonów, unternehmen; diese Einheiten führten in der letzten Zeit in den Nachbardörfern Dutzende rascher Exekutionen von lokalen Bauern durch. In Michniów (bei Kielce) trieb die Militärpolizei am 1. Juni 43 Personen (darunter 5 Frauen) in mehrere Bauernhäuser und verbrannte alle unter dem Vorwurf „Unterstützung von Banditen“. Das gleiche Verbrechen fand in Cmińsk [11] bei Suchedniów statt, wo Deutsche 14 Personen bei lebendigem Leibe verbrannten. - In Dyminy bei Kielce eröffnete die deutsche Polizei das Feuer auf eine Menschengruppe, die an einer Hauskapelle am Wegesrand betete und tötete dabei 9 Männer. Das Dorf Skałka Polska (Landkreis Włoszczów) wurde niedergebrannt und die Einwohner, denen es nicht gelungen war zu fliehen, ermordet. Düstere Nachrichten über deutsche Massenverbrechen kommen in der letzten Zeit aus den Gebieten um Lublin. Im Landkreis Janów Lubelski, vor allem in der Gegend von Kraśnik, Wilkołacz und Gościeradów, nahmen die Deutschen circa 800 örtliche Bauern fest, SS-Einheiten umzingelten einzelne Siedlungen und holten Männer im Alter bis 50 heraus; auf diese Art und Weise wurden heraus geschleppt: in Wilkołacz - 160 Personen, in Potok - 120 Personen, in Gościeradów - 157 Personen, in Kłodnica - 47, in Urzędowo - 3, in Modliborzyce - 5, zusätzlich mehrere Hundert aus Dörfern und Siedlungen im Landkreis Janów Lubelski; viele von den Festgenommenen wurden während des Transportes nach Lublin im Wald bei Konopnica umgebracht. Nach neusten Informationen wurden 240 dieser Bauern in den Gaskammern im Konzentrationslager in Majdan [12] hingerichtet. Im Städtchen Łaszczów erschossen Deutsche im Zusammenhang mit einem Überfall von Partisanen 72 lokale Bauern. Im Dorf Huta (Landkreis Chełm) führten SS-Männer und bewaffnete örtliche Ukrainer in Stärke von 200 Mann eine Razzia gegen Polen durch, die in dieses Gebiet aus dem Landkreis Hrubieszów geflohen waren, der von der Aussiedlungsaktion betroffen war; mehrere Dutzend Personen wurden festgenommen und mehrere von ihnen an Ort und Stelle erschossen. In Stara Wieś (Landkreis Krasnystaw) haben die Deutschen - als Vergeltung für einen durch einen Schuss verletzten Militärpolizisten - 6 Bauernhöfe in Brand gesetzt, mehrere Personen ermordet und 60 Bauern festgenommen und verschleppt. In den Gemeinden Miechów, Łysobyki und Wielkie (Landkreis Lubartów) ermordete eine deutsche Strafexpedition mehrere lokale Bauern, nachdem die lokalen Molkereien von Partisanen zerstört worden waren. Umfangreiche Razzien mit ähnlichem Hintergrund fanden in den Dörfern Wolice, Glinik, Wielkie, Abramów, Wielkolas, Marcinów, Sosnówka und Izabelmont (Landkreis Puławy) statt; einige Hundert Männer wurden nach einer vorher aufgestellten Liste festgenommen; viele von ihnen wurden getötet; die deutschen Militärpolizisten und eine sie begleitende Militärformation, bestehend aus bolschewistischen Gefangenen, vergewaltigten mehrere Frauen; eine Unmenge an Bauernhäusern wurde ausgeraubt; die Festgenommenen wurden nach Puławy verschleppt. Im Dorf Ochowa (Landkreis Chełm) erschossen die Deutschen die dortige Lehrerin samt ihren zwei Kindern wegen angeblichen Versteckens von „Banditen“. Im Dorf Antonówka (Landkreis Krasnystaw) wurde die Familie des Bauern Puławski ermordet, der des Versteckens eines Juden beschuldigt wurde. Im Dorf Przewrotniki bei Kolbuszowa töteten die Deutschen 28 Personen die als Kommunisten galten. - Im Dorf Zawady bei Garbatka hatten die Partisanen eine Militärwache überfallen und entwaffnet, die ein Übungsflugzeug, das sich dort nach einer Notlandung befand, bewachte; das Flugzeug wurde verbrannt. Die deutsche Einheit, die am folgenden Tag in Zawady eintraf, erschoss 3 Männer aus dem Haus, in dem die Wachleute übernachtet hatten. Darüber hinaus wurden 32 Männer festgenommen und nach Radom verschleppt. Eine deutsche Einheit kam ins Dorf Samorządki (Gemeinde Gorzna, Landkreis Garwolin), um den lokalen Wirt Sator festzunehmen. Da sie ihn selbst nicht zu Hause antrafen, erschossen sie seine Frau und zwei Kinder im Alter vom 12 und 14. - In der Siedlung Sadowne (Landkreis Węgrów) erschossen die Deutschen den Bäcker Wagowski samt seiner Frau und seinem Sohn wegen Brotverkaufs an eine Jüdin. - In der lokalen Munitionsfabrik in Skarżysko Kamienna führten die Deutschen die öffentliche Hinrichtung des Arbeiters namens Nowak durch, der angeklagt wurde, Juden geholfen zu haben. Für die Hinrichtung wurden alle Fabrikarbeiter auf den Fabrikhof getrieben. Nowak ging tapfer und ruhig zu dem in der Mitte des Hofes aufgestellten Galgen gegangen und rief als er zu seinen Stufen stand, mit starker Stimme aus: „Es lebe die Hochheilige Polnische Republik“. Die Henker legten daraufhin schleunigst die Schlinge um den Hals des Verurteilten. Für einen kurzen Moment hing Nowak, das Seil zerriss jedoch und der Verurteilte fiel zu Boden. Die versammelten Arbeiter dachten, dass ihn die Deutschen in Folge dessen begnadigen würden. In diesem Moment lief jedoch der Fabrikhauptmann, der SS-Offizier Krause, zu Nowak und ermordete den tapferen polnischen Arbeiter mit einer Reihe von Revolverschüssen. - Auch aus unseren östlichen Gebieten kommen neue Nachrichten über massenhafte deutsche Bestialitäten. Beispielsweise setzten Strafexpeditionen bestehend aus Militärpolizei und litauischen Szaulisi [13] im Landkreis Kobryń ganze Dörfer in Brand und ermordeten viele Bauern. In Brześć holte die Gestapo vor einigen Wochen 194 Häftlinge aus dem lokalen Gefängnis  und erschoss sie. Rund um Piaszczyzna brannte die deutsche Militärpolizei letztens 52 Dörfer nieder und ermordete einen Teil ihrer Bevölkerung. - Immer häufiger kommt es sowohl in Warschau als auch in der Provinz bei jeder beliebigen Gelegenheit zu Schüssen auf Personen, die durch Gestapo und Militärpolizei beobachtet werden oder festgenommen werden sollten. Solche Vorkommnisse finden sowohl auf den Straßen der Stadt als auch in den Wohnungen der betroffenen Personen statt.

Nachweis der Planmäßigkeit des deutschen Terrors und der deutschen Massenverbrechen. Am 8. Juni plakatierten die deutschen Behörden im Landkreis Zamość einen Aufruf mit folgendem Inhalt:

„Feindliche Banden, gesandt und organisiert durch sowjetische Elemente, die unter den Namen «Gwardia Ludowa» (dt. Volksgarde), «Polska Partia Robotnicza» (dt. Polnische Arbeiterpartei) auftreten oder sich als polnisch-nationale Bewegungen ausgeben, sind die Quelle des Unglücks für die friedliche polnische Dorfbevölkerung. Ihre Aktivität verursacht Spannungen, die auf die örtliche Bevölkerung zurückschlägt. Besonders im Landkreis Zamość ist eine Situation entstanden, die nicht mehr geduldet werden kann.

Im letzten Winter standen die deutschen Behörden vor der Notwendigkeit, eine gewisse Zahl von deutschen Bauern im Landkreis Zamość anzusiedeln, was wiederum die Notwendigkeit der Aussiedlung einer gewissen Zahl polnischer Bauern mit sich brachte. Die deutschen Behörden haben sich bemüht, diese absolut einmalige Anordnung auf eine möglichst menschliche und humanitäre Art und Weise durchzuführen. Dabei hatten die Behörden ein vollkommenes Verständnis für die schwierige Lage der polnischen Dorfbevölkerung und zeigten ihr gegenüber, besonders in der letzten Zeit, viel guten Willen.

Die Behörden warnten jedoch die polnische Bevölkerung mehrmals vor der Zusammenarbeit mit den organisierten feindlichen, sowjetischen Banden. Trotz allem wurde festgestellt, dass in manchen Fällen diese Banden in einigen Landkreisen von der Unterstützung der irre geführten polnischen Bevölkerung profitierten. Vor kurzem kam es zu einem Ereignis, wie es nicht mehr länger geduldet werden kann. In der Nacht vom 5. zum 6. Juni wurde das Dorf Siedliska (Landkreis Zamość), das von deutschen Bauern besiedelt wurde, von feindlichen Banden überfallen. Es wurden so dort barbarische und verbrecherische Taten verübt, dass sie nicht ohne empfindliche Strafe bleiben dürften.

Die Zeit der Vorwarnungen ist vorbei. Die deutschen Behörden fühlen sich gezwungen, zu Mitteln der Repression zu greifen, die sie bis jetzt bewusst vermieden, um der lokalen Dorfbevölkerung, die sich ohnehin in einer schwierigen Lage befindet, kein neues Leid zuzufügen. Von heute an aber werden Überfälle solcher Art nicht mehr geduldet. 

Jeder materielle Verlust, der der deutschen Bevölkerung von bolschewistischen Banden zugefügt wird, wird mit voller Härte bis zum letzten Groschen von den benachbarten polnischen Dörfern eingetrieben.

Von heute an wird für jeden getöteten Deutschen eine vielfache Zahl von Polen, die den Behörden für ihre Unterstützung der bolschewistischen Banden bekannt sind, ohne Rücksicht festgenommen und erschossen.

Die erste Aktion dieser Art wird derzeit wegen barbarischer Verbrechen im Dorf Siedliska durchgeführt. Jedes weitere Verbrechen dieser Art wird mit voller Härte auf gleiche Art und Weise vergolten.

Die deutschen Behörden wollen solche Methoden gegenüber der polnischen Bevölkerung nicht anwenden, deswegen warnen sie sie noch einmal. Das Beispiel Siedliska soll dennoch davon zeugen, dass, falls nötig, Gehorsam und Ordnung mit Gewalt erzwungen werden.“

VI. Polnische Konteraktion

Der Kampf dauert an. Im Berichtszeitraum wurde die vor einigen Monaten begonnene polnische sogenannte „begrenzte Aktion“ als Antwort auf den Terror und die Gewalt des Besatzers sowie auf seine Ausnutzung des Abschaums der polnischen Gesellschaft im Kampf gegen ebendiese Gesellschaft in vollem Umfang durchgeführt.

Anbei eine Handvoll Beispiele dieses Kampfes. Am 21. Mai wurde der Kommandant von Majdan, Major Schmidt liquidiert; in jener Zeit wurde auch der SS-Vizekommandant für den Distrikt Lublin getötet. Am 22. Mai wurden in Warschau gemäß dem Urteil der Führung des Untergrundkampfes ein Kapitän [14] und zwei Gestapo Oberleutnants im Café Adria [15] erschossen. Am gleichen Tag wurde auf dem Plac Trzech Krzyży [16] ein Gestapobeamter namens Lange erschossen, der sich durch barbarische Behandlungsmethoden gegenüber Häftlingen auszeichnete. In Ostrów Mazowiecka wurden getötet: Reichskommissar Dr. Ecker und drei ortsansässige Deutsche; in Sochaczew fiel der Vertreter des Reichskommissars und in Łowicz Wilhelm Bucholtz, verhasster Leiter des örtlichen Arbeitsamtes. An den letzten Maitagen wurden unter anderem liquidiert: der Reichskommissar des Landkreises Sokołów, ein Inspektor des Baudienstes [17] in Rzeszów und der Kommandant der deutschen Polizei in Jarosław. In Warschau selbst wurden in der zweiten Maihälfte circa 60 Deutsche sowie polnische Verräter getötet. Laut deutscher Quellen fielen in den ersten acht Tagen im Juni in Warschau erneut 56 Deutsche samt ihrer polnischen Informanten und Handlanger. - Nach der Aufdeckung der bestialischen Taten, die die Gestapo im Pawiak [18] und in der Szucha-Allee [19] begingen, sowie nach Feststellung der Fakten über die Ermordung von mehreren Hundert Häftlingen des Pawiak auf den Mauern, Zäunen, Bürgersteigen Warschaus und in der Provinz, erschien schließlich die letzte Ausgabe des „Biuletyn Informacyjny“ [20] unter der Losung: Der Pawiak wird gerächt. Polen und Deutsche wissen, dass diese Ankündigung in die Tat umgesetzt wird. - Außer mit dem Tode werden den deutschen und polnischen Schädlinge auch mit kleineren Strafen bestraft, zum Beispiel: schwere Prügelstrafe. Die Straßen der polnischen Städte, vor allem von Warschau, sind häufig Schauplatz von bewaffneten Auseinandersetzungen, die sich mehrfach zu regelrechten Gefechten entwickeln. Mal ist es die Vollstreckung eines Urteils durch polnische Aktivisten der Untergrundbewegung, mal Verteidigung gegen Angriffen oder Verfolgungen durch die Gestapo. Manchmal offensiv, manchmal defensiv, aber immer häufiger und wirksamer spricht die polnische Waffe. - Diese Aktionen unterstehen größtenteils der Führung der Untergrundbewegung, teilweise auch der Führung des Zivilen Kampfes.

Gegen Terror und wirtschaftliche und soziale Unterdrückung. - In diesem Bereich haben die polnischen Widerstandsaktionen sehr stark zugenommen. - Mitte Juni hat die Leitung des Zivilen Kampfes [21] offiziell bekannt gegeben, dass im Laufe der letzten Woche auf ihre Anweisungen hin Karteien, Verzeichnisse und Akten verbrannt beziehungsweise versteckt wurden, die der Besatzer für die Rekrutierung der polnischen Bevölkerung zur Zwangsarbeit und für die Anforderung von Kontingenten benötigte. Diese Aktion wurde im Auftrag der KWC in fast allen Gemeinden des Landkreises Puławy, in vielen Gemeinden der Landkreise: Lubartów, Janów Lubelski, Lublin, Krasnystaw und in manchen Gemeinden der Landkreise Siedlce, Radzyń Podlaski, Sokołów Podlaski, Węgrów, Włoszczów, Kielce und des Landkreises Nisko durchgeführt. Darüber hinaus wurden Akten und Karteien in mehreren Arbeitsämtern des Landkreises Warschau, in Jędrzejów, in Łosice (Landkreis Siedlce) vernichtet; verbrannt wurde auch das Sägewerk an der Bahnstation in Puławy. Die Aktion der Aktenvernichtung währt fort. - Und jetzt eine Handvoll Informationen aus der Provinz, die ein breiteres Schlaglicht auf den Inhalt des oben genannten offiziellen Berichtes werfen soll. In fast dem ganzen Gebiet des Landkreises Puławy haben die Verbrennungen von amtlichen Dokumenten in den Gemeinden ein bis jetzt unbekanntes Ausmaß angenommen. Es gibt fast keine Gemeinde in diesem Landkreis, in der die Arbeit uneingeschränkt verliefe und in der keine Dokumente vernichtet oder verbrannt wurden. Neben dieser Aktion wurde damit begonnen, dass Vieh in Końskowola und Żyrzyn zusammenzutreiben. Die Molkereien in Garbów, Pożóg, Stok und Rogów, die für Deutsche gearbeitet haben, wurden zerstört, oftmals wurden Buttertransporte auf der Strecke Miechów-Kurów, Kurów-Puławy beschlagnahmt. In dem Landkreis sind die Entwaffnung deutscher Militärpolizisten, oft ihre Liquidierung sowie Entwaffnung der polnischen Polizei an der Tagesordnung. In Puławy wurde das Sägewerk, das 1942 von Deutschen gebaut wurde, in Brand gesetzt. Es stand in der Nähe einer Bahnstation. Eines Nachts wurde gegen 12 Uhr Feuer wahrgenommen. Die Feuerwache wurde alarmiert und kam dann schnell an den Brandort, war aber nicht imstande das Feuer zu löschen. Die dortige mit Maschinengewehren bewaffnete, polnische Einheit verhinderte das Vorhaben der Feuerwehr. „Wir haben es nicht dafür in Brand gesetzt, damit es jetzt jemand löscht“ - solche Antwort wurde der Feuerwehr erteilt und danach wurde sie in die Stadt zurück geschickt. Die dort stationierte, sehr starke deutsche Militärpolizei wurde über den Vorfall informiert, wagte jedoch nicht zu intervenieren. In den nächsten vier Stunden brannte das Sägewerk samt Maschinen und Holzvorräten ab. Erst bei Tagesanbruch zog sich die polnische Wache von ihren Wachposten zurück. - Eines Tages marschierte eine Partisaneneinheit mit circa 70 Mann in das Städtchen Kołbiel (Landkreis Mińsk Mazowiecki) ein; vor dem Haus, in dem gerade sich ein Dutzend bewaffneter deutscher Militärpolizisten aufhielten und vor dem Gebäude der polnischen Polizei wurden Kämpfer mit Maschinengewehren postiert; in den nächsten Stunden wurden dann die amtlichen Dokumente vernichtet und die lokale Molkerei zerstört; die Militärpolizisten versuchten nicht einmal eine Gegenaktion zu unternehmen. - Im Gebiet des Landkreises Mińsk Mazowiecki wurde in allen Molkereien, mit einer Ausnahme, die Arbeit eingestellt. In fast allen Gemeindeämtern des Landkreises wurden Verzeichnisse mit den Namen von Menschen, die zur Zwangsarbeit verschickt werden könnten, Kontingentsakten und ein Verzeichnis der Ohrmarkierungen von Schweinen vernichtet; an nur einem Tag wurden diese Aktionen in bis zu 13 Gemeindeämtern im Gebiet dieses Landkreises durchgeführt. Ähnlich sieht es in vielen anderen Landkreisen des Warschauer Distriktes aus. - In der Gegend von Warka haben örtliche Landmänner im Mai eine schriftliche Anordnungen bekommen, in der sie aufgefordert wurden, alle Arbeiten und Dienste, die sie bis jetzt für die Deutschen geleistet haben, bis zum 1. Juni einzustellen. Vor allem sollen die Zahlung von Steuern und die Lieferung von Kontingenten eingestellt werden. In der letzten Maiwoche wurden in den Landkreisen Łowicz, Sochaczew und Grójec mehr als 20 Molkereien demoliert. Im Laufe der Aktion, die die Vernichtung von Dokumenten in den Gemeindeämtern im Landkreis Lubartów zum Ziel hatte, wurden auch Dokumente des Magistrates in Lubartów zerstört. Die Aktion wurde am helllichten Tag durchgeführt; in Miechów, das zu dem Landkreis gehört und wo die deutsche Militärpolizei versuchte zu intervenieren, wurden ein Offizier und zwei Soldaten dieser Einheit verletzt. - In Biała Podlaska wurden letztens das Gebäude des Arbeitsamtes und ein Gebäudeteil des Landratamtes niedergebrannt. In Kościelec (Landkreis Miechów) wurde im Laufe der Zerstörungsaktion von Dokumenten des dortigen Gemeindeamtes dem Bürgermeister und dem Gemeindesekretär, die für die Unterdrückung der dörflichen Bevölkerung bekannt waren, eine Prügelstrafe verhängt. In einer öffentlichen Bekanntmachung zur Dienstarbeit und zur Ablieferung von Kontingenten, die an die lokale Bevölkerung adressiert ist, fordert der Chef der Białystoker Gestapo die Bevölkerung auf, sich „vom Terror der Leitung des Zivilen Kampfes zu befreien“. Im Landkreis Rzeszów hat sich der zuständige Kreishauptmann mit großem Eifer bemüht, Stammdeutsche [22] anzuwerben; in letzter Zeit wurden Listen von Kandidaten, die sich als Stammdeutsche beworben haben, verbrannt, und eine Reihe von Männern, die sich schon auf die Liste eingetragen hatten, wurden heftig verprügelt; nach diesen Vorkommnissen kam die Werbung vollständig zum Erliegen. In Siedlce wurde ein Deutscher, höherer Beamter des zuständigen Arbeitsamtes, erschossen; ein weiterer Mitarbeiter wurde heftig verprügelt und musste einen Eid auf Hitler schwören, dass er nie wieder zum Schaden der polnischen Bevölkerung handeln wird; von da an wurden die Methoden dieses Amtes erheblich milder.

VII. Das Land im Zustand des Aufruhrs und im blutigen Chaos

Lage in der Provinz. In der Provinz des Generalgouvernements herrschten seit mehreren Monaten immer größeres Wirrwarr und Chaos. Neben Aktionen gegen den Besatzer, die von den polnischen maßgeblichen Kräften geleitet werden - nimmt in diesem Wirrwarr die Aktivität von der Führung des Staates [23] unabhängigen, politischen Gruppierungen konstant zu. Es sind verschiedene Gruppen mit halb politischem und halb privatem Charakter, weiterhin Einheiten sowjetischer Saboteure, schließlich gewöhnliche, immer zahlreiche Banditenbanden. Alle diese Gruppierungen sind stark bewaffnet, entwickeln zunehmende Aktivität, sodass es oftmals schwierig ist, zu überblicken, welche Aktion wessen Werk war. Insgesamt vermittelt das alles dem gegenwärtigen Leben unserer Provinz den Charakter allgemeinen Aufruhrs, blutigen Wirrwarrs und totalen wirtschaftlichen Chaos. Im Folgenden der Inhalt mehrerer regionalen Berichte, die ein grelles Licht in Bezug auf den Stand der Dinge werfen.

Der Bericht aus dem Gebiet von Lublin aus den letzten Maitagen dieses Jahres stellt fest, dass die Desorientierung der Verwaltung im Bezirk Lublin deutlich fortschreitet. Die Aktion der Niederbrennung von Gemeindeämtern und Arbeitsämtern oder der sich dort befindenden Akten, die Überfälle auf Posten der deutschen Militärpolizei und der polnischen Polizei, die Zerstörung von Eisenbahn- und Autotransporten, das Aufhalten von Zügen etc. hat letztens massenhaften Charakter angenommen. In diesem Zusammenhang hat die Verwaltung des Gouvernements in Lublin die Anordnung getroffen, dass die Akten aller Gemeindeämter aus dem gesamten Distrikt nach Lublin verlagert werden. Die Anordnung lässt sich jedoch schwer ausführen, denn die deutsche Exekutive ist in drei Vierteln des gesamten Gebietes dieses Distrikts lediglich illusorisch. Deshalb zog bis jetzt kein einziges Gemeindeamt nach Lublin, obwohl diese Bekanntmachung bereits vor mehreren Wochen veröffentlicht wurde. Die Folgen dieser Desorientierung zeigten sich vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Infolge der Verbrennung von Gemeindeämtern wurden die Kontingentsverzeichnisse, Vieh- und Schweineverzeichnisse etc. vernichtet.

Die Kontrolleure der Ohrmarkierungen wurden entweder erschossen oder sind geflohen. Deswegen erhielt in der Provinz Lublin ein äußerst weitreichender wirtschaftlicher Liberalismus Einzug. Der darauf folgende Bericht aus dem Lubliner Gebiet, datiert auf dem 10. Juni, betonte, dass die vielseitigen Sabotageakte durch Partisanen stark zugenommen hat. Ihre Aktivität kommt zum Ausdruck in der Verbrennung und Zerstörung von Gemeindeämtern, Arbeitsämtern, Postämtern, in der Liquidierung von deutschen Lakaien sowie in Überfällen auf Autos und Züge. Besonders die Letzteren haben stark zugenommen. Am 5. Juni explodierte in der Nähe der Bahnstation Gołąb, nicht weit von Dęblin, in einem Zug, der für Deutsche bestimmt war, eine Zeitbombe; vier Waggons wurden zerstört; wegen der geringen Zahl der Passagiere waren die Schäden gering. Am 7. Juni wurde ein bedeutsamer Anschlag auf zwei Militärgüterzüge auf der Strecke Lublin-Chełm in der Nähe der Bahnstation Jaszczów verübt. Infolge der Gleis- und Brückenzerstörung kam es zur  Unterbrechung des Verkehrs  auf diesem Abschnitt von beinahe einem ganzen Tag. Um den 10. Juni herum hielt eine polnisch-sprechende Partisanenformation, die teilweise in undefinierbare Militäruniformen verkleidet war, an einer kleinen Bahnstation in der Nähe von Rejowiec einen Personennahverkehrszug auf. Alle Deutschen wurden aufgefordert, mit dem gesamten Gepäck auszusteigen. Sie wurden an der Station festgehalten, den Zug ließ man seinen Weg fortsetzen. In den letzten Wochen fanden mehrere Überfälle auf Gemeinden, Molkereien, Posten der Militärpolizei oder Polizei etc. statt. Aufgrund dieser Überfälle haben sich die Deutschen aus vielen Gegenden fast komplett zurückgezogen. Im Gebiet von Lublin gibt es Orte, an denen man seit mehreren Monaten keinen Deutschen gesehen hat. Es gibt noch eine weitere Tatsache, die von den Verhältnissen im Gebiet Lublin bezeugt: Die Posten der deutschen Polizei in Kraśnik, Janów und Biłgoraj sind mit einem doppelten Sichtschutzzaun aus Holz, der die Höhe der Gebäude erreicht, umstellt worden. Der Freiraum zwischen den Bretten des einen und des anderen Zaunes ist mit Sand ausgefüllt. In die Zäune wurden Schießscharten eingelassen. In der Provinz des gesamten Landkreises Krasnystaw gibt es bereits seit einiger Zeit keine deutschen Ämter oder Einrichtungen mehr. Sogar die Militärpolizei aus dem ganzen Landkreis zog in die Stadt und schickt in die Dörfer nur strake Patrouillen – und auch das nur selten und tagsüber. Manche Bürgermeister und Sekretäre der Gemeinden sowie verschiedene Personen, die von der Bevölkerung Rache fürchten, ziehen aus dem Gebiet des Landkreises für die Nächte nach Krasnystaw. In Sokołów Podlaski wurden das Arbeitsamt, das Landratsamt und die Militärkasernen verbrannt, außerdem wurde das lokale Sägewerk teilweise zerstört. In vielen Landkreisen des Warschauer Distrikts kam es neben der Zerstörung von Gemeindeämtern und Arbeitsämtern und der Demolierung von Molkereien zu Überfällen auf Posten der Militärpolizei und der Polizei sowie Postämter, Postfilialen, Genossenschaften etc. In vielen Fällen wurden Waffen und Geld erbeutet. Dabei gibt es nur einzelne Mordfälle, oft aber werden Polizisten und Beamten verprügelt. Die Einheiten, die diese Aktionen durchführen, sind oftmals sehr stark und in der Regel gut bewaffnet; in Garwolin zum Beispiel führte eine Gruppe von 100 Menschen eine Aktion gegen das Gemeindeamt und den Polizeiposten durch. In Radziejowice in der Nähe von Grodzisk zählte eine entsprechende Gruppe 60 Mann etc. In all diesen Fällen waren die Deutschen machtlos. In manchen Landkreisen wurden gegenwärtig deutsche Besatzungen um Mühlen, Genossenschaften etc. herum postiert, jeweils etwa ein Dutzend Militärpolizisten, manchmal auch Ukrainer.

In Grójec traf der Landrat die Anordnung, alle noch unversehrten Kontingentsdokumente aus den Gemeinden in das Landratsamt in Grójec zu transportieren; das Gebäude des Landratsamtes wird streng bewach und alle Interessenten müssen sich mit Dokumenten ausweisen und einer Kontrolle unterziehen. - Sehr charakteristisch ist der Bericht aus dem Landkreis Jędrzejów. Die Aktivität der Saboteursgruppierungen und Banden nimmt dort stark zu. In groben Zügen können unter ihnen folgende genannt werden – außer den Formationen, die im Auftrag der polnischen Machtorgane handeln („Jędrusie“, „Wnuczęta Zagłoby“, „chłopcy z lasu“[24] usw.), gibt es sowjetische Einheiten, jüdische Einheiten (sehr stark, sie erreichen oftmals die Zahl von 1000 bis 1500 Menschen) sowie gewöhnliche Räuberbanden. Es vergeht kein einziger Tag, ohne dass eine Einheit oder Bande eine Aktion im Landkreis durchführt. Oft überfallen sie Bauernhöfe, besonders diejenigen, die von Liegenschaften [25] verwaltet werden. Im Mai wurde im Landkreis Jędrzejów unter anderem festgestellt: 1) Vernichtung vieler Dokumente in Gemeinden und Arbeitsämtern, Zerstörung von Anlagen vieler Molkereien und einer Brennerei, 2) Überfall auf einen Zug auf der Strecke Jędrzejów-Kielce in der Nähe von Jędrzejów; nachdem das Zugpersonal terrorisiert worden war, wurden drei mit Zucker beladene Waggons eingenommen; die Angreifer trugen deutsche Uniformen; der Zucker wurde teilweise unter die Bevölkerung verteilt, 3) Liquidierung zweier Bürgermeister (sie stammten aus der Region Poznań), die der Bevölkerung verhasst waren, in den Gemeinden Radków und Matyczów, 4) Verbrennung des Arbeitsamtsgebäudes in Jędrzejów. Nach diesem Vorfall kam eine starke Formation der Militärpolizei mit der Absicht nach Jędrzejów eine Repressionsaktion durchzuführen. Sie ließen sie jedoch auf die nachdrückliche Bitte lokaler Deutsche hin fallen. Unter anderem hat der Leiter des Arbeitsamtes dem Kommandanten der angereisten Einheit der Militärpolizei erklärt, dass er, wenn ihm das Leben der dort angesiedelten Deutschen etwas bedeutet, von der Repression absehen soll. Zum Schluss wurde nur die Polizeistunde auf 8 Uhr verschoben, 5) Überfall auf den Zug der Schmalspurbahn in der Nähe der Bahnstation Bogorja. Zwei Menschen, die den Zug des Sonderdienstes eskortierten, wurden umgebracht, drei weitere verletzt. Zwei Waggons mit Zucker wurden eingenommen, 6) Tötung eines polnischen Polizisten Namens Wilczyński in Jędrzejów, eines Handlangers der Deutschen, der die polnische Bevölkerung verfolgt hat, vor allem junge Mädchen, die zum Arbeitsdienst gefasst wurden, 7) Weitere sehr zahlreiche Überfälle auf Gutshöfe und Landgüter. Meistens werden die Deutschen während dieser Aktionen nicht umgebracht, es sei denn, sie leisten bewaffneten Widerstand. Gemäß Urteilen polnischer Machtorgane wurden jedoch viele Deutsche erschossen. Die deutschen Behörden im Landkreis Jędrzejów erließen die Anforderung, dass alle in Behörden tätigen Deutschen nach der Dämmerung die Häuser nicht verlassen sollen und falls sie dienstlich unterwegs sind, sollen sie es so einrichten, dass sie vor dem Abend zurück sind. - In der Nacht vom 5. zum 6. Juni wurde in Moszczanica (Landkreis Piotrków) auf der Strecke Kraków-Warszawa die Eisenbahnbrücke in die Luft gesprengt. Die Explosion der Mine beschädigte einen Teil des vorbeifahrenden Militärzuges; viele Menschen wurden verletzt, weitere kamen ums Leben. Auf fast dem gesamten Gebiet des Distrikts Radom sind mehrere Partisanenformationen und Räuberbanden aktiv. Das Gouverneursamt dieses Distriktes stellte einen starken Rückgang der Steuereinnahmen und Kontingenten fest. - Auf der Bahnstation Długi Kąt (Distrikt Lublin) fand ein Überfall auf einen Güterzug statt. Das Zugpersonal wurde terrorisiert. 14 Waggons – Tankwagen mit Benzin – wurden in Brand gesetzt. Am 11. Juni wurde die Militärpolizei in Nowe Miasto an der Pilica telefonisch benachrichtigt, dass sich auf der Landstraße acht Wagen mit bewaffneten Menschen Richtung Nowe Miasto bewege. Die Militärpolizei wagte es nicht, einen offenen Kampf auf der Landstraße anzufangen, sondern versteckte sich in den Ruinen der verbrannten Häuser ein paar Kilometer von der Landstraße entfernt. Von dort beschoss sie zwei von den Wagen mit Maschinengewehren. Die Wagen zogen sich in den nahgelegenen Wald zurück; wie später festgestellt wurde, sind sie über Umwege nach Warschau gelangt, wo einer der Wagen in einen weiteren blutigen Kampf gegen die Militärpolizei verwickelt wurde. Als die Militärpolizei die Kontrolle der Dokumente in einem der Wagen in der Puławska-Straße durchführen wollte, begannen die Fahrenden zu schießen und brachten zwei Militärpolizisten um. Gestapo und Militärpolizei nahmen, ebenfalls in Autor, eine Verfolgung der Schießenden auf. In der Nähe der Racławicka-Straße brachten die Geschosse den verfolgten Wagen zum Stehen, indem sie seine Reifen trafen, trotzdem gelang es den Fahrenden noch, aus dem Wagen zu fliehen.

Aus Zawichost, das am Zusammenfluss von Weichsel und San liegt, wird von der Gründung einer fantastischen [26] selbständigen Republik berichtet. Grenzhügel wurden dort aufgeschüttet und Mäste mit der Inschrift aufgerichtet: „Deutschen unter Strafe Eintritt verboten“. In vielen Gebieten des Distriktes Lublin befinden sich auf den Einfahrtswegen in die Wälder Inschriften, die besagen, dass der Eintritt in den Wald für Deutsche unter Todesstrafe verboten sei. Abends und nachts über wagt die deutsche Militärpolizei nicht, sich auf den Landstraßen besonders in der Nähe von Wäldern zu zeigen. - In der Gemeinde Michów wurde der hiesige Bürgermeister, der sich bei der Bevölkerung über mehrere Jahre unangenehm bemerkbar gemacht hat, auf eine brutale Weise ums Leben gebracht. Der Bürgermeister wurde von einer Formation während des Überfalls auf das Gemeindeamt mit einem Draht gefesselt, dann auf einen Papierhaufen gelegt, zugedeckt und mit Petroleum übergossen; er verbrannte samt dem ganzen Gebäude des Gemeindeamtes. - Einer der  Informanten aus der Provinz sendete eine Nachricht unter dem charakteristischen Titel „Wen Du bekämpft, von dessen Hand wirst Du sterben“ mit dem folgenden Inhalt: „Ohrenmarkierer“ und „Butterhersteller“, die in ihrem eifrigen Dienst gegen Bauern kämpfen, sterben durch ihr eigenes Werkzeug. Im Landkreis Kozienice wurden zwei Ohrenmarkierern in der Nacht in ihren eigenen Häusern Ohrmarkierungen für Schweine in ihre Nasen gestanzt. Die Ohrmarkierungen verursachten eine Infektion, infolge derer die beiden Ohrenmarkierer ums Leben kamen. In dem gleichen Ort wurde ein Butterhersteller in der eigenen Molkerei im Kessel voller Sahne ertränkt.

Bolschewistische Saboteure. In vielen Provinzteilen des Generalgouvernements bestehen die bewaffneten Gruppierungen meistens aus sowjetischen Saboteureinheiten. Ihre Stärke wird durch bewaffnete Saboteure, die häufig und in großer Zahl aus sowjetischen Flugzeugen abgeworfen werden, stetig verstärkt. Jedoch kämpfen die sowjetischen Saboteureinheiten nach wie vor nicht so sehr gegen die Deutschen, sondern vielmehr unterdrücken und rauben sie die polnische Bevölkerung aus und bereiten sich eindeutig darauf vor, im Augenblick des endgültigen Kampfes Polens gegen die Deutschen eine aktive kriegspolitische Rolle zu spielen. Die sowjetischen Banden sind immer besser organisiert. Auf dem Luftweg bekommen sie erstklassige Versorgung mit Gewehren und anderem Militärmaterial sowie geschulte Instrukteure. In vielen Gebieten, besonders in den waldreichen Kreisen (u.a. Włodawa, Lubartów, Kozienice und Końskie), wo die sowjetischen Formationen besonders stark sind, sind sie dabei, lokale kommunistische oder sich kommunistisch entwickelnde Elemente sowie aus den Städten geflohene Juden rund um sich zu sammeln. Die leitenden Personen unter den Saboteuren, die aus den sowjetischen Flugzeugen abgeworfen wurden, versuchen, auch in das städtische Milieu einzudringen und dort das kommunistische Element zu stärken. Ausdruck dieser Aktivität sind unter anderem letztens verübte Morde an Offizieren, Unteroffizieren und Schützen der polnischen Polizei. Die Tötung des Warschauer Polizeipräsidenten Rzeszyński zur rechten Zeit war das Werk der kommunistischen Gruppe, die als Karolik bekannt ist. In den letzten Monaten ermordete die gleiche Gruppe 17 polnische Polizisten. Unser ganzes nord-östliches Gebiet, Städte und Hauptverkehrswege ausgenommen, wird von unterschiedlichen Saboteurbanden terrorisiert, deren Kern die regulären sowjetischen Saboteureinheiten sind. Das Hauptziel von Aktionen dieser Banden scheint im Moment die Zerstörung von Landgütern und Industriebetrieben zu sein, wobei besonders heftig die Landgüter und Betriebe betroffen sind, die den Polen gehören. In letzter Zeit war in unseren östlichen Gebieten auch die systematische Ermordung von Polen, die die Sabotage leiten, zu beobachten. Daraus folgt, dass diese neue Haltung das Ergebnis von neuen Befehlen von oben ist. Die bolschewistische Liquidierungsaktion der Polen und des polnischen Besitzstandes macht sich besonders stark in den östlichen Kreisen des Gebiets Wilna und Nowogródek sowie in Polesien bemerkbar. Zwei sowjetische Saboteurformationen sind in der Gegend von Pińsk und Nowa Wilejka aktiv. Erstere besitzt einen kompletten Stab, Funkstation und Artillerie. Letztere führte kürzlich in einer Ortschaft des Gebiets Wilna einen Vorbeimarsch in voller sowjetischer Uniformierung durch. 3000 Saboteure mit Offizieren an der Spitze, Flugabwehr und Panzerabwehr sowie leichte Panzer und andere Militärfahrzeuge nahmen daran teil.

VIII. Deutsche Pazifikationsaktion

 Angesichts der Situation, wie sie sich in der Provinz des Generalgouvernements deutlich abzeichnet, zeigten die Deutschen bis jetzt vollkommene Ratlosigkeit. In letzter Zeit, hauptsächlich seit den ersten fünf Junitagen, machen sich Anzeichen bemerkbar, die darauf hinweisen, dass die Deutschen in der nächsten Zeit versuchen werden, eine große Repressionsaktion vorzunehmen.

Das Gebiet des Generalgouvernements wurde letztens durch neue Einheiten der Militärpolizei, SS sowie große Einheiten verstärkt, die aus, von den Deutschen angeheuerten, ehemaligen sowjetischen Gefangenen sowie ukrainischen, lettischen und litauischen Einheiten bestehen.

Ungefähr am 5. Juni wurde der Distrikt Lublin, wo Aufruhr und Chaos das größte Ausmaß angenommen haben, vom Rest des Landes teilweise isoliert. Im gesamten Gebiet des Distriktes Lublin wurde den Polen verboten, ohne spezielle Genehmigung des Landrates mit Zügen zu fahren. Es kam auch zu zahlreichen Verkehrsbehinderungen auf den Landstraßen. Sogar der Postverkehr wurde eingeschränkt. - In den letzten Tagen kommen immer häufiger Nachrichten aus dem Distrikt Lublin über grauenvolle Repressionen, die die Deutschen gegenüber der Bevölkerung unternommen haben. Der hier zitierte und am 8. Juni im Landkreis Zamość veröffentlichte Aufruf der deutschen Behörden zeigt am besten die Richtung, die die deutschen Repressionen angenommen haben. Die ersten Nachrichten über die Repressionsaktion, die die Deutschen im Distrikt Lublin begonnen haben, haben folgenden Inhalt.- Das Dorf Sochy bei Zwierzyniec wurde unerwartet von den deutschen Einheiten umzingelt, danach warfen Spezialflugzeuge Sprengbomben und Brandbomben auf das Dorf. Die fliehende Bevölkerung wurde mit Maschinengewehren beschossen. Am Ende überlebten 20 von den 360 Einwohnern. Ein ähnliches Schicksal ereilte das Dorf Szarajówka (Gemeinde Potok) im Landkreis Biłograj, wo eine Strafexpedition circa 100 Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder, töteten. Die Mehrheit der Männer hatte sich zuvor in den Wäldern versteckt. Das Städtchen Józefów (Landkreis Biłograj), weit ab von den Straßen, mitten in den Wäldern der Gegend von Zamość, wurde von der deutschen Luftwaffe so bombardiert, verbrannt und zerstört, dass fast seine komplette Bevölkerung ums Leben kam.

Eine neue Seite des schrecklichen polnischen Martyriums in Zeiten dieses Krieges wurde aufgeschlagen.

Quelle: AAN, DR, BP.202/I-34, k. 5-27


[1]     Ludwig Fischer – SA-Führer und von 1939 bis 1945 Gouverneur des Distrikts Warschau. (alle Fußnoten von der Übersetzerin). 

[2]     Hans Michael Frank – Generalgouverneur für die gesamten polnischen Gebiete.

[3]     Stadtteil von Warschau.

[4]     Stadtteil von Warschau.

[5]     Pocztowa Kasa Oszczędności dt. Polnische Postsparkasse.

[6]     Das Café Salon Sztuki an der Nowy Świat-Straße 27 war während des Krieges Treffpunkt vieler Musiker und Künstler und wurde vom Komponisten, Pianisten und Pädagogen Professor Bolesław Woytowicz betrieben.

[7]     Stadtbezirk in Warschau.

[8]     voller Name Kościół Najświętszego Zbawiciela w Warszawie (dt. Kirche des Allerheiligsten Erlösers).

[9]     Gefängnis für politische Häftlinge in Warschau.

[10]    Święty Krzyż im südöstlichen Polen.

[11]    Korrekte Schreibweise – Ćmińsk.

[12]    So im Original, gemeint ist wohl das Konzentrationslager Majdanek.

[13]    Voller Name - Związek Strzelców Litewskich [dt. Litauischer Schützenverband] litauische paramilitärische Organisation.

[14]    Gemeint ist vermutlich ein hoher Offizier.

[15]    Café in Warschau.

[16]    dt. Platz der drei Kreuze.

[17]    Schreibfehler - im Original steht „bandienst“ statt „baudienst“.

[18]    Gefängnis für politische Häftlinge in Warschau.

[19]    Gemeint ist das Gebäude mit der Nummer 25, in dem sich in der Besatzungszeit der Sitz der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes befand; im Tiefgeschoss des Gebäudes befand sich ein Untersuchungsgefängnis.

[20]    „Biuletyn Informacyjny“ - Wochenblatt, herausgegeben von November 1939 bis Oktober 1944 in Warschau, Organ des ZWZ – Związek Walki Zbrojnej (dt. Verband für den bewaffneten Kampf) und der AK – Armia Krajowa (dt. Heimatarmee); seit 1941 auch provinzielle Publikationen. [Die Fußnote aus dem Original; Erklärung der Abkürzungen von der Übersetzerin].

[21]    KWC – Kierownictwo Walki Cywilnej (dt. Leitung des Zivilen Kampfes), zivile Organisationseinheit des  Untergrundstaates.

[22]    So im Original, gemeint sind wohl Volksdeutsche.

[23]    Gemeint ist der Untergrundstaat.

[24]    Namen der einzelnen Gruppierungen, auf Deutsch: „Kleine Andreasse“ (wörtl.), „Enkel von Zagłoba“, „Jungs aus dem Wald“.

[25]    Bauernhöfe, die von der deutschen Armee übernommen und für ihre Zwecke genutzt wurden.

[26]    So im Original.

Quelle
Auszüge aus dem Bericht der Informationsabteilung der Vertretung der Regierung der Polnischen Republik im Lande für den Zeitraum 22.5. bis 19.6.1943, in: Pro Memoria (1941-1944). Raporty Departamentu Informacji Delegatury Rządu RP na Kraj o zbrodniach na narodzie polksim [Pro Memoria. Berichte der Informationsabteilung der Regierungsvertretung der Polnischen Republik im Lande über Verbrechen gegen das polnische Volk]. Wybór i opracowanie Janusz Gmitruk, Arkadiusz Indraszczyk u. Adam Koseski, Warszawa, Pułtusk 2004/2005, S. 369-400. 
Übers.
Anna Helena Religa 
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Erstellt
24.05.2012 
Zuletzt geändert
26.06.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Auszüge aus dem Bericht der Informationsabteilung der Vertretung der Regierung der Polnischen Republik im Lande für den Zeitraum 22.5. bis 19.6.1943, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945", bearb. von Markus Roth. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/1033.html (Zugriff am 09.12.2019)