Bündnisvertrag mit Frankreich 1924

Bündnis- und Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei vom 25. Januar 1924

Bündnis- und Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei vom 25. Januar 1924

Der Präsident der Französischen Republik und der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, an dem Grundsatze festhaltend, die internationale Verpflichtungen, die in der Völkerbundssatzung feierlich bekräftigt sind, zu achten,

gleich besorgt, den Frieden zu wahren, dessen Erhaltung für die politische Stabilität und für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas notwendig ist,

entschlossen, zu diesem Zwecke die internationale rechtliche und politische Ordnung, wie sie in den gemeinsam unterschriebenen Verträgen festgesetzt ist, zu sichern

in der Erwägung , daß zur Erreichung dieses Zieles gegenseitige Sicherheitsgarantien gegen einen eventuellen Angriff und zwecks Verteidigung ihrer gemeinsamen Interessen unentbehrlich sind, haben als ihre bevollmächtigen Vertreter bestimmt:

Der Präsident der Französischen Republik

Herrn Dr. Ed. Benesch, Außenminister,

welche nach Austausch ihrer in guter und gehöriger Form befundenen Vollmachten über folgende Bestimmungen übereingekommen sind:

 

Artikel 1.

Die Regierungen der Französischen Republik und der Tschechoslowakischen Republik verpflichteten sich, sich in jenen auswärtigen Fragen zu verständigen, welche geeignet wären, ihre Sicherheit zu gefährden und den durch die Friedensverträge – dessen Signatar sowohl die eine wie die andere Regierung ist – geschaffenen Stand zu schmälern.

Artikel 2.

Die Hohen Vertragsschließenden Parteien werden sich über jene Vorkehrungen verständigen, welche geeignet sind, ihre gemeinsamen Interessen im Falle ihrer Bedrohung sicherzustellen.

Artikel 3.

Die Hohen Vertragsschließenden Parteien sind vollständig einig über die Bedeutung, welche die Grundsätze politischer Art, welche in Art. 88 des Friedensvertrages von St. Germain vom 10. September 1919 sowie in den Genfer Protokollen vom 4. Oktober 1922, deren Signatare beide Mächte sind, enthalten sind, für die Erhaltung des allgemeinen Friedens besitzen, und

verpflichten sich, über Vorkehrungen zu verständigen, die in dem Falle zu treffen sind, daß die Wahrung dieser Grundsätze bedroht wäre.

Artikel 4.

Die Hohen Vertragsschließenden  Parteien nehmen sowohl die Deklarationen der Botschafterkonferenz vom 3. Februar 1920 und 1. April 1921, nach denen sich ihre Politik auch fernerhin richten wird, als auch die Deklarationen, welche die Ungarische Regierung am 10. November 1921 den diplomatischen Vertretern der Alliierten abgegeben hat, in besondere Erwägung und

verpflichteten sich, sich für den Fall, daß ihre Interessen durch die Nichtachtung der in diesen verschiedenen Deklarationen ausgedrückten Grundsätze bedroht würden, zu verständigen.

Artikel 5.

Die Hohen Vertragschließenden Parteien bekräftigen, daß sie vollständig übereinstimmen in der absoluten Notwendigkeit, zwecks Erhaltung des Friedens einen gemeinsamen Standpunkt gegenüber dem etwaigen Versuch einzunehmen, die Dynastie der Hohenzollern in Deutschland wiederherzustellen, wobei sie sich verpflichteten, sich über Vorkehrungen zu verständigen, die in dem Falle eines solchen Versuches zu treffen sein werden.

Artikel 6.

Entsprechend den in der Völkerbundssatzung ausgesprochenen Grundsätzen verpflichteten sich die Hohen Vertragsschließenden Parteien, für den Fall, daß in Zukunft zwischen ihnen strittige Fragen entstehen, welche weder durch freundschaftliche Verständigung noch auf diplomatischen Wege zu lösen sind, derartige Streitigkeiten entweder dem Ständigen Internationalen Gerichtshof oder einem oder mehreren von ihnen gewählten Schiedsrichtern zu unterbreiten.

Artikel 7.

Die Hohen Vertragsschließenden Parteien verpflichten sich, sich jene Übereinkommen über ihre Politik in Mitteleuropa mitzuteilen, die bisher abgeschlossen wurden, und sich miteinander vorher zu beraten, bevor sie neue derartige Abkommen abschließen. Sie erklären, daß diesbezüglich nichts in diesem Vertrage den hier erwähnten Übereinkommen zuwiderläuft, insbesondere nicht dem Bündnisvertrage zwischen Frankreich und Polen, den Verträgen oder Übereinkommen, welche die Tschechoslowakei mit der Bundesrepublik Österreich, mit dem Königreiche Rumänien, mit dem Königreiche der Serben, Kroaten und Slowenen abgeschlossen hat, gleichfalls in keiner Weise der Verständigung, welche durch den Austausch der Memoranden vom 8. Februar 1921 zwischen den Regierungen Italiens und der Tschechoslowakei zustandegekommen ist.

Artikel 8.

Dieser Vertrag wird in Übereinstimmung mit Art. 18 der Satzung dem Völkerbunde mitgeteilt werden.

Dieser Vertrag wird ratifiziert und die Ratifikationsurkunden werden sobald als möglich in Paris ausgetauscht werden.

Zum Zeugnis dessen haben beide Bevollmächtigte den Vertrag unterfertigt und mit ihren Siegeln versehen.

Gegeben in zweifacher Ausfertigung in Paris am 25. Januar 1924

Dr. Eduard Benesch.

Raymond Poincaré

Quelle
Bündnisvertrag mit Frankreich 1924, in: Locarno: eine Dokumentensammlung. Hrgb.von Fritz Berber. Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag 1936. Dokument 11, S.47-49. 
Copyright
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Erstellt
10.01.2012 
Zuletzt geändert
29.06.2016 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Bündnisvertrag mit Frankreich 1924, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Erste Tschechoslowakische Republik", bearb. von Mirek Němec. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/669.html (Zugriff am 14.11.2018)