Militärkonvention von Belgrad, 1918

Die Militärkonvention von Belgrad/Beograd, 13. November 1918

I. Die ungarische Regierung zieht alle ihre Truppen nördlich der folgenden Linie zurück: oberer Flusslauf der Großen Samos, Beszterce [Bistritz], Gemeinde Maros [Marosch], Mündung der Marosch in die Theiß, Szabatka [Maria-Theresiopel], Baja, Pécs [Fünfkirchen] – diese Städte dürfen die ungarischen Truppen nicht besetzt halten – bis zur Drau, und zwar bis zu dem Punkt, wo der Fluss die Grenze zwischen Slawonien und Kroatien bildet. Der Abzug soll binnen acht Tagen erfolgen.

Die Alliierten besetzen die evakuierten Gebiete mit voller Macht, in einer Weise, die vom Oberkommando der Alliierten Streitkräfte bestimmt wird. Die Zivilverwaltung bleibt in den Händen der jetzigen Regierung.

In der evakuierten Zone dürfen nur Einheiten der Polizei und der Gendarmerie, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung unbedingt notwendig sind, bleiben. Es dürfen außerdem Truppen dort verbleiben, die für die Sicherheit der Eisenbahnlinien sorgen.

II. Demobilisierung des ungarischen Heeres zu Lande und zu Wasser, ausgenommen 6 Infanterie- und 2 Kavallerie-Divisionen, deren Aufgabe es ist, die Ordnung aufrechtzuerhalten, sowie der im 1. Artikel benannten bewaffneten Einheiten, die polizeiliche Aufgaben verrichten.

III. Besatzungsrecht der Alliierten in Bezug auf alle strategisch wichtigen Punkte und Ortschaften. Das Recht zur ständigen Bestimmung dieser Objekte steht dem Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte zu.

Durchzugs- und Aufenthaltsrecht für die Alliierten Streitkräfte auf dem ganzen Gebiet Ungarns. Dauernutzungsrecht zur Deckung des militärischen Bedarfes der Alliierten für auf alle Straßen-, Eisenbahn- und Wasserfahrzeuge, unabhängig davon, ob es sich dabei um staatliches oder privates Eigentum handelt. Dasselbe gilt für Zugtiere und Lasttiere.

IV. Das Eisenbahnpersonal und die Verkehrsmittel, die zur Gewährleistung des normalen Eisenbahnbetriebes in den besetzten Gebieten notwendig sind, bleiben an ihren Standorten. Darüber hinaus soll innerhalb eines Monates ein Ersatz von 2.000 Waggons und 100 Lokomotiven (Normalspur) sowie 600 Waggons und 50 Lokomotiven (Schmalspur) dem Oberbefehlshaber zur Verfügung gestellt werden. Diese Transportmittel sollen einerseits der Deckung des Militärbedarfes der alliierten Truppen dienen, andererseits sollen sie die während des Krieges an serbischen Verkehrsmitteln entstandenen Verluste ersetzen. Die hier erwähnten Verkehrsmittel können zum Teil aus Österreich besorgt werden. (Ungefähre Zahlen)

V. Das Schiffspersonal und die Verkehrsmittel, die zur Gewährleistung des normalen Schifffahrtbetriebes in den besetzten Gebieten notwendig sind, bleiben an ihren Standorten. Darüber hinaus sollen 6 Monitore [d.h. Flussschiffe] unverzüglich den Alliierten in Belgrad übergeben werden. Die verbliebenen Einheiten der Donauflottille sollen zwecks Abrüstung in einem Donauhafen, der vom Oberbefehlshaber zu einem späteren Zeitpunkt benannt wird, versammelt werden. Aus dem Bestand dieser Flottille werden in kürzester Zeit 10 Passagierschiffe, 10 Zugdampfer und 60 Schleppboote verwendet, zum Teil für die alliierten Truppen, zum Teil als Ersatz für die während des Krieges an serbischen Schifffahrtsmitteln entstandenen Verluste. (Ungefähre Zahlen)

VI. Binnen 15 Tagen sind 3.000 Eisenbahnarbeiter samt Ausrüstung dem Oberbefehlshaber zur Verfügung zu stellen, um die Eisenbahnlinien in Serbien instand zu setzen.

VII. Binnen 15 Tagen sind Pionier- und Telegrafisten-Einheiten samt Ausrüstung dem Oberbefehlshaber zur Verfügung zu stellen, um das Telefon- und Telegrafennetz in Serbien instand zu setzen.

VIII. Binnen eines Monats sind 25.000 Pferde sowie vom Oberbefehlshaber zu bestimmende Fahrzeuge dem Oberbefehlshaber zur Verfügung zu stellen. (Ungefähre Zahlen)

IX. Waffen und Kriegsgerät sind an einem vom Oberbefehlshaber zu bestimmenden Ort abzugeben. Ein Teil des eingesammelten Kriegsmaterials wird sofort verwendet, um die auf Grund des Befehls des Oberbefehlshabers aufzustellenden Truppeneinheiten aufzurüsten.

X. Die alliierten Kriegsgefangenen und Internierten sind sofort freizulassen. Sie sollen an entsprechenden Orten versammelt werden, damit sie von den vom Oberbefehlshaber bestimmten Stellen und zu dem von ihm bestimmten Zeitpunkt nach Hause transportiert werden können.

Die ungarischen Kriegsgefangenen werden vorläufig nicht entlassen.

XI. Den deutschen Truppen wird ab dem Tag der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens durch General Diaz (4. November 1918, 15 Uhr) eine Duldungsfrist von 15 Tagen für den Durchzug und die Stationierung in Ungarn gewährt.

Der Post- und Telegrafenverkehr mit Deutschland darf nur unter der militärischen Aufsicht der Alliierten abgewickelt werden. Die ungarische Regierung verpflichtet sich, keine telegrafischen Nachrichten militärischen Inhalts nach Deutschland übermitteln zu lassen.

XII. Ungarn wird die Verpflegung der alliierten Besatzungstruppen erleichtern.

Requirierungen werden unter der Bedingung erlaubt, dass sie nicht gewaltsam geschehen. Die Bezahlung erfolgt nach dem Kaufwert.

XIII. Die Positionen der durch die österreichisch-ungarische Heeresleitung gelegten Minenfelder in der Donau und im Schwarzen Meer sind unverzüglich dem Oberbefehlshaber mitzuteilen.

Die ungarische Regierung verpflichtet sich außerdem dazu, dass die Treibminen, die oberhalb der österreichisch-ungarischen Landesgrenze ins Wasser gelassen worden sind, abgefangen werden. Die Treibminen, die sich in ungarischen Hoheitswässern befinden, sollen ebenfalls entfernt werden.

XIV. Die Post, die drahtlosen Telegrafenstationen, das Telefonnetz und das Fernmeldewesen sowie die ungarischen Eisenbahnen werden unter die Kontrolle der Alliierten gestellt.

XV. Zur Wahrung ihrer Interessen werden die Alliierten einen Vertreter an die Seite des ungarischen Ministers für Lebensmittelversorgung stellen.

XVI. Ungarn ist verpflichtet, jede Beziehung zu Deutschland abzubrechen und jeden Truppen- oder Munitionstransport an die deutschen Truppen in Rumänien zu unterbinden, es sei denn, eine Sondergenehmigung des Oberbefehlshabers liegt vor.

XVII. Die Alliierten werden sich in die internen Angelegenheiten des ungarischen Staates nicht einmischen.

XVIII. Die Kampfhandlungen zwischen den Alliierten und Ungarn sind beendet.

Unterzeichnet und in zwei Exemplaren ausgestellt in Belgrad am 13. November 1918 um 23 Uhr 15 Minuten. Mit Berücksichtigung der Änderungen am Titel des Abkommens und an den Abschnitten XI und XVIII.

 

Im Namen der Alliierten die Bevollmächtigten des Oberbefehlshabers:

gez. Voivod Michits                    gez. General Henrys

 

Im Namen Ungarns der Bevollmächtigte der ungarischen Regierung:

gez. Béla Linder

Quelle
Militärkonvention von Belgrad, 1918, in: Nyékhegyi Ferenc: A Diaz-féle fegyverszüneti szerződés. Táltos, Budapest 1922, S. 58-60. 
Übers.
Tibor Dömötörfi 
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Erstellt
10.11.2011 
Zuletzt geändert
13.12.2016 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Militärkonvention von Belgrad, 1918, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Ungarn in der Zwischenkriegszeit", bearb. von Zsolt Vitári. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/241.html (Zugriff am 14.12.2018)