Ungarn in der Zwischenkriegszeit - Über das Modul

Bearbeiter: Zsolt Vitári (Pécs/Fünfkirchen)

Erstveröffentlichung: April 2012

Das Ende des Ersten Weltkriegs ist eine der wichtigsten Zäsuren der ungarischen Geschichte, die sich nur mit Ereignissen vergleichen lässt wie jenen der Jahre 1526 – die erste Niederlage gegen das Osmanische Reich und die darauffolgende Dreiteilung des Landes für über 150 Jahre – oder 1848, als der erste Versuch der Etablierung des ungarischen Nationalstaats fehlschlug. Durch die zeitliche Nähe und die immer wieder gestärkte Erinnerung stellt die Zeit von 1918 bis 1920 in erster Linie wegen des Verlustes von zwei Dritteln des historischen Ungarn ein bis heute wirkendes Trauma dar. Die Epoche endet mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg und der Etablierung der kommunistischen Diktatur.

Wendepunkte ungarischer Geschichte in der Zwischenkriegszeit

Demokratischer Anfang – territoriale Unsicherheit – Ungarn 1918-1919

Obwohl die Kriegsereignisse im Ersten Weltkrieg bereits viel früher eine mögliche Niederlage signalisiert hatten und seit der Thronbesteigung von Karl IV. vermehrt Bestrebungen zur vorzeitigen Beendigung des Krieges unternommen wurden, wirkte es dennoch schockierend, dass Ministerpräsident István Tisza diese Tatsache im Parlament am 17. Oktober 1918 mit dem Satz auf den Punkt brachte: „Wir haben den Krieg verloren“. Dies hatte zunächst keine Veränderung der Politik zur Folge; die Gärungsprozesse, die infolge der Kriegsmüdigkeit, der katastrophalen Versorgungslage, der sozialen Zustände, Streiks und Demonstrationen sowie der Rückkehr und Integrationsschwierigkeiten von Tausenden von Soldaten einsetzten, erzeugten jedoch eine revolutionäre Stimmung. Die Massen forderten die Absetzung der letzten königlichen Regierung und die Machtübernahme durch einen der bekanntesten Oppositionspolitiker, den Grafen Mihály Károlyi.

Da der König diesen Wünschen jedoch nicht nachkam, etablierten die Oppositionsparteien am 23. Oktober 1918 den Ungarischen Nationalrat, dessen Leitung Károlyi übernahm. Der Nationalrat stellte ein 12-Punkte-Programm zusammen, in dem die sofortige Beendigung des Krieges, die Auflösung des Bündnisses mit dem Deutschen Reich, die völlige Unabhängigkeit Ungarns, Neuwahlen nach dem allgemeinen Wahlrecht, das Selbstbestimmungsrecht für die Minderheiten, die Wahrung der territorialen Integrität mit lokalen und kulturellen Autonomiemöglichkeiten, die Sicherung der Freiheitsrechte, eine Agrarreform und die Anerkennung der auf dem Territorium Österreich-Ungarns neu entstehenden Nationalstaaten gefordert wurden. Nach einer Woche, am 30. und 31. Oktober, in der sogenannten Asternrevolution, gelang es der Opposition, die Regierungsgewalt zu übernehmen. Das Regierungsprogramm orientierte sich am Programm des Nationalrats und umfasste fünf größere Aufgabengebiete: Staatsform, Demokratisierung, Sozialreform, Nationalitätenfrage und Außenpolitik.

Die Neugestaltung Ungarns und die Anerkennung der Nachfolgestaaten der Monarchie setzten auch unausgesprochen die Auflösung der k.u.k.-Monarchie voraus. Die Regierung legte zunächst noch einen Eid auf den König ab, wollte also einen Übergang schaffen. Erst als Karl IV. auf die Ausübung seiner königlichen Rechte verzichtete, entband sich die Regierung von ihrem Eid und proklamierte die unabhängige und selbstständige Ungarische Volksrepublik. Es handelte sich eigentlich um eine Republik, deren Volksnähe durch die Verwendung des Wortes „Volk“ betont werden sollte, nicht aber um eine Volksrepublik kommunistischen Typs. Die provisorische Legislative übernahm der aufgestockte Nationalrat, der die eingereichten Gesetze als Volksgesetze verkündete. Die Demokratisierung lief sofort an, das neue Wahlgesetz führte das allgemeine, geheime, für Frauen teilweise eingeschränkte Wahlrecht ein. Die Wahlen wurden auf den 13. April 1919 festgesetzt, obgleich niemand wusste, wo diese Wahlen angesichts der territorialen Lage Ungarns stattfinden sollten. Es folgten das Pressegesetz, die Aufhebung der Nationalitäten diskriminierenden Gesetze und vieles mehr, wodurch das Land in eine bürgerliche Demokratie umgewandelt werden sollte. Am 11. Januar 1919 wählte der Nationalrat Károlyi zum provisorischen Staatspräsidenten, an die Spitze der Regierung wurde der bisherige Justizminister Dénes Berinkey berufen.

Wesentlich schwieriger war die wirtschaftlich-soziale Sanierung des Landes, da die Rückführung der ungarischen Wirtschaft in eine Friedenswirtschaft durch die Kriegszerstörungen erschwert wurde. Hinzu kamen der Zerfall der gewachsenen Produktionsstrukturen der Monarchie und die Besetzung weiter Teile Ungarns durch fremde Truppen sowie die alliierte Blockade, so dass Rohstoffquellen und verarbeitende Industrie voneinander abgeschnitten waren. Eine Lage, die später auch durch den Friedensvertrag bekräftigt wurde und so die wirtschaftliche Genesung des Landes auf lange Jahre hinauszögerte, sich in den Anfangsjahren aber am dramatischsten auswirkte und auch die Macht der Regierung untergrub, da die Bevölkerung nicht versorgt werden konnte und die Regierung kein adäquates Programm hatte, um Abhilfe zu schaffen. Arbeitslosigkeit, Inflation, Lebensmittelkarten und Schwarzmarkt waren die Folgen. Die vielleicht wichtigste Maßnahme in diesem Bereich, die Bodenreform (16. Februar 1919), enteignete zwar privaten Grundbesitz von über 500 Katastraljoch und kirchlichen Grundbesitz von über 200 Katastraljoch gegen Entschädigung und sah eine Verteilung des Bodens an Landlose als Familiengrundstücke (1-20 Joch) vor. Dennoch konnte diese historische Wende in Ungarn durch bürokratische Erschwernisse und die Unmöglichkeit zur Entschädigung seitens der neuen Eigentümer so gut wie nicht verwirklicht werden. Auch durch einige soziale Maßnahmen (Arbeitslosengeld, Verbot der Kinderarbeit unter 14 Jahren, Lohnerhöhung, Steueramnestie etc.) konnte die prekäre Lage nicht wesentlich verbessert werden.

Das endgültige Scheitern der Regierung führte jedoch die aussichtslose außenpolitische Lage herbei. Obwohl die Regierung das Waffenstillstandsabkommen Österreich-Ungarns von Padua (3. November 1918) akzeptierte und auch ein eigenes in Belgrad (13. November 1918) unterzeichnete, wurde durch die Räumung großer Gebiete, die Nichteinhaltung der Abkommen durch die Entente und weiteres Eindringen auf ungarisches Territorium, trotz der formalen Aufrechterhaltung der ungarischen Verwaltung, die territoriale Integrität des Landes zerstört. Diese Situation ließ bereits die Bestimmungen des künftigen Friedensvertrags erahnen, denen die Regierung im Sinne der 14 Punkte von Woodrow Wilson mit einer wohlwollenden Behandlung der einheimischen Minderheiten begegnen wollte (kulturelle, sprachliche und lokale Autonomie bzw. demokratische Entwicklung). Zu diesem Zeitpunkt erwies es sich jedoch als Illusion, die ethnischen Minderheiten damit zu einem Verbleib bei Ungarn bewegen zu können. Das Projekt „Östliche Schweiz“ scheiterte also, weil die meisten Minderheiten nicht mehr auf das ungarische Angebot eingehen wollten und ihre Loslösung bereits früher oder in diesen Wochen kundtaten. So äußerten nur die Ruthenen und teilweise die Deutschen ihre Bereitschaft zum Verbleib im Staat. Die endgültige Katastrophe bedeutete jedoch die sogenannte Vix-Note vom 26. Februar 1919 (Ungarn überreicht am 20. März), die die bisherigen, auch bislang zuungunsten Ungarns mehrfach modifizierten bzw. in der Praxis nicht eingehaltenen Demarkationslinien für Ungarn noch wesentlich ungünstiger nachbesserte und nicht nur den Truppenabzug, sondern auch die Auflösung der ungarischen Verwaltung verordnete. Die Regierung wollte sich gegen den Einmarsch fremder Truppen nicht wehren, da sie eine Verschlechterung der außenpolitischen Position Ungarns fürchtete.

Weil Károlyi seine friedliche Politik aufgeben wollte und einen militärischen Auftritt gegen die Vix-Note plante, setzte er eine neue sozialdemokratische Regierung ein, die sich jedoch sofort mit den Kommunisten einigte, mit ihnen eine vereinigte Sozialistische Partei Ungarns gründete, die – nach der bürgerlichen – zweite ungarische Revolution begann und die Räterepublik etablierte.

Kommunistisches Intermezzo – die Räterepublik 1919

Obwohl die Übertragung der Macht an die Sozialdemokraten noch eine ziemlich breite Zustimmung der Bevölkerung genossen hatte, sank diese im Verlauf der weiteren Entwicklung. Bereits am 22. März wurde deutlich, welche von den zwei Gruppierungen in der neuen Partei die Oberhand gewann. Mit Béla Kun an der Spitze wurde nämlich eine Proletarierdiktatur verkündet und die Regierung in Revolutionärer Regierungsrat umbenannt, der sofort an die Verwirklichung der Proletarierherrschaft ging. Es wurde ein Rätesystem errichtet, wofür am 7. April 1919 Neuwahlen stattfanden, jedoch unter Ausschluss der besitzenden Schichten. Alle Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten wurden verstaatlicht, aber in vielen Industriezweigen sowie beispielsweise im Sozial-, Gesundheits- und Unterrichtswesen traf dies auch Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern. Ausländisches Eigentum wurde unter die Kontrolle eines Arbeitsrats gestellt. Größere Grundbesitze mit durchschnittlich ab 75 Kastraljoch gingen ebenfalls in staatliches Eigentum über. Daraus wurden landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gebildet. Obwohl auf diese Weise die bessere Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden sollte, wehrte sich das Bauerntum und so verschlechterte sich die Lage weiter. Im sozialen Bereich konnte der Regierungsrat an die vorausgehenden Maßnahmen der Károlyi-Berinkey-Regierung anknüpfen. Eine neue Lohnordnung mit höheren Löhnen sowie der Achtstundentag wurden eingeführt, Kranken- und Unfallversicherung ausgedehnt und eine kostenlose medizinische Versorgung in einem staatlichen Gesundheitswesen eingerichtet. Durch die Verstaatlichung des Schulwesens erfuhren Kirche und Staat eine drastische Trennung. An die Stelle der Gerichte setzte man sogenannte Revolutionstribunale. Die Diktatur begann, das gesamte politische, soziale und wirtschaftliche Leben in ihrem Sinne umzugestalten; als reaktionär eingeschätzte Kräfte wurden denunziert und entlassen. Ein Schreckensregime entstand, das mit Hilfe des sogenannten „roten Terrors“ seinen Fortbestand sichern wollte.

Während das Land langsam die Gestalt einer Sowjetrepublik annahm, verfolgte das neue Regime mit Béla Kun als Kommissar für Äußeres eine aktive Außenpolitik. Die Vix-Note wurde abgelehnt und man forderte die Aufnahme unmittelbarer Verhandlungen mit der Pariser Friedenskonferenz. Béla Kun, der die territoriale Integrität des Landes ebenfalls als Grundlage betrachtete, hoffte auf ein positives Ergebnis der diplomatischen Verhandlungen, aber notfalls auch auf die Hilfe der Sowjetunion, da er sich die bolschewistische Doktrin über die Ausbreitung der Proletarierrevolutionen zu eigen machte. Für eine militärische Lösung war auch die Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung zu gewinnen, wenngleich nur kurzfristige Erfolge erzielt werden konnten. In Oberungarn gelang es, einiges Gebiet zurückzuerobern, in Eperjes/Prešov wurde sogar eine Räterepublik ausgerufen. Auf der anderen Seite mobilisierte auf französisches Verlangen die rumänische Armee, die Ungarn von einer möglichen Unterstützung durch die Sowjetunion abschneiden wollte und im Mai 1919 nur auf Drängen der Entente die Theiß nicht überschritt. In dieser Situation intervenierte Clemenceau selbst, indem er in seiner Note vom 7. Juni 1919 die Einstellung des Angriffs auf die Tschechoslowakei (sic!) forderte und bei Erfüllung die Einladung der ungarischen Regierung zur Friedenskonferenz versprach. Diese voreilige Note hätte jedoch die Anerkennung der ungarischen Regierung, einer bolschewistischen Regierung, bedeutet. Da die Regierung jedoch abwarten wollte und auf das eroberte Territorium nicht verzichtete, führte sie selbst die Lösung herbei, indem sie eine nächste Note von Clemenceau auslöste (13. Juni 1919), die die neuen Grenzen Ungarns vorzeitig mitteilte und in diesem Sinne den Rückzug hinter die neuen Grenzen verlangte und dafür die Räumung des Gebiets jenseits der Theiß von rumänischen Truppen versprach. Ungarn akzeptierte diese Lösung, nicht aber Rumänien. Als dann die ungarische Regierung die Entente zur Einhaltung der Vereinbarung aufrief, verweigerte sich Rumänien jeder Verhandlung mit der ungarischen Regierung, worauf eine allgemeine Offensive zur Befreiung des rumänisch besetzten Gebiets startete, die jedoch mit einer vernichtenden Niederlage, dem Einmarsch rumänischer Truppen in Budapest und dem Rücktritt des Revolutionären Regierungsrats am 1. August 1919 endete.

Obwohl die Räterepublik den einzig brauchbaren Versuch zur Wahrung der territorialen Integrität des Landes unternahm und deswegen am Anfang große Resonanz gefunden hatte, entfremdete sie sich durch die radikale Innenpolitik großen Teilen der Bevölkerung. Die Folgen waren bedeutend: Da sowohl das bürgerlich-demokratische Modell als auch die sowjetische Lösung scheiterten, zeichnete sich eine Restaurierung politisch-sozialer Verhältnisse ab.

Etablierung des Horthy-Systems

Nach der Räterepublik übernahm die sozialdemokratische Partei die Macht, und zwar jene Personen, die die damalige Vereinigung mit den Kommunisten für verfehlt hielten. Die folgende Regierung von Gyula Peidl unternahm einen zweiten Versuch zur Etablierung einer bürgerlichen Demokratie; Ungarn wurde wieder eine Republik, die Maßnahmen der roten Regierung wurden außer Kraft gesetzt. Die Bevölkerung war jedoch skeptisch gegenüber der neuen Regierung und auch die Einbindung bürgerlicher Kräfte scheiterte. Die Siegermächte unterstützten die Bestrebungen der neuen Regierung nicht, die Friedenskonferenz lehnte –trotz anderslautender Ankündigung – die Anerkennung der Regierung ab. Damit trug sie dazu bei, dass schon die nächste Regierung von István Friedrich mit der Zurückdrängung bürgerlich-demokratischer Ideen begann. Die alten Verwaltungsorgane der Zeit vor der Revolution wurden wieder eingesetzt, genauso die Zensur. Die Sozialmaßnahmen wurden zurückgenommen, Löhne wurden gesenkt, das Vereinigungsrecht wurde eingeschränkt, die Gefängnisse füllten sich schnell, Gerichtsprozesse wurden beschleunigt, Dutzende – nicht nur an der Räterepublik tatsächlich beteiligte – Personen wurden hingerichtet. Freikorps übernahmen die Rechtsprechung oft selbst; nach dem roten begann jetzt die Zeit des weißen Terrors.

Neben der Regierung stellten die rumänischen Truppen das zweite, wesentlich stärkere Machtzentrum dar; besonders zu dem Zeitpunkt, als die rumänische Armee auch den nördlichen Teil Transdanubiens sowie die Hauptstadt besetzte und mit der systematischen Ausplünderung des Landes begann. Einen dritten Machtfaktor stellte die sich neu etablierende gegenrevolutionäre Regierung im französisch besetzten Szeged dar. Sie begann mit der Organisation einer neuen Nationalen Armee, an deren Spitze Miklós Horthy, ein ehemaliger k.u.k Admiral, stand, der sich bald von der Szegediner Regierung löste und eigenen Machtambitionen folgte.

Insgesamt war die politische Situation im Land unübersichtlich, was auch die Unterzeichnung des Friedensvertrags verzögerte. Es ist nicht verwunderlich, dass die Entente im Oktober 1919 den britischen Diplomaten Sir George Russel Clerk nach Budapest schickte, um die Herstellung geordneter Verhältnisse in Ungarn zu beschleunigen. Clerk konnte nur den Abzug rumänischer Truppen bis zur Theiß erreichen, denen jedoch die Truppen von Horthy folgten, der trotz Protesten die militärische Macht im Land übernahm und am 16. November 1919 in Budapest einzog. Clerk versuchte daraufhin, einer breitgefächerten Koalitionsregierung zur Macht zu verhelfen. Angesichts des Einflusses Horthys musste er jedoch die christlich-nationale Regierung unter Károly Huszár akzeptieren, die er im Namen der Friedenskonferenz anerkannte und aufforderte, eine Delegation zur Friedenskonferenz zu entsenden.

Obwohl die neue Nationalversammlung im Januar 1920 aufgrund eines breiten Wahlrechts gewählt wurde, wollten Horthy und die Regierung an die Zeit vor der Revolution anknüpfen. Die Zusammensetzung der Nationalversammlung, in der die Kleinlandwirte-Partei und die Partei der Christlich-Nationalen Einheit die Mehrheit besaßen, wies bereits in diese Richtung. Endlich konnte eine Verfassungsordnung geschaffen werden, wobei es strittig war, wie man die Verzichtserklärung des Herrschers interpretieren sollte. Die politischen Ansichten waren geteilt, aber die Entente akzeptierte keine Beteiligung der Habsburger. So wurde zunächst die Staatsform Königtum beibehalten, indem bis zur Klärung der Königsfrage ein Reichsverweser als Staatsoberhaupt dienen sollte. Für dieses Amt kam realistisch nur eine Person in Frage, Miklós Horthy, der auch die Unterstützung der Entente genoss. Am 1. März 1920 wurde er von der Nationalversammlung in das neugeschaffene Amt gewählt. Horthy wollte kein König werden, war im Prinzip loyal gegenüber König Karl IV. Obwohl er dies selbst als Übergangslösung betrachtete, wurde seine Macht in den späteren Jahren kontinuierlich ausgebaut, so dass sie der des Königs sehr nahe kam. Karl IV. versuchte 1921 zweimal, in das Land zurückzukehren, beide Male ohne Erfolg.

Nachdem die Entente das neue Regime als legitime führende Gewalt des Landes anerkannt hatte, standen keine Hindernisse mehr im Weg, den Krieg auch mit Ungarn offiziell zu beenden. Während des Ersten Weltkriegs wurden jene Stimmen immer lauter, insbesondere seitens der ethnischen Minderheiten Ungarns, die infolge der immer mehr auf Assimilation bedachten Minderheitenpolitik bereits jetzt zum Schluss kamen, dass ihnen die föderative Umstrukturierung Österreich-Ungarns nicht mehr als akzeptable Lösung erschien, sondern für sie einzig in der staatlichen Selbständigkeit eine Zukunft lag. Diese Bestrebungen wurden teils von den Großmächten unterstützt, die in erster Linie eigene Machtambitionen mit dem möglichen Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie verbanden. Ende 1918 stand bereits fest, dass diese Lösung für alle Großmächte vertretbar war. Dieser „Gärungsprozess“ ging mit bestimmten Maßnahmen bei vielen Völkern der Monarchie einher, die ihre Verselbstständigung in eine endgültige Form brachten und die Trennung von der k.u.k.-Monarchie, aber insbesondere von Ungarn deklarierten (Quellen 2-3). Obwohl sich Ungarn während der Revolutionszeit zu weitgehenden Zugeständnissen an die nichtungarischen Völker bereit erklärte, blieb die Absicht, die territoriale Integrität des Landes zu bewahren, nur eine trübe Hoffnung, die mit dem Friedensvertrag von Trianon (Quelle 5-7) endgültig platzte. Neue Hoffnung ergab sich aber sodann durch die Revision, die in der ganzen Epoche die Schlüsselrolle in der ungarischen Außenpolitik spielte.

Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Trianon am 4. Juni 1920, der bis heute in breiten Kreisen als Diktat empfunden wird, und mit der Ernennung von Pál Teleki zum Ministerpräsidenten am 19. Juli 1920 konnte Ungarn den Weg der Konsolidierung beschreiten.

Die Konsolidierung unter István Bethlen

Die Teleki-Regierung blieb jedoch nur ein Provisorium. Sie konnte weder die Bodenfrage mit einer neuen Bodenreform lösen, die eine Reihe von lebensunfähigen Zwergwirtschaften schuf, noch war sie in anderen Angelegenheiten erfolgreich. Noch mehr negative Resonanz erntete Teleki mit dem sogenannten numerus clausus, der den Zugang zur Hochschulausbildung nach den Proportionen der einzelnen Minderheiten verordnete. Da im Hochschulbereich jedoch nur die Juden überrepräsentiert waren, galt die Verordnung ohne explizite Nennung ausschließlich für sie. Damit gab die Regierung antisemitischen Wünschen nach, die infolge der Krisensituation immer stärker wurden.

Der Begriff Konsolidierung ist mit dem Namen des Grafen István Bethlen verbunden. Bethlen war ein Mann des 19. Jahrhunderts und hatte eine ähnlich adelig-liberale Auffassung wie die großen Politiker des 19. Jahrhunderts. Deswegen bekämpfte er alle politischen Strömungen, die diese von ihm verklärte Welt verändern wollten. Nach seiner Auffassung konnte das Land nur von jenen Schichten geleitet werden, die eine ausreichende Vermögensbasis und ein gut entwickeltes Nationalbewusstsein besaßen. So ist es nicht verwunderlich, dass er eine „Massendemokratie“ westlichen Typs ablehnte und nur eine „gelenkte Demokratie“, eine „konservative Demokratie“ akzeptierte, deren führende Kraft weiterhin die Großgrundbesitzer waren, die aber auch bei dem landlosen Adel (Gentry) und weiten Teilen des Bürgertums und Beamtentums Unterstützung fand.

In diesem Sinne wurde 1922 das Wahlrecht drastisch eingeschränkt; auch wenn es immer noch breiter war als vor dem Krieg, so war es im Vergleich mit dem früheren Wahlrecht viel restriktiver (ca. 28 Prozent der Bürger mit Wahlrecht gegenüber 40 Prozent zuvor). Auf dem Lande wurde auch das geheime Wahlrecht abgeschafft. Diese Maßnahme zahlte sich aus, denn der Anteil der Groß- und Mittelgrundbesitzer in Mandaten stieg erheblich, während die Bauern fast vollkommen ohne Vertretung blieben.

Die Parteienlandschaft war breit gefächert und reichte von den rechtsextremen Kräften bis zur Linken. In dem beschränkten Wahlsystem dominierte eine einzige Partei, die sogenannte Einheitliche Partei, die unter Leitung des Ministerpräsidenten ständig 60-70 Prozent der Stimmen erhielt. Die restlichen Stimmen bekamen Parteilose und die Oppositionsparteien. Die Ungarländische Sozialdemokratische Partei wurde, nachdem sie sich mit dem System angefreundet hatte (sogenannten Bethlen-Peyer-Pakt), ab 1922 eine aktive Kraft und erhielt am Anfang ca. 10 Prozent der Stimmen, wenngleich ihr Stimmenanteil bis 1939 allmählich schwand. Die zweite wichtige Oppositionspartei war die 1930 gegründete Unabhängige Kleinlandwirte-Partei mit 5-10 Prozent der Stimmen, welche die unzufriedenen bäuerlichen Schichten vertrat. Erwähnenswert sind noch die liberalen Parteien, die jedoch ihre frühere Bedeutung verloren. Auf der anderen Seite der Palette erschien auch der Rechtsextremismus. 1923 gründete Gyula Gömbös die Ungarische Nationale Unabhängigkeitspartei (Rassenschützerpartei), die jedoch bis zum Ende des Jahrzehnts ihren anfänglichen Einfluss (7 Stimmen in der Nationalversammlung) einbüßte. Linksextremismus war nicht geduldet. Der bekannteste Kommunist Mátyás Rákosi wurde nach seiner Rückkehr aus Moskau (1924) auf der Grundlage des sogenannten Ordnungsgesetzes zuerst für 8 1/2 Jahre, dann lebenslänglich inhaftiert.

Der konservative Charakter des Systems wurde 1926 durch die Einrichtung der zweiten Kammer des Parlaments weiter verstärkt, da im Oberhaus die kirchlichen (Bischöfe, Erzbischöfe, Rabbis etc.) und weltlichen (obere Richter, Oberbefehlshaber des Heeres, Kronenwächter) Autoritäten aufgrund ihrer Ämter vertreten waren. 40 Mitglieder wurden vom Reichsverweser ernannt, 152 wurden von den lokalen Apparaten und Organisationen (Universitäten, Ungarische Akademie der Wissenschaften etc.) gewählt. Neben dem Unterhaus (ab jetzt Landtag genannt) und dem Oberhaus des Parlaments war der dritte Machtfaktor der Reichsverweser, dessen Kompetenz vor allem in den 1930er Jahren weiter ausgebaut wurde.

In den frühen 1920er Jahren wurden die die Freiheitsrechte einschränkenden Maßnahmen und die Verfolgung der politischen Gegner aufgehoben. Ungarn kehrte zur Praxis der Dualismuszeit zurück, als diese Rechte gesichert waren, aber verschiedene Organe im Notfall eingreifen konnten. Dies war insbesondere bei der Gründung von Vereinen und der Pressefreiheit der Fall. Einer Bedrohung des Systems beugte das Regime mit drakonischen Strafen vor. Die Polizei und die Gendarmerie stellten weitere Möglichkeiten hierfür zur Verfügung.

Das neue Ungarn setzte alles daran, in der Bevölkerung des verkleinerten Ungarn Kraft zum Neuanfang zu schöpfen. Grundelement waren die Erziehung zur Systemtreue, die ständige Wachhaltung des Gedankens der Revision, die neben der historischen Integrität des Landes mit der Idee der ungarischen „Kulturhoheit“ (Quelle 44) gesichert wurde. Auch deswegen stellten die Entwicklung des Schulsystems (Quellen 37, 38, 40) und die Errichtung ungarischer Kulturinstitute in einigen Ländern (Quelle 46) eine erstrangige Aufgabe dar. In dieser Konzeption hatten auch die einheimischen Minderheiten keinen Platz und in den 1930er Jahren radikalisierte sich die Lage. So wurden zum Teil auf Druck des Deutschen Reiches, aber auch infolge der sich radikalisierenden ungarischen politischen Praxis weitere, jetzt schon auf der Grundlage des rassistischen Antisemitismus fußende Gesetze (siehe Dokumente „Gesetz Nr. XV des Jahres 1938 über die wirksamere Sicherung des Gleichgewichts des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens (I. Judengesetz)“ und „Gesetz Nr. IV des Jahres 1939 über die Einschränkung der jüdischen Expansion im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft (II. Judengesetz)“)  verabschiedet.

Die außenpolitische Orientierung wurde durch die folgenden zwei Grundabsichten bestimmt: Ungarn aus der Isolation herauszulösen und das Land mit Hilfe von Partnerländern und der Auflösung der sogenannten Kleinen Entente der Revision näherzubringen. Die Regierung hatte am Anfang jedoch keine klare Linie. Zuerst wurde versucht, mit Kooperationen (Frankreich, Rumänien, Polen, Tschechoslowakei) das neue Ungarn zu konsolidieren und zugleich die Revision der Grenzen auszuhandeln. Dies sollte allerdings auch durch die direkte Unterstützung der ungarischen Minderheiten jenseits der Grenzen untermauert werden, die eine kontinuierliche Förderung der ungarischen Regierung erfuhren und trotz möglicher Kompromissbereitschaft in Richtung ihrer einheimischen Regierungen den Geist der Revision wach halten mussten. Doch nachdem diese Illusionen ausgeträumt waren, ging die Regierung zur friedlichen Politik der Integration über. Ungarn wurde 1922 Mitglied des Völkerbundes, dessen finanzielle Hilfe auch zur Sanierung des Haushaltes unentbehrlich wurde und dadurch einen Meilenstein in der finanziell-wirtschaftlichen Konsolidierung bedeutete. Mitte der 1920er Jahre öffnete sich Ungarn auch in Richtung Sowjetunion, die ideologisch gesehen zwar unerwünscht war, jedoch einen großen Absatzmarkt darstellte und mit der außerdem eine Kooperation hinsichtlich der Revision als möglich angesehen wurde, da die Sowjetunion die Versailler Friedensordnung nicht akzeptierte. Diese Versuche scheiterten jedoch trotz der unterzeichneten diplomatischen und Handelsabkommen jedoch am Widerstand des Reichsverwesers und des Parlaments. Eine Annäherung an Jugoslawien verlief angesichts der ungenügenden Kompromissbereitschaft beider Parteien im Sande.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stabilisierte sich die ungarische Außenpolitik. Die finanzielle Überwachung des Völkerbundes ließ 1926 nach, 1927 wurde die militärische Kontrolle des Landes aufgehoben und man fand in Italien endlich einen stabilen Partner. Die revisionistischen Töne der Regierung vermehrten sich mit der Rückgewinnung des Selbstbewusstseins und der Souveränität. Bethlen fand in Polen und Österreich weitere Partner, als Ziel betrachtete er jedoch ein Bündnis mit dem Deutschen Reich. Obwohl immer wieder eine friedliche Revision betont wurde, ging Ungarn nach 1927 daran, die Armee aufzubauen und neue Waffen anzuschaffen. Die ungarische militärische Doktrin sah einen neuen Krieg als unvermeidlich an.

Radikalisierung im Schatten Deutschlands – Die 1930er Jahre

Bethlen musste infolge der Weltwirtschaftskrise abdanken. Die Nachfolgeregierung von Gyula Károlyi konnte die Krise jedoch nicht bewältigen: Die gesellschaftliche Unzufriedenheit wuchs, die Oppositionsparteien gewannen an Stärke. Die Situation rief nach einem starken Mann. Mit Gyula Gömbös kam jedoch nicht nur der starke Mann, der imstande war, die Krise zu bewältigen, sondern ein Mann, der angesichts der italienischen und deutschen Beispiele Ungarn radikal „umbauen“ wollte. Die 95 Punkte seines Nationalen Arbeitsplanes enthielten soziale, antidemokratische, chauvinistische Programmpunkte, die bei ihrer Verwirklichung einen großen Schritt in Richtung Totalitarismus bedeutet hätten. Das Programm von Gömbös rief starken Widerstand in der Gesellschaft hervor, obwohl die Verwirklichung nur in einigen Bereichen Gestalt annahm, so z. B. im Ausbau einer eigenen Regierungspartei, der Partei der Nationalen Einheit. In den 1930er Jahren gewannen die rechtsextremen Kräfte immer mehr an Boden, die wahrscheinlich nur wegen des beschränkten Wahlrechts kein bedeutenderes Wahlergebnis einfahren konnten. Als führende Kraft kristallisierte sich die Pfeilkreuzler-Bewegung (unterschiedliche Namen) von Ferenc Szálasi heraus, die 1939 bereits 31 Mandate erhielt. Mit der allmählichen Rechtsverschiebung der Regierungspartei ab 1932 hoffte man zugleich den Rechtsextremismus als Machtfaktor zurückzudrängen.

Nach Gömbös‘ Tod kehrte die Regierung von Kálmán Darányi zur altkonservativen Politik der Bethlen-Ära zurück. Doch die weitere Annäherung an Deutschland machte sich nicht nur in der Wirtschaft und der Außenpolitik bemerkbar, sondern auch in der Innenpolitik, was in erster Linie in der Verabschiedung des ersten Judengesetzes  (Gesetz Nr. XV des Jahres 1938 über die wirksamere Sicherung des Gleichgewichts des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens) deutlich wurde. Dieser Prozess setzte sich mit der Imdrédy-Regierung 1938-1939 fort. Das zweite Judengesetz (Gesetz Nr. IV des Jahres 1939 über die Einschränkung der jüdischen Expansion im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft) stand schon eindeutig auf der Basis des rassischen Antisemitismus, indem es eindeutig feststellte, dass ein Jude kein Ungar sei. Im Zeichen der Kriegsvorbereitung wurde das Landwehrgesetz verabschiedet, das die Zivilbevölkerung zum Arbeitsdienst verpflichtete und zugleich die Versammlungs- und Vereinsfreiheit einschränkte. Die letzte Vorkriegsregierung von Pál Teleki versuchte wiederum, die ungarische Eigenständigkeit zu stärken, was aber nicht gelang.

Die Umorientierung in der Außenpolitik Richtung Deutschland begann schon während der Weltwirtschaftskrise. Deutschland schloss im Rahmen seiner neuen Südosteuropapolitik auch mit Ungarn ein Handelsabkommen ab. Italien blieb jedoch bis Mitte der 1930er Jahre immer noch der wichtigste Partner, der in Mitteleuropa die deutschen Bestrebungen ausbalancieren wollte. Die 1934 unterzeichneten sogenannten Römer Protokolle wirkten in diese Richtung und versuchten, Italien, Österreich und Ungarn sowohl handelspolitisch als auch politisch-diplomatisch als Block zu behalten. Ungarn wollte die Rückendeckung beider Großmächte für seine wirtschaftliche Konsolidierung und revisionistische Außenpolitik sichern. So besuchte Gömbös als erster europäischer Staatsmann den neuen deutschen Reichskanzler Hitler bereits im Juni 1933.

Doch das aufstrebende Deutschland bot zwar wirtschaftlich gute Absatzmöglichkeiten für die ungarische Wirtschaft, war jedoch nicht bereit, die ungarischen Revisionsansprüche voll zu unterstützen, da es seine Interessen in Rumänien und Jugoslawien nicht gefährden wollte. Bei der Unterstützung der Revision gegenüber der Tschechoslowakei hatte es auch nur die deutschen Interessen im Auge. Doch die Beziehungen zu Deutschland machten sich für Ungarn bemerkbar. Die Kleine Entente erkannte 1938 im Abkommen von Bled die ungarische Gleichberechtigung hinsichtlich der Rüstungspolitik an und stellte günstige Maßnahmen in der Minderheitenpolitik in Aussicht. Das Abkommen wurde zwar nie ratifiziert, kennzeichnete jedoch die veränderte Situation. Und obwohl dieses Abkommen sowie Ungarns Weigerung, gegenüber der Tschechoslowakei die Rolle des agent provocateur auf sich zu nehmen, Hitler verärgerten, konnte Ungarn im November auf Kosten der Tschechoslowakei den ersten Erfolg bei der Rückgewinnung alter Gebiete verbuchen. Im Ersten Wiener Schiedsspruch erwarb es, anders als ursprünglich von Hitler in Aussicht gestellt, nur den Südstreifen des einstigen Oberungarn, der allerdings wirklich mehrheitlich ungarisch bewohnt war. Einer weiteren Unterstützung der Revisionsziele kam Ungarn mit prodeutschen Maßnahmen entgegen und verkündete den Austritt aus dem Völkerbund sowie den Beitrittswillen zum Antikominternpakt. Auch bei der Besetzung der Karpatoukraine im März 1939 konnte Ungarn auf den deutschen Beistand zählen. Parallel zur aktiven Außenpolitik beschloss Ungarn im sogenannten Programm von Győr, ein fünfjähriges Aufrüstungsprogramm zu beginnen, das in fünf Jahren ca. 120 Prozent des BIP für militärische Zwecke vorsah und sowohl Deutschland als auch das ungarische Offizierskorps befriedigen sollte. Die Größe der Armee stieg jedoch von ca. 80-85.000 nur auf 107.000 im Jahre 1940 an, und trotz Modernisierung blieb sie noch immer ungeeignet für einen modernen Krieg.

Wirtschaft

Die Auflösung der k.u.k.-Monarchie traf Ungarn nicht nur wegen der Gebietsverluste sehr hart, sondern auch das bis dahin gut funktionierende Wirtschaftssystem der Monarchie zerfiel. Ungarn war gezwungen, seine Wirtschaft den durch Gebietsabtretungen und Verluste wichtiger Ressourcen bedingten neuen Bedingungen anzupassen, wobei die komparativen Vorteile nicht mehr berücksichtigt werden konnten, da die entfremdeten, einander fast feindlich gegenüberstehenden Nachfolgestaaten das alte Wirtschaftssystem in Form von Handelsabkommen nicht erhalten wollten und eher auf Autarkie bedacht waren. Auch die neuen Zollgrenzen und Währungen erschwerten die Zusammenarbeit. So waren die Anfangsjahre in Ungarn nach dem Krieg durch einen katastrophalen Rohstoff-, Lebensmittel- und Energiemangel gekennzeichnet, man musste sich mit einem wesentlich kleineren Binnenmarkt abfinden. Da die Rohstoffquellen in den verlorenen Gebieten lagen, die Mehrheit der verarbeitenden Industrie jedoch bei Ungarn blieb und infolge der Grenzziehung die Infrastruktur auch zerstückelt war, sank die Produktion drastisch (in der Landwirtschaft auf 50-60 Prozent in der Industrie auf 35-40 Prozent des Vorkriegsniveaus). In der Landwirtschaft gingen die besten Ackerflächen verloren, so dass die Nahrungsmittelindustrie erhebliche Überkapazitäten aufwies. Arbeitslosigkeit und eine rasante Inflation waren die Folgen. Zudem verschärfte sich die Lage dadurch, dass Hunderttausende Ungarn, die aus den neuen Nachbarstaaten flüchteten, im neuen Ungarn Platz beanspruchten. Das durchschnittliche Lebensniveau sank um 60-90 Prozent. Auch die Infrastruktur des Transportwesens war in seiner Funktion beschnitten, da das logisch – allerdings auf Budapest ausgerichtete – spinnnetzartig ausgebaute Eisenbahnnetz zuerst schlechthin kaum nutzbar war. Außerdem hatten die rumänischen Truppen viele Lokomotiven, Waggons und anderes rollendes Material und Maschinen bei ihrem Abzug aus Ungarn verschleppt. In Summe waren das Güter im Wert von etwa dem Zwölffachen der späteren Anleihe.

Mit dem Darlehen des Völkerbundes und der rigorosen Finanzpolitik konnte der Haushalt saniert werden, 1926 wurde eine Währungsreform in Kraft gesetzt, die die Inflationszeit beendete. Die Hauptlast trugen die unteren und mittleren Schichten, im Vergleich zur Vorkriegszeit wuchs die Steuerbelastung um 60 Prozent. Diese finanzielle Besserung eröffnete dann auch den Weg zum wirtschaftlichen Aufschwung. Ab 1927 begannen zudem die ungarischen Reparationszahlungen. Neben der traditionell starken Nahrungsmittelindustrie entwickelten sich jetzt in erster Linie jene Industriezweige, die vor 1918 der Konkurrenz vor allem wegen der höheren Zölle hatten nicht standhalten können, so die Textilindustrie (1921-1929 Verzehnfachung der Produktion), die Papierherstellung (x 17) und die chemische und elektrotechnische Industrie. In der Nahrungsmittelverarbeitung und im landwirtschaftlichen Maschinenbau sowie in der Fahrzeugherstellung war die Produktion rückläufig. Damit erreichte Ungarn 1927-1928 den Stand des Jahres 1913.

Die Landwirtschaft stagnierte in den 1920er Jahren vollkommen, da die Absatzmärkte der alten Monarchie nicht durch neue ersetzt werden konnten. Durch den Kapitalmangel gelang es auch nicht, eine spezialisiertere Landwirtschaft zu entwickeln oder die bestehende zu modernisieren. Dazu kam, dass während der Weltwirtschaftskrise die Preise für landwirtschaftliche Produkte weiter fielen. Die praktisch unveränderte Besitzstruktur (nur 8,5 Prozent der Felder wurden neu verteilt) half bei der Gesundung auch nicht, sondern verschärfte die Lage zusätzlich, da im Allgemeinen Zwerggrundstücke entstanden.

Die Infrastruktur entwickelte sich nur mäßig. Das geerbte Eisenbahnnetz war im europäischen Vergleich mittelmäßig entwickelt, so dass man hier eher durch technische Erneuerungen den Fortschritt herbeiführte. Rasant stieg jedoch die Zahl der Kraftfahrzeuge, was auch Straßenbau nötig machte. Die Zahl der elektrifizierten Ortschaften verdreifachte sich in dieser Epoche.

Bethlen gelang zwar eine wirtschaftliche Konsolidierung, diese war allerdings wegen der Autarkiebestrebungen in Mitteleuropa und wegen des schlechten Verhältnisses zu den Nachbarländern sehr verletzlich. So kämpfte Ungarn ständig mit Absatzproblemen. Insgesamt war jedoch die Stagnation charakteristisch, da das Bruttoinlandsprodukt bis 1929 im Vergleich zu 1913 nur um ca. 13 Prozent zunahm. Darum wundert es nicht, dass die Weltwirtschaftskrise das Land wieder sehr stark betraf und die Neuorganisierung der Wirtschaft nach der Krise immer mehr durch die Intensivierung der Beziehungen zu Deutschland vollzogen wurde. Am meisten litt die Landwirtschaft unter der Krise, was in dem Agrarland zwangsweise die ganze Wirtschaft in Mitleidenschaft zog. In der Industrie litten in erster Linie jene Bereiche, die Produktionsmittel herstellten. Ähnlich erging es der Eisen- und Maschinenproduktion sowie der Baustoffindustrie. Weniger stark litten die Nahrungsmittelindustriezweige. Textil-, Leder-, Papier- und chemische Industrie überstanden die Krise, die sich durch den Kollaps des Finanz- und Kreditsystems 1931 verschärfte, am besten. Trotzdem sank das Bruttosozialprodukt pro Kopf nur um 7 Prozent – weit weniger als in den Nachbarstaaten.

In den 1930er Jahren schuf die Kooperation mit Deutschland einen sicheren Absatzmarkt für die landwirtschaftlichen Produkte, die Entwicklung der Industrie stand jedoch schon im Zeichen der Aufrüstung. Der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt erreichte 1941 aber noch immer nur 36 Prozent gegenüber 30 Prozent im Jahr 1920. Die Produktion in den Betrieben unterschiedlicher Größe wuchs in dem Jahrfünft 1924-1929 um 70 Prozent.

Soziale Verhältnisse

Ungarn hatte laut der Volkszählung von 1920 7,9 Millionen Einwohner, doch diese Zahl stieg infolge der rasant steigenden Lebenserwartung auf 8,6 Millionen im Jahr 1930 und auf 9,3 Millionen 1941 (ohne die neuen Gebiete). Das Land wurde infolge der Grenzziehungen ethnisch viel homogener und galt unter den Nachfolgestaaten als einziger Nationalstaat neben Österreich. Der Anteil der Minderheiten (Deutsche, Slowaken, Rumänen, Kroaten, Serben etc.) betrug ca. 10 Prozent, von denen zahlenmäßig die Deutschen (5,5 Prozent) herausragten. Infolge der intoleranten Minderheitenpolitik erlitten die Minderheiten des Landes weitere Verluste; 1930 gaben schon 92,1 Prozent die ungarische Nationalität an. Konfessionell gesehen bedeutete die größte Veränderung der drastische Bedeutungsverlust der orthodoxen und griechisch-katholischen Kirche, wodurch der Anteil der Römisch-Katholiken auf 66 Prozent, der Reformierten Kirche auf 21 Prozent stieg. Die Anteile der Lutheraner (6 Prozent) und Juden (5 Prozent) blieben in etwa gleich.

Die neuen Grenzen veränderten die Berufsstruktur der Bevölkerung nachhaltig und beschleunigten den Wandel der Gesellschaftsstruktur. Der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung sank von 62 Prozent (1910) auf 55,8 Prozent (1920), dann weiter auf 51,8 Prozent (1930) und 48,7 Prozent (1941). Das hatte zur Folge, dass der Anteil von Bergbau und Industrie von 30,1 Prozent (1920) auf 34,95 Prozent (1941) anstieg.

Während sich die ethnische, konfessionelle und Berufsstruktur des Landes radikal veränderten, blieben die Eigentumsverhältnisse und daraus folgend die gesellschaftliche Schichtung, die Lebensstandards und Lebensstile fast unverändert. Eine Nivellierung – beschleunigt von den gleichmachenden kommunistischen Tendenzen – erfolgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Zahl der Großgrundbesitzer sank infolge der Grenzziehungen. Um die Jahrhundertwende zeigten die Statistiken noch 2000 Großgrundbesitzer, davon 800 Aristokraten, 1930 waren es nur noch 745 Großgrundbeseitzer, davon 350 Aristokraten. Dieser Rückgang ging jedoch nicht mit einer Reduzierung des Anteils des Großgrundbesitzes einher. Ganz im Gegenteil, die Konzentration stieg weiter an. Grundbesitze von über 1000 Katastraljoch machten 1935 35 Prozent aus (1895: 24 Prozent). Diese Schicht, die wegen der Einkommensverluste infolge des Friedensvertrags ihren luxuriösen Lebensstil oft zurücknehmen musste (wie z. B. István Bethlen), spielte in der Politik immer noch eine große Rolle. Trotz riesiger Verluste konnte die katholische Kirche ihre einflussreiche Stellung sowohl als Grundbesitzer als auch im gesellschaftlichen Leben bewahren.

Das Großbürgertum, das jetzt vermehrt antisemitischen Angriffen ausgesetzt war, konnte nicht nur seine Vermögensverhältnisse behaupten, sondern trat als ebenbürtiger Partner neben die Aristokratie als herrschende Schicht, auch wenn seine unmittelbare Beteiligung an der Politik noch hinter der der Aristokratie lag. Den Kern dieser Schicht stellten die 50 bis 60 reichsten Familien dar, die trotz möglicher jüdischer Abstammung anerkannter Teil der ungarischen gehobenen Gesellschaft waren. Das zeigt, dass der weit verbreitete Antisemitismus in Ungarn bis Ende der 1930er Jahre ein selektiver Antisemitismus war und eher die armen, neu eingewanderten, als fremd angesehenen und oft als „Galizianer“ bezeichneten Juden bekämpfen wollte.

Die ein breites Spektrum der Gesellschaft umfassende sogenannte „Mittelklasse“ machte ca. 10 Prozent der ungarischen Gesellschaft aus. Hierzu zählten die mittleren Grundbesitzer (200-1000 Joch, ca. 2200 Familien) und die führenden Vertreter des Staatsapparats (einige tausend Familien). Sie zusammen bildeten die dritte Säule des Horthy-Systems und Horthy selbst zählte zu dieser Schicht. Zur Mittelklasse rechnete man auch den sogenannten Gentry (Ungarn adeliger Abstammung mit verlorenem Grundbesitz), der sich als Rückgrat der ungarischen Gesellschaft betrachtete und trotz bescheidenen Einkommens einen „herrschaftlichen“ Lebensstil führte. Das mittlere Bürgertum der Städte (Eigentümer mittelgroßer Betriebe, Eigentümer von Mietshäusern, Händler; 6-7000 Personen) konnte wegen der wirtschaftlichen Lage weder sein Vermögen erweitern noch seinen Lebensstil verbessern und stagnierte eher. Den überwiegenden Teil der Schicht machten jedoch die unselbstständigen Beamten, Privatangestellten und die Intelligenz aus, insgesamt ca. 300.000 Personen. Doch gerade weil dieser Teil so umfangreich war, ist eine große Differenzierung festzustellen.

Durch die ungleichen Einkommensverhältnisse war die Abgrenzung der obersten Schicht eklatant, aber auch die Mittelschichten hatten eine herausragende Stellung. Die Welt der Herren (obere Schichten) war weiterhin getrennt von der Welt der Nicht-Herren (untere Schichten), wobei über diese Zweiteilung hinaus auch eine starke und starre, fast schon kastenartige Hierarchisierung charakteristisch war, die sich auch in den Verhaltensformen, sogar in den Begrüßungsformen zeigte.

Die untere „Hälfte“ der Gesellschaft begann mit dem städtischen Kleinbürgertum (ca. 15 Prozent der Bevölkerung), welches die untere Mittelschicht ausmachte. Die meisten, die ihr angehörten, waren selbstständige Kleinhändler und Kleinhandwerker mit höchstens 1-2 Lehrlingen, aber hierzu gehörten auch die Unteroffiziere, Beamtengehilfen etc.

Das Bauerntum war weiterhin die größte gesellschaftliche Schicht, jeder zweite Ungar gehörte dazu. Die Zahl der Bauern blieb in der Epoche ziemlich konstant bei 4,5 Millionen Einwohnern, so dass der Anteil infolge des Bevölkerungswachstums von 55 Prozent auf 48 Prozent sank. Die geschlossene ländliche Welt begann sich durch die Modernisierung und Urbanisierung sehr zu verändern, Verhaltensformen, Bekleidung und Bildungsstand entwickelten sich positiv. Insbesondere die schmale Schicht (7 Prozent des Bauerntums) der mittleren und Großbauern wollte mit der Entwicklung Schritt halten. Mit einem Grund über 20 Joch verfügte diese Schicht über eine sichere Existenz, in der Dorfgemeinschaft war sie Partner der Intelligenz und zeigte selbst das Bedürfnis, die heranwachsenden Generationen zu schulen. Einen wesentlich größeren Teil (24 Prozent) stellten die kleinen und mittleren Bauern mit einer durchschnittlichen Grundstücksgröße von 5-20 Joch dar; einen ähnlichen Anteil hatten die Bauern mit Zwerggrundstücken von 1 bis 5 Joch, die nicht nur ein ärmliches, sondern oft elendiges Leben führten. Sie waren auch den wirtschaftlichen und klimatischen Schwankungen enorm ausgesetzt. Den Rest bildeten die besitzlosen Landarbeiter auf den allodialen Feldern (Erbbesitz) sowie als zweite große Gruppe die Tagelöhner. Trotz Versuchen ist es während der ganzen Ära nicht gelungen, die soziale Lage (beispielsweise durch weitere Bodenverteilung und Sozialversicherung) zu verbessern. So blieb die Bauernfrage genauso ungelöst wie noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Aus der Agrarstruktur folgte, dass das Proletariat gegenüber dem Bauerntum eine wesentlich geringere Bedeutung hatte. Sein anfangs 24 Prozent ausmachender Anteil (900.000 Personen) des ökonomisch aktiven Teils der Bevölkerung stieg bis Ende der 1930er Jahre knapp über 30 Prozent. Infolge des Prosperierens der Textilindustrie ist zudem eine leichte Steigerung des Frauenanteils zu beobachten (26-32 Prozent). Hier waren nicht nur die Einkommensverhältnisse günstiger als auf dem Land, sondern auch die Sozialfürsorge war relativ ausgeprägt.

Obwohl diese gesellschaftliche Ordnung ein ziemlich starres und beständiges Bild abgab, wuchs die gesellschaftliche Mobilität infolge der Verschiebung der Berufsstruktur leicht, insbesondere Angehörige des Bauerntums fanden zumeist als Arbeiter, Handwerker und Unteroffiziere neue Anstellung. Das größte Integrationspotenzial besaß die Arbeiterschaft, während die anderen Schichten weniger an der Mobilität beteiligt waren.

Geistiges Milieu

Im kulturellen Bereich war eine enorme Blüte zu beobachten, was auch damit zusammenhing, dass hier am ehesten Kritik gegenüber dem System zur Sprache kommen konnte. Tonangebend war die Diskussion der nationalkonservativen Traditionalisten und der bürgerlich-demokratischen Reformer, zu denen sich in den 1930er Jahren eine volksverbundene Partei gesellte. Die Fortsetzung bedeutete in den 1930er Jahren die Debatte der „Volkstümler“ (László Németh, Géza Féja, Gyula Illyés) mit den„Urbanen“ (Pál Ignotus, Béla Zsolt, Ferenc Fejtő). Erstere setzten sich für die Verbesserung der Situation armer Bauernschichten ein und waren bereit, dafür sowohl mit dem linken als auch rechten Extremismus zusammenzugehen. Die Gegenseite verwarf alles, was mit Faschismus, Rassengedanken, Antisemitismus und Antiliberalismus zu tun hatte. Gleichwohl war die Debatte auch antisemitisch gefärbt.

Die offizielle Politik hat sehr viel für die Verwurzelung des christlich-nationalen Gedankens getan. Das Bildungs- und Wissenschaftssystem wurde in den 1920er Jahren unter der Leitung von Kunó Klebelsberg bedeutend ausgebaut. Die kulturelle Überlegenheit Ungarns gegenüber den Nachbarstaaten sollte nicht nur demonstriert, sondern weiter ausgebaut werden. So unterstützte diese Politik auch in kultureller Hinsicht die Vertreter des konservativen Traditionalismus (Ferenc Herczeg, Gyula Szekfű, Lajos Zilahy etc.) in der Literatur, die sich beispielsweise um die Zeitschrift Napkelet (dt. Morgenland) scharten, um sich von den Reformern (Mihály Babits, Lőrincz Szabó, Sándor Máraietc) der Zeitschrift Nyugat (dt. Abendland) abzugrenzen. Besondere Bedeutung erlangte die künstlerische Behandlung der sozialen Frage. Werke von László Németh oder Gyula Illyés schilderten die bedrückende soziale Situation des Landes sowie die allgemein herrschende Armut in weiten Teilen des Landes.

Nicht weniger wichtig waren andere Bereiche des kulturellen Lebens. Sowohl in der Musik als auch in der bildenden Kunst bot Ungarn der Welt erstrangige Künstler. Davon zeugen die Namen Béla Bartók, Zoltán Kodály, Ernő Dohnányi in der klassischen Musik, Ferenc Lehár, Imre Kálmán in der leichten Gattung der Operette oder László Moholy-Nagy in der bildenden Kunst, aber auch ungarische Vertreter des Bauhauses wie Marcell Breuer.

Die Betonung der Kulturüberlegenheit zeigte sich auch darin, dass junge Wissenschaftler staatliche Stipendien bekamen; die ungarischen Kulturinstitute von Paris über Berlin bis Rom sollten diese geistige Exzellenz für die weite Welt erkennbar machen. Die meisten Wissenschaftler, die Weltniveau erreichten, fanden in Ungarn jedoch oft nicht die geeigneten Rahmen. Von den Nobelpreisträgern war nur Albert Szent-Györgyi in Ungarn tätig.

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Obwohl die Zwischenkriegszeit eine turbulente Periode der ungarischen wie der europäischen Geschichte war, wurden damals Weichen gestellt, die das Schicksal Ungarns für lange Zeit, zum Teil bis heute, bestimmten. Ungarn gewann nach fast 400 Jahren die langersehnte Eigenstaatlichkeit zurück, die man jetzt auf einem Bruchteil des früheren Territoriums einrichten musste. Zwar brachten es die Umstände mit sich, dass durch die Gebietsabtretungen das Land ethnisch viel homogener aussah und so die Errichtung des ungarischen Nationalstaats gegen den viel schwächeren Willen der übrigens nach wie vor marginalisierten Minderheiten geschah, doch wurde das neue Ungarn auch nach der Übergangszeit der Republik und Räterepublik ein ziemlich ungewöhnliches Konstrukt, ein Königtum ohne König mit einem „Reichsverweser“ an der Spitze, dessen politisches System nach den vor seinem Amtsantritt etablierten demokratischen Anfängen ein immer autoritäreres Gepräge darstellte. Es gab kein modernes Wahlrecht, bestimmte politische Kräfte wurden unterdrückt und die Macht hatte noch immer die gleiche Elite inne wie vor 1918. In oppositionellen und intellektuellen Kreisen war die ansonsten nur in rechtsextremen Kreisen vertretene Ansicht verbreitet, dass Ungarn das „Land der 3 Millionen Bettler“ (bei einer Bevölkerung von 7,9 Millionen[1920]) sei, wie György Oláh in seinem Werk „Hárommillió koldus. Magyar Jövő Nyomdaüzem és Lapkiadóvállalat“ (Budapest 1928) schrieb, welches als erste Soziografie in Ungarn anzusehen ist. Für diese Kreise war Ungarn ein Land, in dem ethnische Minderheiten trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche als die angeblich Schuldigen für die Gebietsverluste noch weniger Platz hatten als früher.

Immerhin richtete sich das neue Ungarn auf dem gegebenen Gebiet staatlich ein und das neue System gewann an Stabilität. Die 1920er Jahre bildeten eine Phase der Konsolidierung, die untrennbar mit dem Namen von Graf István Bethlen und dessen Ministerpräsidentenschaft verbunden ist. Doch die infolge der Weltwirtschaftskrise zurückgeworfene Entwicklung nahm in den 1930er Jahren eine neue Richtung, die durch eine immer stärkere Anlehnung an das Deutsche Reich, eine Radikalisierung, aber zugleich die ersten Revisionserfolge gekennzeichnet war. Die veralteten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse wurden in der zweiten Dekade durch die immer bedeutendere Kooperation mit Deutschland sowie die Aufrüstung weiter verdeckt und das System war nicht bereit und auch nicht imstande, eine Modernisierung einzuleiten. Auch das geistige Milieu, das das breitgefächerte Spektrum der Vorkriegszeit in Vergessenheit geraten ließ, wurde teilweise vom System beeinflusst, auch wenn diese Zeit aus heutiger Sicht als eine kulturelle Blüte bewertet werden kann.

 

Zur weiteren Vertiefung siehe zuerst:

Gosztonyi, Peter: Miklós von Horthy. Admiral und Reichsverweser. Göttingen, Zürich, Frankfurt am Main 1973.
Hajdu, Tibor: The Hungarian Soviet Republic. Budapest 1979.
Juhász, Gyula: Hungarian Foreign Policy 1919-1945. Budapest 1979.
Lendvai, Paul: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte. München 2001.
Romsics, Ignác: Magyarország története a XX. században. Osiris, Budapest 2004.
Ormos, Mária: Magyarország a két világháború korában 1914-1945. Csokonai, Debrecen 2006 (engl.: Hungary in the Age of the Two World Wars 1914-1945. New York 2008.
Ormos, Mária: From Padua to the Trianon 1918-1920. Boulder 1990.
Istvan György Toth (Hrsg.): Geschichte Ungarns. Corvina, Budapest 2005.
Romsics, Ignác: Hungary in the Twentieth Century. Budapest 1999.
Sakmyster, Thomas: Miklós Horthy. Ungarn 1918-1944. Wien 2006.