Litauen in der Zwischenkriegszeit - Über das Modul

Bearbeiter: Klaus Richter (Berlin)

Erstveröffentlichung: November 2011, erweitert 2014

Obwohl Litauen in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkrieges zumeist dem Baltikum zugerechnet wird, stellt es doch in der Region einen Sonderfall dar. Mehr noch als seine nördlichen Nachbarn war das Land den großen europaweit prägenden Ereignissen der Zwischenkriegszeit unterworfen. Litauen hatte in besonders hohem Maße unter den revisionistischen Ansprüchen seiner Nachbarländer zu leiden und durchlebte früher als Lettland und Estland Putsch und autoritäre Herrschaft.

Noch während des Ersten Weltkrieges, im September 1917, tagte die Konferenz von Vilnius mit Billigung der deutschen Militärverwaltung. Die Konferenzteilnehmer wählten abschließend den  Litauischen Staatsrat (Lietuvos valstybės taryba), der bereits im Februar 1918 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnete. Faktisch blieb Litauen jedoch noch bis Ende des Krieges ein besetztes Land, und erst nach zwei weiteren Kriegsjahren, in denen sich die junge Republik gegen die polnische Armee, die Rote Armee und gegen die antibolschewistische Westrussische Befreiungsarmee (Bermondtisten) erwehren musste, erlangte die Republik tatsächlich Souveränität über ihr eigenes Staatsgebiet, das nicht nur Litauer, sondern zahlreiche Minderheiten – vor allem Juden, aber auch Polen, Russen, Deutsche und Letten – umfasste. Eine verfassungsgebende Versammlung trat zusammen, deren bedeutendste Leistungen eine Landreform darstellte, die den Anteil landloser Bauern, der nach Zusammenbruch des Russischen Reiches in Litauen bei über 20% lag, verringern sollte, sowie die Ausarbeitung einer Verfassung für die Republik Litauen. Im Oktober 1922 schließlich wurde die Versammlung durch das erste frei gewählte litauische Parlament abgelöst.

Nach häufigen Kabinettswechseln innerhalb der seit 1922 regierenden Koalition aus Christdemokraten (LKDP), Bauernverband (LŪS) und Arbeitervereinigung (LDF), erreichte 1926 eine Koalition aus Populisten (Liaudininkai – LVLS) und Sozialdemokraten (LSDP) bei den Wahlen zum Seimas die Mehrheit und wählte Kazys Grinius zum Präsidenten. Das litauische Militär putschte am 17. Dezember 1926 gegen die neue Regierung und brachte so Antanas Smetona und Augustinas Voldemaras an die Macht. Der Seimas wurde aufgelöst und alle wichtigen Posten mit Mitgliedern von Smetonas nationalistischer Tautininkai-Partei (LTS) besetzt. Während Smetona ursprünglich eher als Integrationsfigur und bekanntes Gesicht in das Amt des Präsidenten gehievt worden war, schaffte er es, 1928 gegen den eigentlichen starken Mann im Staate, Premierminister Augustinas Voldemaras, zu putschen und die politische Macht auf das Amt des Präsidenten zu konzentrieren. Seine legale Form fand diese Wende zum Autoritarismus in der neuen Verfassung von 1928. Smetonas präsentierte sich von nun an als „Führer des Volkes“ (Tautos vadas). Innenpolitisch hatte Smetona mit beträchtlichen Problemen zu kämpfen, wie zum Beispiel während des Bauernaufstandes in den südlitauischen Region Suvalkija und Dzūkija, als Smetona die Rädelsführer hinrichten ließ und so beträchtlich an Prestige in der litauischen Bevölkerung einbüßte. Obwohl 1936 zum ersten Mal wieder ein Parlament gewählt wurde (Angehörige anderer Parteiorganisationen als der Tautininkai hatten jedoch kein aktives Wahlrecht), zeigte die Verfassung von 1938, die die Gewaltentrennung in Litauen faktisch abschaffte, dass Smetona nicht gewillt war, politische Macht abzugeben.

Außenpolitisch hatte die litauische Republik von Anfang an mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Mit Ausnahme von Lettland hatten alle Nachbarn Litauens revisionistische Ansprüche auf Teile des neuen Staates. Am meisten wurde der diplomatische Spielraum Litauens durch den andauernden Konflikt mit Polen eingeschränkt. Nach dem polnischen Sieg im Krieg gegen die Sowjetunion besetzte eine polnische Armee die Stadt Vilnius und das Wilnagebiet. Ursprünglich als „Mittellitauische Republik“ ausgerufen, wurde die Stadt de fakto von Polen annektiert. Die litauische Regierung brach daraufhin alle Beziehungen mit Polen ab, die Grenze zwischen Litauen und dem Wilnagebiet wurde geschlossen. 1938 zwang Polen jedoch Litauen durch ein Ultimatum, diplomatische Beziehungen aufzunehmen, was einem Verzicht des Anspruchs auf Vilnius und einer verheerenden diplomatischen Niederlage für Präsident Smetona gleichkam.

Auch mit dem Deutschen Reich kam es Anfang der 1920er Jahre zur Krise. 1918 hatte bereits eine Gruppe litauischer Intellektueller aus dem Memelland die Abtretung des Gebietes an den neuen litauischen Staat gefordert. Das Memelland gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zu Ostpreußen und wurde nach dem Kriege zum französischen Mandatsgebiet. Anfang 1923 kam es schließlich mit stillschweigender internationaler Duldung (auch Berlins) zur Besetzung des Memellandes und zur Eingliederung in den litauischen Staat. Die am 8. Mai 1924 von der Botschafterkonferenz verabschiedete Memelkonvention regelte den Status des Memellandes als autonome Region innerhalb der litauischen Republik. 1928 erkannte das Deutsche Reich die neue Grenze an. Nach der Machtergreifung jedoch ließ Hitler keinen Zweifel an seinen revisionistischen Ansprüchen auf die Region, und zahlreichen wirtschaftlichen Embargos folgte im  März 1939 ein Ultimatum, und bereits drei Tage später wurde das Memelland vom Deutschen Reich annektiert, was, nur ein Jahr nach dem polnischen Ultimatum, einen weiteren schweren Schlag für das Smetona-Regime darstellte.

Die Sowjetunion war einer der ersten Staaten, der die Unabhängigkeit Litauens und die Zugehörigkeit des Wilnagebiets zum litauischen Staat anerkannte, und zwar bereits 1920. Die formal guten Beziehungen wurden im sowjetisch-litauischen Nichtangriffspakt 1926 bestätigt, kühlten jedoch in den 1930er Jahren rapide ab. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 sah zuerst vor, dass Litauen in die deutsche Interessenssphäre fallen sollte. Ein Ergänzungsvertrag, der nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterzeichnet wurde, transferierte den größten Teil Litauens jedoch in die Interessenssphäre der Sowjetunion. Dies fand seinen Ausdruck in dem sowjetisch-litauischen Beistandspakt, der zwar die Rückgabe von Vilnius vorsah, mit der Stationierung sowjetischer Truppen im Land aber faktisch einer Besetzung gleichkam. Nicht mal ein Jahr später wurde Litauen als Sowjetrepublik der Sowjetunion eingegliedert. Kurz vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion kam es zu Massendeportationen der litauischen Bevölkerung.

In der Zeit des Kalten Krieges wurde die Geschichte der Ersten Litauischen Republik kaum zum Gegenstand der Geschichtswissenschaften gemacht. Lediglich exillitauische Historiker beschäftigten sich mit der Zwischenkriegszeit. Persönliche Verstrickung der Historiker in die Ereignisse sowie eine der politischen Lage geschuldete schlechte Quellenverfügbarkeit führten zu einer beträchtlichen Verklärung der Geschichte der Republik Litauen, die sich auf die Geschichtswissenschaften des 1991 erneut unabhängig gewordenen Litauens übertrug und erst allmählich dekonstruiert wird.

Die Textquellen

Bei der Zusammenstellung der Dokumente wurde ein Schwerpunkt auf solche Quellen gelegt, die die Schwierigkeiten im Prozess der Konsolidierung des jungen Staates zeigen. Diese zeigten sich in der Innen- wie in der Außenpolitik. Aufgenommen wurden sowohl Dokumente der diplomatischen und militärischen Akteure der Wilna- und der Memellandkrise als auch Pressestimmen und Reaktionen dritter Länder. Auf innenpolitischer Ebene werden aus den vorliegenden Dokumenten insbesondere die Konsolidierungsversuche des autoritär herrschenden Smetona deutlich, die auf der Ausschaltung politischer Gegner einerseits und Schließung der Reihen durch eine tiefe staatliche Durchdringung der Gesellschaft andererseits abzielte.

Wie diese Versuche, die Existenz Litauens in einem von politischer Aufruhr und Revisionsansprüchen geprägten Ost- und Ostmitteleuropa zu wahren, Demokratisierung und zivilgesellschaftliche Entwicklung zugunsten einer autoritären Herrschaftsform aufgaben, wird auch aus der Entwicklung der Verfassung deutlich, die drei Mal neu verfasst wurde, bevor sie durch eine sowjetische ersetzt wurde.

Die Materialien

Die Materialien zur Geschichte Litauens in der Zwischenkriegszeit ergänzen die vorliegenden Textquellen um Daten zur Verwaltung, zur Demographie, zur wirtschaftlichen und zur politischen Entwicklung. Bei der Zusammenstellung der Materialien wurden drei Schwerpunkte gewählt.
Erstens wurden bezüglich der demographischen Entwicklung, aber auch der Bildung, Materialien ausgewählt, die den multiethnischen Charakter der Litauischen Republik betonen. Es wurde darauf geachtet, dass die Statistiken nach Kategorien wie Nationalität oder Konfession unterscheiden. Dies soll der Versuchung entgegenwirken, die Geschichte der Litauischen Republik vereinfachend als Geschichte einer Republik der Litauer zu bearbeiten.
Zweitens erfuhr die Landwirtschaft bei der Auswahl der Materialien besondere Aufmerksamkeit, um ihre große Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung Litauens zu unterstreichen. Die überwältigende Mehrheit der litauischen Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig oder zumindest wirtschaftlich von ihr abhängig. Darauf aufbauend wurde drittens besonderer Wert auf die regionalen Unterschiede in der wirtschaftlichen, landwirtschaftlichen und demographischen Entwicklung gelegt. Es wurden Materialien zusammengestellt, die Daten bis hinunter auf Kreisebene liefern. So soll der landläufigen Vorstellung von Litauen als kleinem und monolithischem Land entgegengewirkt werden.
Komplettiert werden die Materialien durch eine Chronologie sowie durch eine Auswahlbibliographie. Da Quelleneditionen außerhalb Litauens bis dato kaum vorliegen, handelt es sich fast ausschließlich um litauischsprachige Titel. Für die Überblicksdarstellung hingegen wurde in erster Linie auf deutsch- und englischsprachige Titel zurück gegriffen.