Lettland in der Zwischenkriegszeit - Über das Modul

Bearbeiter: Janis Keruss (Rīga)

Erstveröffentlichung: Oktober 2012

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 konnten die kleinen Völker, die das Territorium der österreichisch-ungarischen Monarchie sowie des Deutschen und des Russischen Reiches bewohnten, unabhängige Staaten gründen. Die Gründung eines lettischen Staates hatte mehrere Alternativen. So fand beispielsweise kurz vor Ende des Kriegs zwischen dem 5. und 9. November 1918 unter der Leitung von Adolf Konstantin Jakob Baron Pilar von Pilchau (1851-1925), einem in Estland geborenen deutschbaltischen Politiker, livländischem Landmarschall (1908-1918) und Abgeordneten der russischen Reichsduma (1910-1917), eine Sitzung des Vereinigten Landesrats statt, auf der sich die Anwesenden über den territorialen Aufbau und die Verfassung eines selbständigen, das Gebiet Lettlands und Estlands umfassenden Staats einigten und am 7. November einen aus vier deutschen, drei lettischen und drei estnischen Mitgliedern bestehenden Regentschaftsrat als vorläufige Landesregierung wählten. Doch dieses baltische Herzogtum war nicht lebensfähig. Es bekam keine Unterstützung aus Deutschland, seinem einzigen potentiellen Verbündeten im Ausland, und es genoss in der lettischen und estnischen Gesellschaft keine breite Unterstützung. Am 28. November 1918 stellte der Regentschaftsrat seine Tätigkeit ein und die Pläne zur weiteren Gestaltung des baltischen Herzogtums wurden nicht weiterverfolgt.

Am 18. November 1918 rief der Lettische Volksrat in Riga die demokratische Republik Lettlands aus. Das sogenannte lettische Vorparlament wurde am 17. November 1918 nach dem Zusammenschluss zweier bürgerlicher Parteivereinigungen, des Lettischen Nationalrats und des Demokratischen Blocks, gebildet. Ursprünglich hatte der Lettische Volksrat 40 Mitglieder. Später wurde ihre Zahl auf 245 erhöht. Der erste Vorsitzende des Volksrats war Jānis Čakste[1], der erste Ministerpräsident Kārlis Ulmanis[2]. Am 1. Mai 1920 trat an die Stelle des Volksrats die vom Volk gewählte Verfassungsgebende Versammlung.

Zum Leiter der provisorischen Regierung wurde einer der Führer des Lettischen Bauernbundes, Kārlis Ulmanis. Obwohl die Ententemächte diese Regierung formell unterstützten, verfügte sie anfänglich weder über finanzielle noch militärische Ressourcen und genoss auch noch nicht das Vertrauen der breiten Masse der Bevölkerung. Anfang Dezember 1918 marschierte die Rote Armee in das Territorium Lettlands ein. In dem von ihr besetzten Teil des Landes wurde im Januar 1919 die Lettische Sozialistische Räterepublik gegründet, an deren Spitze Pēteris Stučka stand. Diese Republik existierte bis zum Januar 1920, als die letzten Einheiten der Roten Armee aus Lettgallen vertrieben wurden, was zum großen Teil der militärischen Hilfe Polens zu verdanken war. Anfänglich sympathisierte ein großer Teil der lettischen Bevölkerung mit den sozialistischen und kommunistischen Ideen und die Einheiten der Roten Armee stießen in Lettland auf keinen nennenswerten Widerstand. Doch angesichts des Terrors und der fehlerhaften Agrarpolitik der sozialistischen Regierung machte sich in der lettischen Bevölkerung bald große Enttäuschung breit.

Anfang Januar 1919 flüchtete die lettische provisorische Regierung von Riga nach Libau (Liepāja). Sie verfügte über keine reale Macht. Die einzigen Kräfte, die der Roten Armee auf dem Territorium Lettlands militärischen Widerstand leisteten, waren die Baltische Landeswehr, ein deutschbaltischer militärischer Verband, der vom November 1918 bis März 1920 existierte, und die deutschen Truppen. Anfänglich waren der Landeswehr formell auch die ersten Einheiten der lettischen nationalen Truppen unterstellt. Nach der Schlacht bei Wenden (Cēsis) vom 19. bis 22. Juni wurde die Landeswehr, deren Kommando der britische Oberst Harold Alexander übernahm, wiederum dem lettischen Oberkommando unterstellt. Während des Angriffs von Bermondt-Awaloff auf Riga befand sich die Landeswehr an der Ostfront in Lettgallen. Im März 1920 wurde die Baltische Landeswehr in die Kurländische Division der lettischen Armee eingegliedert. Zur Baltischen Landeswehr gehörte auch die erste Einheit der nationalen Armee Lettlands, das lettische Bataillon, das im Dezember 1918 gebildet wurde, 220 Mann umfasste, von Oberst Oskars Kalpaks[3] angeführt wurde und sich am 3. Januar 1919 zusammen mit anderen Einheiten der Landeswehr von Riga nach Libau zurückgezogen hatte. Die deutsche Regierung empfand die Festigung des kommunistischen Regimes in der Nähe der ostpreußischen Grenze als eine akute Sicherheitsgefahr. Infolge dessen wurden zusätzliche deutsche Einheiten nach Kurland verlegt. Zum Oberbefehlshaber über sämtliche deutsche Truppen wurde Generalmajor Graf Rüdiger von der Golz ernannt.

Anfang März 1919 begannen die deutschen Truppen, zu denen auch das lettische Bataillon gehörte, den Gegenschlag gegen die Rote Armee. Am 18. März wurde Mitau (Jelgava) befreit, und am 22. Mai befreite die Landeswehr Riga. Danach verstärkten sich die Interessengegensätze zwischen den Letten und den Deutschen. Die militärische Führung der deutschen Truppen ließ ihre Einheiten immer weiter ins Innere Livlands vorrücken und versuchte so, den Einmarsch der estnischen Truppen nach Lettland zu verzögern, die ebenfalls gegen die Rote Armee kämpften. Ende Juni 1919 kam es bei Wenden zu einer Schlacht zwischen der der Regierung Andrievs Niedras[4] unterstellten Baltischen Landeswehr und der Eisernen Division[5] auf der einen und den nationalen Truppen Estlands und der der lettischen provisorischen Regierung treuen Brigade Nordlettlands[6] auf der anderen Seite. Der Konflikt wurde mit dem am 3. Juli 1919 in Strasdenhof (Strazdumuiža) unterzeichneten Waffenstillstand[7] beendet. Die Eiserne Division, die deutsche Legion und andere deutsche Einheiten blieben jedoch in Mitau und griffen Anfang Oktober 1919 unter Oberst Pawel Bermondt-Awaloff[8] Riga an. Mit Unterstützung der Kriegsflotte der Alliierten wurde dieser Angriff gestoppt und abgewehrt. Bis Ende 1919 hatten die Truppen Bermondts das Territorium Lettlands verlassen. Die Baltische Landeswehr war an diesen Kämpfen nicht beteiligt und wahrte ihre Neutralität an der Ostfront in Lettgallen. Am 1. Januar 1920 begann die letzte Etappe des lettischen Unabhängigkeitskriegs, infolge dessen der östliche Teil Lettlands, Lettgallen, von der Roten Armee befreit wurde. Am 11. August 1920 wurde der Unabhängigkeitskrieg mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit Sowjetrussland beendet.

Die Geschichte Lettlands in der Zwischenkriegszeit wird von den Historikern in zwei Abschnitte gegliedert. Den ersten Abschnitt bildet die Zeit der parlamentarischen Demokratie (1920-1934) und den zweiten die autoritäre Alleinherrschaft Kārlis Ulmanis (1934-1940). Zwischen 1920 und 1922 übte die Verfassungsgebende Versammlung, das erste vom Volk gewählte Parlament, die Legislative in Lettland aus. Dieses Parlament verabschiedete die Verfassung Lettlands. Darin wurden Lettland zur freien und unabhängigen Republik und das lettische Parlament zum höchsten Gesetzgebungsorgan des Staates deklariert. Am 15. Februar 1922 wurde der erste Teil der Verfassung verabschiedet. Der zweite Teil der lettischen Verfassung, der die Beziehungen zwischen dem Staat und seinen Bürgern regeln und die Bürgerrechte stärken sollte, wurde nicht verabschiedet. Im Oktober desselben Jahres fanden die ersten Wahlen des lettischen Parlaments (Saeima) statt.

Das demokratische politische System Lettlands war instabil. Das Wahlgesetz war zu radikal und bereitete den Weg für viele Kleinparteien. Einhundert wahlberechtigte Personen konnten eine Liste für die Parlamentswahlen aufstellen. 1922 waren für die Wahlen zur lettischen Saeima 88, im Jahr 1925 schon 141 und im Jahr 1928 - 120 Wahllisten zugelassen. Die größten Parteien Lettlands in der Zwischenkriegszeit waren die Lettische Sozialdemokratische Arbeiterpartei und der Lettische Bauernbund. Die lettische Demokratie wurde insbesondere durch die Streitigkeiten unter den Parteien gestört. Zwischen dem 1. Mai 1920 und 1934 wechselten die Regierungen in Lettland vierzehnmal. In dieser Zeit kam es jedoch in anderen osteuropäischen Staaten oder sogar in Frankreich ebenfalls oft zu Regierungswechseln. Da die Demokratie das Funktionieren des Staates nicht ernsthaft behindert hatte, gab es für den von Kārlis Ulmanis am 15. Mai 1934 durchgeführten Staatsstreich keine Rechtfertigung.

Etwa ein Viertel der Bevölkerung Lettlands bestand aus ethnischen Minoritäten - Russen, Juden, Deutsche, Polen u.a. Am schwierigsten gestaltete sich das Verhältnis des lettischen Staates zur deutschbaltischen Minderheit. Die lettische Gesetzgebung sah eine umfassende Kulturautonomie der Minoritäten vor. Lettland und Estland waren die einzigen Staaten Europas, in denen der Staat die Schulen der nationalen Minderheiten und damit den Unterricht in deren Muttersprachen finanzierte. Die Schulautonomie der nationalen Minderheiten wurde in den am 8. Dezember 1919 vom Lettischen Volksrat verabschiedeten Gesetzen "Über die Bildungsanstalten Lettlands" und "Über das Schulwesen der Minderheiten in Lettland" festgelegt. Trotzdem blieben die zwischenethnischen Beziehungen in Lettland angespannt. Ein wichtiger Grund dafür war die Agrarreform, die die lettische Regierung seit 1920 durchführte. Im Rahmen dieser Reform übernahm der Staat die deutschen Adelsgüter ohne Entschädigung, wobei jeder Landbesitzer nur ein Restgut von etwa 50 ha behalten durfte. Diese Reform wird, mit Ausnahme der sowjetischen, als die radikalste von allen osteuropäischen Agrarreformen bewertet. Die Beziehungen zwischen den Letten und den Angehörigen der nationalen Minderheiten verschlechterten sich auch infolge der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre. Angesichts der Talfahrt der Wirtschaft verlangten die lettischen radikal nationalistischen Kreise die Einschränkung der Rechte der nationalen Minderheiten.

Ähnlich wie in anderen europäischen Staaten nahmen auch in Lettland infolge der Weltwirtschaftskrise am Anfang der 1930er Jahre die Forderungen nach einer starken Staatsführung zu. Der in eine wirtschaftliche Notlage geratene Teil der Bevölkerung sehnte sich nach einer starken Hand, die die dringenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme schnell lösen könnte. Der lettische Historiker Aivars Stranga schreibt: "Ein wichtiger Grund für die Schwäche der Demokratie und den Staatsstreich vom 15. Mai war, daß die politische Elite Lettlands nicht reif für die Demokratie war und daß mehrere führende Politiker persönliche Ambitionen hegten"[9]. Der Staatsstreich verletzte eindeutig das lettische Grundgesetz. Das Versprechen, eine neue Verfassung auszuarbeiten, wurde nicht erfüllt. Es gab keine Institution, die die Alleinherrschaft Kārlis Ulmanis eingeschränkt hätte. Die Regierungsform, die sich in Lettland nach dem Putsch von Kārlis Ulmanis etablierte, wird als die antidemokratischste in Ostmitteleuropa angesehen (natürlich mit Ausnahme NS-Deutschlands und der UdSSR). Doch das Regime war verhältnismäßig sanft und übte keine Massenrepressionen aus. Während der Periode der autoritären Herrschaft von Kārlis Ulmanis griff der Staat verstärkt in die Wirtschaftspolitik ein. Die Tätigkeit der privaten Unternehmer wurde eingeschränkt und protektionistische Maßnahmen ergriffen. Der Staat begann private Unternehmen, insbesondere die, deren Inhaber keine ethnischen Letten waren, aufzukaufen. Das relativ hohe Lebensniveau und die politische Stabilität, für die die autoritäre Staatsregierung sorgte, haben dazu geführt, daß im Bewußtsein breiter Bevölkerungsschichten die Vorstellung von den "glücklichen Ulmanis Zeiten" bis heute weiterlebt. Doch wurde die Entwicklung des unabhängigen Staates durch die Okupatipon im Jahr 1940 unterbrochen.

In der Zwischenkriegszeit löste die Agrarreform, die zwischen 1920 und 1937 stattfand, wesentliche sozialökonomische Veränderungen auf dem Lande aus. Ihre Ergebnisse sind widersprüchlich. In politischer und sozialer Hinsicht war die Agrarreform erfolgreich: Die Zahl der Landlosen verringerte sich von 61% im Jahr 1920 auf 18% im Jahr 1937. Der adlige Großgrundbesitz wurde abgeschafft. Die deutschen Adligen durften nur die Zentren ihrer Gutshöfe behalten, was insgesamt nur 1,7 Prozent ihres ursprünglichen Gutsbesitzes ausmachte. Doch gleichzeitig führte die Agrarreform zur Zerstückelung des Landes. Es entstanden etwa 100.000 Neusiedlerhöfe, die mehrheitlich recht klein und daher wirtschaftlich verhältnismäßig ineffizient waren. Trotzdem erholte sich die Landwirtschaft Lettlands nach dem Ersten Weltkrieg ziemlich rasch. 1929 übertraf der Agrarsektor des Landes das Vorkriegsniveau sowohl hinsichtlich der Erträge als auch hinsichtlich der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Laut G. von Rauch, wuchs der Rinderbestand in Lettland von 912.000 im Jahr 1913 auf 1.278.000 im Jahr 1939 an und der Butterertrag pro Kuh erhöhte sich in diesem Zeitraum von 108 kg auf 130 kg jährlich (vgl. Georg von Rauch: Geschichte der baltischen Staaten, Stuttgart 1970, S. 83).

Die im Laufe des Ersten Weltkriegs erfolgte Evakuierung zahlreicher auf dem Territorium Lettlands befindlicher Industrieanlagen nach Russland sowie der Verlust des russischen Absatzmarkts, der eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der Großindustrie in Lettland gewesen war, führten nach dem Krieg zu wesentlichen Änderungen in der lettischen Wirtschaftsstruktur. Obwohl die Industrie Lettlands im Ersten Weltkrieg deutlich stärker als die der beiden Nachbarstaaten Estland und Litauen beschädigt wurde, konnte sich Lettland in der Zwischenkriegszeit als das industriell am besten entwickelte Land im Baltikum behaupten. Ungeachtet dessen war es ein Agrarstaat. So lebten im Jahr 1935 62% der lettischen Bevölkerung auf dem Land, die Landwirtschaft machte damals 35% des Nationaleinkommens aus. Der Prozess der Industrialisierung beschleunigte sich erst in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre. Am schnellsten entwickelten sich die Produktionszweige, die lokale Rohstoffe verwendeten. Die wichtigsten Exportgüter Lettlands waren die Produkte der holzverarbeitenden Industrie sowie das Rohholz. Die größte Zahl der Beschäftigten wies die metallverarbeitende Industrie auf, gefolgt von der holzverarbeitenden und der Lebensmittelindustrie. Der größte Industriebetrieb Lettlands war die Staatliche Elektrotechnische Fabrik (VEF), die in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die kleinste Bildkamera der Welt "Minox" produzierte. Für die Industrialisierung Lettlands war der am Ende der 1930er Jahre erfolgte Bau des Wasserkraftwerks "Ķegums" (Keggum) von großer Bedeutung. Im Jahr 1940 stellte es 40% des in Lettland produzierten Stroms her und bildete somit die energetische Grundlage für die Industrialisierung des Staates.

Der wichtigste Exportpartner Lettlands war Großbritannien und der wichtigste Importpartner Deutschland. Um die Großindustrie der Vorkriegszeit zu erneuern und den russischen Markt für die lettischen Produkte wiederzugewinnen, schloss die Regierungskoalition der sogenannten linken Kräfte im Juni 1927 ein Handelsabkommen mit der UdSSR ab. Diese war eine der wenigen Koalitionsregierungen der Zwischenkriegszeit mit Beteiligung der Lettischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Der Außenminister Feliks Cielēns (1926-1928)[10], einer der herausragenden Führer der Lettischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, hoffte, daß nach dem Abschluß dieses Handelsabkommens die Zahl der sowjetischen Aufträge für die lettische Industrie, wie z.B. Wagonbau, Fahrrad- und Schuhindustrie, stark zunehmen würde. Die Lettischen Sozialdemokraten waren außerdem der Meinung, dass diese Aufträge nicht nur die wirtschaftliche Lage Lettlands verbesserten, sondern auch die Zahl der lettischen Arbeiter deutlich erhöhten und somit die Basis der sozialdemokratischen Wähler in Lettland erweitern würden. Zwischen 1927 und 1929 erhöhte sich der sowjetische Anteil am lettischen Gesamtexport von 2 auf 15 Prozent. Doch seit Beginn der 1930er Jahre erfüllte die Sowjetunion ihre im Handelsabkommen vorgesehenen Auftragsleistungen nicht mehr, da sie aus politischen Gründen nicht am Handel mit Lettland interessiert war. Im Jahr 1933 ging nur noch ein Prozent des lettischen Exports in die Sowjetunion.

Nach dem Abschluss des Friedensvertrags mit Sowjetrussland am 11. August 1920 wurde Lettland von anderen Großmächten de jure anerkannt. Am 26. Januar 1921 sprach der Oberste Rat der Alliierten Lettland und Estland die De-jure-Anerkennung aus. Lettland wurde zu einem vollberechtigten Subjekt des Völkerrechts. Ein Ziel der lettischen Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit war, eine engere Anbindung an Deutschland oder die UdSSR zu vermeiden. Lettland war am Bestand des vom Versailler System geschaffenen Status quo in Europa interessiert. Die lettische Sicherheitspolitik war auf die Mitwirkung im Völkerbund, die Zusammenarbeit mit anderen baltischen Staaten sowie die ständige Suche nach zusätzlichen Sicherheitsgarantien ausgerichtet. Da der kleine Staat kaum Möglichkeiten hatte, seine militärische Stärke auszubauen, hing die Sicherheit Lettlands in erster Linie von internationaler Stabilität und internationalen Garantien ab.

Zuerst versuchte Lettland, seine Sicherheit mit Hilfe der Baltischen Entente zu stärken. Doch die damit verbundenen Erwartungen erfüllten sich nicht. Am 1. November 1923 konnten sich nur Lettland und Estland auf den Abschluss eines Verteidigungsvertrags mit gegenseitiger Hilfeleistung einigen. Am 12. September 1934 unterzeichneten schließlich alle drei baltischen Staaten einen Konsultativ-Vertrag, auf dessen Grundlage die sogenannte Baltische Entente entstand. Doch auch dies war kein echtes Militärbündnis. Die Zusammenarbeit zwischen den baltischen Staaten wurde durch die Meinungsverschiedenheiten zwischen deren führenden Politikern und Militärs und wegen der unterschiedlichen Bedrohungsszenarien in den drei Entente-Staaten behindert.

Die Beziehungen Lettlands zu Deutschland wurden anfänglich durch den illusorischen Wunsch der lettischen Regierung belastet, Reparationen für Schäden zu bekommen, die während des Ersten Weltkriegs und des Unabhängigkeitskriegs in Lettland angerichtet worden waren. Deutschland verlangte seinerseits, Lettland möge die im Zuge der Agrarreform enteigneten Adelsgüter der deutschen Staatsbürger, der sogenannten Reichsdeutschen, entschädigen. Diese Spannungen wurden 1926 mit dem Abschluss des Vertrags zur Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Lettland beigelegt, in dem beide Seiten auf die gegenseitigen Forderungen verzichteten. Die deutsch-lettischen Beziehungen verschlechterten sich nach dem Machtantritt Adolf Hitlers. Da Deutschland in den 1930er Jahren immer stärker seine Großmachtpolitik verfolgte, wurde es in Lettland zunehmend als die größte Bedrohung für seine staatliche Existenz angesehen. Bis dahin hatte man in Lettland vor allem die Sowjetunion als den potentiellen Aggressor betrachtet.

Am Ende der 1930er Jahre begann sich auch die Außenpolitik Lettlands sich zu ändern. Da sich der Völkerbund in einer Krise befand, entdeckten viele kleine Staaten Europas die Neutralität als ein sicherheitspolitisches Instrument und lockerten dazu ihre vertraglichen Bindungen an Völkerbund. Im September 1938 erklärte auch der lettische Außenminister Vilhelms Munters, dass der Artikel 16 der Völkerbundsatzung, welcher die Bundesmitglieder verpflichtete, sich an Maßnahmen des Völkerbundes gegen Aggressoren zu beteiligen  für Lettland nicht mehr bindend sei. Die Historiker Lettlands sind sich ziemlich einig darüber, dass dies eine falsche Entscheidung des lettischen Außenministers war. Es wird aber gleichzeitig auch darauf hingewiesen, dass Lettland keine andere Möglichkeit gehabt habe, seine Unabhängigkeit zu erhalten.

Das Ende der Unabhängigkeit der baltischen Staaten wurde durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 besiegelt. In diesem Pakt wurden alle drei baltischen Staaten der sowjetischen Einflusssphäre zugeschlagen. Der erste Schritt Moskaus auf dem Weg zur Okkupation Lettlands war der "Freundschaftsvertrag", den die Sowjetunion Lettland am 5. Oktober 1939 aufzwang. Dieser Beistandspakt sah die Einrichtung von militärischen Stützpunkten für die Rote Armee auf dem Territorium Lettlands vor. Auf diese Weise wurden Lettland und die anderen baltischen Staaten bis zu ihrer vollständigen Eingliederung in die UdSSR zum sowjetischen Protektorat. Im Juni 1940, als die Welt angesichts der französischen Niederlage gespannt nach Paris blickte, begann die Regierung der UdSSR mit der Okkupation der baltischen Staaten. Zuerst erhielt am 15. Juni 1940 Litauen ein Ultimatum, in dem die Zustimmung zum sofortigen Einmarsch sowjetischer Truppen gefordert wurde, am 16. Juni bekamen Lettland und Estland gleichlautende ultimative Noten. Alle drei Staaten sahen sich gezwungen, die sowjetischen Ultimaten anzunehmen. Die Rote Armee marschierte in Estland, Lettland und Litauen ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte die Mehrheit der Staaten der Welt die Okkupation der baltischen Staaten nicht an. Die Deklaration des amerikanischen Unterstaatssekretärs Sumner Welles vom 23. Juli 1940 war das erste außenpolitische Dokument, das die Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjetunion verurteilte.

Die Art, wie die baltischen Staaten besetzt wurden, sowie die Zusammenarbeit der politischen Elite dieser Staaten mit den Behörden der sowjetischen Besatzungsmacht im Jahr 1940 haben bis heute tiefe Spuren im Bewusstsein breiter Gesellschaftsschichten hinterlassen. Die überwiegende Mehrheit der Historiker Lettlands ist der Meinung, dass 1940 ein bewaffneter Wiederstand nicht möglich gewesen wäre.

Die einzige Möglichkeit, die damals (vielleicht) nicht genutzt wurde, war das Einlegen eines diplomatischen Protests bzw. das Einreichen einer Protestnote an die sowjetische Regierung.

Die Textquellen

Diese Dokumentensammlung enthält Quellen zur Staatsgründung, zur Lage der nationalen Minderheiten, zur Außenpolitik und zur Besatzungszeit der Republik Lettland in der Zwischenkriegszeit. Es wurden sowohl die für die Geschichte des lettischen Staates entscheidenden Dokumente ausgewählt, wie z.B. der Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und Lettland vom 11. August 1920, als auch andere Quellen, die nur einen sehr engen Aspekt der lettischen Geschichte beleuchten.

Die Dokumentensammlung enthält neben einzelnen Quellen auch Dokumente zu besonderen Themenschwerpunkten. So schließt z. B. der Themenschwerpunkt zur Geschichte der nationalen Minoritäten unter anderem die Diskussion zwischen dem lettischen Bildungsminister Atis Ķeniņš und dem deutschbaltischen Publizisten Paul Schiemann von Anfang 1932 ein. Die Sammlung umfasst sowohl gut bekannte und veröffentlichte Dokumente, als auch relativ unbekannte Quellen, wie z.B. das Gespräch, das der letzte Konsul der Schweiz in Riga, M. de Fischer, mit dem Vorsitzenden des Obersten Rats der LSSR Augusts Kirhenšteins am 23. August 1940 geführt hatte. Es ist eines der wenigen Dokumente, in denen ein hochrangiger Funktionär Sowjetlettlands offen die Motive seiner Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht dargelegt.

Die Materialien

Die Materialiensammlung enthält hauptsächlich statistische Quellen. Sie sind vor allem dem Jahrbuch für Statistik Lettlands entnommen, das das Amt für Statistik Lettlands jährlich herausgab. Es war jedoch nicht möglich, die Zuverlässigkeit dieser Statistiken, insbesondere derjenigen aus den 1930er Jahren, zu überprüfen. Aus diesem Grund enthält die Materialiensammlung auch unveröffentlichte Dokumente aus dem Historischen Staatsarchiv Lettlands, die zur persönlichen Kenntnisnahme des Ministerpräsidenten Kārlis Ulmanis bestimmt waren. Diese zeugen davon, dass das Lebensniveau in den 1930er Jahren nicht so hoch war, wie es in der offiziellen Statistik dargestellt wurde.

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Außenhandelsstatistik Lettlands. Anhand des lettischen Außenhandelsumsatzes wird verdeutlicht, welche Staaten die wichtigsten Export- und Importpartner Lettlands in der Zwischenkriegszeit waren.

Die Sammlung enthält auch Fotografien, Karten und die Wechselkurse der lettischen Nationalwährung Lats gegenüber den wichtigsten ausländischen Währungen.


[1] Jānis Čakste (1859 – 1927) – Lettischer Politiker, erster Vorsitzender des Lettischen Volksrates, erster Präsident Lettlands, im Jahre 1920 vom Parlament (Saeima) gewählt. 1925 wurde er das zweite Mal zum Präsidenten gewählt.

[2] Kārlis Ulmanis (1877 – 1942) – einer der Leiter des Lettischen Bauernbundes, erster Ministerpräsident Lettlands (19. November 1918 – 13. Juli 1919), außerdem Ministerpräsident vom 12. Juni 1920 bis 18. Juni 1921, vom 24. September 1925 bis 6. Mai 1926, vom 27. März bis 5. Dezember 1931 und vom 17. März bis 15. Mai 1934. Zeitweise war er auch Minister für Landwirtschaft, Verteidigung und leitete das Außenministerium. Am 15. Mai 1934 führte er einen Staatsreich durch und ermächtigte sich rechtswidrig des Amtes des Ministerpräsidenten, 1936 übernahm er auch das des Staatspräsidenten. Seit 17. Juni 1940 war er gezwungen die Etablierung des Besatzungsregimes der Sowjetmacht akzeptieren. Am 29.  Juli 1940 aus Lettland in die Sowjetunion deportiert, starb er dort wahrscheinlich am September 1942. 

[3] Oskars Kalpaks (1882 - 1919) – Während des Ersten Weltkrieges Oberst der nationalen Lettischen Einheiten der Russischen Armee. Am 31. Dezember wurde er von der provisorischen Regierung Lettlands als Befehlshaber der Lettischen nationalen Einheiten der Landeswehr ernannt. Am 6. März 1919 zufällig von deutschen Verbündeten getötet.

[4] Andrievs Niedra (1871–1942) – Lettischer Pastor, Politiker und Schriftsteller. Von 10. Mai bis 24. Juni 1919 leitete er eine den deutschen militärischen Gruppierungen wohlgesinnte lettische Regierung, die in Opposition zu der von Kārlis Ulmanis geleiteten und von den westlichen Alliierten unterstützten lettischen provisorischen Regierung stand. Nach der Schlacht von Wenden stürzte die Regierung Niedra und nach der militärischen Niederlage von Bermondt-Awaloff floh Andrievs Niedra aus Lettland.

[5] Die Eiserne Division - Ein militärischer Verband deutscher Söldner, der aus den Soldaten der deutschen 8. Armee und Freiwilligen entstand. Die Alliierten waren der Ansicht, dass dieser Verband gegen das bolschewistische Russland kämpfen sollte. Deshalb wurde die Eiserne Division am 21. September 1919 in die sogenannte Westrussische Armee eingegliedert. Diese startete jedoch Anfang Oktober unter der Führung Bermondts einen Angriff auf Riga.

[6] Die Brigade Nordlettlands - Eine Einheit der lettischen nationalen Armee, die Anfang 1919 in Estland aufgestellt wurde. Bis Juli 1919 unterstand diese Einheit der Führung der estnischen Armee und war zusammen mit den estnischen Truppen an der Befreiung Livlands von der Roten Armee beteiligt. Im Juni 1919 nahm die nordlettische Brigade an den Kämpfen gegen die Baltische Landeswehr bei Wenden teil. Auf Basis dieser Brigade wurde im August 1919 die 2. Livländische Infanteriedivision gebildet.

[7] Waffenstillstand bei Strasdenhof (auch Frieden von Strasdenhof) – Ein am 3. Juli 1919 geschlossener Friedensvertrag zwischen der Eisernen Division und der Baltischen Landeswehr auf der einen und den estnischen Truppen, die die provisorische Regierung von Kārlis Ulmanis unterstützten, auf der anderen Seite. Gemäß den Bedingungen dieses Vertrags räumten die deutschen Truppen Riga und zogen sich nach Mitau zurück. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags kehrte am 8. Juli die Ulmanis Regierung nach Riga zurück.

[8] Pawel Bermondt-Awaloff (1877–1974) - Der Befehlshaber der deutsch geführten etwa 50.000 Mann starken sogenannten Nordwestrussischen Armee, die aus deutschen Freikorps und antibolschewistisch gesinnten russischen Freiwilligen-Einheiten bestand. Die Armee wurde in Semgallen formiert und sollte sich ursprünglich den antibolschewistischen Kräften in Rußland anschließen. Dagegen entschloß sich Bermondt, zuerst Riga anzugreifen, wo er von Oktober bis Dezember 1919 schwere Kämpfe mit der lettischen Armee führte, infolge derer Bermondts Truppen geschlagen wurden.

[9] Latvijas vēsture. 20. gadsimts [Die Geschichte Lettlands. Das 20. Jahrhundert], Riga 2005, S. 150.

[10] Feliks Cielens (1888 – 1964) – Einer der führenden sozialdemokratischen Politiker Lettlands. Von 1923 bis 1926 war er Außenminister Lettlands, dann Lettlands Gesandter in Frankreich. Nach dem autoritären Umsturz vom 15. Mai 1934 wurde ihm die Rückkehr nach Lettland verweigert. Im Zuge der Besetzung Lettlands im Jahre 1940 kehrte Cielens zurück, floh aber vier Jahre später nach Schweden.

(Übersetzung: Kristine Wohlfart)