Polen in der Piasten- und Anjouzeit - Über das Modul

Bearbeiter: Dr. Paul Srodecki (Gießen/Ostrava)

Erstveröffentlichung: Dezember 2015

Polens Geschichte kann bis ins Frühmittelalter zurückverfolgt werden. Bereits an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert begannen sich zwei westslawische Stämme auf dem Gebiet des heutigen Polens als regionale, auf gentilen Personenverbänden beruhende Machtzentren zu etablieren: das Land der Wislanen mit dem Zentrum Krakau und das Land der Polanen mit den Hauptorten Gnesen und Posen. Die eigentliche, „geschriebene“ Geschichte Polens (oder besser: der slawischen Stämme an der mittleren Warthe bzw. in dem Gebiet, das heute als Großpolnische Seenplatte bezeichnet wird) beginnt mit dem ersten historisch fassbaren Herrscher in diesem Raum, Mieszko I. Der Gesandte des Kalifen von Córdoba, Ibrahim ibn Yaqub, erwähnte um 963 in seinem Reisebericht zum ersten Mal das Herrschaftsgebiet Mieszkos I. Nur wenig später berichtete auch Widukind von Corvey in seiner „Sachsengeschichte“ von Misacam regem, cuius potestatis erant Sclavi qui dicuntur Licicaviki.  Mit seinem Übertritt zum Christentum lateinischer Ausprägung im Jahre 966 stellte Mieszko die politischen wie kulturellen Weichen für die von ihm kontrollierten Gebiete. Sein Sohn, Bolesław der Tapfere, führte die von Mieszko eingeschlagene Linie sowohl innen- wie auch außenpolitisch fort: Die Christianisierung des Landes wurde eifrig vorangetrieben, das Herrschaftsgebiet von dem polanischen Siedlungskern in der Großpolnischen Seenplatte in alle Himmelsrichtungen ausgedehnt. Zugleich lehnte sich Bolesław immer mehr an die weiter entwickelten Zentren im Westen Europas an: Einer unter Otto III. dem ottonischen Kaiserreich wohl gesonnenen Politik folgte – vor allem wegen des Gegensatzes zu Heinrich II., dem Nachfolger Ottos III. auf dem römisch-deutschen Thron – eine stärkere Anlehnung an Rom, die 1025 in der Krönung Bolesławs zum ersten polnischen König gipfelte.

Bis 1138 bestand eine patrimoniale Herrschaft der Piastendynastie über Polen. Zwar wurde bis dahin das Herrschaftsgebiet nach dem Ableben eines Herrschers mehrmals unter seine Söhne aufgeteilt, es konnte sich jedoch stets einer der Piastensprösslinge als Alleinherrscher durchsetzen und die Macht gegen die anderen Potentaten aus der eigenen Familie behaupten. Das Jahr 1138 stellt hingegen eine tiefe Zäsur in der frühpolnischen Geschichte dar. Kurz vor seinem Tod veranlasste Bolesław III. Schiefmund eine Sukzessionsregelung, die sich für die nächsten eineinhalb Jahrhunderte als konstitutiv erweisen sollte: Polen wurde in mehrere Herzogtümer aufgeteilt und den jeweiligen Söhnen Bolesławs zugesprochen. Über alle Teilherzogtümer sollte der Senior mit seinem Sitz in Krakau formal die Oberherrschaft bewahren. So hoffte Bolesław III. Schiefmund die blutigen, ihm selbst durch seine Auseinandersetzung mit seinem Bruder Zbigniew bekannten Sukzessionskämpfe zwischen den Piasten zu umgehen und Stabilität in das piastische Dominium zu bringen. Die Folge der Sukzessionsregelung war jedoch eine allmähliche Zersplitterung des Piastenreichs in kleine und kleinste (hier vor allem in Schlesien) Fürstentümer und die Schwächung der Zentralmacht. Abgesehen von den glücklosen Bestrebungen der „schlesischen Heinriche“ (Heinrichs I. des Alten und Heinrichs II. des Frommen) in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nahmen die Versuche einer Wiedervereinigung der polnischen Teilgebiete unter einem Herrscher erst im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert konkrete Formen an. Der großpolnische Herzog Przemysł II. leistete hier mit seiner Krönung zum polnischen König im Jahre 1295 zwar Pionierarbeit. Sein Königtum stand jedoch auf wackligen Füssen, konnte er sich doch mit Großpolen und Pommerellen nur in zwei Teilfürstentümern als König behaupten. Auch seine Nachfolger, die Přemysliden Wenzel II. (König von Polen 1300-1305) und Wenzel III. (König von Polen 1305-1306), beherrschten nur Teile des Landes und sahen sich einer starken Opposition in der Person des kujawischen Piastenherzogs Władysław IV. Ellenlang entgegenstehen. Letzterem war es nach dem Tod Wenzels III. vorbehalten, Polen endgültig wiederzuvereinigen. Als Władysław I. ließ er sich 1320 zum polnischen König krönen und beendete somit die knapp zweihundertjährige Zersplitterung des Landes. Der Preis für die Restitution des Königreichs Polen war jedoch hoch: Zugunsten der Anerkennung der polnischen Königswürde durch die Luxemburger, die Nachfolger der Přemysliden in Böhmen, verzichtete Władysławs Sohn Kasimir auf die piastischen Ansprüche auf Schlesien (Vertrag von Trentschin 1335). Zudem sah sich das Königreich Polen unter den letzten zwei Piasten von mehreren mächtigen Nachbarn umgeben. Neben dem luxemburgischen Böhmen im Süden waren dies vor allem die ihren Machtbereich kontinuierlich nach Osten ausdehnende Markgrafschaft Brandenburg im Westen, der blendend organisierte Deutschordensstaat im Norden und das rasant expandierende Großfürstentum Litauen als letzte heidnische Herrschaft Europas im Nordosten.

Insbesondere der Deutsche Orden, der im 13. Jahrhundert noch von einem Piasten, nämlich Konrad I. von Masowien, zum Heidenkampf an die untere Weichsel gerufen worden war, entwickelte sich zunehmend zu einer ernsthaften Bedrohung. Bereits kurz nach der Ankunft des Deutschen Ordens an der unteren Weichsel im Jahre 1226 kam es zu ersten Spannungen zwischen den Deutschrittern und den polnischen Piasten, vornehmlich um die noch zu erobernden baltischen Gebiete. Die ungeklärte Frage der Suprematie über das von beiden Parteien beanspruchte Land der Heiden fand ihren ersten Höhenpunkt in der Auseinandersetzung Kasimirs I. von Kujawien, des Sohnes Konrads von Masowien, mit dem Deutschen Orden. Das restituierte Königreich Polen sah sich sodann ab dem frühen 14. Jahrhundert in unmittelbarer Konkurrenz um die Gebiete an der unteren Weichsel einem bestens organisierten Staatsgebilde gegenüber stehen. Der Deutschordensstaat konnte nicht nur seine organisatorischen Erfahrungen aus der Levante und den technologischen Vorsprung aus dem Westen beim Auf- und Ausbau der Infrastruktur und des Handelsnetzes ausnutzen. Zugleich hatte er durch den vom Papsttum legitimierten Heidenkrieg einen nicht unwesentlichen militärischen Vorteil gegenüber Polen, konnten doch die Ordensritter von Anfang an auf die Unterstützung des westeuropäischen und vor allem des deutschen Rittertums zählen, das in den sich großer Popularität erfreuenden „Preußenfahrten“ den Ersatz für die Kreuzzüge ins Heilige Land sah. In dieser anfangs ungleichen Rivalität zwischen Polen und dem Deutschordensstaat konnte letzterer in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts üppige Landgewinne für sich verzeichnen: Neben dem Verlust des Kulmer und des Michelauer Lands musste Polen vor allem auf das Herzogtum mit dem wirtschaftlich so bedeutenden Danzig verzichten und gab somit seinen Zugang zur Ostsee preis (vgl. den Frieden von Kalisch vom 8. Juli 1343).

In dieser schwierigen außenpolitischen Lage ergriffen die letzten beiden Piasten die Chance, ihren Einflussbereich nach Osten hin auszudehnen. Hier bot das nach dem Aussterben des galizisch-wolhynischen Zweiges der Rurikidendynastie entstandene Vakuum in der südwestlichen Rus neue Handlungsräume. Allem voran unter Kasimir dem Großen wurde der polnische Einflussbereich nach Osten vorgeschoben. Das an der Südostflanke gelegene Galizien-Wolhynien war von enormer Bedeutung für Polen, bildete es doch seit der Mitte des 13. Jahrhunderts die Pforte für die sich häufenden Tatareneinfälle. Die Kontrolle über das ruthenische Doppelfürstentum konnte den unliebsamen Gegner aus der Steppe vom polnischen Hinterland fernhalten und die Angriffe weiter im Osten, fernab des immer wieder von den Tataren heimgesuchten Südostpolens abwehren. In mehreren Feldzügen wurden so in den Jahren 1340 bis 1392 sukzessive Galizien, Wolhynien und Podolien dem Königreich Polen einverleibt. In die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts fällt auch die Ausdehnung der Einflusssphäre auf das Fürstentum Moldau zur Sicherung der für Polen nun so bedeutenden, von Krakau über Lemberg zum Schwarzen Meer verlaufenden Handelsrouten.

Bereits Anfang der 1350er Jahre begann Kasimir der Große mit der administrativen, wirtschaftlichen und kulturellen Anbindung der neugewonnenen Länder, doch erst der Frieden mit Litauen 1366 ermöglichte eine intensivere und dauerhafte Integration der eroberten ruthenischen Gebiete. Die Verleihung des Magdeburger Stadtrechts 1356 und die Neuansiedlung deutscher, polnischer und schlesischer Kaufleute erhöhte in den Folgejahren Lembergs wirtschaftliche Stellung und machte die Stadt zu einem wichtigen Handelszentrum, nicht zuletzt auch wegen seiner Bedeutung für die zum Schwarzen Meer führenden Handelsrouten. Neben der administrativen und wirtschaftlichen war Kasimir auch um eine konfessionelle Integration Wolhyniens und Podoliens bemüht. Die Gründung lateinischer Kirchengemeinden und die Missionstätigkeiten monastischer Orden wie der Dominikaner oder Franziskaner sollten das Land katholisieren.

Durch die Ausweitung des Herrschaftsbereichs auf Galizien-Wolhynien leiteten die letzten beiden Piasten auf dem polnischen Thron einen fundamentalen Wandel in den polnischen Interessengebieten ein, welcher zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht abzusehen war: Neben der traditionellen nord- und westwärts gerichteten Orientierung auf das Weichsel-Oder-Becken gewann mit der Ausdehnung des polnischen Herrschaftsbereichs auf ruthenische Gebiete das süd- und ostwärts gerichtete Dnjestr-Becken mit seinen prosperierenden Schwarzmeerhandelsrouten immens an Bedeutung.

Ins 13. und 14. Jahrhundert fallen zudem einige wichtige, weitreichende Ereignisse, die auf die weitere Geschichte Polens großen Einfluss nehmen sollten. Neben der Etablierung des Deutschordensstaates im Preußenland markiert insbesondere der Mongoleneinfall von 1241 ein einschneidendes Ereignis für den weiteren Verlauf der polnischen Geschichte. Die Niederlage und der Tod des Piastenherzogs Heinrichs II. von Schlesien bei Liegnitz 1241 und die anschließenden Verwüstungen Polens durch die Mongolen fanden ein breites Echo im restlichen christlichen Abendland. Dem Mongoleneinfall von 1241 folgten noch zwei weitere in den Jahren 1259/1269 und 1287/1288. Sie untermauerten die Auffassung, Polen befinde sich im ständigen Kampf gegen diverse dem Christentum feindlich gesinnte Völker, und bildeten somit das Fundament für das im späteren Mittelalter und vor allem in der frühen Neuzeit so populäre Bild Polens als des Bollwerks der Christenheit. Die Festsetzung der Mongolen/Tataren in der südrussischen Steppe rund um die Halbinsel Krim und die spätere Etablierung des Krimkhanats im 15. Jahrhundert bildeten für das südöstliche Polen eine fast permanente Bedrohung bis weit ins 17. Jahrhundert hinein.

Darüber hinaus kam es im 13. Jahrhundert durch den Zuzug neuer Siedler aus dem Westen auch zu einem zivilisatorischen Wandel in Polen. Die im Zuge der mittelalterlichen Ostsiedlung vornehmlich aus dem römisch-deutschen Reich von den piastischen Herzögen nach Polen eingeladenen Siedler brachten neue Technologien mit, machten weite Teile des Landes urbar und waren für eine Welle neuer Städte- und Dorfgründungen verantwortlich. Zugleich erfuhren ältere slawische Siedlungen wie Posen, Krakau, Breslau oder Danzig durch Neugründungen nach dem Magdeburger oder dem Lübischen Recht einen wirtschaftlichen wie daraus resultierenden demographischen Aufschwung. Die mittelalterliche Ostsiedlung wurde ab dem 19. Jahrhundert immer wieder politisch instrumentalisiert. Während sie in deutschnationalen Kreisen als ein Beispiel für die vermeintliche Überlegenheit deutscher Kultur über die Slawen (bzw. Polen) galt, wurde sie in Polen als ein Beweis für den - von der polnischen Geschichtswissenschaft wie Publizistik nur zu oft mit zeitgenössischen Ereignissen vermengten - deutschen "Expansionismus" gedeutet.

Unter den letzten beiden Piasten auf dem polnischen Thron nahm auch der Einfluss des polnischen Adels auf die politischen Geschicke des Landes deutlich zu. Das Fehlen eines männlichen Nachkommens bei Kasimir dem Großen eröffnete der polnischen Szlachta die Möglichkeit, der Krone mehrere Privilegien abzuverlangen. Kasimir hatte noch zu Lebzeiten seinen Neffen, den ungarischen König Ludwig I. von Anjou, als Erben im Falle eines Ablebens ohne legitimen männlichen Nachfolger vorgeschlagen. Um seine Rechte abzusichern, erteilte Ludwig bereits 1355 im sogenannten Privileg von Buda dem polnischen Adel weitreichende Privilegien, u.a. das Königswahlrecht und die Befreiung der Szlachta von außerordentlichen Steuern. Im Gegenzug verpflichtete sich die polnische Szlachta Ludwigs Thronfolge in Polen im Falle eines erbenlosen Todes Kasimirs III. des Großen anzuerkennen. Als knapp zwanzig Jahre später der nun als polnischer König regierende Ludwig vor demselben Problem – nämlich dem Fehlen eines männlichen Nachkommens – stand, gewährte er dem polnischen Adel erneute Privilegien. Im Privileg von Kaschau (17. September 1374) wurde aufs Neue die Steuerlast für den Adel gesenkt und die Einsetzung von Ausländern in Verwaltungsämtern verboten. Als Gegenleistung erkannte der polnische Adel eine von Ludwigs Töchtern als Thronfolgerin im Königreich Polen an.

Der gewachsene Einfluss der polnischen Szlachta auf die Innen- wie Außenpolitik des Landes wurde sodann insbesondere bei der Unterzeichnung des Vertrages von Krewo mit dem litauischen Großfürsten Jogaila 1385 und dem Eingehen der Union mit Litauen ein Jahr später deutlich. Mit dem Einfädeln der Verbindung Hedwigs, der Tochter des ungarisch-polnischen Königs Ludwig von Anjou, mit Jogaila in Krewo bewies die tonangebende kleinpolnische Aristokratie rund um die Familien Tarnowski, Melsztyński und Kurozwęcki politische Weitsicht. Diese primär gegen den expandierenden Deutschordensstaat gerichtete Verbindung beider Länder war sekundär auch den neuen Interessen der polnischen Großen in den neugewonnen ruthenischen Gebieten geschuldet.

Zur Quellenauswahl

Die für das Modul ausgesuchten Quellen bieten ein breites Untersuchungsfeld aus der polnischen Politik-, Rechts-, Wirtschafts-, Sozial-, Religions- und nicht zuletzt Literaturgeschichte und sollen dem Leser einen guten Einstieg in die Geschichte des mittelalterlichen Polens geben. Ausgewählt wurden hierbei die zentralen und in ihrer geschichtlichen Wirkung konstitutiven historiographischen, diplomatischen und epistolarischen Quellen zur Piasten- und Anjouzeit in Polen. Die im Modul aufgeführten Chronologien, Karten, Zeichnungen, Bilder und Photographien dienen nicht nur als Ergänzung zu den Quellen, sondern sollen darüber hinaus auch den Einblick in das polnische Mittelalter vertiefen.

Für die Auswahlbibliographie wurden alle einschlägigen und relevanten Quelleneditionen, Handbücher, Monographien, Herausgeberschaften, Essays, Ausstellungskataloge und Kartenwerke berücksichtigt. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf westlichen bzw. im Westen leicht zugänglichen Publikationen, ohne jedoch die wichtigsten polnischsprachigen Werke zum Thema zu vernachlässigen.