Umbruch in Ungarn 1985-1990 - Über das Modul

Bearbeiter: Andreas Schmidt-Schweizer (Budapest)

Erstveröffentlichung: November 2014, erweitert 2017

Bei der in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre schrittweise erfolgenden politischen und ökonomischen Systemtransformation in Ungarn handelte es sich um einen äußerst komplexen und vielschichtigen Prozess, der sich auf alle Sphären des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens sowie auf die Außenbeziehungen und internationale Stellung des Landes auswirkte. Der Systemwechsel in Ungarn war untrennbarer Bestandteil eines weltgeschichtlichen Wandlungsprozesses, der in den Ländern des sogenannten Ostblocks zur – mehr oder weniger schnellen und konsequenten – Etablierung einer demokratisch-marktwirtschaftlichen Ordnung führte, tief in die Jahrzehnte alten sozialistischen Gesellschaftsstrukturen eingriff, das Ende der – bis dahin als unabänderlich angesehenen – bipolaren Welt von Jalta bewirkte und bedeutende Veränderungen auf der europäischen Landkarte hervorrief. In den einzelnen Staaten des „östlichen Lagers“ hatte der epochale Transformationsprozess allerdings ganz unterschiedliche, spezifische Vorgeschichten, die sich prägend auf den Charakter des Systemwechsels und seine konkreten Ergebnisse auswirkten. Dem Umbruch in Ungarn, der sich Mitte der 1980er Jahre ankündigte, waren rund drei Jahrzehnte der Herrschaft von Parteichef János Kádár vorausgegangen.

Der Kádárismus als Ausgangspunkt
Der sogenannte Kádárismus hatte sich, nachdem János Kádár im Zuge der blutigen Niederschlagung der ungarischen Massenerhebung vom Oktober/ November 1956 die Macht übernommen und anschließend einen mehrjährigen gnadenlosen Repressionskurs gegen die „Konterrevolutionäre“ vom Herbst 1956 verfolgt hatte, seit Mitte der 1960er Jahre im Zuge einer Reihe von Reformen herausgebildet. Kádárs „entschärfte“ Variante der kommunistischen Einparteienherrschaft war zwei Jahrzehnte lang einerseits durch die grundsätzliche Beibehaltung der „tragenden Säulen“ des Kommunismus, also der absoluten Führungsrolle der hierarchisch organisierten Partei, der Verschmelzung von Staat und Partei, der Existenz eines Repressions- bzw. Staatssicherheitsapparats sowie der Zentralverwaltungswirtschaft auf der Grundlage des „gesellschaftlichen“ Eigentums an den Produktionsmitteln gekennzeichnet. Andererseits war der Kádárismus aber auch durch eine – allerdings jederzeit wieder rückgängig zu machende – Entschärfung der Machtpraxis, die Gewährung „kleiner Freiheiten“ (z. B. Möglichkeit zu Westreisen), die „Berücksichtigung“ von einzelnen Marktaspekten im Wirtschaftsleben sowie durch die Sicherstellung eines für sozialistische Verhältnisse relativ hohen Lebensstandards für die Bevölkerungsmasse – der durch die Wirtschaftsreformen und später in zunehmendem Maße durch westliche Kredite möglich gemacht wurde – geprägt. Im Gegensatz zur vorangegangenen Ära des Stalinismus unter Mátyás Rákosi, dem „besten Schüler“ Stalins, verzichtete Kádár auf eine permanente, bis in die Privatsphäre reichende Politisierung bzw. Ideologisierung der gesamten Bevölkerung. Er eröffnete den Ungarn vielmehr die Möglichkeit, sich in ein weitgehend unbehelligtes Privatleben zurückzuziehen und begrenzten privatwirtschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen. Vor dem Hintergrund der revolutionären Massenerhebung des Jahres 1956 strebte das Regime mit dieser Politik – durchaus mit Erfolg – an, die breite Bevölkerungsmehrheit zur Akzeptanz oder zumindest zur Tolerierung der Parteiherrschaft zu bewegen.
Der ungarische Reformsozialismus erwies sich allerdings als ebenso lebensunfähig wie die anderen sozialistischen Systeme bzw. Regime des sowjetischen Herrschaftsbereichs. Auch in Ungarn setzte Ende der 1970er/ Anfang der 1980er Jahre ein allmählicher Verfall der Wirtschaftsleistung und des Lebensstandards ein, der Schuldenstand erhöhte sich rasant und es kam vermehrt zu devianten Erscheinungen in der Gesellschaft wie Alkoholismus und Selbstmord. Als die sowjetische Führung unter ihrem neuen Generalsekretär Mihail Gorbatschow den Staaten des Warschauer Pakts schließlich seit Mitte der 1980er Jahre einen neuen innen-, wirtschafts- und außenpolitischen Spielraum einräumte, wurde dieser in zwei Staaten, nämlich in Polen und Ungarn, von – allerdings sehr unterschiedlichen – gesellschaftlich-politischen Akteuren in besonderem Maße genutzt.
Die nun ihren Anfang nehmenden Entwicklungen, die zwar – im Gegensatz zum Herbst 1956 – evolutionär verliefen, letztlich aber zu Veränderungen mit revolutionären Ausmaßen führten, hatten in Ungarn eine besonders günstige Ausgangssituation: A) Die ungarische „Quasi-Marktwirtschaft“ mit ihrer stetig wachsenden Schicht von kleinen Privatunternehmern, breiten privatwirtschaftlichen Tätigkeiten vor allem in der Landwirtschaft und im Dienstleistungssektor sowie mit einer relativ entwickelten Wirtschaftsgesetzgebung schuf besonders günstige Voraussetzungen für den Übergang zu einer Marktwirtschaft. B) Die „entschärfte“ Herrschaftspraxis Kádárs führte zu einem „latenten Pluralismus“, der einerseits die Entstehung von kleinen Gruppen von „Andersdenkenden“ ermöglichte, andererseits innerhalb der herrschenden Partei die Bildung eines sogenannten Reformflügels zuließ. Aus diesen „Keimen“ gingen später maßgebliche Politiker der Liberalisierungs- und Demokratisierungsphase hervor. C) Die schrittweise Westöffnung der ungarischen Außen- und Außenwirtschaftspolitik seit den 1960er Jahren und insbesondere seit Mitte der 1980er Jahre ließ persönliche und institutionelle Beziehungsgefüge zu westlichen Demokratien und Marktwirtschaften entstehen und vermittelte der ungarischen Seite nähere Kenntnisse der westlichen Entwicklungen. Auf beides konnte später in der Transformationsphase aufgebaut werden. D) Die ungarische Rechtsordnung, die für eine kommunistische Herrschaft relativ gut entwickelt war, eröffnete die Möglichkeit, im Zuge des politischen Systemwechsels an existierenden Rechtsnormen anzuknüpfen und dem Übergang im Rahmen eines geregelten Prozesses von Gesetzgebung und Gesetzesänderung evolutionär zu vollziehen. Der Kádárismus wirkte sich aber auch noch auf eine andere Art und Weise prägend auf den Transformationsprozess in Ungarn aus: Die bereits durch die gescheiterte Massenerhebung von 1956 desillusionierte Bevölkerung wurde durch Kádárs „Strategie der Nichtpolitisierung“ politisch weitgehend neutralisiert und spielte so – im Gegensatz zu 1956 oder zur polnischen Bevölkerung in den 1980er Jahren – während des Systemwechsels keine unmittelbare Rolle als maßgeblicher Akteur. Der Umbruch in Ungarn war dementsprechend ein durch die politisch-gesellschaftlichen Eliten gesteuerter Prozess.

Der Transformationsprozess
Das Jahr 1985 signalisierte den „Beginn des Endes“ des Kádárismus. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kádár die Möglichkeiten der systemimmanenten Reformpolitik (also von Reformen, die die erwähnten „Säulen“ seiner Herrschaft nicht infrage stellten) weitgehend ausgereizt, die Situation der Wirtschaft (sinkende Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit) und die Finanzlage (Haushaltsdefizit und Verschuldung) wurden immer bedrohlicher und die sozialen Probleme des Landes nahmen ungeahnt dramatische Ausmaße an. Nachdem Kádár und seine Anhänger sich auf dem XIII. Parteitag der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) im März 1985 noch einmal hatten durchsetzen und ihre „traditionelle“ politische Linie bekräftigen können, regte sich innerhalb der herrschenden Partei zunehmende Kritik. Gleichzeitig traten nun auch Intellektuelle aus dem Kreise der national-traditionalistischen Volkstümlichen Opposition um István Csurka, Sándor Lezsák und Sándor Csoóri sowie der liberal-urbanen Demokratischen Opposition um János Kis, Gábor Demszky und Bálint Magyar öffentlich in Erscheinung (Konferenz von Monor; alternatives Europäisches Kulturforum in Budapest). Politische Aktivitäten, die den weiteren Verlauf der Entwicklungen in Ungarn wesentlich beeinflussten, entfalteten sich seit 1986 vor allem im Rahmen des Reformflügels der MSZMP, der sich um Károly Grósz, Imre Pozsgay, Rezső Nyers und Miklós Németh sammelte. Innerhalb der Partei konnten sich nun diejenigen Kräfte, die bedeutende Schritte in Richtung der Etablierung einer Marktwirtschaft, weitreichende Maßnahmen zur Liberalisierung der politischen Ordnung, eine weitere außenpolitische und außenwirtschaftliche Westöffnung Ungarns sowie die Ablösung Kádárs von der Parteispitze befürworteten, immer stärker durchsetzen.
Im Laufe des Jahres 1987 kam es zu mehreren Schlüsselereignissen in der ungarischen Politik. In deren Mittelpunkt standen im Sommer 1987 die Übernahme der Position des Vorsitzenden des Ministerrats (Ministerpräsidenten) durch Károly Grósz, die von dem jungen Parteiökonomen Miklós Németh federführend konzipierte wirtschaftspolitische Wende in Richtung Marktwirtschaft („Entfaltungsprogramm“) sowie das Vorhaben, begleitende politische Reformen in Angriff zu nehmen. Durch die sich abzeichnenden Veränderungen in der MSZMP und natürlich durch die Veränderungen in der Sowjetunion erhielten die oppositionellen Kräfte weiteren Auftrieb. Während die liberal-urbane Demokratische Opposition im Sommer 1987 unter anderem mit einer spektakulären Samisdat-Publikation, dem „Gesellschaftsvertrag“, hervortrat und darin den Rücktritt Kádárs, marktwirtschaftliche Reformen und eine Beschränkung der Parteimacht forderte, organisierte die Volkstümliche Opposition mit der Gründung des Ungarischen Demokratischen Forums (MDF) ein locker organisiertes Diskussionsforum, bei dessen Veranstaltungen die sozialen und nationalen „Schicksalsfragen“ Ungarns (allgemeiner Gesundheitszustand, Bevölkerungsschwund, Problematik der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten usw.) sowie eine weitere Liberalisierung des Einparteiensystems thematisiert wurde. Da die beiden Hauptrichtungen der „Andersdenkenden“ untereinander zerstritten waren, ohne Rückhalt in der Bevölkerungsmasse agierten und das Einparteiensystem nicht offen in Frage stellten, konnten die kommunistischen Machthaber diesen Aktivitäten relativ gelassen entgegensehen und sahen sich nur zu vereinzelten „Stichen“ (Beschlagnahme von Samisdat-Literatur, kurzzeitige Verhaftungen, Berufsverbote und sonstige Schikanen) gegen den kleinen „harten Kern“ der Opposition veranlasst.
Während die oppositionellen Bewegungen im Sommer/ Herbst 1987 mit ihren Aktionen bzw. Forderungen hervortraten, ging der Reformflügel der Partei in die Offensive. Bis Mai 1988 gelang es ihm, in grundsätzlicher Übereinstimmung mit der Politik Gorbatschows in der Sowjetunion weitere Schritte in Richtung einer marktwirtschaftlichen Ordnung („regulierte Marktwirtschaft“) zu unternehmen und ein Programm zur radikalen Liberalisierung der politischen Ordnung („sozialistischer Pluralismus“) zu verabschieden. Gleichzeitig waren auch seine Bemühungen, Kádár und seine Anhänger aus dem Zentrum der Macht zu verdrängen, von Erfolg gekrönt. Die Politik des sozialistischen Pluralismus löste allerdings bereits im Vorfeld ihrer offiziellen Implementierung unerwartet dynamische Pluralisierungsprozesse in der ungarischen Politik und Gesellschaft aus. Seit Frühjahr/ Sommer 1988 wurden so nicht nur zahlreiche alternative Vereinigungen, Gewerkschaften und Verlage ins Leben gerufen, sondern es kam auch zur Gründung bzw. Reaktivierung von politischen Organisationen, die den Charakter einer politischen Partei hatten und „bürgerliche“ Zielsetzungen vertraten. Das Demokratische Forum wandelte sich von einem lockeren Diskussionsforum zu einer festen politischen Organisation, die Demokratische Opposition gründete den Bund Freier Demokraten (SZDSZ), die Kleinlandwirtepartei und die Sozialdemokratische Partei traten als historische Parteien wieder auf die Bühne der ungarischen Politik und es entstanden zahlreiche weitere „Protoparteien“. Diese Entwicklung sprengte eindeutig den „sozialistischen Rahmen“. Radikale Kritik übte darüber hinaus auch die mit mehreren Demonstrationen gegen die Donau-Staustufen bei Bős-Nagymaros auf sich aufmerksam machende Umweltbewegung. Selbstverständlich wurden diese „politischen Abweichungen“ auch von der ungarischen Staatssicherheit, die allerdings weit weniger entwickelt und aktiv als ihre Schwesterorganisation in der DDR war, aufmerksam beobachtet.
Die dynamischen innenpolitischen Entwicklungen stellten die politische Führung um Generalsekretär Grósz im Herbst 1988 vor die Alternative, die Pluralisierungsprozesse entweder – wie dies im Herbst 1956 in Ungarn oder im Sommer 1968 in der Tschechoslowakei geschehen war – gewaltsam zu unterdrücken oder den Übergang zu einer demokratisch-rechtsstaatlichen politischen Ordnung zu akzeptieren. Nach Monaten des Zögerns und der innerparteilichen Diskussion entschlossen sich die ungarischen Machthaber – wohl auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Jahres 1956 und fehlender sowjetischer „Rückendeckung“ – im Februar 1989 dazu, das Mehrparteiensystem zu akzeptieren und gleichzeitig den Versuch zu unternehmen, sich an die Spitze des politischen Umbruchs zu stellen bzw. ihn entscheidend zu beeinflussen. Schnell zeigte sich allerdings, dass nur der eine Teil des Reformflügels, nämlich die Kräfte um Imre Pozsgay, Rezső Nyers, Gyula Horn und den neuen Ministerpräsidenten Miklós Németh, wirklich bereit waren, neben der Etablierung eines marktwirtschaftlichen Systems auch den Übergang zu einer demokratischen Ordnung zu wagen und einen möglichen Machtverlust nach freien Wahlen in Kauf zu nehmen. Der andere Teil um Generalsekretär Károly Grósz fand sich letztlich nicht zur Aufgabe der Macht bereit und hielt an einem immer widersprüchlicheren Sozialismuskonzept fest.
Noch bevor sich diejenigen Kräfte in der MSZMP, die die Transformation der politischen (und wirtschaftlichen) Ordnung akzeptierten, innerhalb ihrer Partei – mithilfe der „Reformzirkel“ an der Parteibasis – eindeutig durchsetzen konnten, leiteten sie bereits zahlreiche grundlegende Schritte zur Transformation der wirtschaftlichen und politischen Ordnung ein. Zwischen Herbst 1988 und Frühjahr 1989 wurden auf Initiative der Transformer u. a. das Gesetz über die Wirtschaftsgesellschaften (Einführung von kapitalistischen Unternehmensformen nach deutschem Vorbild), das Gesetz über die Investitionen von Ausländern in Ungarn (Anlockung von Auslandskapital), die – westlichen Maßstäben entsprechenden – Gesetze über die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, das Gesetz über die Volksabstimmung sowie die Grundprinzipien zur Erarbeitung einer demokratischen Verfassungsordnung vom Parlament verabschiedet. Ende Januar 1989 setzte darüber hinaus von Imre Pozsgay die Neuinterpretation der Ereignisse vom Herbst 1956 überraschend auf die politische Tagesordnung: An die Stelle der bisherigen Charakterisierung als „Konterrevolution“ trat nun die Neubewertung als „Volksaufstand“. Damit wurde die Legitimationsbasis der Anhänger des Kádárismus, der auf der „Rechtmäßigkeit“ der Niederschlagung der Massenerhebung von Oktober/ November 1956 beruht hatte, in ihren Fundamenten erschüttert. Währenddessen bemühte sich Ministerpräsident Németh erfolgreich darum, die Politik der Demokratisierung gegenüber der – am Ziel einer bloßen politischen Liberalisierung festhaltenden – sowjetischen Führung abzusichern (Moskaubesuch im März 1989) und das Politbüro traf mit seinem Entschluss, den „Eisernen Vorhang“ an der ungarisch-österreichischen Grenze abbauen zu lassen (Februar 1989), eine symbolträchtige Entscheidung, die auch das Ausmaß der Westöffnungspolitik Ungarns bzw. der außenpolitischen Neuorientierung vor Augen führte.
Während die parteiinternen Transformer bis Mitte März 1989 entscheidende Schritte zur Transformation der politischen und wirtschaftlichen Ordnung unternahmen, waren die neugegründeten bzw. reaktivierten oppositionellen Organisationen damit beschäftigt, organisatorische Strukturen zu entwickeln und politische Programme auszuarbeiten. Den ungarischen Oppositionsbewegungen gelang es schließlich erst Mitte März 1989, sich zu einer vereint auftretenden Kraft, (zum „Oppositionellen Runden Tisch“) zusammenzuschließen, sich Rückhalt in der Bevölkerung zu verschaffen und unmittelbaren Druck auf die herrschende Macht auszuüben. Der neue Einfluss der Opposition offenbarte sich insbesondere bei zwei Massenveranstaltungen, nämlich während der Feiern zum ungarischen Nationalfeiertag am 15. März 1989 (Jahrestag der Revolution von 1848) und beim Trauerakt für den 1958 hingerichteten „Ministerpräsidenten der Revolution von 1956“ Imre Nagy am 16. Juni 1989. Bei beiden Demonstrationen spielten die oppositionellen Bewegungen die Schlüsselrolle und genossen eindeutig die größeren Sympathien bei der Bevölkerung.
Mitte Juni 1989 setzte die nunmehr vereinte Opposition durch, als gleichberechtigter Verhandlungspartner – neben der MSZMP und den Massenorganisationen – akzeptiert zu werden und konnte so in den folgenden drei Monaten bei den Ausgleichsgesprächen am sogenannten Nationalen Runden Tisch an der konkreten Ausgestaltung der demokratischen Verfassungs- und Wahlrechtsordnung sowie an der Festlegung des „Fahrplans“ für den Übergang teilnehmen. Nachdem sich Machthaber und Opposition Mitte September 1989 in fast allen politischen Fragen des Umbruchs hatten einigen können (die sozialen und wirtschaftlichen Fragen des Systemwechsels waren bei den Verhandlungen ausgeklammert worden), nahm das Parlament aus der Ära Kádár die sogenannten Eckgesetze der Rechts- und Verfassungsreform an, sodass am 23. Oktober 1989 die „Republik Ungarn“ proklamiert und eine demokratisch-rechtsstaatliche konstitutionelle Ordnung in Kraft treten konnte. Noch bevor die Vereinbarungen am Nationalen Runden Tisch unterzeichnet wurden, war es in Ungarn überdies zu einem spektakulären Ereignis gekommen, das nicht nur erneut ein bezeichnendes Licht auf den Wandel der ungarischen Außenpolitik warf, sondern auch die Entschlossenheit der Regierung von Miklós Német, eine radikale politische Wende zu vollziehen, widerspiegelte: die Öffnung der ungarischen Westgrenze für die Flüchtlinge aus der DDR am 11. September 1989.
Die folgenden Monate bis zum Frühjahr 1990 waren einerseits dadurch gekennzeichnet, dass die Regierung Németh weitere innen-, wirtschafts- und außenpolitische Maßnahmen zur Vollendung des Transformationsprozesses traf (so initiierte sie z. B. die Verabschiedung des Gesetzes über die Gewissens- und Religionsfreiheit und schloss mit Moskau ein Abkommen über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn). Zum anderen stand diese Zeit ganz im Zeichen des Wahlkampfes für die ersten freien Parlamentswahlen nach der Ära des Kommunismus. Aus diesen gingen die oppositionellen Kräfte Ungarisches Demokratisches Forum (MDF) und der Bund Freier Demokraten (SZDSZ) als eindeutige Sieger hervor, die juristische, nicht aber politische Nachfolgepartei der einstigen Staatspartei, die im Oktober 1989 gegründete Ungarische Sozialistische Partei (MSZP), erlitt eine herbe Niederlage. Anfang Mai 1990 bildeten die national-konservativen Kräfte, also das Ungarische Demokratische Forum (MDF), die Kleinlandwirtepartei (FKGP) und die Christdemokratischen Volkspartei (KDNP), eine Koalitionsregierung unter József Antall. Ihre Aufgabe sollte es insbesondere sein, den Prozess der Konsolidierung der neuen politischen Ordnung voranzubringen und den – langwierigen – Übergang zu einer Marktwirtschaft einschließlich der – besonderes Spannungspotenzial beinhaltenden – Privatisierung des „gesellschaftlichen Eigentums“ weiterzuführen.

Zu Interpretation und Forschungsstand

Die Ereignisse des Umbruchs in Ungarn sind auch heute – obwohl sie bereits mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegen und die Quellen fast ausnahmslos zugänglich sind – wissenschaftlich in vielerlei Hinsicht noch nicht hinreichend aufgearbeitet. (Dies triff auch für die Ungarn selbst zu, wo – abgesehen von den Untersuchungen von Zoltán Ripp und Ignác Romsics, bislang nur einzelne Aspekte des Transformationsprozesses beleuchtet wurden.) Darüber hinaus ist auch ihre Charakterisierung bzw. Bewertung äußerst umstritten. Letzteres trifft weniger für die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen (strukturelle Aspekte), als vielmehr für die Rolle der einzelnen Akteure zu. Während sich die Forschung weitgehend über die grundlegende Bedeutung des „Faktors Gorbatschow“, also des Wandels der blockinternen bzw. welt- und außenpolitischen Rahmenbedingungen, über die Auswirkungen der wirtschaftlichen, sozialen und ideologischen Krise des „real existierenden Sozialismus“ und über die Wirkung der Impulse, die durch den Helsinkiprozess, die dritte industrielle Revolution und die Globalisierung ausgegangen waren, einig ist, gibt es in der Frage der Gewichtung der einzelnen Handlungsträger (Kräfte innerhalb von Partei und Regierung, verschiedene Strömungen der Opposition, Öffentlichkeit) und des konkreten Ablaufes der Veränderungsprozesse bis heute wesentliche Meinungsverschiedenheiten. Dementsprechend wird der Umbruch in den wissenschaftlichen Diskursen auch unterschiedlich charakterisiert: Die Spannbreite reicht von einer Bezeichnung als „verhandelte Revolution“, deren Vertreter den (politischen) Transformationsprozess im Grunde als Ergebnis von Verhandlungen zwischen den Machthabern und der Opposition – ähnlich den fast zeitgleichen Entwicklungen in Polen – ansehen (z. B. László Bruszt und Rudolf Tőkés), bis zu den Anhängern einer Charakterisierung als (politische und wirtschaftliche) „Transformation von innen“, die den Wandel im Wesentlichen als das Werk von – einsichtigen – Kräften aus dem Zirkel der Machthaber auffassen und dem Verhandlungsprozess nur eine zweitrangige Bedeutung zumessen (z. B. Patrick H. O’Neil und Andreas Schmidt-Schweizer). Neben den – vorherrschenden – politikgeschichtlichen Untersuchungen gibt es noch eine Reihe weiterer Ansätzen, die den Transformationsprozess u. a. aus wirtschaftswissenschaftlichen, soziologischen oder politikwissenschaftlichen Blickwinkel betrachten (siehe hierzu das Literaturverzeichnis).

Zur Auswahl der Textquellen und Materialien

Bei der Auswahl der Quellen des Moduls wurde versucht, die Vielzahl und Komplexität der Objekte und Subjekte des Transformationsprozesses vor Augen zu führen. Dementsprechend stammen die Dokumente von den verschiedensten Akteuren bzw. Gruppen von Akteuren der Wendezeit und betreffen alle zentralen Bereiche des öffentlichen Lebens („Inneres“, „Äußeres“, „Kultur“, „Soziales“ und „Wirtschaft“). (Letzterem kommt auch für den politischen Transformationsprozess eine ganz erhebliche, allerdings bislang stark vernachlässigte Rolle zu.) Außerdem soll mit der Quellenauswahl die Dynamik des Umbruchs – angefangen von der Agonie des Reformsozialismus über die Phase der Liberalisierungsexperimente bis hin zu den beiden Jahren der Demokratisierung und zum Beginn der demokratischen Konsolidierung – veranschaulicht werden. Während die Quellen aus dem Jahre 1985 so insbesondere die Ausgangssituation bzw. die politisch-ideologische Erstarrung des ungarischen Reformsozialismus Kádár’scher Prägung aufzeigen sollen, wurden die Texte aus den Jahren 1989/1990 so ausgewählt, dass sie einen Eindruck über die Ergebnisse des Demokratisierungsprozesses, d. h. über die Fundierung der parlamentarischen Demokratie und Marktwirtschaft, sowie über die Aufgaben des beginnenden politischen Konsolidierungsprozesses vermitteln.
Aufgrund des evolutionären Charakters des politischen und ökonomischen Transformationsprozesses kommen unter den Textquellen – insbesondere für die Phase der Demokratisierung und der „bürgerlichen Wende“ – Gesetzen und Gesetzesänderungen als Quellentypen eine besondere Rolle zu. Weitere wichtige Quellengattungen bilden Berichte, Stellungnahmen und Beschlüsse der Organe der (Staats-) Partei, Manifeste und Erklärungen der Opposition, Programme der neuen bzw. reaktivierten Parteien, Reden von Partei- und Regierungsvertretern und von Oppositionellen sowie interparteiliche Vereinbarungen. Ziel war es, auch hinsichtlich der Quellengattungen ein möglichst vielschichtiges Bild zu zeichnen. Dementsprechend wird nicht nur ein breites Spektrum von bekannten grundlegenden Quellen vorgestellt, sondern es werden auch einzelne (Archiv-) Quellen, die kaum bekannt sind, aber ganz besondere Ereignisse betreffen, präsentiert. Hierzu zählen beispielsweise ein Bericht, der sich mit der Frage des Abbaus des Eiserner Vorhangs befasst (Dokument Nr. 12), ein Polizei- und Geheimdienstbericht über Tätigkeiten gegenüber den Oppositionsbewegungen (Dokument Nr. 21) oder die Vorstellungen eines ZK-Funktionärs über den politischen Veränderungsprozess (Dokument Nr. 23).
Aufgabe der Materialien des Moduls ist es zum einen, die Textquellen durch Fotografien, Karikaturen und Abbildungen zu ergänzen bzw. anschaulicher zu machen. Zum anderen wird (vor allem mit Hilfe von Tabellen des Ungarischen Statistischen Zentralamts) versucht, die – anhand der Textquellen oft nur schwer „greifbare“ – soziale, kulturelle und wirtschaftliche Situation Ungarns sowie ihre Veränderung zu beleuchten. Hierzu werden Statistiken herangezogen, die u.a. die Bevölkerungsentwicklung, die Beschäftigungsstruktur, deviante Erscheinungen bzw. soziale Probleme, die industrielle und landwirtschaftliche Produktion, die Inflation, das Bruttoinlandsprodukt, Einkommen und Konsum sowie die Entwicklungen im Schul- und Bildungswesen – zumeist über einen längeren Zeitraum hinweg – vorstellen.

Gliederung des Themas

Die Gliederung des Moduls richtet sich, da zum einen – wie bereits dargelegt – die Dynamik des Umbruchprozesses veranschaulicht werden soll, zum anderen eine thematische Aufteilung im Falle der meisten Quellen – aufgrund der Vielfalt der jeweils behandelten Bereiche – kaum möglich erscheint, nach der Chronologie der Geschehnisse. Hierbei orientiert sich die zeitliche Abfolge an der Kategorisierung der akteurstheoretischen Ansätze der Transformationstheorie, die in der Regel zwischen den Hauptphasen Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung unterscheiden. (Eine derartige Gliederung bot sich auch deshalb an, weil die Unterteilung der Geschehnisse in diese drei Phasen ein Grundgerüst für den Vergleich mit den Transformationsprozessen in anderen Staaten des ehemaligen „Ostblocks“ bieten kann.) In diesem Sinne behandelt der erste Teil des Moduls die „Agonie des Reformsozialismus von János Kádár (1985-1987)“ als Ausgangspunkt der Transformationsphase, der zweite Teil die „Liberalisierungsexperimente unter Károly Grósz (1987-1988)“, der dritte Teil die „Demokratisierung unter Miklós Németh (I) (1988-1989)“, der vierte Teil die „Demokratisierung unter Miklós Németh (II) und den Ausgleich am ‚Runden Tisch‘ (1989-1990)“ und der fünfte und letzte Teil die Phase der „bürgerlichen Wende unter József Antall (1990)“, mit der der Transformationsprozess im Wesentlichen in die Konsolidierungsphase tritt.
Chronologie, „Regierungslisten“ und Auswahlbibliografie
In der Chronologie werden die wesentlichen Geschehnisse der behandelten sechs Jahre aufgeführt und es wird auch auf herausragende Geschehnisse in der Weltpolitik verwiesen. Hinsichtlich der wichtigsten politischen Akteure auf Seiten der Macht werden in der „Regierungsliste“ nicht nur die Regierungschefs und die Minister mit ihrer jeweiligen Amtszeiten aufgeführt, sondern – bis zur Auflösung der kommunistischen Staatspartei und entsprechend des Charakters des damaligen politischen Systems – auch die führenden Parteifunktionäre der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP), d. h. die Generalsekretäre, die Politbüro-Mitglieder und die ZK-Sekretäre. Die Auswahlbibliografie enthält die zentralen, fast ausschließlich ungarischsprachigen Quellensammlungen sowie die wichtigste deutsch- und englischsprachige Sekundärliteratur und die grundlegenden ungarischsprachigen Darstellungen.