Estland in der Zwischenkriegszeit - Über das Modul

Bearbeiter: Karsten Brüggemann & Raiko Jäärats (Tallinn)

Erstveröffentlichung: April 2014

Die Staatsgründung der Esten in den Jahren 1917 bis 1920 verlief unter weitaus günstigeren Rahmenbedingungen als bei ihren südlichen Nachbarn. Ihr Siedlungsgebiet war nicht von der Front des Krieges durchtrennt worden wie bei den Letten. Daher konnte eine von der russischen Provisorischen Regierung im März 1917 verabschiedete Provinzialreform, die das ehemalige Gouvernement Estland und das nördliche Livland zu einer administrativen Einheit zusammenfasste, realisiert werden. Zudem sah diese Reform die allgemeine und gleiche (wiewohl nicht direkte) Wahl eines Provinziallandtages (Maapäev) vor, dank dessen erstmals Esten über die Geschicke ihrer Provinz entscheiden konnten: Die deutschbaltische Elite war damit entmachtet worden. Nach der kurzzeitigen Herrschaft der Bolschewiki in Folge der Oktoberrevolution (November 1917 bis Februar 1918) stand das Land unter deutscher Besatzung, doch hatten Repräsentanten des mittlerweile im Untergrund agierenden Maapäev, unter ihnen der später autoritär regierende Präsident Konstantin Päts (1874–1956), im Machtvakuum nach Abzug der Bolschewiki am 24. Februar Estland für unabhängig erklärt.
In der Zeit zwischen dem deutschen Zusammenbruch im November 1918 und der endgültigen diplomatischen Anerkennung Estlands durch die Entente-Mächte im Januar 1921 konnten wesentliche Voraussetzungen der Eigenstaatlichkeit geschaffen werden. Im Freiheitskrieg gelang es, die eigenen Grenzen gegen die Rote Armee zu verteidigen, was im Friedensvertrag von Tartu (Dorpat) mit Sowjet-Russland am 2. Februar 1920 fixiert wurde. Bereits im Juni 1919 hatte die estnische Armee unter Oberbefehlshaber Johan Laidoner (1884–1953) gemeinsam mit einer lettischen Einheit bei Cēsis (dt. Wenden, estn. Võnnu) die aus deutschbaltischen Freiwilligen zusammengesetzte Baltische Landeswehr schlagen können. Dieser Sieg über den deutschen "Erbfeind" resultierte in einer emotionalen Identifikation der Esten mit dem neuen Staat. Noch während des Freiheitskrieges war aber auch die demokratische Konsolidierung der Republik vollzogen worden: Die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung Anfang April 1919 hatten eine überwältigende Mehrheit für linke Parteien wie den Sozialdemokraten und der Arbeitspartei ergeben, die vor allem mit den für die Jahre der russischen Revolutionswirren typischen Forderungen nach "Land" und "Frieden" reüssierten. Sie bildeten mit der liberalen Volkspartei eine breite Koalitionsregierung, die allerdings bereits im Herbst aufgrund des Agrargesetzes auseinanderbrach: Die Volkspartei verließ die Koalition, nachdem mit der linken Mehrheit in der Konstituante die zunächst entschädigungslose Enteignung des (meist deutschbaltischen) Großgrundbesitzes beschlossen wurde; so wurde ein Landfonds geschaffen, mit dem vor allem die Soldaten des Freiheitskriegs belohnt wurden. Nach Einschätzung der Forschung ist diese radikale Lösung der Bodenfrage als wesentlicher Faktor für die Stabilität des Staats in den ersten Jahren anzusehen. Städte wie Tallinn und Narva blieben auch in den ersten Jahren der Republik mehrheitlich links, wobei es sogar eine spürbare kommunistische Minderheit von landesweit ca. 10% gab, die unter Tarnbezeichnungen legal an den Wahlen teilnahm – zumindest bis zum gescheiterten kommunistischen Putsch vom 1. Dezember 1924.
Die innenpolitische Entwicklung der bis 1934 reichenden parlamentarischen Phase (Verfassung vom 15. April 1920), die anstelle eines Präsidenten einen Staatsältesten vorsah, der als Primus inter pares dem Ministerkabinett vorstand, musste sich u.a. dem Aufbau der nun vom russischen Markt getrennten Wirtschaft und eines estnischsprachigen Bildungssystems widmen. Nach dem aus Leningrad organisierten kommunistischen Putschversuch wurde Anfang 1925 auch das Gesetz über die Kulturautonomie der Minderheiten verabschiedet, das nationalen Gruppen, die mehr als 3.000 Staatsbürger umfassten, spezielle eigenverantwortliche Rechte gewährte, und das von der deutschen und der jüdischen Minderheit Estlands genutzt wurde. Die kompakt siedelnden schwedischen und russischen Minderheiten des Landes realisierten ihre Rechte über die Lokalverwaltungen. Als zum Ende des Jahrzehnts deutliche Anzeichen einer Konsolidierung des Landes erkennbar waren, traf die Weltwirtschaftskrise ab dem Beginn der 1930er Jahre auch Estland.
Die politische Stabilität litt unter der Vielfalt an politischen Parteien, die zu Koalitionen zwangen, welche sich kaum über die Grundsätze einig werden konnten: Länger als 11 Monate überstand keine Regierung, und allein in den Jahren 1931 bis 1933 gab es sechs Regierungen. So gelang es auch nicht, der Wirtschaftskrise Herr zu werden. In dieser Situation machte ein zunächst unpolitisch auftretender Kriegsveteranenverband – die so genannten Vapsid – von sich reden, der mit zunehmender öffentlicher Wirksamkeit die Forderung nach einer "starken Hand" artikulierte, das Parteienwesen und die Korruption geißelte und sich nach dem Vorbild der finnischen Lapua-Bewegung optisch am europäischen Faschismus anlehnte. Nachdem zwei Referenden der Regierungsparteien für Verfassungsänderungen gescheitert waren, wurde ein von den Vapsid im Oktober 1933 eingebrachter Vorschlag, der einen starken Präsidenten und ein geschwächtes Parlament vorsah, mit 73% der Stimmen angenommen. Kommunalwahlen im Januar 1934 sahen die Vapsid vor allem in den Städten als Sieger, weshalb trotz der nur ungefähr 10%, die sie auf dem Lande erhielten, davon ausgegangen wurde, dass ohne enge Zusammenarbeit der politischen Elite ihr Kandidat auch bei den für den April angesetzten Präsidentenwahlen beste Chancen haben würde. Unter dem Vorwand, die Demokratie vor dem Faschismus zu retten, erklärte der amtierende Staatsälteste Päts mit den Vollmachten der seit Ende Januar geltenden neuen Verfassung am 12. März den Ausnahmezustand. Zugleich ernannte er Laidoner zum Oberkommandierenden, der die führenden Vertreter der Vapisd verhaften ließ, und vertagte die Wahlen. Hierfür erhielt Päts sogleich die Unterstützung aller parlamentarischen Parteien. Nach dem 2. Oktober wurde allerdings auch das Parlament nicht mehr einberufen (auch wenn die Abgeordneten weiter ihr Gehalt erhielten). Die Presse wurde einer Nachzensur unterworfen, die Opposition unter Polizeibeobachtung gestellt und im März 1935 wurden die Parteien verboten. Ihre Funktion übernahm die Einheitsorganisation des "Vaterlandsbundes" (Isamaaliit), der ein Ausdruck der antidemokratischen Grundtendenzen der Zeit war. Regiert wurde mit präsidialen Dekreten. Neben Päts und Laidoner wurde Premier Kaarel Eenpalu (bis 1935 Einbund, 1888–1942) zum dritten starken Mann des Regimes.
Die Jahre von 1934 bis 1940 gelten als die »schweigende Zeit« (vaikiv ajastu), da opposi-tionelle Tätigkeit verboten war. Das an korporatistischen Ideen nach dem Vorbild des italienischen Faschismus orientierte autoritäre Regime kam allerdings ohne gewaltsamen politischen Terror aus – 1938 wurden selbst die inhaftierten estnischen Kommunisten und manche Vapsid amnestiert – und erreichte durch Protektionismus und dank der internationalen wirtschaftlichen Erholung einen Aufschwung, der auch der Bevölkerung zugutekam. In längerer Perspektive hätte die staatliche Intervention in das Wirtschaftsleben allerdings Probleme geschaffen, die u.a. mit der Ineffektivität der staatlichen Institutionen, den hohen Steuern und der Subventionierung der Landwirtschaft zusammenhingen. Päts orientierte sein Regime an der Idee der nationalen Einheit (rahvuslik tervik), welche eine staatlich gelenkte Propaganda verbreitete, zu der auch Massenveranstaltungen wie die traditionellen Sängerfeste oder die Sportveranstaltung der Estnischen Spiele (Eesti mängud) beitrugen. Insgesamt wurde Päts von der Bevölkerung mehrheitlich unterstützt.   
Tatsächlich plante der Jurist Päts sogar eine Rückkehr zu einer verfassungsgemäßen Regierung. Im Februar 1936 ließ er seinen Plan der Einberufung einer Nationalversammlung (Rahvuskogu) zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung von einer Volksabstimmung absegnen. Bei den Wahlen zur Ersten Kammer dieser Nationalversammlung im Dezember 1936 blieb die Opposition außen vor, die aus Protest auf die Aufstellung eigener Kandidaten verzichtete. Im Juli 1937 wurde der Entwurf einer neuen Verfassung ohne große Veränderungen abgesegnet, woraufhin die Rahvuskogu ihre Tätigkeit einstellte. Am 1. Januar 1938 trat die neue Verfassung in Kraft. Bei den Wahlen zum Unterhaus (Riigivolikogu) im Februar 1938 waren zwar Parteien erneut verboten, doch durfte die Opposition eigene Kandidaten aufstellen; nur dank des erstmals geltenden Mehrheitswahlrechts konnte sich die Regierung behaupten: Bei 47% der Stimmen erhielt sie 57% der Mandate. Die Mitglieder des Oberhauses (Riiginõukogu) wurden von der Regierung und den Institutionen nominiert. Da neben den beiden Häusern des Parlaments auch eine Versammlung der lokalen Selbstverwaltungen Päts als Präsidentschaftskandidat nominierte – er hatte sich im Unterhaus mit 64:14 Stimmen gegen seinen liberalen Kontrahenten Jaan Tõnisson durchgesetzt – brauchte er sich nach der neuen Verfassung keiner Volkswahl zu stellen. Am 24. April 1938 wurde er von den drei Wahlkammern mit 219:19 gewählt und trat sein Amt sofort an.  
Diese zweifellos im weiteren europäischen Kontext moderate Form einer Präsidialdiktatur isolierte das Land vor allem von seinem nördlichen Nachbarn, dem weiterhin demokratisch regierten Finnland. Dies war mit Sicherheit eine Einschränkung der politischen Manövrierfähigkeit des Landes, die sich dann in den Jahren 1939/40 nachteilig auswirken sollte. Während Finnland sich militärisch im Winterkrieg gegen die Rote Armee verteidigen konnte, blieben Estland, Lettland und Litauen, die in erster Linie wegen des litauisch-polnischen Konflikts keine außenpolitische Einheit hatten bilden können – woran auch die 1934 begründete Baltische Entente nichts änderte – auf sich gestellt. Nachdem der Hitler-Stalin-Pakt am 23. August 1939 Estlands Unabhängigkeit in Moskaus Hände gespielt hatte, zögerte Stalin nicht lange: Am 28. September 1939 schloss er unter ultimativen Drohungen einen Beistandspakt mit Tallinn, infolge dessen die Rote Armee Militärbasen auf estnischem Territorium einrichten durfte. Die Neutralitätserklärung Estlands war bedeutungslos. Eine weitere Folge des Paktes war die bis Mai 1940 vollzogene »Umsiedlung« von gut 14.000 Deutschen Estlands in das von der Wehrmacht besetzte Generalgouvernement. Mitte Juni 1940 schließlich wurde das Land wie seine südlichen Nachbarn von der Roten Armee besetzt und Anfang August von der Sowjetunion annektiert, was die Forschung als "stumme Unterwerfung" (Magnus Ilmjärv) bezeichnet hat.

Die Textquellen

Bei der Auswahl der Textquellen wurde insbesondere auf die politische Entwicklung der Republik Estland gelegt. Hierzu zählen die Gesetzestexte aus der demokratischen sowie die der autoritären Periode. Da Estland mit dem 1925 verabschiedeten Gesetz über die Kulturautonomie der nationalen Minderheiten eine international vorbildliche Minderheitenpolitik praktizierte, wird auch dieses Gesetz berücksichtigt. Zudem finden sich unter den Quellen neben Presseberichten einige Reden von führenden Politikern der Zwischenkriegszeit, in denen neben der Einschätzung politischer Prioritäten auch die jeweilige Rhetorik Analysematerial liefert. Zu den außenpolitischen Dokumenten gehören in erster Linie die wesentlichen Verträge, die Estlands Position im internationalen diplomatischen Netzwerk der Zeit spiegeln.

Die Materialien

Selbst bei der Bereitstellung eines Internetangebots muss auf Begrenzung Acht gegeben werden. Die hier zur Verfügung gestellten Statistiken, demographischen und wirtschaftlichen Daten geben nur einen knappen Einblick in die Entwicklung der Republik Estland. Gleiches gilt für die Fotos, bei denen neben wesentlichen Eckdaten der politischen Geschichte auch Ereignisse bzw. Personen berücksichtigt sind, die im weitesten Sinne der Kulturgeschichte zuzurechnen wären – hierzu zählt z.B. der Olympiasieger im griechisch-römischen und im Freistilringen von 1936, Kristjan Palusalu, der sicher einer der beliebtesten Esten des 20. Jahrhunderts ist.