Volksrepublik Polen - Über das Modul

Bearbeiter: Ingo Eser (Köln)

Erstveröffentlichung: 2012

Die polnische Verfassung von 1952 definierte Polen als eine "Volksrepublik" (Polska Rzeczpospolita Ludowa), der entsprechende Passus behielt bis Ende 1989 Gültigkeit. Die Geschichte "Volkspolens" (Polska Ludowa) reicht jedoch bis ins Jahr 1944 zurück. Knapp ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges überschritt die Rote Armee den Fluss Bug und erreichte damit jene Gebiete, die nach sowjetischem Willen auch künftig zum polnischen Staat gehören sollten (wohingegen die östlich des Bugs gelegenen Gebiete sowjetisch wurden). Unmittelbar darauf wurde die Bildung eines Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego, PKWN) proklamiert, das als eine Übergangsregierung von Stalins Gnaden fungierte und einen Gegenpol zur polnischen Exilregierung in London darstellte. Zugleich mit dem Ende der deutschen Gewaltherrschaft und Besatzung begann damit die allmähliche Umgestaltung Polens in einen Satellitenstaat der Sowjetunion.

Nach Krieg und deutscher Besatzung war Polen weitgehend verwüstet, Millionen von Menschen waren umgekommen oder verschleppt worden. Die Grenzen des Landes waren Hunderte von Kilometern nach Westen „verschoben“ worden, Polen damit dem Ziel, ein ethnisch homogener Nationalstaat zu sein, näher als je zuvor. Doch gerade deswegen rissen auch nach 1945 die Migrationsströme nicht ab: Deutsche wurden aus- und Ukrainer umgesiedelt [1], polnische "Repatrianten", aus den ehemalig polnischen, nun sowjetischen Gebieten östlich des Bug vertriebene Polen, strömten ins Land und Ansiedler aus Zentralpolen ließen sich in den bislang deutschen Gebieten nieder. Juden, die den Holocaust überlebt hatten, suchten nach einer neuen Zukunft, sahen sich aber mit einem Wiederaufleben des Antisemitismus in Polen konfrontiert, der die meisten von Ihnen zur Auswanderung bewog.

Obwohl in den ersten Jahren Volkspolens eine gewisse Aufbruchstimmung spürbar und der Wille zu tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Reformen vorhanden waren, besaßen die polnischen Kommunisten kaum Rückhalt in der Bevölkerung. Viele Polen empfanden die sowjetischen Soldaten und Berater nicht als Befreier, sondern als neue Besatzer, und sahen in den polnischen Kommunisten nur deren Handlanger. Damit war ein gesellschaftspolitischer Konflikt vorgegeben, der die polnische Zeitgeschichte wesentlich prägte: Die mangelnde Legitimität kommunistischer Herrschaft, die als fremdes, von außen aufoktroyiertes Element erschien.

Freilich gingen die Kommunisten bei der Festigung ihrer Macht flexibel vor. Verfechter eines strikt antisowjetischen Kurses wie die Organisation "Freiheit und Unabhängigkeit" (Wolność i Niezawisłość, WiN) wurden in den Untergrund gedrängt und mit allen Mitteln bekämpft, die Bauerpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe, PSL) marginalisiert und gespalten, andere Parteien in die Einheitsfront "Demokratischer Block" (Blok Demokratyczny) gedrängt, die Polnische Sozialistische Partei (Polska Partia Socjalistyczna, PPS) Schritt für Schritt zur Vereinigung mit der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, PPR) genötigt. Um einer Wahlniederlage zu entgehen, forcierten die Kommunisten zunächst eine Volksabstimmung (1946), deren Ergebnisse sie als Votum für die eingeschlagene Politik verstanden wissen wollten. Obwohl scheinbar unstrittige Themen wie die Abschaffung des Senats (der zweiten Kammer im Parlament), die Bodenreform,die Verstaatlichung der Industrie sowie die Oder-Neiße-Linie zur Abstimmung gestellt wurden, ließ sich das Referendum nur mittels massiver Fälschungen in einen „Erfolg“ ummünzen. Viele Wähler(innen) waren dem Aufruf der PSL gefolgt, die Auflösung des Senats abzulehnen. Die Wahlen zum Verfassungsgebenden Sejm (1947) wurden bereits im Vorfeld massiv manipuliert, so dass der "Demokratische Block" offiziell über 80 % der Stimmen erlangen konnte.

Den Kommunisten gelang es bis 1948, ihre Herrschaft weitgehend zu sichern. Es entstand eine kommunistische Einheitspartei, die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei, PVAP (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR). Einige wenige Blockparteien stellten keine wirksame Opposition dar. Jugendorganisation, Gewerkschaften und andere Organisationen waren "gleichgeschaltet" und sollten vor allem als Transmissionsriemen der Partei in die Gesellschaft fungieren. Allein der katholischen Kirche gelang es, ihre Unabhängigkeit zu wahren, obgleich es auch in ihren Reihen "fortschrittliche" Priester und Laien gab, die sich dem Primat der Partei beugten. Auch gelang es dem Regime nicht, die Bauernschaft für sich zu gewinnen. Der Widerstand gegen die von der Partei verordnete Kollektivierung konnte nicht nachhaltig gebrochen werden. Verschiedenste Repressionen verschärften das politische Klima und verstärkten den Druck auf den Einzelnen, sich systemkonform zu verhalten. Der Sechsjahresplan von 1950-1955 unterwarf das Wirtschaftsleben vollends der zentralen staatlichen Planung und forcierte die Entwicklung der Schwerindustrie, vernachlässigte aber den Bedarf der Menschen an Konsumgütern und endete mit einem Misserfolg, da die erwarteten Produktionssteigerungen ausblieben. Nach dem Tod Stalins setzte daher eine allmähliche Lockerung des politischen Kurses ein. Verstärkt wurde diese Tendenz durch die Geheimrede Nikita Chruščevs beim XX. Parteitag der KPdSU in Moskau, die auch in Polen intensiv rezipiert wurde, und den Tod des polnischen Parteivorsitzenden, Bolesław Bierut. Der Ausbruch des Posener Aufstandes (Juni 1956), der wesentlich den schlechten Lebensbedingungen der Industriearbeiter geschuldet war, leitete schließlich einen tiefgreifenden Politikwechsel der PVAP ein.

Die Ereignisse des Jahres 1956 ebneten Władysław Gomułka, 1951-1954 selbst politischer Gefangener, den Weg an die Macht. Als Erster Sekretär der Partei stellte Gomułka ein Abweichen vom sowjetischen Modell in Aussicht, einen "polnischen Weg zum Sozialismus". Zwar wurde die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft wieder aufgegeben – eine Besonderheit Polens im "Ostblock" –, die Hoffnungen auf mehr Demokratie, Meinungsfreiheit und eine größere Unabhängigkeit von Moskau wurden jedoch bald wieder enttäuscht. Eine spürbare Steigerung des Lebensstandards konnte nicht verbergen, dass die Partei spätestens in den 1960er Jahren die Zügel wieder anzog, worunter u. a. Intellektuelle und die katholische Kirche zu leiden hatten. Insbesondere der Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüdergab Anlass zu scharfen Angriffen, in denen der Kirche Verletzung polnischer Interessen vorgeworfen wurde. Im Zuge des innerparteilichen Machtgerangels schreckten einige Funktionäre – unter ihnen Gomułka selbst – nicht davor zurück, sich "antizionistischer" Diffamierungen zu bedienen, die in Wahrheit antisemitischen Charakter besaßen und eine weitere Ausreisewelle unter den polnischen Juden auslösten. Studentenunruhen konnte das Regime 1968 noch mit Repressionen ersticken, die Entfremdung der Intelligenz mit den kommunistischen Machthabern vertiefte sich aber dadurch. Die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft mit ihren Lebensverhältnissen hatte zur Folge, dass 1970 erneute Streiks ausbrachen – ähnlich wie schon 1956, doch diesmal vor allem in den Küstenstädten Danzig (Gdańsk) und Stettin (Szczecin). Auch dieses Mal reagierte das Regime zunächst mit Gewalt, doch sah sich die Partei schließlich genötigt, ihren Führungskader auszutauschen.

In der nachfolgenden Ära des Parteivorsitzenden Edward Gierek besaß die PVAP jedoch kaum noch moralische Autorität. Die Zustimmung der Polen versuchten die Kommunisten, sich durch eine Steigerung des allgemeinen Lebensstandards zu erkaufen – ein Projekt, das scheiterte, weil es das Land in eine Schuldenkrise stürzte. Zugleich verdeutlichte die Wahl des Krakauer Bischofs Karol Wojtyła zum Papst Johannes Paul II. im Jahr 1978, dass es jenseits des sozialistischen ein weiteres Polen gab und dass dieses letztlich ein größeres Gewicht besaß als die offizielle Volksrepublik. Die Unruhen und Streiks von Radom (1976) und Danzig (Gdańsk) 1980 folgten zunächst dem Muster ökonomisch motivierter Unmutsbekundungen. Neu war jedoch, dass Intellektuelle den Arbeitern zur Seite standen, wie auch die Arbeiter allgemeinpolitische Forderungen vertraten.

Die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“, gegründet 1980 nach den erfolgreichen Auguststreiks in Danzig, durchbrach das Politikmonopol der Kommunisten und trat eine gesellschaftliche Massenbewegung los, die durch Gewaltanwendung nicht mehr zu stoppen war. Zugleich war die zerfallende Sowjetunion immer weniger in der Lage, ihre außenpolitischen Interessen in Polen durchzusetzen. Die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 vermochte daher das Ende des Staatssozialismusnicht mehr aufzuhalten. Die Rhetorik der Militärmachthaber unter General Wojciech Jaruzelski, dem neuen Parteivorsitzenden, war eher national als kommunistisch. Für notwendige Reformen besaß das Regime keinen Rückhalt in der Bevölkerung, doch dafür ging die Zivilgesellschaft deutlich gestärkt aus der ökonomischen und politischen Dauerkrise hervor. Die Einrichtung eines Runden Tisches mit der Opposition war letztlich gleichbedeutend mit einer Kapitulation der Partei vor den Verhältnissen im Lande und leitete 1989 den Systemwandel in Polen ein – als erster Staat in dem sich auflösenden "Ostblock".

Die Frage, wie groß letztlich die Spielräume polnischer Politik 1944/45 bis 1989 waren, wie sehr Entscheidungen in Warschau von Vorgaben aus Moskau abhingen, prägt bis heute die zeitgeschichtlichen Debatten in Polen. Das Verhältnis zwischen den Machthabern (władza) und der Bevölkerung, zwischen "denen da oben" (oni) und "uns" (my), ist eine gängige Interpretationslinie polnischer Nachkriegsgeschichte. Zugleich wird jedoch von der jüngeren historischen Forschung der Alltagsaspekt in der Geschichte "Volkspolens" hervorgehoben. Bei allen ökonomischen Problemen und politischen Konflikten durchlief nämlich Polen in der Zeit der Volksrepublik einen tiefgreifenden Wandel, der auch seine Gewinner hatte. Insbesondere die Modernisierung im öffentlichen Leben und der soziale Aufstieg breiter Bevölkerungsschichtenverhalfen der Partei zeitweise zu einem gewissen Ansehen. Das Leben in "Volkspolen" war eben nicht nur durch Widerstand und Distanz zu "denen da oben" gekennzeichnet, sondern auch durch das Bemühen um ein normales, besseres Leben, das Kompromissbereitschaft gegenüber der władza durchaus mit einschloss.

Zur Auswahl der Dokumente und Materialien

Die auf diesen Internetseiten präsentierte Auswahl von Textdokumenten, Abbildungen und Tabellen folgt dem Bemühen, Einblicke zumindest in einige der oben skizzierten Aspekte der Geschichte "Volkspolens" zu geben. Freilich kann und soll damit kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Das Thema Außenpolitik z. B. wurde auf wenige Dokumente beschränkt, die sich vor allem auf das Verhältnis zu Deutschland konzentrieren. Die Beziehungen innerhalb des sog. "Ostblocks" werden in einem eigenen Modul thematisiert - dem zur sowjetischen Hegemonie - und auch die Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus dem polnischen Staat wird in einem gesonderten Modul behandelt werden [2]. Die Problembereiche Migrationen, Minderheiten und Geschlechterverhältnissetauchen lediglich am Rande auf, um nur drei Beispiele zu nennen. Ebenso war es nicht möglich, jeden Aspekt kontinuierlich zu verfolgen, was z. B. beim Thema Kirche deutlich wird. Die hier zur Verfügung gestellte Quellenauswahl bildet daher einen Kompromiss zwischen dem Bestreben, ein möglichst breites thematisches Spektrum abzudecken, zugleich aber den Umfang des Moduls nicht zu überschreiten.

Nur wenige Dokumente können für sich in Anspruch nehmen, von herausragender Bedeutung oder gar "repräsentativ" zu sein,die meisten wird man mühelos durch Texte ähnlichen Inhalts ersetzten können. Dennoch wurde versucht, den Benutzern dieses Onlineangebots einen multiperspektivischen Zugang zur Geschichte "Volkspolens" zu ermöglichen: einerseits, indem Quellen und Materialien ausgesucht wurden, die inhaltlich aneinander anknüpfen und dasselbe Ereignis oder Phänomen aus verschiedenen Blickwinkelnbeleuchten – z. B. aus der Sicht eines Beamten und der eines Betroffenen – andererseits, indem sehr unterschiedliche Textarten gewählt wurden – angefangen von Staatsverträgen, Gesetzen sowie offiziösen Verlautbarungen des Regierungs- oder Parteiapparates, über interne Verwaltungsakten, Schreiben von Behörden, Parteien und anderen Organisationen bis hin zu Privatbriefen und Eingaben sowie Zeitzeugenberichten. Diese Vielfalt mag als Einladung verstanden werden, im Unterricht die Eigenarten verschiedener Quellengattungen zu diskutieren und zu vergleichen.

Die Online-Publikation musste größtenteils auf solche Texte, Tabellen und Abbildungen zurückgreifen, die bereits andernorts publiziert waren. Dies erklärt, warum vor allem das Politische und das Konflikthafte in den Quellen zutage treten – es sind genau dies die Aspekte, die die Herausgeber von Quelleneditionen bislang am stärksten interessiert haben. Umfassende eigene Forschungen, z. B. in Archiven, waren nur im begrenzten Umfang möglich, ebenso statistische Auswertungen, die z. B. die Erstellung eigener Tabellen ermöglicht hätten. Das hier präsentierte statistische Material bleibt daher an manchen Stellen unzulänglich und lückenhaft – ein Manko, dessen sich der Bearbeiter dieses Moduls durchaus bewusst ist.

Die Textdokumente und andere Materialien wie Abbildungen, Schautafeln und Tabellen thematisch geordnet. Eine chronologische Tafel, ein Abkürzungsverzeichnis, eine Liste der wichtigsten Amtsträger in Staat und Partei sowie ein Literaturverzeichnis mit Titeln in westlichen Sprachen geben weitere Hilfen zum Einstieg in die Geschichte "Volkspolens" – eines Landes, das größere Freiheiten als andere Länder des "Ostblocks" besaß, trotzdem aber (oder gerade deswegen?) zum Krisenherd des Sozialismus wurde und letztlich entscheidend zu dessen Ende beitrug.


[1] Siehe Themenmodul "Umsiedlung der Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Polen 1944-1947"

[2] Siehe Anm. 1.