Aktuelle Nachrichten, Termine und Veranstaltungen

15.02.2013 - 17.04.2013
Tagung

Untergangsszenarien und Zukunftsvisionen in den Imperien des östlichen Europa (1830-1920) - CfP

Marburg 11. - 13. September 2013


Veranstalter:

  • Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Ge­meinschaft
  • Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Professur für Geschichte Mittel- und Osteuropas
  • Leibniz Graduate School for Cultures of Knowledge in Central European Transnational Contexts
  • Justus-Liebig-Universität Gießen, Gießener Zentrum Östliches Europa (angefragt)
  • Leibniz-Forschungsverbund „Krisen in einer globalisierten Welt“ (angefragt)

Organisatoren:

  • Peter Haslinger (Herder-Institut, Universität Gießen)
  • Malte Rolf (Universität Bamberg)

 

Call for papers

1915 begann Karl Kraus, in seinen „Letzten Tagen der Menschheit“ den Weltkrieg zum apokalyptischen Drama zu verdichten; fast zeitgleich skizzierte der Schweizer George Montandon in der Denkschrift „Nationale Grenzen und ein dauerhafter Frieden“ ein radikales Zukunftsmodell, das den millionenhaften Bevölkerungstransfer als Mittel zur Stabilisierung der europäischen Staatenlandschaft propagierte. Sowohl Krisenphasen – wie der Erste Weltkrieg – als auch unlösbar scheinende Systemprobleme in Friedenszeiten bedingen derartige Extreme: Sobald alte Gewissheiten in Frage gestellt sind, entstehen fast zwangsläufig prognostische, auf die Zukunft gerichtete Debatten – Endzeitbilder ebenso wie Planspiele oder utopische Phantasien, die auf einer weitgehenden, ja radikalen Neuordnung der Verhältnisse beruhen.

Die Tagung am Herder-Institut wird sich der Parallelität, der Wechselwirkungen und den Konsequenzen solcher Visionen annehmen. Es soll bei den einzelnen Beiträgen konkret darum gehen, die Entstehung sowie die Folgewirkungen von Untergangsszenarien und Zukunftsentwürfen in den Großreichen des östlichen Europas in der Phase zwischen 1830 und 1920 in den Blick zu nehmen. Es ist zu diskutieren, inwieweit in jenen Situationen nicht nur Vorstellungen von Niedergang, Verlust und Unterlegenheit artikuliert wurden, sondern diese auch tiefgreifende Reformprojekte anstießen, die nicht selten das Ziel verfolgten, als „clean sweep“ alle bestehenden aktuellen Probleme und politischen Systemkrisen auf einmal zu lösen.

Dabei steht gerade die gegenseitige Bedingtheit von End- und Aufbruchsvisionen im Fokus der Tagung. Zu fragen wird sein, inwiefern Topoi von „Rückständigkeit“, „Krankheit“ oder fehlender Legitimität und Problemlösungskompetenz in politischen, wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Fragen in einer engen Wechselwirkung mit Zukunftsvorstellungen stand, und wie Akteure darauf mit systemkonformen Visionen von Stabilität, Prosperität und Eintracht reagierten oder auch Programmatiken und Machbarkeitsphantasien entwarfen, die auf einen radikalen Umbau von Politik und Gesellschaft abzielten. Die Tagung will daher auch Ermöglichungsräume von Radikalität und ihre Auswirkung auf Systembrüche thematisieren. Vor diesem Hintergrund waren es einzelne Zeiträume, in denen sich Meinungsträger mit Untergangs- oder Aufbruchsvisionen zu profilieren versuchten, die wiederum abhängig waren von massenmedialen Entwicklungen, der Handhabung der Zensur oder den Möglichkeiten und Grenzen der medialen Selbstinszenierung. Außerdem können die unterschiedlichen Krisen- und Umbruchsdiskurse in die Entwicklung der jeweiligen politischen Öffentlichkeiten eingebettet werden, da sie Debatten über Problemlagen und Entwicklungspotenziale anregten.

Krisen- und Umbruchsperioden waren zugleich auch Phasen des intensivierten grenzüberschreitenden Transfers, des Vergleichs und des intentionalen Blicks auf den Nachbarn; zum Teil generierten sie das Zusammendenken größerer trans-imperialer Problem­einheiten, die nach einheitlichen Lösungsansätzen verlangten (wie z.B. die Nationalitätenfrage). Sie stimulierten somit die wechselseitige Wahrnehmung der Großreiche und beförderten den Austausch von Konzepten sowie den Import von Bewältigungsstrategien und trugen nicht selten zur Etablierung von grenzüberschreitenden Expertendiskursen bei. Diesbezüglich soll anlässlich der Tagung diskutiert werden, inwiefern der Austausch über Untergangsszenarien und Zukunftsvisionen zur Verdichtung der trans-imperialen Kommunikation beitrug und die Wahrnehmung der Imperien des östlichen Europa als umfassenden Krisenraum anregte.

Die Mehrzahl der Beiträge soll sich vor allem auf die Habsburgermonarchie und das Russländische Reich beziehen. Darüber hinaus sollen beide Staatswesen über weitere Präsentationen in einen vergleichenden Kontext zu stellen (wie z.B. zum Osmanischen Reich, zu Spanien oder China). Dies soll aus einer interdisziplinären Perspektive heraus geschehen, so dass Krisen- und Utopiediskurse aus geschichts-, sozial- und literaturwissenschaftlicher Sicht ebenso beleuchtet werden sollen wie in kunst- und architekturgeschichtlicher Perspektive.

Die Arbeitssprachen dieser interdisziplinären Tagung sind Deutsch und Englisch. Gute passive Kompetenzen in der jeweils anderen Sprache sind daher Teilnahmevoraussetzung. Reisekosten und Unterkunft werden von den Veranstaltern übernommen, eine Publikation der Tagungsbeiträge ist angedacht.

Wir bitten um Vorschläge in der Form eines Abstracts (max. 1 Seite, deutsch- oder englischsprachig) und eines Lebenslaufs bis spätestens 15. Februar 2013 an das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung (forum@herder-institut.de). Ansprechperson ist Antje Coburger.