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27.11.2018 - 15.01.2019
Call for papers

Zeitgeschichte als Interventionsgeschichte

Organisation: Professur für Wissens- und Geschlechtergeschichte am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Marburg

Veranstalterinnen: Prof. Dr. Claudia Kraft (Universität Wien), Dr. Anna Veronika Wendland (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft)

Datum: 9.-11. Mai 2019

Veranstaltungsort: Aula am Campus der Universität Wien, Altes AKH

Veranstaltungssprachen: Deutsch, Englisch

 

Bewerbungsfrist: 15. Januar 2019

Im 20. Jahrhundert kamen in vielen Teilen der Welt massive Interventionen in unterschiedlicher Gestalt zum Tragen. Interventionen manifestier(t)en sich in zentralisiertem Verwaltungshandeln; in Maßnahmen des social engineering; in Integrations- und Modernisierungsoffensiven gegenüber der indigenen Bevölkerung; in Genoziden und asymmetrischer Kriegsführung; in der Technologie-, Agrar-, Energie- und Infrastrukturpolitik; und schließlich auch in Maßnahmen und Strategien der Technikfolgen-Bewältigung, wie sie etwa nach den nuklearen Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima erfolgten. All diese Faktoren haben Landschaften und lokale Identitäten grundlegend transformiert. Akteur*innen dieser Zeitgeschichte als Interventionsgeschichte waren lokal, national, überregional oder gar transnational agierende Behörden, wissenschaftlich-technische Expert*innen, Migrant*innen und die ansässige Bevölkerung.

Neuere kulturwissenschaftliche Forschungen haben versucht, mittels des Konzeptes der „Interventionslandschaft“ zu einer innovativen Historisierung von Transformationserfahrungen im östlichen Europa im 20. Jahrhundert beizutragen, die die Einseitigkeit von älteren raumdeterministischen bzw. neueren sozialkonstruktivistischen Ansätzen überwindet und stattdessen Wechselbeziehungen zwischen Herrschaft, Raum, Technologie/Artefakt und Akteur*innen unterschiedlicher Ebenen in den Mittelpunkt der Analyse stellt (siehe dazu das Projekt „Polesien als Interventionslandschaft“, URL: https://www.herder-institut.de/projekte/laufende-projekte/polesien-als-interventionslandschaft-raum-herrschaft-technologie-und-oekologie-an-der-europaeischen-peripherie-1915-2015.html). Wie gezeigt werden konnte, entfaltet sich die Interventionslandschaft nicht ausschließlich in einem Täter-Opfer-Verhältnis, sondern in einem ambivalenten Wechselverhältnis aus Raumnutzung, Herrschaftsausübung und menschlichen Interventionen und Aneignungen. In ihm sind Geschichten des Erfolgs und des Scheiterns, der Opfer und der Profiteure häufig nicht so leicht unterscheidbar, wie es gewaltzentrierte und katastrophische Narrative unterstellen.

In einem nächsten Schritt soll nun überprüft werden, ob sich der Topos der Intervention zu einem Forschungskonzept weiterentwickeln lässt, das über den bisherigen Untersuchungsraum des östlichen Europas hinausreicht und die Analyse vielfältiger Transformationserfahrungen ermöglicht. Dabei gilt es, zum einen nach der räumlichen Reichweite von Interventionen zu fragen: Wie waren/sind Interventionen skaliert (aus welcher Entfernung wurde interveniert), welche gesellschaftliche oder landschaftliche Eindringtiefe besaßen/besitzen sie? Zum anderen interessieren die Zeithorizonte von Interventionen: Handelt(e) es sich um ganzheitliche, etwa utopische Gesellschaftsentwürfe oder ad hoc Maßnahmen zwecks Behandlung akuter Problemlagen? Als übergreifende Fragestellung wäre zu formulieren, inwieweit ein Konzept von Intervention entwickelt werden kann, das geistes- und sozialwissenschaftliche Überlegungen zum social engineering weiterführt und den Fokus nicht mehr primär auf die Verwaltung des Menschen durch den Menschen, sondern auf das Phänomen geteilter Handlungsträgerschaft von Mensch, Artefakt/Technik und Natur richtet.

Die Tagung versteht sich als Diskussionsforum für Wissenschaftler*innen aus geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit disruptiven Entwicklungen und Interventionen sowohl anhand empirischer Fallbeispiele als auch auf einer konzeptuellen Ebene beschäftigen.

Mögliche thematische Anknüpfungspunkte für Tagungsbeiträge sind:

  • Intervention als Unterbrechung der „Prozesse der Natur“, z.B. durch die Regulierung von komplexen, interdependenten und nicht gut modellierbaren Großsystemen (Flusssysteme, Ozeane)
  • climate engineering als menschlicher Versuch, die Folgen des eigenen Tuns zu mitigieren, der dadurch neue Probleme aufwirft
  • die Technikfolgenkalkulation durch intelligente Computerprogramme
  • die Quantifizierung des Werts der Natur mit einer Beschreibung der Fallen, wenn Regenwald- oder Sumpfgebiet mit Geld bewertet werden
  • Interventionen in der Populärkultur mit subversiver Zielsetzung, die neue (nicht intendierte) Normativitäten schaffen
  • Militärintervention und hybride Kriege
  • Beiträge zum social engineering mit einer Neubetrachtung von Materialität, Dingen und Natur.

Die Tagung zielt auf einen Informationsaustausch zu laufenden oder jüngst abgeschlossenen Projekten ab, die sich mit Interventionen im oben genannten Sinne wissenschaftlich auseinandersetzen. Sie nutzt die Erkenntnisse aus empirischen oder methodisch-theoretischen Beiträgen, um den Topos der Intervention als Phänomen der Moderne zu diskutieren und unterschiedliche methodische Zugangsweisen zum Thema zu erkunden.

Der Call for Papers richtet sich an Vertreter*innen der Geschichtswissenschaft sowie aus Soziologie, Ethnologie, Politikwissenschaft, der Landschaftswissenschaften etc. Sie sollten entweder direkt zur Geschichte von Interventionen gearbeitet oder die Thematik im Zuge anderer Forschungsprojekte behandelt haben. Beitragsvorschläge aus aktuellen Qualifizierungsprojekten sind besonders willkommen.

Vorschläge für Vorträge (20-25 Minuten) werden in Form eines Abstracts von 350-400 Wörtern sowie eines Kurzlebenslaufs bis zum 15. Januar 2019 erbeten. Die Benachrichtigung, ob Ihr Vorschlag ausgewählt wurde, erfolgt Anfang Februar 2019.

Reise- und Übernachtungskosten für aktive Tagungsteilnahme werden übernommen.

Kontakt:

Prof. Dr. Claudia Kraft

Institut für Zeitgeschichte

Campus der Universität Wien

Spitalgasse 2, Hof 1

A-1090 Vienna

claudia.kraft@univie.ac.at

 

Sekretariat:

Mag.aSara Vorwalder

Institut für Zeitgeschichte

Campus der Universität Wien

Spitalgasse 2, Hof 1, Tür 1.13

sara.vorwalder@univie.ac.at

A-1090 Vienna

www.univie.ac.at/zeitgeschichte

Ort Wien