Netzwerkanalyse für eine Wissens- und Objektgeschichte der Schlesischen Moderne

Ästhetische Diskurse, technologischer Wandel, Akteure als Gegenstand der Digitalen Kunstgeschichte

Vase, um 1922, entworfen von A. Pfohl mit Schnitt von W. Benna, hergestellt in der Josephinenhütte Schreiberhau
Vase, um 1922, entworfen von A. Pfohl mit Schnitt von W. Benna, hergestellt in der Josephinenhütte Schreiberhau mit Quellen (Form im Zeichenbuch der Hütte, Kunstgewerbemuseum Berlin und Dekore im Zeichenbuch, Staatsarchiv Jelenia Góra) als Akteure und Aktanten eines Netzwerks

Dr. Ksenia Stanicka-Brzezicka

Das Vorhaben untersucht die Wissenstransferprozesse und Konkurrenzen zwischen Kunst, Handwerk, Kunstgewerbe und Industrie in Schlesien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies soll insbesondere im Lichte der Netzwerkbeziehungen von Individuen, institutionellen Akteuren und Objekten geschehen, die mit Hilfe einer Datenbank mit Visualisierungstools erfasst und in Beziehung gesetzt werden. Dabei werden die lokalen und regionalen Befunde in den Kontext allgemeiner Entwicklungen in Deutschland und den europäischen Industrieländern gestellt.

Das Projekt berührt fachübergreifende Aspekte der Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Schnittpunkt mit der Digitalen Kunstgeschichte und bettet die Befunde aus einer regionalbezogenen Studie in die Geschichte von ähnlichen Reformbewegungen in ganz Europa ein. Die gewählte Fallstudie ist von besonderem Interesse, weil die damals preußische Provinz Schlesien, politisch, wirtschaftlich und künstlerisch als eine Region im Spannungsfeld zwischen „zentralen“ und „peripheren“ Entwicklungen gedeutet werden kann.

Die für die Netzwerkanalyse notwendigen Personen- und Objektdaten sollen in einer strukturierten Arbeitsdatenbank vorgehalten und aufbereitet werden. Die Datenbank soll besondere Formen der Visualisierung der Ergebnisse ermöglichen, die die „klassische“, kunsthistorische Abbildung ergänzen werden und die Analyse, das Verständnis und die Kommunikation optimieren sollen.

In der Feinanalyse wird das Vorhaben der Frage nachgehen, wie die Kunst-, Handwerk- und Fachschulen mit den Werkstätten und Industriebetrieben in Breslau und Bunzlau zusammenwirkten; wie die Werkbundeinflüsse in der Provinzhauptstadt, die Industrialisierung der Porzellan- und Glasherstellung rund um Waldenburg und in der Grafschaft Glatz sowie traditionelle Handwerkszweige wie Spitzen- und Nadelherstellung im Hirschberger Tal, durch bestimmte Handlungen und Haltungen ein Netzwerk von Menschen und Objekten konstituierten.

Gleichzeitig ermöglicht die Wissenstransferprozess- und Netzwerkanalyse Aussagen über die Genese des modernen Konzepts von Gestaltung als „Design“. Deswegen sollen auch einige allgemeine Überlegungen zu einer transdisziplinären Theorie des Designs, die über den empirisch-historischen Befund hinaus Geltungskraft haben, angesprochen werden.

In den Fragestellungen werden disziplinarische Traditionen der Kunstgeschichte, der Industrie- und Technikgeschichte und der Sozialgeschichte zusammengeführt. Dies betrifft die Fragen nach den zugrundeliegenden Kunsttheorien, nach der Rolle der Materialität und Materialgeschichte, des künstlerischen Einzelakteurs sowie der kollektiven Akteure wie Institutionen und Konsumenten, aber auch Fragen nach den Wechselbeziehungen von Planung, Objekt und Eigengesetzlichkeiten von Industriebetrieb und industrieller Maschinerie, welche über die Form und die erfolgreiche Etablierung neuer Gegenstände entschieden.