Zwischen Volk, Imperium und Transnationalität: Zentraleuropäische Wissenschaften und ihre Sprachen im langen 19. Jahrhundert

Dr. Jan Surman

Spätestens seit dem Zusammenbruch der République des Lettres standen die zeitgenössischen WissenschaftlerInnen vor dem Problem, welche und eine wie geformte Sprache für die Kommunikation ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse am besten geeignet wäre. Mit der Wiederkehr dieses Themas in der Kritik der Vorherrschaft des Englischen in den letzten Jahrzehnten, wird auch sichtbar, wie sich philosophische und politische Aspekte hier verzahnen. Terminologische Unifizierung vs. Verständlichkeit für Nichtspezialisten, „global science“ vs. „local knowledge“, begriffsgebundene (und auch -geleitete) Forschungstraditionen, Sprache als Erkenntnis- vs. als Kommunikationsmittel, können als ein paar Problempunkte der Diskussionen aufgeworfen werden.

Das Projekt widmet sich der Frage der Autonomisierung der wissenschaftlichen Kommunikationsräume am Vorabend der Moderne am Beispiel des Polnischen, Tschechischen und Ukrainischen. Es untersucht, inwiefern das Programm der Nationalsprachen in dem verflochtenen Raum Zentraleuropas zu einer Ausbildung kommunikativer Räume geführt hat, in denen die Differenzen zwischen wissenschaftlichen Begrifflichkeiten eine kommunikative Abgrenzung der wissenschaftlichen Gemeinschaften förderten. Das Projekt schließt dabei an die rezenten Diskussionen zu Wissenschaftssprachen an, und erweitert diese nicht nur durch die Fokussierung auf Zentraleuropa und die Naturwissenschaften, sondern auch durch den Rückgriff auf die komparative Begriffsgeschichte und translationswissenschaftliche Ansätze.

Die Auswahl drei osteuropäischer Fälle erlaubt hier einerseits das „managing“ der Sprache (Entfernung der Fremdwörter, Vernakularisierung etc.) zu erforschen, das die Abgrenzung von den „imperialen Sprachen“ (Deutsch und Russisch) zum Ziel hatte. Andererseits wird – anhand kleinerer Beispiele – der Einfluss dieser nationalistisch, aber auch philosophisch motivierten Bewegung auf die Wissenschaft gezeigt. Der gewählte Zeitraum – vom späten 18. bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts (Standardisierung der Wissenschaftssprache in interdisziplinären Kommissionen) –stellt eine Periode dar, in der sowohl die moderne Naturwissenschaft aufblühte, als auch die die modernen slawischen Sprachen prägenden Prozesse stattfanden, die in Sprachen wie Deutsch oder Französisch früher verlaufen waren.

Im ersten Teil der Studie wird daher die Frage gestellt, welche Faktoren die Entwicklung der drei Wissenschaftssprachen bedingten, wie die Veränderungen begründet wurden und welchen Zielen sich einzelne Sprachprogramme verschrieben hatten. Im zweiten Teil wird anhand ausgewählter Fallbeispiele der Einfluss dieser Prozesse auf die wissenschaftliche Produktion dargestellt. Ausgewählte wissenschaftliche Termini, die im Zuge der Vernakularisierungsprozesse durch die Einschreibung in die Vernakulärsprache auf der lexikalen Ebene verändert wurden, werden im Hinblick auf die durch diese Änderung verursachten Bedeutungsverschiebungen untersucht. Ein Beispiel für einen solchen Begriff stellt tlen (Sauerstoff) dar, der im Polnischen anders als in beinahe allen Sprachen nicht durch den Verweis auf Säure, sondern auf Glühen gebildet wurde; dies bewirkte nicht nur andere Assoziationen und bildliche Darstellungsformen, sondern beeinflusste auch die Klassifikationssysteme. Die Einbeziehung der komparativen Ebene – sowohl bei den ausgewählten Sprachen wie auch bei den Begriffen – erlaubt den Blick auf den Einfluss der Sprache auf die wissenschaftliche Produktion und den Wissenschaftstransfer zu schärfen, wie auch die Frage der Autonomie der verflochtenen Kommunikationsräume, in denen die oben genannten Prozesse ungleichzeitig stattfanden, zu stellen.