Zwischen „reiner“ Wissenschaft und ökologischem Alarmismus? Anläufe zur Institutionalisierung internationalen forstwissenschaftlichen Austauschs im Nord- und Ostseeraum während des 19. Jahrhunderts

Dr. Christian Lotz

Das Projekt verfolgt eine dreigegliederte Fragestellung: (1) Welche Themen und Probleme beherrschten den internationalen forstwissenschaftlichen Austausch während des 19. Jahrhunderts in Europa? (2) Für welche Problemlösungen strebten Forstwissenschaftler die Einrichtung internationaler Organisationen an? Welche Vorschläge hatten Erfolg, welche scheiterten, und weshalb? (3) Welche Wechselwirkungen zeigten sich zwischen räumlichen und ökologischen Dimensionen des steigenden Holzverbrauchs im Zuge der Industrialisierung einerseits und den forstwissenschaftlichen Debatten und Anläufen zur internationalen Organisationsbildung andererseits?

Im Wesentlichen beherrschten drei Themen den Austausch auf internationalen forstwissenschaftlichen Kongressen: die forstliche Statistik, das Forstversuchswesen und die Schutzwaldfrage. Angesichts des stark steigenden Holzverbrauchs begann in den 1880er Jahren eine Debatte um eine vermeintliche oder tatsächlich drohende „Holznot“ in Europa. Wissenschaftler erhofften sich von genaueren statistischen Daten eine klare Prognose über die zukünftige Holzversorgung und von Schutzwaldmaßnahmen eine Abwehr der zunehmenden ökologischen Schäden (Bodenerosion, Überschwemmungen usw. in Folge von Kahlschlag). Obwohl zahlreiche Diskutanten internationale Organisationen zur Bearbeitung der Statistik-Frage und der Schutzwald-Frage forderten, gelang eine grenzübergreifende Institutionalisierung abseits der aufgeregten Debatten 1892/93 mit der Gründung des „Internationalen Verbands forstlicher Versuchsanstalten“ (heute „International Union of Forestry Research Organizations, IUFRO).

Diese Entwicklung hatte mehrere Ursachen: Der steigende Holzverbrauch schlug sich räumlich in verschiedener Weise auf Europas Wälder nieder. Der Holzbedarf der sich industrialisierenden Zentren in West- und Mitteleuropa wurde mit billigem nordeuropäischem Holz befriedigt. In Skandinavien und Nordrussland waren daher Kahlschlag und ökologische Folgen mit Händen zu greifen. Demgegenüber war mitteleuropäisches Holz nun für viele Zwecke zu teuer. Der Nutzungsdruck auf die Wälder in den deutschen und französischen Mittelgebirgen ließ also nach. Den deutschen und teilweise auch den französischen Wissenschaftlern, die tonangebend und zahlenmäßig stark im internationalen Austausch vertreten waren, standen daher die ökologischen Auswirkungen des steigenden Verbrauchs weit weniger vor Augen als den skandinavischen Kollegen. Die Deutschen forcierten daher erfolgreich den „rein“ wissenschaftlichen Austausch durch die Vernetzung von Versuchsflächen in der IUFRO, wohingegen das Drängen nach internationaler Koordination ökologischer Maßnahmen ins Hintertreffen geriet.