Zwischen Nation und Europa. Nationalmuseen als Europamedien

Europäisches Solidarnosc Zentrum in Danzig
Europäisches Solidarnosc Zentrum in Danzig

Sarah Czerney M.A.

In Zeiten der EU-Krise, der Diskussionen über den Ausschluss insolventer Länder aus der Wirtschafts- und Währungsunion und fast täglicher Beschwerden von Politikern über das „demokratische Defizit“ der EU sowie mangelnde Solidarität unter den Bewohnern Europas betonen Intellektuelle, Forscher und EU-Beamte mehr denn je die kulturelle Identität und Einheit Europas, die oftmals als Grundlage eines neuen, stärkeren Europas gesehen werden. In Konzepten einer gemeinsamen europäischen Kultur und Identität spielt Geschichtsschreibung eine wichtige Rolle: Historiografie in einem weiten Sinn als mediale Praxis verstanden, die nicht nur die Schriften akademischer Historiker, sondern auch populäre Formate wie Fernsehserien („Histotainment“), Filme, Geschichtsschulbücher, historische Museen und andere Medien einschließt, ist bis heute eng mit der Idee oder Vorstellung der Nation (B. Anderson) verbunden. Geschichte(n) über den nationalen Rahmen hinausgehend zu „schreiben“ ist eine der herausforderndsten Aufgaben nicht nur der Geschichtswissenschaft, sondern auch zeitgenössischer europäischer Geschichtsmuseen, die im Zentrum der Dissertation stehen.

Das Korpus der Dissertation bilden die Dauerausstellungen dreier historisch ausgerichteter Museen in Polen, Deutschland und Frankreich: das Europäische Solidarnosc Zentrum in Danzig, das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée in Marseille. Anhand dieser Beispiele analysiert die Bearbeiterin, wie zeitgenössische Museen transnationale Geschichte „schreiben“. Als Medienkulturwissenschaftlerin konzentriert sich die Bearbeiterin dabei nicht so sehr auf die ausgestellte(n) Geschichte(n), sondern vielmehr auf den Prozess des „Schreibens“ und auf die Medien dieser musealen Geschichtsschreibung, die versucht, neue historische Narrative auf transnationalem Level einzuführen. Welche Medien werden in den Ausstellungen genutzt, um einen Diskurs einer gemeinsamen europäischen Geschichte zu kreieren und zu legitimieren? Was gehört zu dieser Geschichte und was/wer wird ausgeschlossen, vergessen? Neben diesen Fragen geht es in der Dissertation insbesondere darum zu untersuchen, was das Museum von anderen historiografischen Medien unterscheidet, und freizulegen, welche die Spezifika der museal erzählten Geschichte sind.