Zwei Mal Belarus oder Belarus 2.0? Nationale Identitäts- und Geschichtsdiskurse und das World Wide Web

Bearbeiter: Konrad Hierasimowicz M.A.

In den letzten zwei Jahrhunderten verbreitete sich das Modell der Nation und des Nationalstaates beginnend in Europa und Nordamerika nahezu weltweit. Nicht nur staatliche Strukturen konsolidierten anhand des komplexen Ideenkonstrukts der Moderne ihre Nationen. Einige von ihnen entstanden ausschließlich im Zuge der Bemühungen regionaler Eliten. War der nationale Geschichtsmythos gefestigt, diente er ihrer Legitimation und musste von nun an lediglich in Krisenzeiten aktualisiert werden. Im Zuge Jahrzehnte andauernder institutionell betriebener Verankerung dieser Weltanschauung, gerieten ihr Kontingenzgrad und historische  Entstehungsbedingungen in Vergessenheit und schon bald teilten die meisten Menschen die Auffassung, sie seien Subjekte einer seit Menschengedenken bestehenden nationalen Großgemeinschaft. Die Nationsidee wurde auf diese Weise zu einem objektiv fassbaren Wahrnehmungs- und Deutungsmuster – der nationalen Identität.

Belarus wird diesbezüglich oft als ein Gegenbeispiel angefügt. Die Konstruktionsversuche der belarussischen Nation begannen im ostmittel- und osteuropäischen Kontext relativ spät. Dennoch entwickelten ihre Akteure ein nicht minder schlüssiges System nationaler Mythen als die Vertreter der erfolgreich verlaufenen Nationalbewegungen. Die Eigenart der belarussischen Nationalbewegung bestand hauptsächlich darin, dass die Mehrheit ihrer Adressaten im kritischen Zeitpunkt aus kulturell-zivilisatorischen Aspekten nicht bereit war, Interesse an der nationalen Idee zu entwickeln. In den Wirrungen des 20. Jahrhunderts wechselten auf den belarussischen Gebieten mehrmals die politischen Systeme und mehrere Geschichtsdeutungen kamen zum Zuge, ohne sich gesellschaftsübergreifend zu etablieren. Heute verinnerlicht der Großteil der belarussischen Bevölkerung die offizielle, von sorgfältig ausgewählten Historikern entworfene Version der belarussischen Geschichte und Identität, einer Synthese aus Westrussismus und (post-)sowjetischer Geschichtsdeutung mit vorsichtig portioniertem Blick in den Westen. Ein Teil der Gesellschaft und der Großteil der Diaspora vertreten dagegen die Ansicht, Belarus sei ein Nachfolgestaat des Großfürstentums Litauen mit all seinen als „demokratisch“ und „europäisch“ retrospektiv gedeuteten Charakteristika und betrachten die offizielle Geschichte als Ergebnis der kulturellen Russifizierung. Doch es gibt auch zunehmend diskursiven Raum zwischen den beiden idealtypischen Positionen. Besonders in den Neuen Medien wird er sichtbar. Mit der raschen Verbreitung des Internets, vor allem aber des interaktiv und kollaborativ organisierten Web 2.0, verfügen die Akteure des Geschichts- und Identitätsdiskurses über andere Möglichkeiten als ihre Vorgänger. Das Dissertationsprojekt untersucht, inwiefern der nationale Geschichts- und Identitätsdiskurs in einem enträumlichten, entpersonalisierten und visuell aufgeladenen Medium seinen erprobten Praktiken folgt und welche neuen Produktions- und Rezeptionslogiken entstehen.