Der kranke Rand des Reiches: Sozialhygiene, Moral und Nation in der Provinz Posen um die Jahrhundertwende

Bearbeiterin: Justyna Aniceta Turkowska M.A.

„Die Hygieniker werden nicht modern, (...) Sie machen sich modern, indem sie alle Anderen verdrängen. Um dies zu realisieren, wird jedes Argument (...) ergriffen, verstärkt, verallgemeinert, popularisiert, geglaubt, denn sie sehen sich als dafür verantwortlich an, das Unternehmen der Sanierung und Regeneration Europas zu lenken“, so Bruno Latour über die Strategien der ihre eigene Profilierung und ihre Unbestreitbarkeit langsam verlierenden Hygienikern um die Jahrhundertwende bzw. im Zeitalter der sich etablierenden Bakteriologie. Dieselbe Aussage könnte man, um hier die Makroperspektive des Zitats zu verlassen und es in den regionalen Kontext einer transkulturellen multi-ethnischen und multi-konfessionellen preußischen, deutsch-polnisch geprägten Provinz Posen zu übersetzen, über die Posener Hygieniker - meist praktische Ärzte und selbsternannte Hygieniker - treffen, denn auch hier wurde die zentrale Bedeutung der Hygienevermittlung nicht an ihrem inhaltlichen Wert, sondern an der interpretativen Auslegung der vermittelten Aussagen und der medialen, im nationalen Ton arrangierten Inszenierung gemessen, die oft situativ war und sich ihre Argumente je nach Zweck und Vermittlungskontext aussuchte.

Die Fragen der Vermittlung und Popularisierung von sozialhygienischen Konzepten in der preußischen Provinz Posen stehen demnach im Zentrum des hier vorzustellenden Dissertationsprojekts und werden für die Zeitspanne ab den 1880er Jahren, die eine Intensivierung der öffentlich ausgetragenen Hygienediskurse in der Region markieren, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erforscht. Entlang der Problematisierung von Geschlechtskrankheiten, Tuberkulose, Alkoholismus und Säuglingssterblichkeit wird untersucht, wie diese als ,Hygienisierung‘ des transnationalen Raumes gedachten sozialhygienischen Konzepte in dieser transkulturellen deutsch-polnisch-jüdischen Region (re-)formuliert, gesellschaftlich ausgehandelt, soziokulturell und national kodiert, gedeutet und öffentlich geltend gemacht werden sollten/wurden; wie eine im Prozess der Popularisierung der sozialhygienischen Themen proklamierte und nach hygienisch ausgewiesenen Postulaten zu realisierende gesellschaftliche (Um-)Gestaltung/Normierung geltend gemacht werden sollte.

Das Forschungsinteresse widmet sich der Frage, wie das normierende und disziplinierende Potenzial der Sozialhygiene in einem durch nationale Konkurrenz und Divergenzen geprägten Raum biopolitisch und gesellschaftlich stratifizierend gedacht und eingesetzt wurde und, in der Konsequenz, welche hygienisch-kulturellen gesellschaftlichen Zuschreibungen sowie Denk- und Deutungsmuster verfestigt wurden.

Das Projekt ist an der Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Medizingeschichte zu verorten und beleuchtet darüber hinaus die bisher für den ostmitteleuropäischen, insbesondere für den polnischen Kontext, kaum erforschten medizinischen Vergesellschaftungsprozesse.