Versicherheitlichung vor Ort zwischen Diskurs und Praxis. Rechte von Minderheiten und Mehrheiten: Stanisławów, Pińsk und Užhorod, 1919-1938

Bearbeiter: Felix Heinert M.A.

Das Teilvorhaben untersucht Versicherheitlichungsdiskurse im Hinblick auf ihre praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort. Grundlage dieser Regionalstudie sind Mittelstädte in östlichen Grenzgebieten der Zweiten Polnischen Republik und der Karpatoukraine, die über ihre administrative Rolle (unterschiedliche) zentralörtliche Funktionen übernahmen und daher auch Orte von (sub)regionaler Rechtsprechung, Politikgestaltung bzw. Verwaltung waren. Diese Städte bildeten im Untersuchungszeitraum Teile der östlichen Peripherien Polens und der Tschechoslowakei.
Generell hat das Teilprojekt zum Ziel, die Verschränkung zwischen Diskursen über den Rechtsstatus von „Minderheiten“ sowie Praktiken der Versicherheitlichung und Entsicherheitlichung zu analysieren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird im Teilprojekt als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf den unterschiedlichen Ebenen (national, regional, lokal) auch spezifische Akteursgruppen umfasst. Vor diesem Hintergrund untersucht das Teilprojekt die mit lokalen Gruppenkonstellationen verbundenen Sicherheits- und Bedrohungsvorstellungen und die damit korrespondierenden Verrechtlichungsdiskurse und -praktiken. Analysiert wird außerdem, in welchen Konstellationen im lokalen Kontext tradierte Praktiken des Interessenausgleichs beibehalten wurden und unter welchen Bedingungen externe Rechtskonzepte in welcher Weise rezipiert wurden. Insofern interessiert sich das Projekt insbesondere für lokale Akteure sowie lokale RepräsentantInnen des Staates. Hier und nicht auf der „abstrakten“ zentralstaatlichen Ebene, so lautet die Arbeitshypothese, wurde über Erfolg und Misserfolg staatlicher Versicherheitlichungspraktiken und Zivilisierungsmissionen entschieden.

Speziell in Polen – und hier wiederum in Ostgalizien bzw. gegenüber Juden in den 1930er Jahren – trat der gesetzgebende Staat Minderheiten gegenüber mitunter auch repressiv auf, teils auch unter dem Einsatz von erheblicher Gewalt. Dieses Szenario, das man aus der bisherigen Forschungs- sowie Erinnerungsliteratur kennt, soll an Hand von bottom-up Prozessen überprüft und ggf. neu bewertet werden. Auf der lokalen Ebene jenseits der großen Konflikt- und Diskursarenen sind hier, so eine Arbeitshypothese, differenziertere Befunde sowie Aushandlungsgrammatiken zu erwarten.

Anhand der Fallstudien soll neben anderen Beispielen insbesondere der Lebensmittelmarkt als einen (physischen und diskursiven) Ort intensiver Interaktion und Kommunikation in den Blick genommen werden, um entsprechende Aushandlungen, Konflikte, Verrechtlichungs- und Versicherheitlichungsdiskurse und -praktiken zu fokussieren, wobei etwa Fragen von Steuereintreibung, Hygiene, konfessioneller und sonstiger Differenz (Sonntagsruhe, Regelungen für Juden, Schächten/Schlachten etc.) und Gewalt mitverhandelt werden sollen.